Sie wissen, was ein Fluke ist?
Nein?
Das ist ein Fluke:

Ein Glückstreffer.
Eine unverdiente, ungewollte Wohltat.

Das Wahlergebnis, das Keir Starmer gestern mit seinem Labour-Bunch eingefahren hat, ist ein solcher Fluke, ein solcher Glückstreffer, eine solche, unverdiente Wohltat: Denn Keir Starmer hat ein deutlich schlechteres Ergebnis als Jeremy Corbyn in den beiden Wahlen zum House of Commons 2015 und 2017 eingefahen und dennoch einen “Erdrutschsieg” errungen.

In Zahlen: Starmer hat mit 24,6% weniger Stimmen, als sie Labour unter Corbyn im Jahre 2015 errungen hat, 57,3% mehr Sitze errungen, als Corbyn im Jahre 2015. Unter Corbyn erreichte Labour 12.877.918 Stimmen (2015) und 262 Sitze, unter Starmer erreichte Labour 9.712.011 Stimmen und 412 Sitze (2024, basierend auf 648 von 650 ausgezählten Wahlkreisen. Die fehlenden rund 100.000 Stimmen ändern nichts am Ergebnis).

Wie kann das sein?
Ein Einbruch der Wahlbeteiligung scheidet als Grund aus, obschon sich nur 59,9% der wahlberechtigten Briten aufraffen konnten, um sich ins Wahllokal zu schleppen, 7,4% weniger als 2019, aber eben nur 7,4% weniger, zu wenige weniger, um das Ergebnis zu erklären.

Wie ist es also erklärbar?

Nun, Starmer und Labour haben einen Fehler im Mehrheitswahlsystem ausgenutzt, einem Wahlsystem, das dann gut funktioniert, wenn zwei klar identifizierbare Parteienoligopole gegeneinander antreten. Kommt eine dritte Partei hinzu, garantiert ein Mehrheitswahlsystem nur noch bedingt die in Demokratien doch so wichtige Repräsentation der Wähler, kommt eine starke dritte Partei hinzu, ist das Mehrheitswahlsystem dysfunktional.

Wir haben vier Abbildungen vorbereitet, die diesen Fehler im Mehrheitswahlsystem offenlegen.

Die erste Abbildung zeigt die Entwicklung der Anzahl der Stimmen, die die einzelnen Parteien bei den Wahlen seit 2015 auf sich vereinigten konnten. Wie man sieht, ist die Anzahl der Wähler von Conservatives UND Labour im Jahre 2024 deutlich geringer als in den Jahren davor.

Das britische Wahlsystem ist ein First-Past-The-Post-Wahlsystem, bei dem in Wahlkreisen, die allesamt ungefähr dieselbe Größe aufweisen sollen, derjenige Kandidat gewählt ist, der die meisten Stimmen auf sich vereinigen kann. Das kann zuweilen zu dramatischen Ergebnisse führen, wie z.B. bei dieser Wahl im Wahlkreis Basildon and Billericay, den der Chairman der Tories, Richard Holden, mit einer Mehrheit von 20 Sitzen, ZWANZIG SITZEN, gewonnen hat (Conservatives:: 12.905 Stimmen; Labour: 12.885 Stimmen; Reform: 11.354 Stimmen).

In den letzten Jahren wurden die Wahlkreise im Vereinigten Königreich neu zugeschnitten, um der Zunahme der Bevölkerung gerecht zu werden und zu garantieren, dass ungefähr dieselbe Anzahl von Wahlberechtigen in einem Wahlkreis einen Abgeorneten wählt. Im Ergebnis umfasst jeder Wahlkreis zwischen 69.712 und 77.062 Wahlberechtigte, 650 Wahlkreise sollen rund 47,5 Millionen Wahlberechtigte in gleicher Weise repräsentieren. Und das funktioniert auch, wenn zwei klar definierte große Parteien miteinander konkurrieren. Aber sobald eine dritte Partei hinzu kommt, die eine relevante Anzahl von Stimmen erzielen kann, ist die Repräsentation im Eimer, wie wir nun zeigen werden.

