Nirgends in Deutschland leben Arm und Reich so scharf getrennt wie hier. Auf dem Dreesch, im armen Teil der Stadt Schwerin, gärtnern Nachbarn ins Wahljahr – gemeinsam auch mit offenen AfD-Unterstützern. Ist die Erde für alle da?
Die Gartenkoordinatorin Birte Rathsmann und der Sozialarbeiter Thomas Littwin auf dem Gelände des Gartenprojekts im Schweriner Stadtteil Dreesch
Foto: Daniel Chatard für der Freitag
„Also, das ist Petra, sie hat einen Nudelsalat gestiftet.“ Anerkennendes Gemurmel am Tisch. „Und das ist Katja, Gärtnerin, Malerin, unsere gute Seele. Übrigens, Katja hat jetzt eine Arbeit, am Theater, als … als was genau eigentlich?“, fragt Birte Rathsmann. „Theatermalerin“, sagt die junge Frau mit den braunen Locken und strahlt. Applaus.
Die Kälte hat Norddeutschlands größte Plattenbausiedlung fest im Griff, den Dreesch hier in Schwerin. Die Gegend ist ohnehin nicht unbedingt das, was man beschaulich nennt, doch bei diesig-eisigem Wetter wirkt die Tristesse geradezu bedrückend. Hier in der kleinen Kirche aber ist es warm rund um Birte Rathsmann und Katja, die Gärtnerin. Zwei Dutzend Menschen sind zusammengekommen, um zu Jahresbeginn ein kleines Stück Land zu feiern: ihren gemeinsam bestellten Nachbarschaftsgarten, den Rathsmann koordiniert.
Wie ein Garten inmitten der Platte Gemeinschaft spendet: Nudelsalat und Halal-Sülze
Der Garten liegt gleich gegenüber der Kirche. Für kleines Geld können Anwohner eine Parzelle oder eine Holzkiste mit Hochbeet mieten und bewirtschaften, es gibt Arbeitseinsätze und viele Feste. Schulkinder kommen vorbei, um etwas über Pflanzen zu lernen. Nachbarn können Gemeinschaft finden.
Katja also ist da, und dort der Manfred, Heide und Wolfram – „Wir sind die Seniorenecke“, tönt es vergnügt. Sara und ihr Vater Abdul, die Familie kommt aus Afghanistan. Als jeder einzelne der 21 Anwesenden mit ein paar Worten bedacht wurde, hat Petra noch etwas zum Buffet zu sagen. Denn außer Nudelsalat hat sie auch noch Sülze mitgebracht. „Und die ist übrigens hala, halay – wie sagt man das noch mal?“
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Um zu verstehen, wie wichtig der Garten für den Dreesch ist, diesen Teil von Schwerin, muss man etwas über die Stadt wissen. Denn die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns belegt seit Jahren einen traurigen Spitzenplatz: Sie führt den Sozialsegregationsindex an. Nirgendwo sonst in Deutschland leben Arm und Reich so scharf voneinander getrennt wie hier. Die Gutverdienenden wohnen in der entzückend pittoresken Schweriner Altstadt, zwischen Fachwerk, Schloss und Pfaffenteich. Die anderen: auf dem Dreesch.
„Dreesch“ ist Mundart für „Acker“, doch vom einstigen Ackerland ist nichts geblieben. Grauer Beton beherrscht die Siedlung, die vor 50 Jahren für 60.000 Bewohner hochgezogen wurde. Nach einer Abwanderungswelle in den 1990ern leben noch 25.000 Menschen hier, etwa ein Viertel der Bevölkerung Schwerins. Und obwohl Altstadt und Dreesch nicht weit auseinanderliegen – 20 Minuten mit der Straßenbahn –, scheinen sie wie durch eine unsichtbare Grenze getrennt zu sein. Dass sich einer aus dem einen Teil in den anderen verirrt, ist nicht alltäglich.
Umso beachtlicher ist es, dass im April eine Kandidatin vom Dreesch für die Wahl zur Oberbürgermeisterin von Schwerin antritt. Der bisherige Bürgermeister, Sozialdemokrat Rico Badenschier, ist im September überraschend zurückgetreten. SPD und Linke schicken eine gemeinsame Kandidatin ins Rennen: Mandy Pfeifer, aufgewachsen auf dem Dreesch und die einzige Politikerin, die hier draußen ein Wahlkreisbüro hat, was ihr einige Anwohner hoch anrechnen.
