Gewaltausbruch Bis zum Oktober 2023 wurden bei Razzien Blendgranaten, Gummigeschosse oder Tränengas verschossen. Seither ist nur noch scharfe Munition im Einsatz. Die palästinensischen Autoritäten nehmen das hin


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Ausgabe 21/2024

Khaled Arouq warf Steine auf israerlische Panzer und wurde erschossen

Khaled Arouq warf Steine auf israerlische Panzer und wurde erschossen

Foto: Raneen Sawafta / picture alliance / Reuters

Khaled Arouq trug einen Pyjama, als er vor Tagesanbruch bei einem israelischen Militäreinsatz im Zentrum von Ramallah von einem Scharfschützen getötet wurde. Der 16-Jährige, der sich einer Gruppe angeschlossen hatte, die Steine auf gepanzerte Fahrzeuge warf, kam noch ins Krankenhaus. Dort wurde er für tot erklärt. „Meinen Sohn haben sie kaltblütig umgebracht“, sagt der Vater, Sulaiman Arouq, mit schwerer Stimme. „Sie haben ihn direkt neben unserem Haus erschossen.“ Den Platz, an dem Khaled Arouq tödliche Schüsse trafen, kreuzt eine Straße, über die man eines der teuersten Viertel von Ramallah erreicht. Glänzende Autos mit Allradantrieb stehen in Einfahrten unter beschnittenen Kiefern und vor eleganten Geb

bäuden, in denen Menschen wohnen, die den kommerziellen und politischen Mächten des Westjordanlandes nahestehen.Ein großes gelbes Banner über der Tür zu Khaled Arouqs Haus zeigt das ruhige Gesicht des Teenagers neben zwei Porträts – denen von Mahmud Abbas, des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), und von Yassir Arafat, des 2004 verstorbenen langjährigen Führers der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Khaleds Vater, Sulaiman Arouq, ist Oberst in der Geheimdienstabteilung der Autonomiebehörde und damit Teil paramilitärischer Strukturen, die eine verknöcherte Körperschaft bewachen. Arouq wirkt resigniert, wenn er sagt: „Diese Kräfte verteidigen niemanden, sie verstecken sich, wenn die Israelis kommen. Natürlich braucht die Behörde Schutz, aber wir sollten alle beschützen.“Israelische Angriffe im Westjordanland nehmen zuFrüher kam es nur selten zu israelischen Angriffen auf Gebiete im Westjordanland, die nominell unter Kontrolle der Autonomiebehörde stehen. Und wenn, dann richteten sie sich gegen Flüchtlingslager oder Orte am Rand urbaner Zentren. Das änderte sich nach dem Angriff vom 7. Oktober 2023, als Hamas-Kämpfer Städte und Kibbuzim in Israel überrannten. In Ramallah, der palästinensischen De-facto-Hauptstadt in der Westbank, sagen die Einwohner, dass seither gewalttätige Razzien an der Tagesordnung seien. Der Anblick israelischer Panzerfahrzeuge, die durch die Straßen und an den Glasfronten von Cafés vorbeirollen, gebe ihnen das Gefühl, verletzlicher zu sein als je zuvor.Kritiker von Mahmud Abbas sind daher im Zentrum von Ramallah leicht zu finden. Seine Sicherheitskräfte sind dafür bekannt, eher Demonstranten mit Schlagstöcken zu attackieren oder Journalisten festzunehmen, als die Bevölkerung vor israelischen Angriffen zu schützen. Dem Sicherheitskorps der Autonomiebehörde, nach den Oslo-Verträgen 1994 gegründet, ist es allerdings vorrangig aufgetragen, die Palästinenser zu überwachen. Der israelischen Armee direkt entgegentreten dürfen sie nicht. Dennoch vermittelt die anschwellende Gewalt israelischer Militärs und Siedler das Gefühl: Die Existenz der Autonomiebehörde hat wenig Sinn, wenn sie nicht einmal in ihrem Machtzentrum dazu fähig ist, Palästinenser zu schützen. Schließlich führen die israelischen Übergriffe längst auch zu tödlicher Gewalt gegen Kinder. Laut „Save the Children“ sind seit Oktober mindestens 116 Minderjährige im Westjordanland getötet worden, entweder von Soldaten oder von Siedlern.Ein Sprecher der israelischen Grenzpolizei erklärte, Khaled Arouq sei erschossen worden, weil er zu einer Gruppe zählte, die bei einer Razzia in Ramallah „Steine und noch mehr Steine auf die anwesenden Kräfte“ geworfen habe. Man reagierte, „um die Bedrohung zu neutralisieren“. Fadi Jabari, Nachbar der Familie Arouq, erzählt, als er erfahren habe, dass israelisches Militär in der Nähe vorrücke, habe er sich sofort vom Balkon oder den Fenstern seines Hauses ferngehalten. „Ich arbeite als Polizist für die PA – aber was können wir schon tun? Ob die Israelis etwas gegen dich haben oder nicht, Tatsache ist, sie können dich hinrichten. Es ist Rache.“Einfluss von Mahmud Abbas und der Autonomiebehörde schwindetBis zum Oktober seien Razzien so abgelaufen, „dass sie kamen und Blendgranaten, Gummigeschosse oder Tränengas verschossen“. Doch sei nicht mit solcher Brutalität vorgegangen worden wie jetzt. „Es ist nur noch scharfe Munition im Einsatz. Sie schießen, um zu töten“, so Fadi Jabari. Überall im Westjordanland, wo sie formal das Sagen hat, muss die Autonomiebehörde dies hinnehmen, und sie nimmt es hin, sodass ihre ohnehin schwache Autorität nochmals untergraben wird. Der 88-jährige Mahmud Abbas – seit zwei Jahrzehnten an der Macht und nicht willens oder fähig, immer wieder versprochene Wahlen abzuhalten – wird als zu respektvoll und devot gegenüber der israelischen Regierung empfunden. Er nehme hin, dass seine Behörde sogar daran gehindert werde, die ihr zustehenden Steuereinnahmen zu erhalten.Hanan Ashrawi, palästinensische Politikerin und langjähriges Mitglied der Palästinensischen Befreiungsorganisation, glaubt, Mahmud Abbas gebe die Macht nicht auf, weil er sich der westlichen Unterstützung seiner unpopulären Herrschaft sicher sei. „Im Augenblick muss ein schreckliches Blutvergießen bewältigt werden. Es zeigt sich, dass unsere Führung dagegen nichts unternimmt, nur ohnmächtig ist. Man folgt der Maxime, der einzige Weg, an der Macht zu bleiben und zu überleben, besteht darin, nett zu sein.“ Die Leute um Abbas sollten wissen, dass die Menschen das Gefühl haben, die Autonomiebehörde verliere an Legitimität, wenn Entscheidungen getroffen werden, weil sie den Amerikaner gefallen.Ashrawi trat vor vier Jahren aus dem PLO-Exekutivkomitee zurück. Sie wollte Platz schaffen für jüngere Führungskräfte. An der wirkungslosen Politik der Autonomiebehörde änderte das nichts. Dies hat den Unmut junger Palästinenser aus der Generation von Khaled Arouq geschürt und einige veranlasst, sich zu wehren. „Es läuft vieles falsch. Unsere Verantwortung besteht darin, es nicht dabei zu belassen. Wir werden sie reformieren“, sagt Ashrawi und meint die palästinensische Führung. „Man muss die Palästinenser nicht vor Mahmud Abbas retten, sondern vor der israelischen Regierung, den Schlägern und terroristischen Siedlern in der Westbank.“



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Von Veritatis

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