Aber auf welche Weise vermittelt der Klassiker die moralischen Werte, die die chinesische Kultur seit Jahrtausenden prägen? Und warum hat diese Weisheit bis heute Gültigkeit?
Die Kraft der moralischen Früherziehung
Diese Worte gehen zurück auf die Philosophie von Mencius, der vermutlich ein Schüler von Konfuzius’ Enkel Zisi und einer der Interpreten des Konfuzianismus gewesen ist. Sie besagt, dass Güte angeboren ist – wie ein Samenkorn, das darauf wartet, zu gedeihen.
Die folgenden Zeilen mahnen jedoch zur Vorsicht:
„Ihr Wesen ist sehr ähnlich, ihre Gewohnheiten unterscheiden sich jedoch erheblich. Wenn es törichterweise keine Unterweisung gibt, wird ihre Natur verderben. Der richtige Weg der Unterweisung besteht darin, größten Wert auf Sorgfalt zu legen.“
Unsere Umgebung und Erziehung bestimmen letztlich, ob unsere Saat aufgeht oder verkümmert. Mit diesem konfuzianischen Ansatz der Frühförderung wird ein wichtiger moralischer Aspekt deutlich: Die Förderung der natürlichen Gutherzigkeit eines Kindes ist eine heilige Pflicht der Eltern. Um das Kind auf dem Pfad der Tugend zu halten, bedarf es einer konsequenten Anleitung.
Die Rolle der Nachbarn
Der Wohnort eines Kindes übt nicht nur Einfluss auf die Entwicklung seines Charakters aus, sondern auch auf seine spätere Berufswahl. Das zeigt folgende Geschichte:
Als der Junge alt genug war, um zur Schule zu gehen, schwänzte er eines Tages den Unterricht. Die Mutter unterbrach ihre Webarbeit mit einer drastischen Geste und schnitt symbolisch den Faden an ihrem Webstuhl ab. Sie erklärte:
Beschämt widmete sich Mencius wieder seinen Büchern und wuchs zu einem großen konfuzianischen Gelehrten heran, bekannt als „der Zweite Weise“ nach Konfuzius. Zu verdanken ist dies den unermüdlichen Bemühungen seiner Mutter, die auf seine moralische und intellektuelle Entwicklung großen Wert legte.

Die Rolle der Eltern
Dann gab es noch Dou Yanshan, einen Gelehrten und Beamten der Tang-Dynastie, der mit über 30 noch kinderlos war. Da sich in der damaligen Zeit die Paare schon früh vermählten, begann Dou, sich Sorgen um seinen Nachwuchs zu machen. Eines Nachts erschien ihm sein verstorbener Großvater im Traum. Er warnte ihn, dass sein Karma aus seinem früheren Leben zu groß sei, sodass er nur ein kurzes Leben führen und keine Söhne zeugen würde – es sei denn, er ändere sich.
Dou nahm sich diese Worte zu Herzen und begann, Familien in Not Geld zu leihen. Er gründete Privatschulen für benachteiligte Kinder und finanzierte für Arme Beerdigungen sowie Hochzeiten. Seine guten Taten brachten ihm fünf Söhne ein, die er nach moralischen Maßstäben erzog. Sie alle bestanden die strenge kaiserliche Prüfung und wurden geachtete Beamte, wodurch der Familie eine Vorbildrolle im Hinblick auf Tugendhaftigkeit zuteilwurde.
In Dous Geschichte heißt es: „Dou Yanshan lehrte seine fünf Söhne mit aufrichtigen Methoden, und alle wurden berühmt.“
Diese Geschichten unterstreichen einen wesentlichen Aspekt der Erziehung: Eltern müssen Rechtschaffenheit vorleben und vermitteln, sodass nicht nur ihre Kinder, sondern auch die zukünftige Gesellschaft dadurch geprägt werden.
Die fünf Beziehungen
Der Klassiker beschreibt zudem detailliert, dass Menschen in unterschiedlichen Positionen ihres Lebens verschiedene Beziehungen pflegen sollten. Kinder rezitieren und lernen diese Verse auswendig, sodass sie ihnen ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Dadurch wächst ihr Verständnis, welche Rituale und Regeln sie in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft befolgen sollten.
„Zwischen Vater und Sohn sollte Zuneigung herrschen.
Zwischen Mann und Frau Harmonie.
Ein älterer Bruder sollte freundlich sein, der jüngere respektvoll.
Alte und Junge müssen ihre richtige Ordnung beachten, das ist das Prinzip für Freunde.
Ein Herrscher sollte Achtung zeigen und ein Minister Loyalität.
Diese zehn Tugenden sind moralische Pflichten aller.