An der sorgsam hergerichteten Tafel in der kleinen Kirche, an der jetzt erst einmal geschwatzt und gegessen wird, sind aber andere Themen wichtig: die Gesundheit. Und was machen die Kinder so? Eine Nachbarin würde gerne wegziehen, wie läuft das mit der Wohnungssuche?
Warum die lokale AfD zwei unterschiedliche Erzählungen nutzt
Der Garten ist für alle da, auch offene Unterstützer der AfD sind dabei. Auf dem Dreesch erzielt die Partei unter denen, die das Wahlrecht besitzen, zwischen 40 und 50 Prozent. In einigen der wohlsituierteren Teile Schwerins kommt sie ebenfalls auf hohe Zustimmungswerte. Auf dem Dreesch sagen viele: Es waren ja alle schon mal dran, also kriegt die AfD jetzt ihre Chance. AfD-Landessprecher Leif-Erik Holm, seit 2017 Abgeordneter im Bundestag, war früher ein anerkannter Radiomoderator, unter anderem beim NDR.
Die Partei weiß die geteilte Stadt gut zu bedienen. Beim Neujahrsempfang erzählt einer der Gärtner: „In der Altstadt versprechen die den Leuten: Wir halten euch das Kroppzeug vom Dreesch vom Hals. Hier sagen sie uns: gegen die da oben in der Altstadt.“
„Da oben“ in der Altstadt ist auch der Sitz der Landesregierung. In Mecklenburg-Vorpommern regiert die SPD um Manuela Schwesig in einer inzwischen auch in Ostdeutschland selten gewordenen Koalition mit der Linkspartei; neben Bremen ist es das letzte Bundesland, in dem die Linke überhaupt noch mitregiert.
Staatstragende Linke – mit positivem Bundestrend im Rücken
Und zwar „geräuschlos“, wie man so schön sagt. Die Linke gilt hier im Nordosten als traditionell staatstragend, sie war seit der Wende schon oft an der Regierung beteiligt, manch einer nennt sie „gutbürgerlich“. Vielleicht nicht ganz das, was es braucht, wenn man sich gegen die AfD behaupten will.
Sozialministerin Stefanie Drese, Sie sind jederzeit willkommen bei uns
Allerdings: Da die Linke vom Bundestrend profitiert und – Stand jetzt – ein paar Prozentpunkte dazugewinnen könnte, und auch das Bündnis Sahra Wagenknecht Chancen auf einen Einzug in den Landtag hat, ist eine Koalition jenseits der Rechten und auch ohne CDU-Beteiligung durchaus denkbar. Trotz des drohenden Wahldebakels für die SPD. Während diese 2021 noch fast 40 Prozent holte, liegt die Partei in Umfragen derzeit nur noch bei 25 Prozent. Die AfD dagegen kommt auf 35 Prozent.
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Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr wurde die AfD in allen sechs Wahlkreisen des Bundeslandes stärkste Kraft – 2021 hatte das noch die SPD geschafft.
Wenig Erwartungen an die Politik: Erst mal schauen, dann irgendwie arrangieren
Fragt man bei den Gärtnern in der Kirche nach, was sie politisch vom Jahr erwarten, so zucken die meisten die Schultern: Erst mal schauen, dann irgendwie arrangieren. So richtige Angst hat keiner, große Hoffnungen auch nicht. Später am Nachmittag geht ein Plakat herum, auf dem alle unterschreiben, ein Dankeschön an die Sozialministerin des Landes, Stefanie Drese von der SPD, weil sie sich für den Garten eingesetzt hat.
„Sie sind jederzeit willkommen bei uns“, notiert Thomas Littwin darauf. Der 62-Jährige ist Sozialarbeiter beim Verbund für Soziale Projekte (VSP), einer kleinen Organisation, die den Garten finanziell unterstützt.
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Littwin trägt eine gemütliche grüne Strickjacke zum grauen Bart und freundliche Augen. Er wiegt den Kopf, als er gefragt wird, wie es gerade läuft. Es komme ihm so vor, sagt er, als ob auch in der Politik viele mit Blick auf den Herbst eine abwartende Haltung eingenommen hätten, das mache sich etwa bei der Zurückhaltung bei Förderzusagen bemerkbar. Birte Rathsmann berichtet, dass auch die Weiterfinanzierung des Gemeinschaftsgartens ständig auf der Kippe steht. Zuletzt wurden wieder Mittel und Stunden gekürzt.
Plötzlich erhebt sich Rentner Manfred von der Tafel und bittet um Aufmerksamkeit. Er hat nämlich noch etwas für Katja, die junge Frau mit der neuen Arbeitsstelle am Theater, ein Geschenk, als Dank für ihr Engagement im Sprecherrat. Es ist eine selbst gezimmerte Werkbank zum Anmischen ihrer Farben. Katja ist ja nicht nur Gärtnerin, sondern auch Malerin, wie alle hier wissen.
