Literatur Jenny Erpenbeck wird bei den großen deutschen Literaturpreisen übergangen. Jetzt könnte sie den Booker Prize gewinnen – zu Recht


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Ausgabe 20/2024

Jenny Erpenbeck richtet ihren Blick auf jene, die nach einer Utopie suchen

Jenny Erpenbeck richtet ihren Blick auf jene, die nach einer Utopie suchen

Foto: Jens Kalaene/picture alliance/dpa

Der Literaturnobelpreis? Das ist Humbug!“, sagt sie und fügt an: „Ehrenvoller Humbug.“ Für solche Träume ist Jenny Erpenbeck vermutlich zu geerdet. Und dennoch hört man es von verschiedenen Seiten immer öfter. Der Literaturkritiker Volker Weidermann hielt es vor drei Jahren bei seiner Rezension ihres Romans Kairos in der Zeit für möglich. Eigentlich, erfahre ich am Telefon von ihr, ist diese Nachricht älter, stammt von James Wood, der das vor sechs Jahren im US-amerikanischen Magazin The New Yorker zum ersten Mal aufbrachte. Der New Yorker ist bekanntlich eine der renommiertesten Kultur- und Literaturzeitschriften weltweit, und James Wood gilt als einer der bedeutendsten Literaturkritiker der Welt. Wenn es von James Wood im New York

