Es ist ein sehr deutsches Phänomen, dass sich viele Journalisten als Hilfspolizisten und Denunzianten verstehen. Besonders drastisch wurde das zu Corona-Zeiten sichtbar. Die Journalisten des Online-Portals „L-IZ.de“ etwa klopften sich im November 2020 selbst dafür auf die Schulter, dass sie offenbar ein Hotel in Leipzig dazu gedrängt hatten, wegen der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen dort keine Buchungen mehr anzunehmen (siehe hier): „Neben vielen anderen möglichen Überlegungen dürften hier an das Sächsische Sozial-Ministerium und die Hotelkette gestellte L-IZ.de-Fragen zur Hygieneumsetzung und der Haftung für Folgeschäden in Anbetracht der speziellen Art der Demonstration der ‘Querdenker‘ ausschlaggebend gewesen sein für die Entscheidung des Hotels.“

Ich selbst war wiederholt Ziel von Denunziationen des Journalisten Tilo Jung, weil ich auf der Bundespressekonferenz angeblich nicht die richtige Maske aufhatte (siehe hier) bzw. an einem anderen Tag diese danach im leeren Foyer für eine Video-Aufnahme abnahm (siehe hier).

Die Liste solcher Beispiele ließe sich lange fortsetzen.

Schon 2019 sagte „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt in einem Interview mit dem Tagesspiegel auf die Frage, was ihn am meisten geärgert habe: „Das Denunziantentum von Journalisten untereinander auf Twitter. Überwachen, petzen, Wörter & Stellen suchen, pathologisieren, dem Chef melden etc.“

Das jüngste Beispiel: Nach einem harmlosen Witz von Weltmeister Bastian Schweinsteiger mit Esther Sedlaczek in der ARD-Berichterstattung über die Europameisterschaft bekam der zuständige WDR sofort eine moralinsaure Anfrage von den „Westfälischen Nachrichten“, die offenbar sofort einen Sexismus-Verdacht witterten (siehe hier).

Erneut im Zuge der Europameisterschaft hat das Agieren der Journalisten als Hilfspolizei nun besonders absurde Ausmaße erreicht.

Der Sport-Informations-Dienst (SID), ein Tochterunternehmen der staatlichen französischen Nachrichtenagentur AFP, hat eine Anfrage an die Stadt Köln gestellt, ob es gegen das Jugendschutzgesetz verstößt, dass der spanische EM-Star Lamine Yamal mit seinen gerade einmal 16 Jahren bei den Spielen auch noch zu später Stunde im Einsatz ist – also formell „in der Arbeit“.

Wir haben es hier also offenbar mit einer als Presseanfrage getarnten Denunziation zu tun. Mit dem Versuch, schlafende Hunde zu wecken.

Das Fußball-Magazin „Kicker“ berichtet dazu unter Berufung auf den SID nach dem Spiel Georgien gegen Spanien: „Weil das Spiel erst um 21 Uhr angepfiffen wurde, droht dem spanischen Fußballverband (RFEF) nun sogar eine Geldstrafe der Bezirksregierung Köln. Zwar war das Spiel kurz vor 23 Uhr beendet, dennoch dürften die Iberer abermals gegen das in Deutschland geltende Jugendschutzgesetz verstoßen haben, denn hierzulande ist es nicht zulässig, Jugendliche als Sportler bei Sportveranstaltungen später als 23 Uhr zu beschäftigen.“

Weiter schreiben die Sport-Journalisten und Aufpasser: „Die Zeitgrenze kann nämlich ganz leicht überschritten werden. Klar, sollte eine Partie in die Verlängerung gehen, dann läge das auf der Hand. Doch auch eine Auswechslung kurz zuvor würde eine mögliche Strafe wohl nicht verhindern, denn auch zugehörige Tätigkeiten wie das Duschen oder Interviews sind so spät nicht mehr erlaubt.“

Doch offenbar machen die Kölner Behörden nicht brav Männchen wegen der Denunziation, wie dem Artikel zu entnehmen ist: „‘Ob Verstöße gegen die Regelungen geahndet werden, entscheidet die jeweils zuständige Behörde im eigenen Ermessen‘, teilte die Bezirksregierung Köln auf Anfrage dem SID mit. Ob ein derartiger Fall geahndet werden würde, dazu wollte die Behörde keine Aussage machen, auch weil es ‘noch nicht zu entsprechenden Verstößen gekommen‘ sei. Klar ist: Der Fall Lamine Yamal ist jedenfalls schon einmal in den Blickpunkt gerückt.“ Ja – dank entsprechender Denunziation von Journalisten.

Ob man beim SID nun schwer enttäuscht ist, dass die Behörde nicht anbiss? Offenbar herrscht noch Hoffnung. Sollte es zu einer Strafe kommen, dann sehe der Bußgeldrahmen „eine maximale Bußgeldhöhe von 30.000 Euro vor“, heißt es in der Mitteilung des SID laut „Kicker“.

Ich frage mich: Was für ein autoritäres Weltbild muss man haben, um überhaupt auf so eine Idee zu kommen – den EM-Star Lamine Yamal bei den Behörden zu denunzieren, diskret verpackt als „Presseanfrage“? Wie kommt einem so etwas in den Sinn – statt dass man sich einfach über den Fußball freut?

Was mich besonders abstößt: In meiner Jugend galt Denunziation als schlechte Angewohnheit und Hobby von Spießern, die man damals politisch rechts verortete. Heute sind die Rot-Grünen in deren Fußstapfen getreten – nicht nur im Journalismus. Die Corona-Zeit brachte an den Tag, dass wir in einem Land der Denunzianten leben. Ebenso wie aktuell die unzähligen Anrufe bei der Polizei und Anzeigen wegen Menschen, die das Internet-Meme „Ausländer raus“ singen.

Mir ist dieses Denunziantentum unheimlich. Wie geht es Ihnen? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

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Von Veritatis

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