„Es wäre nur gerecht, wenn auch Ältere dienen“ – mit diesen Worten tritt Christopher Lauer in einem Spiegel-Beitrag an die Öffentlichkeit. Der ehemalige Politiker der Piraten sagt, dass er vor 20 Jahren „Zivi“ war, aber nun aufgrund des Krieges in der Ukraine „vieles anders“ sei. Unter dem regen Gebrauch der „Möglichkeitsform“ lassen aktuell so manche Akteure in den Medien durchblicken, dass sie auch selbst die Waffe in die Hand nehmen würden. Selbstredend erwarten sie das dann auch von anderen. In Anbetracht eines solchen hypothetischen Tatendrangs: Warum sind eigentlich alle wackeren „Wir-würden-ja-Soldaten“ nicht längst selbst in den Krieg gezogen? Für die Ukraine. Für unser aller Freiheit. Weil sie wissen: Zwischen Maulheldentum und dem Kampf an der Front liegt eine Welt. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

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Mit dem Mund waren schon immer alle Helden. Wer würde im Ernstfall nicht…? Schon der Besuch irgendeines Stammtischs zeigt: Kämpfer, Krieger, Teufelskerle – zwischen Bier und Korn ist die Weltenrettung immer nah. Dagegen spricht nichts und es hat Unterhaltungswert.

„Ich finde Krieg eher uncool. Aber im Ernstfall würde ich eine Waffe in die Hand nehmen“, lautet die Überschrift eines von Lauer verfassten Spiegel-Artikels. Die Formulierung „eher uncool“ lässt im Hinblick auf die furchtbaren Schäden, die Soldaten aus einem Krieg davontragen, erahnen: Jetzt kommt Dampfplauderei. Dass 18-Jährige mit einem Fragebogen der Bundeswehr im Hinblick auf eine Wehrpflicht belästigt werden, rechtfertigt Lauer so: „Angesichts der sich veränderten sicherheitspolitischen Lage ist das Vorgehen nachvollziehbar.“

Es gab mal eine Zeit, da standen im Spiegel Aussagen, geprägt von analytischem und intellektuellem Tiefgang. Heute setzt die Redaktion ihren Lesern so etwas vor. Die Formulierung „einer sich veränderten sicherheitspolitischen Lage“ liest sich, als wäre sie der NATO-Pressestelle entnommen. Ein namentlich benanntes, konkret handelndes Subjekt kommt darin nicht vor. Die gesamte geostrategische, tiefenpolitische Machtdimension, die den Krieg in der Ukraine bestimmt: ausgeblendet. Die Interessen der beiden Mächte USA und Russland: nicht vorhanden. Der militärisch-industrielle Komplex der USA samt seinen Akteuren: unsichtbar.

Der Text Lauers bedarf gar keiner genaueren Analyse. Allein diese Stelle offenbart die Eindimensionalität, die ihm auf der „analytischen“ Ebene zugrunde liegt. Und so betrachtet Lauer es dann auch als eine Frage der „Generationengerechtigkeit“, dass sich auch 30- bis 40-Jährige im „Fall der Fälle“ an der „Landesverteidigung“ beteiligen sollten. Schließlich: Diese Gruppe war ja aufgrund der Aussetzung der Wehrpflicht vom „Dienst an der Waffe“ ausgenommen. Anders gesagt: Die grundsätzlichen Fragen zur Herkunft von Kriegen, vom Sinn und Unsinn der oft beschönigenden Phrase von der „Landesverteidigung“ sind hier reduziert auf eine kindergartenmäßige „Gerechtigkeitsfrage“.

Vor kurzem erst sagte BAP-Sänger Wolfgang Niedecken in Bezug auf den Krieg in der Ukraine: „Frieden schaffen ohne Waffen, das funktioniert leider nicht“. Niedecken zuvor kam Campino, der Sänger der Toten Hosen. Campino sagt schon 2022 in einem Stern-Interview, dass er zwar 1983 bei seiner Einberufung den Dienst an der Waffe verweigert habe, aber heute, „unter diesen Umständen“, er das „wahrscheinlich“ nicht mehr tun würde. Da ist er wieder, der Konjunktiv, die Möglichkeitsform.

In Anbetracht des Angriffs Russland auf die Ukraine: Alle würden. Wahrscheinlich. Irgendwie.

Fragen drängen sich an dieser Stelle auf. Erstens: Sonst sind Medien darauf bedacht, den Meinungskorridor schmal zu halten und verweisen dabei auf ihren qualitätsjournalistischen Auftrag. Warum aber wird dann solchen Aussagen Raum gegeben? Die Antwort lautet: Weil diese Äußerungen ganz gut zum Primat des Militärischen passen. Die Verankerung der „Zeitenwende“ soll eben auch in der Gesellschaft vollzogen werden. Dazu braucht es „mutige“ Stimmen von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, die in der gewünschten Richtung im Konjunktiv darüber reden dürfen, was sie tun würden, wenn es notwendig wäre.

Zweitens: Warum sind diejenigen, die von der „veränderten sicherheitspolitischen Lage“ sprechen und zugleich wollen, dass ihre Mitmenschen die Waffe in die Hand nehmen, nicht selbst längst an der Front? Warum nicht mit „gutem“ Beispiel vorangehen? Warum nicht im Sinne von Eigeninitiative eine Freiwilligeneinheit mit kampfeswilligen Rock-, Pop-, Superstars, „mutigen“ Politikern und Werte-Experten zusammenstellen, die mit Stahlhelm und Gesang an die ukrainische Front ziehen? Schließlich: Demokratie, Freiheit fordert Einsatz von jedem. Warum wird das Stahlhelmchen nur für Interviews aufgezogen? Weil alle wissen: Die Gefahren bei der Dampfplauderei in Qualitätsmedien und am Stammtisch sind überschaubar. Die Gefahren im Kriegseinsatz an der Front sind so groß, dass am Ende Verstümmelung und Tod stehen.



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Von Veritatis

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