Katja ist außerdem Ukrainerin. Sie ist nach Beginn der russischen Vollinvasion 2022 geflohen. Zum Neujahrsempfang des Nachbarschaftsgartens hat sie ihre Verwandten mitgebracht. Der Anteil der Menschen mit Migrationsgeschichte ist auf dem Dreesch mit über 30 Prozent dreimal so hoch wie im Durchschnitt Schwerins.
Dubiose Privatvermieter auf dem Dreesch – mitunter gibt es keinen Strom
Nach der Wende hatte die Schweriner Wohnungsgesellschaft ganze Wohnkomplexe verkauft. Neben den kommunalen Wohnungsanbietern treiben auch dubiose Privatvermieter auf dem Dreesch ihr Unwesen, lassen Häuser verrotten, mitunter gibt es auch mal keinen Strom. Wer wegziehen kann, zieht weg, wer sich die Miete woanders leisten kann, kommt gar nicht erst her.
So hat sich auf dem Dreesch über die Jahre ein buntes Völkchen zusammengefunden. Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder der Ukraine, Rentner, die seit DDR-Zeiten hier wohnen, Familien, die sich anderswo das Leben nicht leisten können. 45 Prozent der Bewohner im Stadtteil beziehen Bürgergeld, jedes zweite Kind ist offiziell arm. Ein Stück blühendes, grünes Gemeinschaftsland ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis beharrlicher Arbeit.
Es menschelt schon ordentlich zwischen allen
Davon weiß Birte Rathsmann ein Lied zu singen. Rathsmann lebt im Umland und ist eigentlich Programmiererin. Nach „persönlichen Schicksalsschlägen“, wie sie sagt, habe sie dem Stress ihres alten Jobs entkommen wollen. Hier kämpfte sie um den Erhalt des Gartens, als er eingestampft werden sollte. Jeder hier habe so seine Macken, sagt sie liebevoll über ihre Mitstreiter.
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Streiten ja, aber anders: Der Garten muss bestellt werden
Die Streitthemen sind derweil andere als die altbekannten: Wer kümmert sich um den Kompost? Manche verdächtigen andere, zu viel Wasser zu verbrauchen, so was eben. Aber da ist auch der Stolz, es bis hierher geschafft zu haben. Denn wie auch immer die Wahlen ausgehen, der Garten muss bestellt werden.
Und so sind für die Gärtnerinnen und Gärtner die wichtigen Termine in diesem Jahr nicht die Wahltage für Stadt und Land im April und September, sondern das gemeinsame Grillen, die Arbeitseinsätze, das Erntedankfest. Wie Rathsmann sagt: „Es menschelt schon ordentlich zwischen allen.“
beschaulich nennt, doch bei diesig-eisigem Wetter wirkt die Tristesse geradezu bedrückend. Hier in der kleinen Kirche aber ist es warm rund um Birte Rathsmann und Katja, die Gärtnerin. Zwei Dutzend Menschen sind zusammengekommen, um zu Jahresbeginn ein kleines Stück Land zu feiern: ihren gemeinsam bestellten Nachbarschaftsgarten, den Rathsmann koordiniert.Wie ein Garten inmitten der Platte Gemeinschaft spendet: Nudelsalat und Halal-SülzeDer Garten liegt gleich gegenüber der Kirche. Für kleines Geld können Anwohner eine Parzelle oder eine Holzkiste mit Hochbeet mieten und bewirtschaften, es gibt Arbeitseinsätze und viele Feste. Schulkinder kommen vorbei, um etwas über Pflanzen zu lernen. Nachbarn können Gemeinschaft finden.Katja also ist da, und dort der Manfred, Heide und Wolfram – „Wir sind die Seniorenecke“, tönt es vergnügt. Sara und ihr Vater Abdul, die Familie kommt aus Afghanistan. Als jeder einzelne der 21 Anwesenden mit ein paar Worten bedacht wurde, hat Petra noch etwas zum Buffet zu sagen. Denn außer Nudelsalat hat sie auch noch Sülze mitgebracht. „Und die ist übrigens hala, halay – wie sagt man das noch mal?“Placeholder image-1Um zu verstehen, wie wichtig der Garten für den Dreesch ist, diesen Teil von Schwerin, muss man etwas über die Stadt wissen. Denn die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns belegt seit Jahren einen traurigen Spitzenplatz: Sie führt den Sozialsegregationsindex an. Nirgendwo sonst in Deutschland leben Arm und Reich so scharf voneinander getrennt wie hier. Die Gutverdienenden wohnen in der entzückend pittoresken Schweriner Altstadt, zwischen Fachwerk, Schloss und Pfaffenteich. Die anderen: auf dem Dreesch.