Gerade einmal zwei Jahre liegt der Neun-Euro-Ticket-Sommer zurück. Was als spontane Idee der Ampel-Koalition startete, entwickelte sich zu ihrem größten Erfolg: Allen Unkenrufen zum Trotz blieben den meisten nicht volle Züge, sondern das Gefühl großer Freiheit im Gedächtnis. Plötzlich funktionierte Bahnfahrten quer durchs Land ohne Tarifwirrwarr und Fahrgastabitur, dazu phänomenal günstig. Deutschland reiste gemeinsam im Regionalexpress.

Die Geburt des auf Dauer angelegten Nachfolgers war schwierig und zog sich über Monate. Es wurde um einiges teurer: 49 Euro statt 9 Euro. Kann das funktionieren? Aber auch das im Mai 2023 gestartete Deutschlandticket wurde zum Erfolg: Inzwischen haben es mehr als 20 Millionen Menschen mindestens einmal

. Kann das funktionieren? Aber auch das im Mai 2023 gestartete Deutschlandticket wurde zum Erfolg: Inzwischen haben es mehr als 20 Millionen Menschen mindestens einmal gekauft, rund 11 Millionen nutzen es jeden Monat. Sie genießen es vor allem, sich nicht mit Tarifwaben und Übergangstarifen auseinandersetzen zu müssen, sondern einfach fahren zu können – und das auch noch zu einem recht günstigen Preis. Nun aber wollen die Verkehrsminister von Bund und Ländern das Ticket 2025 teurer machen. Von 54 oder 59 Euro pro Monat ist die Rede.Genauso alt wie das Ticket selbst ist die Diskussion darüber, wer die Kosten dafür trägt – ein Dauer-Zwist zwischen Bund und Ländern. Zuletzt verband Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) die überfällige Sanierung des Schienennetzes mit der Bedingung, dass der Preis für das Deutschlandticket deutlich steigen müsse. Dabei hat das Ticket mit der jahrzehntelangen Unterfinanzierung der Schiene, die der Grund für den schlechten Zustand ist, rein gar nichts zu tun. Und während anlässlich der Fußball-Europameisterschaft die ganze Welt über das deutsche Bahnsystem lacht, das so gar nicht dem Klischee von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit entspricht, stellt Linder damit wieder infrage, den Sanierungsstau von inzwischen fast 93 Milliarden Euro endlich ernsthaft anzugehen.So kann das 49-Euro-Ticket finanziert werden: 31 Milliarden durch Kerosin- und Mehrwertsteuer bei FlügenKeinerlei Zweifel hegt der FDP-Finanzminister hingegen an teuren staatlichen Förderungen wie dem Dienstwagenprivileg, der Dieselsteuervergünstigung, der Kerosinsteuerbefreiung oder der Mehrwertsteuerbefreiung für internationale Flüge. Die Streichung solcher Steuererleichterungen für klimaschädlichen Verkehr würde nach Berechnungen des Umweltbundesamtes fast 31 Milliarden Euro in die Bundeskasse spülen. Und dass der Straßenverkehr nicht einmal die Hälfte seiner realen volkswirtschaftlichen Kosten selbst trägt, ist für den Minister ebenso wenig eine Diskussion wert wie der fortgesetzte Ausbau des ohnehin schon dichten Autobahnnetzes in Zeiten der Klimakrise.Die Mobilität der Menschen im ganzen Land zu gewährleisten, ist eine der nobelsten Aufgaben des Staates. Dieser Verantwortung kommt er bislang allerdings nur bedingt nach, denn besonders auf dem Land sind viele Menschen eben nicht selbständig mobil. Das allgegenwärtige Auto funktioniert nur für diejenigen, die sich ein solches leisten können und es auch fahren dürfen; auch das Fahrrad oder E-Bike setzt körperliche Fitness voraus. Der öffentliche Verkehr steht hingegen allen Menschen zur Verfügung – auch Minderjährigen, Älteren und körperlichen Eingeschränkten.Das Deutschlandticket ersetzt 433 Millionen Pkw-KilometerEs gibt also eine Reihe gewichtiger Gründe, die für eine Subventionierung des Bahnfahrens sprechen – bevor überhaupt von dem Klima die Rede ist. Schon jetzt sind 12 Prozent der Fahrten mit dem Deutschlandticket solche, die vorher mit dem Auto stattgefunden haben. Damit hat das Ticket einen messbaren positiven Effekt und ersetzt 433 Millionen Pkw-Kilometer. Der Autoverkehr nimmt auch dadurch neuerdings in vielen Metropolen ab – eine erstaunliche Trendumkehr nach Jahrzehnten des Wachstums. Gleichzeitig wächst der öffentliche Verkehr trotz des Homeoffice-Trends. Durch die wegfallenden Autofahrten entlastet das Deutschlandticket die Volkswirtschaft um mindestens 1,4 Milliarden Euro – Geld, das bisher nicht wieder in die Finanzierung des Tickets fließt.Eine Verteuerung des Deutschlandtickets ist für all das nicht hilfreich. Die Ergebnisse von Befragungen deuten darauf hin, dass in diesem Falle nicht wenige ihre Abos kündigen werden. Auf Bahnseite bedeutet das langfristig sogar drohende Einnahmeausfälle statt der erhofften Mehreinnahmen, auf Seiten der Bevölkerung führt es dazu, dass viele Menschen ihre einfache und günstige Mobilitätsoption wieder verlieren. Und es gibt eine – ebenfalls nicht kleine – Gruppe, denen schon die heutigen 49 Euro zu teuer sind.Die ständige Diskussion um die Zukunft des Deutschlandtickets schadet der Verkehrswende massiv: Nur wenn Menschen sich darauf verlassen können, dass es dieses Ticket gibt, werden sie verlässlich auf den öffentlichen Verkehr umsteigen und dafür auch ein Auto abschaffen. Wann kommt das bundesweite Sozialticket?Statt einer Verteuerung sollte das Deutschlandticket weiter entwickelt werden: Sinnvoll wäre ein bundesweit gültiges Sozialticket für Menschen mit geringem Einkommen – beispielsweise für 29 Euro. Damit könnte man neue Kundschaft für den öffentlichen Verkehr gewinnen und Menschen Bewegungsfreiheit und Teilhabe ermöglichen. Und wenn das Ticket noch mehr als bisher zur Verkehrswende beitragen soll, muss es außerdem die Funktionalität einer Umweltkarte erhalten: Die Möglichkeit der Mitnahme von Kindern oder sogar noch einer weiteren erwachsenen Person abends und am Wochenende würde verhindern, dass Deutschlandticket-Nutzende für Fahrten in ihrer Freizeit doch wieder aufs Auto umsteigen – weil es bisher kompliziert und teuer ist, zusätzlich einzelne Tickets für alle Familienmitglieder zu kaufen.Eine solche Weiterentwicklung des Tickets kostet Geld, aber im Vergleich zu anderen, fragwürdigen verkehrspolitischen Maßnahmen geht es hier um überschaubare Beträge. Das Geld dafür ist vorhanden, wenn wir uns endlich trauen, die Dinge teurer zu machen, die klimaschädliches Verhalten fördern. Das würde dann gleich doppelt dazu beitragen, dass die Emissionen des Verkehrs endlich absinken, anstatt die Klimaziele Jahr für Jahr zu reißen. Und das Sommermärchen des 9-Euro-Tickets, das vor zwei Jahren begann, könnte weitergehen.



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Von Veritatis

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