Für einen Stimmungsaufheller vor dem Achtelfinal-Showdown gegen die Schweiz griff Luciano Spalletti zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Italiens Nationalcoach öffnete das Training in Iserlohn kurzerhand für die Fans – und zeigte sich gut gelaunt. Einen kleinen Jungen, der sich an den Sicherheitsleuten vorbei auf den Platz geschlichen hatte, nahm er lächelnd in die Arme.

Der Wutausbruch des Trainers nach dem 1:1 gegen Kroatien und das Zittern ums Weiterkommen sind abgehakt. „Wir haben ein Ziel vor Augen“, sagte Spalletti vor der Partie am Samstag (18.00 Uhr/RTL/Magenta TV) in Berlin.

Das Ziel heißt Titelverteidigung und EM-Finale in Berlin – an jenem Sehnsuchtsort, wo die Azzurri 2006 Weltmeister wurden. Teammanager Gianluigi Buffon, der damals im Tor der Azzuri stand, habe dem Team viel davon erzählt, sagte Spalletti. „Er hat die Erinnerungen in uns wachgerufen“, sagte der 65-Jährige. Jetzt müsse man ihnen gerecht werden, was eine große Verantwortung sei.

Für die erste Partie der K.-o.-Runde kehrt die Mannschaft nun schon etwas früher ins Olympiastadion zurück und trifft auf viele Bekannte. Sechs Spieler aus dem Kader des Schweizer Trainers Murat Yakin spielen in der Serie A.

61 Mal trafen die Teams bereits aufeinander, auch bei der EM 2021, als Italien in Rom mit 3:0 gewann. Eine Rechnung offen haben die Azzurri zudem, weil zwei Remis gegen die Schweiz sie die WM-Teilnahme 2022 kosteten. Mittelfeldspieler Jorginho, der auch bei diesem Turnier Stammspieler ist, verschoss dabei zwei Elfmeter. Was die Sportzeitung „Corriere dello Sport“ schon als Anlass für sorgenvolle Spekulationen über ein mögliches Elfmeterschießen nahm.

Bei der Schweiz „funktioniert vieles“

„Italien ist der Favorit. Die Vorfreude ist schon extrem groß“, sagte der Schweizer Michel Aebischer, der beim FC Bologna spielt. Fehlen wird Italien allerdings der nach Ansicht von TV-Experte Christoph Kramer bislang beste Spieler des Turniers: Aebischers Teamkollege aus Bologna, Verteidiger Riccardo Calafiori, ist nach seiner zweiten Gelben Karte gesperrt. „Es tut mir leid für ihn, er ist ein sehr starker Spieler. Deshalb ist es für uns gut, dass er nicht spielen kann“, sagte Aebischer.

Ob die Favoritenrolle tatsächlich so klar verteilt ist, wie der 27-Jährige es darstellt, ist fraglich. Seit der WM 2014 haben die Eidgenossen bei jedem großen Turnier die K.-o.-Phase erreicht. Bei der vergangenen EM schockten sie im Achtelfinale den damals amtierenden Weltmeister Frankreich und zogen erstmals ins Viertelfinale ein.

In der Gruppenphase bei dieser EM überzeugten die Schweizer vor allem beim 1:1 gegen Deutschland. „Bis jetzt funktioniert bei uns vieles“, sagte Yakin. In der K.-o.-Phase herrsche natürlich ein „anderer Erwartungsdruck“, das Team verfüge aber über „genug Qualität und Erfahrung“.

Italiens „Last der Erwartungen“

Italien braucht jedenfalls eine klare Leistungssteigerung im Vergleich zum letzten Gruppenspiel, in dem erst ein Tor von Mattia Zaccagni nach Vorlage von Calafiori in letzter Minute das Weiterkommen sicherte. Im Land des viermaligen Weltmeisters gab es anschließend viel Kritik an Aufstellung, Leistung und Auftreten der Mannschaft – was Spalletti mit einer wütenden Abrechnung konterte. „Das Weiterkommen war verdient und das genießen wir jetzt“, sagte er. „Und dann werden wir versuchen, uns zu verbessern.“

Nach dem viel kritisierten Abgang von Europameister-Coach Roberto Mancini hatte Spalletti nur zehn Monate Zeit, um dem Team seine Ideen zu vermitteln. Das könnte sich nun rächen. Gegen Kroatien veränderte der 65-Jährige sein System, doch viel lief nicht rund.

Im Duell mit den Eidgenossen muss Spalletti seine Elf erneut umbauen. Neben Calafiori fehlt auch Federico Dimarco in der Defensive mit einer Verletzung. Der Einsatz von Innenverteidiger Alessandro Bastoni, der zuletzt Fieber hatte, ist dazu sehr fraglich.

Aber auch in der Offensive winken Veränderungen. „Vielleicht bremst uns manchmal die Last der Erwartungen. Wir haben nicht diese Erfahrung“, sagte Spalletti.

Die einfachere Turnierhälfte?

Eins haben jedoch beide Teams schon festgestellt: Die Gelegenheit für einen Durchmarsch bis nach Berlin könnte günstig sein. Die Favoriten Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal spielen alle in der anderen Turnierhälfte weiter.

„Absolut ist unsere Turnierhälfte einfacher als die andere. Aber jedes Spiel ist schwierig“, sagte Italiens Alessandro Buongiorno. Aebischer warnte: „Es bringt nichts zu schauen, wer im Viertelfinale oder Halbfinale kommen könnte. Erst müssen wir das Spiel am Samstag gewinnen.“ (dpa/red)




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Von Veritatis

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