„Dreesch“ ist Mundart für „Acker“, doch vom einstigen Ackerland ist nichts geblieben. Grauer Beton beherrscht die Siedlung, die vor 50 Jahren für 60.000 Bewohner hochgezogen wurde. Nach einer Abwanderungswelle in den 1990ern leben noch 25.000 Menschen hier, etwa ein Viertel der Bevölkerung Schwerins. Und obwohl Altstadt und Dreesch nicht weit auseinanderliegen – 20 Minuten mit der Straßenbahn –, scheinen sie wie durch eine unsichtbare Grenze getrennt zu sein. Dass sich einer aus dem einen Teil in den anderen verirrt, ist nicht alltäglich.Umso beachtlicher ist es, dass im April eine Kandidatin vom Dreesch für die Wahl zur Oberbürgermeisterin von Schwerin antritt. Der bisherige Bürgermeister, Sozialdemokrat Rico Badenschier, ist im September überraschend zurückgetreten. SPD und Linke schicken eine gemeinsame Kandidatin ins Rennen: Mandy Pfeifer, aufgewachsen auf dem Dreesch und die einzige Politikerin, die hier draußen ein Wahlkreisbüro hat, was ihr einige Anwohner hoch anrechnen.An der sorgsam hergerichteten Tafel in der kleinen Kirche, an der jetzt erst einmal geschwatzt und gegessen wird, sind aber andere Themen wichtig: die Gesundheit. Und was machen die Kinder so? Eine Nachbarin würde gerne wegziehen, wie läuft das mit der Wohnungssuche?Warum die lokale AfD zwei unterschiedliche Erzählungen nutztDer Garten ist für alle da, auch offene Unterstützer der AfD sind dabei. Auf dem Dreesch erzielt die Partei unter denen, die das Wahlrecht besitzen, zwischen 40 und 50 Prozent. In einigen der wohlsituierteren Teile Schwerins kommt sie ebenfalls auf hohe Zustimmungswerte. Auf dem Dreesch sagen viele: Es waren ja alle schon mal dran, also kriegt die AfD jetzt ihre Chance. AfD-Landessprecher Leif-Erik Holm, seit 2017 Abgeordneter im Bundestag, war früher ein anerkannter Radiomoderator, unter anderem beim NDR.Die Partei weiß die geteilte Stadt gut zu bedienen. Beim Neujahrsempfang erzählt einer der Gärtner: „In der Altstadt versprechen die den Leuten: Wir halten euch das Kroppzeug vom Dreesch vom Hals. Hier sagen sie uns: gegen die da oben in der Altstadt.“„Da oben“ in der Altstadt ist auch der Sitz der Landesregierung. In Mecklenburg-Vorpommern regiert die SPD um Manuela Schwesig in einer inzwischen auch in Ostdeutschland selten gewordenen Koalition mit der Linkspartei; neben Bremen ist es das letzte Bundesland, in dem die Linke überhaupt noch mitregiert.Staatstragende Linke – mit positivem Bundestrend im Rücken Und zwar „geräuschlos“, wie man so schön sagt. Die Linke gilt hier im Nordosten als traditionell staatstragend, sie war seit der Wende schon oft an der Regierung beteiligt, manch einer nennt sie „gutbürgerlich“. Vielleicht nicht ganz das, was es braucht, wenn man sich gegen die AfD behaupten will.Sozialministerin Stefanie Drese, Sie sind jederzeit willkommen bei unsThomas Littwin, Verbund für Soziale Projekte Allerdings: Da die Linke vom Bundestrend profitiert und – Stand jetzt – ein paar Prozentpunkte dazugewinnen könnte, und auch das Bündnis Sahra Wagenknecht Chancen auf einen Einzug in den Landtag hat, ist eine Koalition jenseits der Rechten und auch ohne CDU-Beteiligung durchaus denkbar. Trotz des drohenden Wahldebakels für die SPD. Während diese 2021 noch fast 40 Prozent holte, liegt die Partei in Umfragen derzeit nur noch bei 25 Prozent. Die AfD dagegen kommt auf 35 Prozent.Placeholder image-2Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr wurde die AfD in allen sechs Wahlkreisen des Bundeslandes stärkste Kraft – 2021 hatte das noch die SPD geschafft.Wenig Erwartungen an die Politik: Erst mal schauen, dann irgendwie arrangierenFragt man bei den Gärtnern in der Kirche nach, was sie politisch vom Jahr erwarten, so zucken die meisten die Schultern: Erst mal schauen, dann irgendwie arrangieren. So richtige Angst hat keiner, große Hoffnungen auch nicht. Später am Nachmittag geht ein Plakat herum, auf dem alle unterschreiben, ein Dankeschön an die Sozialministerin des Landes, Stefanie Drese von der SPD, weil sie sich für den Garten eingesetzt hat.