Befolge sie treu und verstoße niemals gegen ihre Ordnung.“
Diese Tugenden, die in dem Buch als „Zehn Prinzipien der Rechtschaffenheit“ bezeichnet werden, sind Ausdruck der Grundprinzipien von Konfuzius: Ren (Güte), Yi (Rechtschaffenheit), Li (Riten), Zhi (Weisheit) und Xin (Vertrauenswürdigkeit). Sie regeln, wie wir uns in der Gesellschaft verhalten sollen.

Konfuzius’ Lehren von Ren, Yi, Li, Zhi und Xin.
Foto: Linda Zhao/The Epoch Times
Jeder von uns spielt viele Rollen: Eltern, Ehepartner, Kinder, Geschwister, Freunde, Vorgesetzte und Mitarbeiter, um nur einige zu nennen. Die Basis für all diese Beziehungen bilden gegenseitiger Respekt und Aufrichtigkeit, Pietät, Liebe, Harmonie und Loyalität.
Eine freundliche Gesellschaft beginnt bei uns selbst. Wenn wir ehrlich und freundlich handeln, beeinflussen wir natürlich unsere Familie, unsere Freunde und all die Menschen in unserer Umgebung. Durch unser Verhalten erzeugen wir aber auch einen starken, vor allem nachhaltigen Welleneffekt der Gutherzigkeit, der Einfluss auf die Gesellschaft ausübt.
Geschichte über kindliche Pietät
Eine bewegende Geschichte über die kindliche Pietät in dem Klassiker verdeutlicht, wie diese Grundsätze zur Charakterbildung eines Kindes beitragen.
Als Huang Xiang, ein Junge aus der östlichen Han-Dynastie, neun Jahre alt war, starb seine Mutter. Obwohl er sie vermisste, kümmerte er sich sehr gut um seinen Vater: Im Sommer fächelte er ihm Luft zu, um sein Kopfkissen zu kühlen, und im Winter legte er sich in dessen Bett, um es vor dem Schlafengehen anzuwärmen. Diese Gesten verdeutlichen, wie selbst kleine Kinder solche Tugenden verkörpern können. Die Nachbarn lobten ihn alle und betrachteten ihn als Vorbild für ihre eigenen Kinder.
Vermittlung von Allgemeinwissen
Über die Ethik hinaus vermittelt das Buch grundlegendes Wissen – ähnlich wie ein Grundschulbuch – vom Zählen von eins bis 10.000, über die vier Jahreszeiten und Himmelsrichtungen, Sonne, Mond und Sterne hin zur natürlichen Ordnung von Himmel, Erde und Menschheit. Es führt in die fünf Elemente Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde ein sowie in Geografie, Landwirtschaft, Handel sowie in die traditionellen sechs Getreidesorten und sechs Haustiere.
Da alle Zeilen in diesem Werk aus drei Schriftzeichen bestehen und sich reimen, können Kinder sich den Inhalt leicht merken. Auf diese Weise lernen sie, die Schöpfung, die Erde und den Kosmos zu verstehen. Mit zunehmendem Alter führt das Buch die Kinder an die Vier Bücher und Fünf Klassiker des Konfuzianismus sowie das Studium der Geschichte heran.
Moral und Praxis sind beim Lernen untrennbar miteinander verbunden – beides ist unerlässlich, um einen vollständigen Menschen zu formen.
Moralische Bildung als Lebensaufgabe
Das Buch schließt mit einem Satz, der Warnung und Ermutigung zugleich ist:
„Fleiß bringt Erfolg;
Faulheit bringt nichts.
Bleiben Sie wachsam,
bemühen Sie sich stets.“
Moralisches und intellektuelles Wachstum – heißt es in dem Werk – ist keine Phase der Jugend, sondern eine lebenslange Verpflichtung.
Eine Botschaft für die Gegenwart
Nachdem die Kommunistische Partei Chinas im Jahr 1949 die Macht in China übernommen hatte, wurde die traditionelle Kultur verteufelt, insbesondere während der Kulturrevolution. Die konfuzianische Morallehre und Schriften wie der „Drei-Zeichen-Klassiker“ wurden abwertend als „feudaler Aberglaube“ bezeichnet. Infolgedessen verschwanden die moralische Erziehung ebenso wie die zugrundeliegenden Texte. Die daraus resultierende Aushöhlung der Ethik in der chinesischen Gesellschaft war eine schmerzhafte Lektion.
Die Botschaft dieses Werkes jedoch überdauert: Der Mensch besitzt von Natur aus Güte, aber diese muss durch Bildung, Selbstdisziplin und moralische Vorbilder gepflegt werden. Wenn Menschen Tugendhaftigkeit kultivieren, erblühen Familien und eine stabile, gerechte Gesellschaft.
Vielleicht ist dies die tiefgründigste Lektion, die dieses unscheinbare Buch unserer heutigen Zeit vermittelt: Güte ist unsere Natur – aber sie überdauert nur, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, sie zu praktizieren.