elt. Wenn es von James Wood im New Yorker gesagt worden ist, dann muss es stimmen.Oho, die Verfasserin von Literatur zum „deutschen Thema“ schlechthin – denn Kairos ist ein Wenderoman – hat Nobelpreisaussichten?! Warum gleich das übernächste Ziel ansteuern? Im Augenblick geht es um den International Booker Prize, für dessen Shortlist Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman Kairos nominiert ist.Die Ost-West-Geschichte von dem Schriftsteller Hans und der 34 Jahre jüngeren Katharina, die über die Jahre vom Ende der DDR und der deutschen Einheit reicht, hat die Juroren für den wichtigsten britischen Literaturpreis begeistert. Das war in Deutschland anders. Ich schrieb 2021, als der Roman erschienen ist, in meiner Rezension für den Freitag: „Dass im Anfang bereits das Ende lag, erzählt die Autorin ohne eine Spur von Triumph, sondern mit der Anteilnahme einer Schriftstellerin, die den Schmerz mit ihren Figuren teilt (…). Kairos ist ein überzeugender Roman, der leider die Jury des Deutschen Buchpreises nicht überzeugt hat. Warum auch – es ist vermutlich nicht das Thema der Juroren und Jurorinnen. Denn niemand aus der Jury besitzt im 31. Jahr der deutschen Einheit eine Ost-Biografie. Warum auch.“ Anderen Kritikerinnen und Kritikern stieß dieses „Vergessen“ von Kairos auch auf.Jetzt kommt das alles wieder hoch: die Begeisterung der Leser über den Roman und das Auslassen für die deutschen Buchpreise in Frankfurt und Leipzig. „Klar“, sagt sie heute, „ich kann mich über gute Presse nicht beschweren“. Aber viele der westdeutschen Rezensentinnen und Rezensenten mussten die Kröte erst einmal schlucken. Der Roman beginnt im Sommer 1986 unter einer Ostberliner S-Bahn-Brücke und endet sechs Jahre später, als die DDR der Bundesrepublik beigetreten ist. Gegenüber dem Verlauf der Wiedervereinigung „von oben“ bleibt er nüchtern bis distanziert. In Kairos war nachzulesen, wie der Rundfunk der DDR von den neuen Chefs aus dem Westen abgewickelt wurde. Hans, die männliche Hauptfigur, hatte eine Beschäftigung als freier Autor beim Radio. Einmal im Jahr lieferte er ein größeres Feature. 1991 gehörte er zu jenen, die im großen Sendesaal des DDR-Rundfunks zum Telefonhörer greifen mussten. Auf der anderen Seite teilte ihnen eine anonyme Stimme mit, ob sie weiterbeschäftigt würden oder nicht. Hans war einer von 13.000, heißt es im Roman. Die neuen Chefs wollten den Entlassenen nicht in die Augen sehen und Fragen nach der Begründung beantworten müssen. „Warum ich?“ sollte nicht verhandelt werden. An anderer Stelle des Romans wird gefragt, ob „der Aufbruch, der kurz zuvor noch im Widerspruch zur bestehenden Ordnung des Ostens gestanden hat, nun bald in Widerspruch zur Ordnung des Westens stehen (werde), die da kommen wird“. Das klingt bedrohlich in den Ohren manches Westdeutschen, oder lästig, immer diese Ostdeutschen.Im Roman muss gar nicht ausgesprochen werden, was Dirk Oschmann später polemisch in seinem hitzig diskutierten Essay formulierte: dass der Westen die Norm wurde und der Osten zu einer „westdeutschen Erfindung“ mutierte (der Freitag 14/2023). Angesichts von Jenny Erpenbecks Verweigerung der Euphorie fühlte ein Kritiker von Kairos sich berechtigt zu fragen, wie das bei ihr angehe, da doch bei der letzten, aber ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 48,1 Prozent die Allianz für Deutschland gewählt hätten.Überlegungen dieser Art stellten die Juroren für den Booker Prize vermutlich nicht an. Natürlich ist die Frage erlaubt, ob der Roman zuerst eine Amour fou zwischen einem Paar mit 34 Jahren Altersunterschied erzählt oder die Geschichte vom Untergang der DDR. So simpel, dass er nur eine Antwort zuließe, ist der Roman nicht gestrickt. Jenny Erpenbeck baut ihre Figuren nicht als Gefäß, „in das die Zeit füllt, was ihr gerade einfällt“, und ist andererseits nicht an Seelenstriptease interessiert. Immer fällt ihr Blick auf jene, die in den Ruinen des 20. Jahrhunderts nach einer Utopie suchten. Wie ihre Eltern, die in der DDR keine Dissidenten waren, sondern zur intellektuellen Elite gehörten. Der Vater, der Physiker und Autor John Erpenbeck, Erpenbecks Mutter, die angesehene Arabistin Doris Kilias. Oder wie die Großeltern, die Schriftstellerin Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck, die sich dazu bekannten, Kommunisten zu sein, sie hatten die Nazizeit im Moskauer Exil überlebt.Der mächtigste Agent der WeltDie Enkelin stößt auf Tote, schreibt aber – und meint auch sich selbst –, dass sie „mit einer Nabelschnur mit den Lebenden verbunden sind“. Ging sie im Roman Heimsuchung (2008) dem Schicksal eines Hauses durch das vergangene Jahrhundert nach, waren es in Aller Tage Abend (2012) fünf Leben, die ein früh verstorbenes Kind im 20. Jahrhundert hätte leben können. Immer liegt in ihren Figuren ein Familienerbe, eine von der Natur gegebene Konstitution, die Geschichte des Jahrhunderts und der in jedem Leben mitspielende Zufall.Bei dieser Verschmelzung zu einem Ganzen, Mensch wie literarische Figur, schließt sich die politische Verortung des Konflikts als vorspringendes Bewertungskriterium aus. In den Romanen von Jenny Erpenbeck geht es um ein geschichtsphilosophisches Verständnis der Zeit. Die Gefühle, die selbstverständlich auch im Spiel sind, sind in ihrer Literatur nicht nachgeahmt, sondern erscheinen wie unters Mikroskop gelegt. Das hat dem US-Kritiker James Wood gefallen und ihn überzeugt. So hat er es im New Yorker vor sechs Jahren geschrieben.Eines Tages lag dann eine Mail in Erpenbecks Postfach. Verfasst von Sarah Chalfant von der Londoner Literaturagentur Wylie, und man muss wissen: Das ist nicht irgendeine Agentur, Andrew Wylie gilt als mächtigster Literaturagent der Welt. Salman Rushdie ist bei ihm unter Vertrag oder Karl Ove Knausgård. Wylie kontaktiert man nicht, Wylie kontaktiert einen. Diese Agentur nahm also Jenny Erpenbeck für den englischsprachigen Raum unter Vertrag.Viele Kritiker in Deutschland glauben, bei Romanen, die einen Stoff aus der Wendezeit benutzen, zuerst ihre persönliche Sicht auf die Ost-West-Beziehung bekennen zu müssen. Schon bei der Benennung als Wende, friedliche Revolution, Wiedervereinigung oder deutsche Einheit setzen sie an. Oder es geht um die „Credibility“. Darum, ob nach der Wende geborene Autorinnen wie Charlotte Gneuß oder Anne Rabe überhaupt befugt sind, über die DDR zu schreiben.In England und den USA lieben Kritiker und Leser dieses deutsche Thema, aber sie lieben es als Literatur. Deshalb haben die Juroren auch schon Clemens Meyers Romane Als wir träumten und Im Stein, genau wie jetzt Jenny Erpenbecks Kairos, in der Sparte „International“ für den Booker Prize nominiert. „Sie lesen Bücher“, sagt Erpenbeck, „mit mehr Freude und mehr Vergnügen“. Sie hat überdies festgestellt, dass Kritiker in den Zeitungen „viel mehr Platz haben, dass sie nicht bei der Wiedergabe des Inhalts stehen bleiben“, sondern „in Ausführlichkeit“ zur Bewertung der literarischen Mittel kommen können. Auf solche Art entdeckte Qualitäten brachten schon vor Kairos ihren Roman Gehen, ging, gegangen auf die Nominiertenliste.Am 21. Mai wird der diesjährige Preis in London vergeben. 50.000 Pfund erhält der Sieger. Die würden dann zu gleichen Teilen an die Autorin und ihren Übersetzer Michael Hoffmann gehen. Schon 2015 erhielt sie in London zusammen mit ihrer damaligen Übersetzerin Susan Bernofsky den Independent-Preis für ausländische Belletristik. Ausgezeichnet wurde ihr Roman The End of Days, der in Deutschland Aller Tage Abend heißt. Warum soll sich das mit dem Booker Prize nicht wiederholen? Und dann irgendwann mit dem Nobelpreis? Jenny Erpenbeck nennt das Humbug, ehrenvollen Humbug. Aber sie entscheidet es nicht.



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Von Veritatis

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