„Sie sind jederzeit willkommen bei uns“, notiert Thomas Littwin darauf. Der 62-Jährige ist Sozialarbeiter beim Verbund für Soziale Projekte (VSP), einer kleinen Organisation, die den Garten finanziell unterstützt.Placeholder image-4Littwin trägt eine gemütliche grüne Strickjacke zum grauen Bart und freundliche Augen. Er wiegt den Kopf, als er gefragt wird, wie es gerade läuft. Es komme ihm so vor, sagt er, als ob auch in der Politik viele mit Blick auf den Herbst eine abwartende Haltung eingenommen hätten, das mache sich etwa bei der Zurückhaltung bei Förderzusagen bemerkbar. Birte Rathsmann berichtet, dass auch die Weiterfinanzierung des Gemeinschaftsgartens ständig auf der Kippe steht. Zuletzt wurden wieder Mittel und Stunden gekürzt.Plötzlich erhebt sich Rentner Manfred von der Tafel und bittet um Aufmerksamkeit. Er hat nämlich noch etwas für Katja, die junge Frau mit der neuen Arbeitsstelle am Theater, ein Geschenk, als Dank für ihr Engagement im Sprecherrat. Es ist eine selbst gezimmerte Werkbank zum Anmischen ihrer Farben. Katja ist ja nicht nur Gärtnerin, sondern auch Malerin, wie alle hier wissen.Katja ist außerdem Ukrainerin. Sie ist nach Beginn der russischen Vollinvasion 2022 geflohen. Zum Neujahrsempfang des Nachbarschaftsgartens hat sie ihre Verwandten mitgebracht. Der Anteil der Menschen mit Migrationsgeschichte ist auf dem Dreesch mit über 30 Prozent dreimal so hoch wie im Durchschnitt Schwerins.Dubiose Privatvermieter auf dem Dreesch – mitunter gibt es keinen StromNach der Wende hatte die Schweriner Wohnungsgesellschaft ganze Wohnkomplexe verkauft. Neben den kommunalen Wohnungsanbietern treiben auch dubiose Privatvermieter auf dem Dreesch ihr Unwesen, lassen Häuser verrotten, mitunter gibt es auch mal keinen Strom. Wer wegziehen kann, zieht weg, wer sich die Miete woanders leisten kann, kommt gar nicht erst her.So hat sich auf dem Dreesch über die Jahre ein buntes Völkchen zusammengefunden. Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder der Ukraine, Rentner, die seit DDR-Zeiten hier wohnen, Familien, die sich anderswo das Leben nicht leisten können. 45 Prozent der Bewohner im Stadtteil beziehen Bürgergeld, jedes zweite Kind ist offiziell arm. Ein Stück blühendes, grünes Gemeinschaftsland ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis beharrlicher Arbeit.Es menschelt schon ordentlich zwischen allenBirte Rathsmann, Koordinatorin vom NachbarschaftsgartenDavon weiß Birte Rathsmann ein Lied zu singen. Rathsmann lebt im Umland und ist eigentlich Programmiererin. Nach „persönlichen Schicksalsschlägen“, wie sie sagt, habe sie dem Stress ihres alten Jobs entkommen wollen. Hier kämpfte sie um den Erhalt des Gartens, als er eingestampft werden sollte. Jeder hier habe so seine Macken, sagt sie liebevoll über ihre Mitstreiter.Placeholder image-3Streiten ja, aber anders: Der Garten muss bestellt werdenDie Streitthemen sind derweil andere als die altbekannten: Wer kümmert sich um den Kompost? Manche verdächtigen andere, zu viel Wasser zu verbrauchen, so was eben. Aber da ist auch der Stolz, es bis hierher geschafft zu haben. Denn wie auch immer die Wahlen ausgehen, der Garten muss bestellt werden.Und so sind für die Gärtnerinnen und Gärtner die wichtigen Termine in diesem Jahr nicht die Wahltage für Stadt und Land im April und September, sondern das gemeinsame Grillen, die Arbeitseinsätze, das Erntedankfest. Wie Rathsmann sagt: „Es menschelt schon ordentlich zwischen allen.“