Salman Rushdie beginnt mit einem Scherz. Als der minutenlange Applaus, mit dem der Schriftsteller im Deutschen Theater in Berlin begrüßt wird, verklungen ist, bedankt er sich und fügt hinzu, er könne zwar nichts sehen, aber er nehme an, da sei Publikum. Und der Ton für den Abend ist gesetzt: Die strengen Sicherheitsvorkehrungen – Pass- und Taschenkontrolle, Männer mit verkabelten Ohren an jeder Türe – lächelt und witzelt Rushdie in den nächsten eineinhalb Stunden einfach weg.

Rushdie ist gekommen, um zu tun, was ein Schriftsteller eben so tut: ein Buch vorstellen. Indes, es ist kein gewöhnliches Buch: Knife – Gedanken nach einem Mordversuch ist Salman Rushdies Auseinandersetzung mit jenem fürchterlichen Ereignis, das sein Leben vor zwei Jahren beinahe beendet hätte: „Am 12. August 2022, einem sonnigen Freitagmorgen um Viertel vor elf, wurde ich von einem jungen Mann mit einem Messer angegriffen und beinahe getötet, nachdem ich gerade die Bühne des Amphitheaters in Chautauqua betreten hatte, um darüber zu reden, wie wichtig es ist, sich für die Sicherheit von Schriftstellerinnen und Schriftstellern einzusetzen.“ Selbst in diesen wuchtigen Anfang des Buches hat Rushdie eine Spur Ironie gemogelt.

Seine Ärzte nennt er Dr. Auge, Dr. Leber, Dr. Schmerz

Mit Knife, aus dem bei der Buchpremiere Ulrich Matthes vorliest, schlägt Rushdie zurück. „Wenn du in einem Messerkampf bist, solltest du ein Messer haben“, sagt er, und dieses Buch sei eben seines. Knife dokumentiert nicht nur das Attentat auf Rushdie, sondern vor allem seinen Weg zurück ins Leben. Nicht nur beschreibt er ohne Scham diesen peinvollen Weg, wie sein Körper buchstäblich zusammengeflickt wurde, die vielen Monate in Krankenhäusern, umgeben von so zahlreichen Ärzten, dass sie im Buch nur nach Zuständigkeiten benannt werden – Dr. Auge, Dr. Leber, Dr. Schmerz. Er zeigt auch, wie mühsam er und seine Familie sich psychisch behaupten mussten – und stellt sich den mutmaßlichen Motiven seines Attentäters. „Ich dachte, wenn ich das durchgemacht habe, könnt ihr das auch“, sagt er. All das mit einer solchen Souveränität und ohne jede Larmoyanz, dafür mit so fein dosiertem Humor, dass man es kaum glauben kann.

Es ist der Bewältigungsversuch eines Mannes, der schon vor dem Tod stand. „Ich erinnere mich, dass ich auf dem Boden lag und sah, wie sich mein Blut in einer Lache um mich herum ausbreitete. Das ist eine Menge Blut, dachte ich. Und dann: Ich sterbe“, erinnert er sich im Buch, und als Matthes diese Zeilen liest, ist es im Saal mucksmäuschenstill.

In nur 27 Sekunden – genug Zeit, sein Lieblingssonett von Shakespeare aufzusagen, wie Rushdie sagt – hat der Angreifer ihm 15 Wunden zugefügt. Die linke Hand hat er durchstoßen, das rechte Auge zerstört, Brust, Kopf und Hals schwer verletzt. Doch weder die Halsschlagader noch das Herz erwischt. „Er hat wohl schlecht gezielt“, kommentiert Rushdie. Als „Atheist, Sohn eines Atheisten und Vater zweier Atheisten“ glaube er nicht an Wunder und dennoch scheint sein Überleben eines zu sein, zumindest ein medizinisches. Und wenn schon, er habe so viele Bücher geschrieben, in denen Menschen allerhand merkwürdige Dinge tun – Schweben, Hörner bekommen, 247 Jahre alt werden – da werde er diesen Widerspruch auch noch aushalten können.

Es ist berührend und beeindruckend, diesen immerhin 76 Jahre alten Mann, der den Eindruck einer gewissen Gebrechlichkeit nicht ganz vermeiden kann, so gut gelaunt, zu Scherzen aufgelegt und munter zu erleben – vor Publikum, sich also jener Situation aussetzend, die ihn fast das Leben gekostet hätte. Er lächelt verschmitzt, als Matthes die Stelle vorliest, wo der blutende Autor den Verlust seines Ralph-Lauren-Anzugs bedauert, und betont danach triumphierend, er trage heute einen neuen Ralph-Lauren-Anzug. Den Fragen des Moderatorenduos, Marie Kaiser und Thomas Böhm vom RBB, begegnet er mit schelmischem Charme. Warum er als Atheist so viele Engel in seine Bücher stecke? „Wissen Sie, das ist, was wir eine Metapher nennen.“

Eine zentrale Rolle bei Rushdies Genesung hat die Begleitung seiner Frau Rachel Eliza Griffiths gespielt. Die Beziehung, die die beiden vorher eher vor den Augen der Öffentlichkeit verbargen, schildert Rushdie im Buch mit großer Dankbarkeit, Zuneigung und Zärtlichkeit. Griffiths, 30 Jahre jünger als Rushdie und selbst eine in den USA bekannte Autorin und Künstlerin, hat monatelang ihr eigenes Leben zurückgestellt und Salman behutsam zurück ins Leben begleitet – etwa, indem sie dem Schwerverletzten untersagte, in den Spiegel zu blicken. Erst Monate später sah Rushdie Aufnahmen seines verquollenen, von Klammern zusammengehaltenen Gesichts.

Der Attentäter als Arschloch

Rushdies Rache an dem damals 24-Jährigen, der ihn töten wollte und damit auch sein eigenes Leben wegwarf, ist, ihn sich anzueignen. Der Attentäter war 1989, als Khomeini das Todesurteil über Rushdie und alle, die an der Veröffentlichung von Die Satanischen Verse beteiligt waren, aussprach, noch gar nicht geboren. Nach seiner Festnahme gab er zu Protokoll, er habe nur wenige Seiten des Autors gelesen, aber Videos auf Youtube gesehen. „Würde ich einen so untermotivierten Charakter schreiben, würden meine Verleger sagen, das ist nicht gut“, scherzt Rushdie. In Rushdies Lachen an diesem Abend steckt der Triumph des Überlebenden: Das ist meine Geschichte, nicht deine. Du bist nur ein Witz, hast nicht einmal einen Namen, ja, ich kürze dich als „A.“ ab, Arschloch.

Jede Seite von Knife ist lesenswert, aber die fiktiven Gespräche mit dem Attentäter bezeugen besonders die außerordentliche literarische Begabung Rushdies. Selbst diesen Täter scheint Rushdie – als Figur – noch ernst nehmen, verstehen zu wollen. Als habe es noch eines weiteren Beweises bedurft, zeigt Rushdie in Knife, dass er einer der besten lebenden (ja, lebend!) Schriftsteller ist. Gebt diesem Mann endlich den Nobelpreis!



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Von Veritatis

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