Ist das Land auf dem Weg in eine Rezession? Fragen Sie zehn Ökonomen und Sie erhalten wahrscheinlich zehn verschiedene Antworten. Aus diesem Grund haben viele Leute aufgehört, sich auf traditionelle Wirtschaftskennziffern zu verlassen: Statt sich an BIP und Arbeitslosenzahlen zu orientieren, wenden sie sich ungewöhnlicheren Indikatoren zu, um die konjunkturelle Lage zu erfassen. Hier sind einige Beispiele.

Aufnäher auf der Arbeitskleidung

Ein bekannter Wirtschaftsindikator sind die Arbeitslosenzahlen. Aber vielleicht gibt es einen besseren Weg, um die konjunkturelle Lage zu messen? Zum Beispiel: die Zahl der Uniformaufnäher, die in einem Jahr verkauft werden. Uniformaufnäher? Ja, gemeint sind die Logos auf der Arbeitskleidung von Millionen von Angestellten – von Fast-Food-Kassiererin bis Trockenbauer. Einer der weltweit größten Hersteller von Abzeichen und Aufnähern ist das private Unternehmen World Emblem. Dessen Finanzdaten sind nicht leicht zu bekommen. Aber sein Eigentümer erzählte kürzlich der Zeitung USA Today, die Verkaufszahlen seien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19 Prozent nach oben gegangen. „Wir sehen keine Rezession“, sagt Randy Carr, CEO des Unternehmens mit Sitz in Florida. „Es ist schwer zu glauben, dass es eine geben sollte.“

Herrenunterhosen

Befragt man irgendeinen Mann zum Thema Unterwäschekauf, wird er zugeben: In guten Zeiten achten wir auf gute Qualität des Materials, aber wenn das Geld knapp ist, tragen wir die Dinger, bis sie praktisch vom Hintern fallen. Spiegelt also der Verkauf von Herrenunterwäsche die gesamte Wirtschaft wider? Manche – darunter Alan Greenspan, der frühere Chef der US-Zentralbank – sind davon überzeugt. Wenn man herausfinden will, wie es dem Herrenunterhosen-Geschäft geht in Europa, lohnt ein Blick auf die einzelnen Firmen. So ist der Umsatz von PVH Corp (zu der mehrere führende Branchen gehören, darunter Calvin Klein und Tommy Hilfiger) im Vergleich zum letzten Jahr um 2,14 Prozent gestiegen. Und auch Ralph Lauren hatte im März einen um 1,76 höhreren Umsatz zu verzeichnen als im Vorjahr. Aus Sicht der Unterhosenbranche geht es der europäischen Wirtschaft also: ganz gut.

Lippenstift-Effekt

Meistens ist Lippenstift ein relativ preiswertes Accessoire. Der Preis für einen normalen Stift liegt irgendwo zwischen fünf und dreißig Euro. Die Geschichte zeigt, dass Frauen in finanziell knappen Zeiten weniger Geld für Schönheitsartikel wie Makeup und Parfüm ausgeben. Aber Lippenstift? Den leistet man sich trotzdem! Wenn mehr Lippenstifte verkauft und weniger Luxus-Schönheitsartikel gekauft werden, ist das also ein weiteres mögliches Zeichen für eine schlechte wirtschaftliche Lage. Dieser sogenannte „Lippenstift-Effekt“ wird seit mehr als 20 Jahren in Krisenzeiten festgestellt. So auch aktuell: Die großen Kosmetikhersteller L’Oreal, Estee Lauder und Ulta Beauty haben in jüngerer Zeit allesamt Umsatzsteigerungen verzeichnet.

Frachtkosten

Die weltweite Schifffahrt hat einen erheblichen Einfluss auf unsere Wirtschaft. Einige Ökonomen schauen sich deswegen den Frachtpreis genauer an. Denn in einer Welt von Angebot und Nachfrage müsste es, je mehr Nachfrage nach Lieferungen besteht, umso höhere Frachtkosten geben. Der „Baltic Dry Index“ gibt die Kosten für den Transport von Gütern über die Ostsee wider – immerhin eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt. Die Frachtkosten auf dieser Strecke sind im vergangenen Jahr um mehr als 55 Prozent gestiegen und liegen sogar leicht über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie. Eine taumelnde Weltwirtschaft lässt sich aus dieser Perspektive nicht feststellen.

Wer fährt gerne Wohnmobil?

Wer noch nie eine Reise mit einem Wohnmobil gemacht hat, hat definitiv etwas verpasst. Manche Ökonomen halten Wohnmobil-Verkaufszahlen für einen Wirtschaftsindikator, weil der Luxusartikel nicht nur teuer in der Anschaffung ist, sondern auch hohe Unterhaltskosten mit sich bringt und tendenziell einen sehr hohen Spritverbrauch hat. Wer sich solch eine Anschaffung leistet, guckt also optimistisch auf seine finanzielle Lage in der Zukunft. Wie geht es also der Wohnmobilbranche? In den Vereinigten Staaten muss man sagen: nicht gut. Die Verkaufszahlen vom großen US-Hersteller Winnebago gingen in den vergangenen Jahren zurück, und der Aktienkurs des Unternehmens fiel 2023 um 35 Prozent. Auch in vielen europäischen Ländern ging die Nachfrage nach Campingmobilen im letzten Jahr zurück.

Champagner, Popcorn und japanische Frisuren

Mit den genannten Beispielen kratzt man aber nur an der Oberfläche der ungewöhnlichen Wirtschaftsindikatoren. Neben dem Wohnmobilabsatz kann man sich auch die Verkaufszahlen von Champagner angucken. Und statt auf Veränderungen bei der Herrenunterwäsche zu schielen, kann man auf die Saumlänge von Frauenröcken achten (die angeblich mit dem Aktienmarkt steigen und fallen). Oder man beobachtet den Popcorn-Konsum, von dem manche sagen, dass er in Zeiten der Rezession als kleiner Luxus, den man sich trotz allem gönnt, zunimmt. Sie können auch die Frisuren in Japan im Blick behalten, von denen manche behaupten, dass die Frauen in guten Zeiten ihr Haar länger und in schlechten kürzer tragen. Viel Erfolg dabei, die entsprechenden Daten aufzutreiben.



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Von Veritatis

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