Zunächst, der Vollständigket halber, die Verteilung der Sitze in den letzten drei Wahlen zum Britischen Unterhaus.

Wenn Sie die beiden Abbildungen miteinander vergleichen, dann werden sei feststellen, dass Labour unter Starmer die geringste Anzahl von Wählerstimmen in die größte Anzahl von Sitzen im Unterhaus seit 2015 transferieren konnte. Das ist der Fluke im Mehrheitssystem, von dem wir reden, ein Fluke, der jede Form von Repräsentativität zerstört, wie man einfach zeigen kann, wenn man das Verhältnis aus erzielten Stimmen und erreichten Sitzen für die einzelnen Parteien berechnet.

In der folgenden Abbildung haben wir genau das getan.

Ein Sitz für Labour repräsentiert im Durchschnitt 23.573 Wähler. Ein durchschnittlicher Wahlkreis hat nach der Wahlkreisreform 73.393 Wähler. Der überragende Wahlerfolg von Labour, der der Partei 63,4% der Sitze eingebracht hat, basiert damit auf der Repräsentation von 32,1% der Wähler. Das ist ein Fluke, ein Fehler im Wahlsystem.

Das andere Extrem findet sich bei Reform UK. Die Partei hat aus dem Stand einen Stimmenanteil erreicht, der dem Stimmenanteil entspricht, den die SPD derzeit in Umfragen in Deutschland erhält. Dessen ungeachtet schlagen nur 4 Sitze zu Buche. Ein Sitz steht für 1.022.887 Wähler von Reform UK. Im Durchschnitt genügen Labour somit 23.573 Wähler um einen Sitz zu gewinnen, während Reform UK 1.022.887 Wähler benötigt, um einen Sitz zu gewinnen. Die so mühsam auf Basis der Periodic Review of Parliamentary Constituencies in the United Kingdom (geregelt im Parliamentary Constituencies Act 1986, amended mit dem Parliamentary Voting System and Constituencies Act von 2011 und dem Parliamentary Constituencies Act von 2020) neu berechneten Grenzen der Wahlkreise, die eine ansatzweise gleiche Repräsentation der Wahlbevölkerung in Westminster gewährleisten sollten, war somit für die Katz’!

Wie verzerrt das Ergebnis ist, für das Keir Starmer sich feiern lässt, zeigt sich, wenn man berechnet, welche Sitzverteilung sich nach d’Hondt, oder Hare/Niemeyer oder Hagenbach-Bischoff, drei Methoden der proportionalen Repräsentation, ergeben hätte, Methoden, die bei Europawahl oder Bundestagswahl zur Anwendung kommen.

Der Unterschied der sich zum Mehrheitswahlsystem (First Past  the Post) ergibt, ist dramatisch:

225 statt 412 Labour Abgeordnete würden im nächsten House of Commons sitzen, 94 Abgeordnete von Reform UK anstelle von 4, 158 Abgeordnete der Conservatives anstelle von 121, 45 Abgeordnete der Grünen, anstelle von 4, 81 Abgeordnete der LibDims anstelle von 71 und 45 Kandidaten anderer Parteien, anstelle von 27 und die SNP wäre aus dem Parlament verschwunden.

Die Frage, wie man zumindest den Anschein von Repräsentativität in einem Wahlsystem aufrecht erhält, ist unter Politikwissenschaftlern seit Jahrzehnten umstritten. Indes dürfte sich keiner finden, der das Ergebnis der Wahl zum Unterhaus vom 4. Juli 2024 als ein Ergebnis ansehen wird, das das Wahlverhalten der Wähler auch nur im Ansatz widerzuspiegeln im Stande ist.

Es ist ein Fluke-Ergebnis, ein Glückstreffer für Keir Starmer, der, unter proportional-repräsentativen Umständen nur in Koalition mit LibDims und Grünen eine Regierung bilden könnte.


 

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Von Veritatis

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