Wenn Pavlo Pimakhov und Yuriy Pikhota durch die Vororte von Kiew ziehen, machen Männer, die sie nur von Weitem sehen, auf dem Absatz kehrt. Die Militäruniformen, die Polizeieskorte und die schwarze Mappe unter Pikhotas Arm lassen leicht erkennen, weshalb das Paar unterwegs ist. Die beiden bilden eine Mobilisierungseinheit der ukrainischen Armee, deren Mannschaftsbestände dringend aufgestockt werden müssen. Die beiden Offiziere durchstreifen Quartier für Quartier, überprüfen die Papiere von Passanten und verteilen Vorladungen. Eine Welle der Mobilisierung ist vonnöten, um den Kampf gegen Russland auf Dauer aussichtsreich fortsetzen zu können. Pimakhov war vor der russischen Invasion ab Februar 2022 Gebrauchtwagenhändler; Pikhota arbeitete auf einer Baustelle in Israel und eilte zurück in die Ukraine, als der Krieg ausbrach. Beide meldeten sich in den ersten Kriegswochen freiwillig zu den Streitkräften und wurden an der Front verwundet.

Mit zitternder Hand

Während sich die beiden 36-Jährigen erholen, arbeiten sie gleichzeitig daran, neue Rekruten zu mobilisieren. An diesem Tag führt ihr Weg in den Rayon Swjatoschyn im Westen der Stadt, am rechten Ufer des Dnepr. „Ich verurteile die Leute nicht, die uns aus dem Weg gehen, aber ich fühle mich beleidigt“, sagt Pimakhov. „Wir standen in langen Schlangen vor den Rekrutierungsbüros und wollten der Armee helfen. Heute versuchen die Leute alles, um dem Dienst zu entgehen. Alle Mutigen haben sich längst freiwillig gemeldet.“

Angesichts der Tatsache, dass die russische Armee zahlenmäßig und waffentechnisch überlegen ist, dazu die ukrainischen Truppen an der Front erschöpft sind und dringend eine Rotation brauchen, hat die Regierung in den vergangenen Monaten die Mobilisierung vorangetrieben. Im Mai trat ein Gesetz in Kraft, das jeden männlichen Ukrainer im Alter zwischen 25 und 60 Jahren verpflichtet, seine Daten bei den Militärbehörden zu hinterlegen und sich auf eine mögliche Einberufung einzustellen.

Pimakhovs Fischerhut und Pikhotas umlaufende Sonnenbrille wie die frohgemuten Gesichter der beiden hinterlassen den Eindruck eines komödiantischen Doppelauftritts, doch die Folgen einer Begegnung mit Pimakhov und Pikhota können für Menschen lebensverändernd, ja schicksalhaft sein. Nach der Registratur und einem medizinischen Test erhalten Einberufene als neue Rekruten eine 45-tägige militärische Grundausbildung. Danach können sie innerhalb kurzer Zeit an der Front im Osten sein.

Ruslan – 40 Jahre alt, aus der Region Sumy und zu Besuch in Kiew – stand vor einem Geschäft und hörte Musik über seinen Kopfhörer, als das Paar ihm auf die Schulter klopfte. Er unterschrieb das Vorladungsformular A5, Pikhota und Pimakhov fotografierten ihn und gaben seine Daten in das Meldesystem ein. „Ich habe mich vorher nicht mustern lassen, weil ich gesundheitliche Probleme, starke Schmerzen in den Beinen hatte“, so Ruslan. „Aber ich bin bereit zu gehen, wenn ich gerufen werde.“ Er habe 2003 bereits einen Militärdienst abgeleistet und glaube, dass er noch über einige der Fähigkeiten verfüge, die er damals erwerben konnte.

Mobilisierung

Offiziell wird der Mannschaftsbestand der ukrainischen Streitkräfte gegenwärtig auf 900.000 aktive Soldaten und 1,2 Millionen Reservisten beziffert. Bei Russland liegen die vergleichbaren Werte bei 1,3 Millionen beziehungsweise 2,1 Millionen. Das Ende Mai verabschiedete neue Wehrpflichtgesetz soll bewirken, dass kurzfristig 120.000 Mann mobilisiert, ausgebildet und an die Front geschickt werden. Dazu wurde das Alter für den Grundwehrdienst von 20 auf 18 Jahre und für den Fronteinsatz von 27 auf 25 Jahre gesenkt.

Die Sanktionen bei Verweigerung können von einer Geldstrafe über Führerscheinentzug bis zum Arrest gesteigert werden. Derzeit sind 94.500 Personen zur Fahndung ausgeschrieben, die sich dem Wehrdienst entziehen. Um unter anderem das zu kompensieren, können mittlerweile – wie in Russland – auch Häftlinge rekrutiert werden, die in gesonderte Einheiten kommen.

Lutz Herden

Andere sind weniger bereitwillig. Ein Mann, der mit seiner Frau auf einer Parkbank sitzt und einen Eiskaffee trinkt, unterschreibt nach einem 20-minütigen Streit mit zitternder Hand das Formular. Zwei Essenskuriere, die neben ihren Fahrrädern in der Nähe einer Unterführung Rast gemacht haben, sehen entsetzt aus, als ihnen die Papiere entgegengehalten werden, und beginnen, panisch zu telefonieren. Einer trägt eine Tarnhose und ein T-Shirt mit dem Logo der ukrainischen Armee. „Er trägt das, aber er hatte noch nie etwas mit der Armee zu tun, da bin ich mir sicher“, meint Pikhota. Wer eine Vorladung ignoriert, muss zunächst auf eine Geldstrafe gefasst sein, bevor strafrechtliche Konsequenzen bis hin zu Arreststrafen drohen. Es gibt nicht wenige, die sich zu Hause verstecken, aus Furcht, einem Mobilmachungskommando zu begegnen. Andere zahlen Bestechungsgelder, um sich durch ärztliche Atteste vom Militärdienst befreien oder sich aus dem Land schleusen zu lassen. Viele davon erklären, sie seien Patrioten, allerdings nicht bereit oder willens, an der Front zu dienen.

Als Pimakhov und Pikhota den beiden Fahrradkurieren Vorladungen übergeben, kommt eine ältere Dame vorbei, schimpft und verflucht die Rekrutierer. „Habt ihr ein weiteres Opfer gefunden, oder? Ihr seid Abschaum, warum steht ihr nicht selbst im Graben?“ Dass derart geschmäht und beleidigt wird, ist nicht allein ein Sitten-, sondern auch ein Sinnbild für die schmerzhafte Zerrissenheit, die durch die Mobilisierungsaktionen entstanden ist. Umfragen zeigen, dass die meisten Ukrainer die Aufstockung der Armee theoretisch befürworten, sich das jedoch ändert, wenn es um sie selbst und die unberechenbaren Risiken in Kriegszeiten geht.

Mykhailo Podolyak, wichtiger Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, meinte jüngst in einem Interview, natürlich werde es immer Kommunikationsprobleme geben, „denn es ist nie einfach, die richtigen Worte für Menschen – für Mütter, Ehefrauen und die Familien überhaupt – zu finden, wenn ein Angehöriger in den Krieg ziehen soll“. Weitverbreitet ist die Annahme, dass sich die mobilisierenden Offiziere ihre Jobs durch Bestechung erschlichen haben, um so dem „echten“ Militärdienst an der Front zu entkommen. Pimakhov widersetzt sich diesem Eindruck. „Für unsere Gruppe kann ich sagen, dass sie aus zehn Leuten besteht. Wir nehmen solche auf, die an der Front gestanden haben. Ich denke, dass Menschen, die selbst noch nicht gekämpft haben, kein moralisches Recht besitzen, andere zu mobilisieren.“

Zurück an die Front

Die Feindseligkeit gegenüber Mobilmachungsbeamten hat sich verstärkt, als jüngst eine Reihe von Korruptionsfällen bekannt wurde, bei denen nachweislich Bestechungsgelder geflossen sind, um es Männern zu ermöglichen, der Einberufung zu entgehen. Pimakhov und Pikhota wurden unfreiwillig zu Stars eines viralen Tiktok-Videos, in dem ein Passant sie beschimpft, als sie versuchen, einem jungen Mann eine Vorladung zu übergeben. In den Kommentaren zu dieser Sequenz aus dem realen Leben werden sie gnadenlos verspottet. Ukrainer, von denen sie beleidigt werden, wissen nicht, dass Pikhotas Mobiltelefon voller Aufnahmen von brennenden Gebäuden, verkohlter Militärausrüstung und toten Kameraden ist.

Sie wissen nicht, dass Pimakhov an der Front zweimal verwundet wurde. Er sieht nach wie vor auf einem Auge schlechter als auf dem anderen, weil eine einfliegende Rakete in der Nähe der Stelle einschlug, an der er einen Graben aushob. Das Geschoss tötete einen Soldaten, Splitter seiner Schädeldecke flogen in Pimakhovs Gesicht. Manchmal versuchen die beiden, sich durch den Verweis auf diesen Teil ihrer Lebensgeschichte gegenüber Leuten zu rechtfertigen, die sie beleidigen. Ein anderes Mal seufzen sie nur und machen einfach weiter. „Es ist oft schwer zu ertragen“, findet Pikhota. „Manchmal zittern meine Hände am Ende eines Tages auf der Straße genauso wie nach einem Tag an der Front.“

Zwei Werber bei ihren Patrouillen in Kiew zu begleiten, lässt etwas von den Widerständen erahnen, denen sich aussetzt, wer neue Soldaten für die Ukraine sammeln will. Es verschafft einen Eindruck von sozialen Spannungen, die zweieinhalb Jahre Krieg verschärft haben. Spürbar schwelende, tiefgehende Ressentiments, die nach einem Ende der Kämpfe – wann auch immer das sein mag – nicht abflauen dürften.

An diesem Nachmittag haben die beiden zehn Vorladungen erteilt und etliche Diskussionen geführt. Pimakhov und Pikhota ziehen daraus den Schluss, dass es für sie besser sein könnte, bald wieder an die Front zurückzukehren. „Es ist schwer für mich, in Kiew zu sein und Menschen zu sehen, die sich in Cafés entspannen und ein normales Leben führen, wenn ich weiß, dass meine Freunde immer noch und weiterhin an der Front stehen“, erklärt Pikhota. „Sie rufen mich an und fragen: ‚Wie können Leute einfach wie gewohnt weitermachen, als sei nichts geschehen?‘ Ich habe keine Antwort für sie.“

Shaun Walker ist derzeit Guardian-Korrespondent in der Ukraine



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Von Veritatis

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