Das Gefühl, in westlichen Staaten nicht (mehr) in einer Demokratie zu leben, scheint weit verbreitet zu sein, so unser Eindruck. Wenn man aber begründen soll, warum genau man dieses Gefühl hat, dann hat man manchmal Schwierigkeiten, dies kurz, knapp und nachvollziehbar zum Ausdruck zu bringen, schon deshalb, weil man das, was „Demokratie“ ist oder sein soll, für sich selbst vielleicht definieren kann, aber gleichzeitig klar ist, dass darüber kaum Einigkeit besteht, so dass erst einmal geklärt werden müsste, wovon genau man redet, wenn man von „Demokratie“ spricht.

Gebraucht derzeit zum Schnäppchenpreis zu haben…

Gerade weil die Auffassungen darüber, was „Demokratie“ ist oder sein sollte, unklar sind oder sich von Bürger zu Bürger mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden, ist es erstaunlich, wenn sehr viele Bürger – trotzdem – das Gefühl haben, nicht (mehr) in einer Demokratie zu leben. Warum ist das so?

Vielleicht lässt sich diese Frage einfacher beantworten, wenn man bei ihrer Beantwortung nicht davon ausgeht, was „Demokratie“ ist oder sein soll, sondern statt dessen versucht, die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse auf einen Begriff zu bringen und zu sehen, ob oder wie sie zu demokratischem Gedankengut und demokratischen Verfahrensweisen passen.

Wie es der Zufall will, bin ich beim Blättern im guten, alten „Philosophische[n] Wörterbuch“, das von Georgi Schischkoff herausgegeben und im Jahr 1991 beim Kröner-Verlag in Stuttgart verlegt wurde, über den Eintrag für „Kollektiv“ (auf den Seiten 386-388) gestolpert, und für mich beantwortet dieser Eintrag die Frage danach, warum wir nicht (mehr) in einer Demokratie leben, obwohl indirekt, sehr gut, nämlich, deshalb, weil wir in einer kollektivistischen oder treffender: zunehmend kollektivierten Gesellschaft leben, in der demokratisches Gedankengut und demokratische Verfahrensweisen keinen Platz haben außer einem legitimatorischen, so dass sie lediglich formal aufrecht erhalten werden. Der Eintrag lautet (in seiner ersten Hälfte; in der zweiten geht es dann um die Behauptung eines technischen Kollektivs) wie folgt:

Kollektiv (vom lat. colligere, ’sammeln‘), Gruppe; in der Soziologie eine → Gruppe mit dem bes.[onderen] Kennzeichen, dass in ihr die auton.[ome] Entwicklung der Individuen verhindet wird. K.e. [Kollektive] in diesem Sinne gibt es seit der Entstehung der totalitären Staaten [!]. Diese bedienen sich der K.ierung [Kollektivierung], um den formalen Charakter der Demokratie aufrecht zu erhalten, indem sie den Einzelnen dem Willen der Staatsführung indirekt aussetzen, womit eine genaue Befolgung aller Anordnungen erreicht wird. In der Regel ist dieses K. [Kollektiv] die jeweilige Staatspartei. Aber auch andere Gruppen bilden sich, wenn ein machtvolles K. [Kollektiv] in ihrer Nähe besteht, leicht zu K.en [Kollektiven] geringerer Machtfülle um. Der Einzelne wird von den K.en [Kollektiven] immer enger umschlossen, so daß er, um etwas Bewegungsfreiheit zurückzuerlangen, einem K. [Kollektiv] beitreten muß.

Das Kollektiv in der kommunistischen Ikonographie

In den totalitären Staaten wird daher der Einzelne danach gewertet, welchen K.en. [Kollektiven] er angehört und welche Rolle er in diesem K.en. [Kollektiven] spielt. Der Entstehung von K.en [Kollektiven], auch in Demokratien und Monarchien, kommt die Neigung der breiten Masse zur Verantwortungslosigkeit entgegen. Je größere Teile der persönlichen Verantwortung auf den Staat abgewälzt werden (Kinder- und Familienbeihilfen, Altersfürsorge, Sozialversicherungen usw.), desto größer wird die Macht des Staates über den Einzelnen und desto leichter [gemeint ist: einfacher] werden diejenigen Personengruppen, die den staatl. [staatlichen] ‚Daseinsfürsorgeapparat‘ (K. Jaspers) in Gang halten und leiten, zu K.en [Kollektiven]. Das vom Sozialismus erstrebte Ziel eines risikolosen Daseins und einer allgemeinen Glückseligkeit auf Erden … fördert die Umwandlung von Gruppen zu K.en [Kollektiven] in hohem Maße.

Die Struktur sozialistischer K.e [Kollektive] wird diktatorisch bestimmt. Von den Mitgliedern werden soldatische Tugenden gefordert: Disziplin, blindes und kritikloses Vertrauen zur Führung, unbedingter Gehorsam, Einsatzbereitschaft, Opferwilligkeit usw. Dafür verspricht das K. [Kollektiv] dem Einzelnen eine gewissen Sicherung seiner Existenz. Da das Bedürfnis nach Existenzsicherung so übermächtig ist, werden die mit dem Eintritt in ein K. [Kollektiv] verbundenen Nachteile entweder überhaupt nicht als solche empfunden oder aber in Kauf genommen.

Diese Nachteile sind: Verdrängung der Persönlichkeitswerte … aus dem Bewußtsein durch die K.werte [Kollektivwerte]; damit einhergehend: Einbuße an Kritikfähigkeit, Vernachlässigung der logischen Seite des Denkens zugunsten emotionalen → Kollektivbewußtseins, Verkümmerung des Selbstvertrauens und Vergrößerung der Lebensangst (denn der Einzelnde hat → Angst auch vor dem K. [Kollektiv], dem er angehört), Verkleinerung des → Denkraums durch Vernachlässigung aller nicht-orthodoxen (d.h. vom K. [Kollektiv] nicht gut geheißenen) Denkmöglichkeiten …“.

Das beschreibt das, was wir in derzeitigen westlichen Gesellschaften beobachten, m.E. sehr treffend; was meinen Sie?

Wenn man so will, eine musikalische Bearbeitung dieses Themas:

Folgen Sie uns auf Telegram.


Anregungen, Hinweise, Kontakt? -> Redaktion @ Sciencefiles.org


Wenn Ihnen gefällt, was Sie bei uns lesen, dann bitten wir Sie, uns zu unterstützen.
ScienceFiles lebt weitgehend von Spenden.
Helfen Sie uns, ScienceFiles auf eine solide finanzielle Basis zu stellen.


Wir haben drei sichere Spendenmöglichkeiten:

Donorbox

Unterstützen Sie ScienceFiles


Unsere eigene ScienceFiles-Spendenfunktion

Zum Spenden einfach klicken

Unser Spendenkonto bei Halifax:


ScienceFiles Spendenkonto:
HALIFAX (Konto-Inhaber: Michael Klein):

  • IBAN: GB15 HLFX 1100 3311 0902 67
  • BIC: HLFXGB21B24

Print Friendly, PDF & Email





Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert