Die Politisierung internationaler Sportbühnen wurde in der jüngeren Vergangenheit auch (oder besser: vor allem) von westlichen Akteuren forciert und als legitim dargestellt – auch deshalb, weil man damit eine weitere Propaganda-Bühne etwa gegen „Autokraten“ etablieren wollte. Jetzt nutzen auch „andere Seiten“ solche Bühnen für teils radikale politische Symbolik – das war absolut voraussehbar. Um den trotz Kommerzialisierung potenziell vorhandenen Charakter der Völkerverständigung bei internationalen Sportevents zu retten, muss wieder konsequent auf politische Neutralität gepocht werden – von allen Seiten. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

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Anlässlich der Debatte um den von einem türkischen Nationalspieler gezeigten politischen „Wolfsgruß“ stelle ich einmal mehr fest: Ich bin ein entschiedener Gegner einer Politisierung von internationalen Sportveranstaltungen. Meiner Meinung nach besteht die Gefahr, dass der völkerverständigende Charakter, den solche Veranstaltungen trotz harter Kommerzialisierung usw. noch haben, dabei verloren geht. Oder dass dieser Charakter sogar ins Gegenteil umschlägt, dass also Olympia, Fußball-EM und so weiter sich zu unerquicklichen internationalen Bühnen für Propaganda und für gegenseitige Moralpredigten entwickeln.

Auch politische Aussagen, die voll in meinem Sinne sind, lehne ich auf den Bühnen von internationalen Sportveranstaltungen strikt ab, weil man damit die Neutralität verletzt und sie nicht bei anderer Gelegenheit plötzlich wieder einfordern kann.

Ich würde es sehr unterstützen, dass das Zeigen von politischen Symbolen wie dem „Wolfsgruß“ auf internationalen Sportbühnen prinzipiell scharf geächtet werden würde, ich finde auch eine Sperre des Spielers angemessen. Aber: Gleichzeitig empfinde ich die aktuelle Empörung hierzulande über das Verhalten des türkischen Nationalspielers als heuchlerisch und selektiv: Mit den eigenen Impulsen zur Politisierung internationaler Sportveranstaltungen haben auch deutsche Akteure viel dazu beigetragen, dass die Neutralität solcher Veranstaltungen nicht hoch genug geachtet wird.

Wessen Propaganda sich bei internationalen Sportveranstaltungen und der Berichterstattung „durchsetzt“, wenn man eine Politisierung zulässt, hängt vor allem mit der Verteilung von Medienmacht und anderen Machtfaktoren zusammen. Der „Erfolg“ der jeweiligen Meinungsmache belegt also nicht ihre reale politische Relevanz oder ihren „guten“ Charakter.

Wie stark und skrupellos internationale Sportveranstaltungen in jüngerer Vergangenheit benutzt wurden, um westliche Propaganda zu entfalten, habe ich etwa in den Artikeln „Ausschluss russischer Sportler: Im Olymp der Doppelstandards“ oder „Fußball, Politik und die Regenbogen-Moral“ oder „French Open: Der internationale Sport wird zum Propagandazirkus“ beschrieben.

Selektive Empörung

Das Wenige, das mir über die türkische Organisation „Graue Wölfe“ bekannt ist, lehne ich ab. Ich lehne es darum auch ab, wenn die Symbolik dieser politischen Organisation in ein Fußballstadion und in die Berichterstattung getragen wird. Diese Ablehnung speist sich aber nicht nur aus meiner konkreten politischen Gegnerschaft zu den „Grauen Wölfen“, sondern zusätzlich daraus, dass politische Symbolik bei internationalen Sportveranstaltungen grundsätzlich geächtet sein sollte.

Eine selektive Empörung über bestimmte Symbole, die einem politisch nicht in den Kram passen, und die gleichzeitige Verteidigung westlicher Meinungsmache auf internationalen Sportbühnen – und sei es „nur“ für angeblich „universelle Werte“ – belegen eine starke Doppelmoral. Manche der nun Empörten scheinen wie erfüllt von den Losungen des eigenen Kulturimperialismus. Und sie sind offenbar davon überrascht, dass die Nutzung der eigentlich neutralen Sportbühnen für westliche Propaganda von politisch ganz anders Denkenden indirekt als eine „Erlaubnis“ interpretiert wird, ähnlich zu handeln. Es war absolut voraussehbar, dass das westlich-moralische Auftrumpfen nicht ohne Reaktion bleiben würde.

Um ein gegenseitiges Übertrumpfen in der Politisierung zu verhindern, sollte die Politisierung prinzipiell geächtet werden. Im Artikel „French Open: Der internationale Sport wird zum Propagandazirkus“ heißt es:

Es müsste also für ‚alle Seiten‘ die politische Agitation bei internationalen Sportevents zumindest moralisch geächtet sein – sonst schaukeln sich die Seiten gegenseitig hoch. Auf der unpolitischen Sportbühne sollten meiner Meinung nach auch Mindeststandards des persönlichen Umgangs eingehalten werden: Einen verweigerten Handschlag, weil die Kontrahentin die falsche Nationalität hat, finde ich inakzeptabel.

Die völkerverständigende Wirkung von ultrakommerziellen Großveranstaltungen wird zu Recht in Zweifel gezogen, bei diesen Events sind viel Korruption, billige PR und Heuchelei im Spiel – aber: Meiner Meinung nach gibt es bei internationalen Sportveranstaltungen eben trotzdem noch die andere, die ‚unschuldige‘ Ebene, auf der sich Bürger verfeindeter Staaten freundlich begegnen können, auch wenn ihre Generäle Krieg führen – das gilt für die Sportler, aber auch für das international gemischte Publikum.

Eigentlich gibt es ja das Gebot der politischen Neutralität bei WM, Olympia etc., doch es steht unter Beschuss, weil es nicht mehr ‚zeitgemäß‘ sei. Diese Tendenz wird vor allem von westlichen Medien befördert, weil sie die Chance sehen, auch auf den großen Sportbühnen noch propagandistische Punkte gegen ihre ‚autokratischen‘ Widersacher machen zu können.“

Gute Nazis, schlechte Nazis

Abschließend soll anlässlich des rechtsextremen Charakters des „Wolfsgrußes“ noch auf weitere doppelte Standards bezüglich des „Kampfes gegen Rechts“ hingewiesen werden: Viele der Beobachter, die nun vom „Wolfsgruß“ (zu Recht!) geschockt sind, erzählen uns seit Jahren, dass die in der Ukraine genutzte rechtsextreme Symbolik in Ordnung ist, weil dortige Nazi-Regimenter schließlich unsere Freiheit verteidigen.

Titelbild: fifg / Shutterstock



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Von Veritatis

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