Wal Timmy hat einen Vorgänger: Vor 60 Jahren schwamm ein Beluga den Rhein hinauf. Duisburgs Zoo-Direktor jagte „Moby Dick“ aka „Willi de Waal“. Wie der zu Medien- und Wahlkampfthema, Schunkellied und zum Impuls für die Umweltbewegung wurde


Mit zusammengeknüpften Tennisnetzen wollten der Direktor des Duisburger Zoos, Wolfgang Gewalt, und die Polizei „Moby Dick“ fangen. Doch er tauchte immer wieder unter der Falle hindurch.

Foto: Picture Alliance/dpa


Am Vormittag des 13. Juni 1966 ist der Plenarsaal der Bonner Bundespressekonferenz bis auf den letzten Platz besetzt. Es geht um drängende NATO-Fragen, Frankreich hat kürzlich angekündigt, das Militärbündnis zum 1. Juli zu verlassen. Doch das scheint mit einem Mal vergessen. Draußen geschieht Außergewöhnliches, wie Regierungssprecher Karl-Günther von Hase verkündet: „Moby Dick“ sei aufgetaucht! Plötzlich ist die Weltpolitik weit weg. Ob Politiker oder Journalisten – alles drängt ans Rheinufer.

„Moby Dick“, so hat die Presse den Weißwal getauft, der vor knapp vier Wochen bei Duisburg aufgetaucht ist, in Anlehnung an Herman Melvilles gleichnamigen Roman. Die Rheinschiffer, die ihn am 18. Mai entdeckt haben, halten ihn zunächst für ein „weißes Ungeheuer“. Erst der zu Rate gezogene Direktor des Duisburger Zoos, Wolfgang Gewalt, erkennt, dass es sich um einen Weißwal, einen Beluga, handelt. Bis zu sechs Meter können diese Tiere messen und mehr als eine Tonne wiegen. Als der Zoodirektor das knapp vier Meter lange und geschätzt 750 Kilogramm schwere Tier sieht, sagt er: „Mann, ist das ein Wurm.“

In Wolfgang Gewalts Zoo steht Deutschlands erstes Delfinarium

Der 37-jährige Gewalt, vor anderthalb Monaten aus Westberlin nach Duisburg gekommen, will den Wal fangen und in seinen Tierpark bringen. Dort steht seit einem Jahr Deutschlands erstes Delfinarium, in dem vier Große Tümmler ihre Kreise ziehen, die den Besuchern bestens aus der Fernsehserie Flipper vertraut sind. Gewalt plant längst ein weiteres, größeres Becken. Und hier vor seiner Nase schwimmt ein Wal, der als erster Bewohner in Betracht käme und als Seltenheit bestaunt würde. Einen Beluga haben selbst unter seinen Zookollegen bislang nur wenige zu sehen bekommen.

Die Tagesschau berichtet abends über die Sensation. Die Aufnahmen zeigen, wie Gewalt und seine Helfer von einem Polizeiboot aus mit zusammengeknüpften Tennisnetzen den Wal zu fangen suchen, der jedoch immer wieder unter der ihm gestellten Falle hindurch taucht. Auch die Tagesschau schließt sich dem Ansinnen Gewalts an: Für den Gast im Rhein wäre der Zoo das Beste, heißt es da. „Denn in dem schmutzigen Wasser müsste der Wal bald eingehen.“ Auch in der DDR-Presse taucht er bald auf. Am 20. Mai berichtet die Neue Zeit, das Blatt der Ost-CDU, erstmals über das Tier, das – solange die Waljagd am Niederrhein andauert – stetig größer wird und von anfangs vier auf schließlich sechs Meter anwächst.

So nimmt die Jagd auf den Beluga ihren Lauf. Die Methoden werden einfallsreicher und rabiater, bleiben aber unbeholfen. Ein Tierpfleger stellt dem Wal mit Pfeil und Bogen nach, um eine kleine orangegelbe Signalboje an seinem Rücken zu befestigen. Einige Tierschützer mieten daraufhin einen Hubschrauber und werfen von oben Orangen ins Wasser, um die Jäger zu verwirren. Zoodirektor Gewalt versucht, den Wal vom Schiff aus mit einer Betäubungspistole zu bändigen. Doch die Kanüle ist zu kurz, um dessen dicke Speckschicht zu durchdringen.

„Bei gelungenem Fang – Weißwalkotelett“

Tausende Schaulustige säumen in diesen Maiwochen täglich das Ufer, um den weißen Wal wenigstens einmal zu Gesicht zu bekommen. Die Bild-Zeitung schickt einen Zeppelin los, um ihn aus der Luft zu filmen. An den Stammtischen werden derweil Wetten auf den Ausgang der Jagd abgeschlossen, ein Gastwirt am Niederrhein wirbt: „Bei gelungenem Fang – Weißwalkotelett.“ Als „Moby Dick“ nach einem zweiten Schuss aus Gewalts Pistole plötzlich abtaucht und verschwunden bleibt, kippt die Stimmung. Eine Boulevard-Zeitung fordert: „Verhaftet Dr. Gewalt!“ Doch der ist sich sicher, das Richtige zu tun. In dieser verschmutzten Brühe, schätzt er, überlebe der Wal nicht lange.

Während das Ruhrgebiet mit Kohle und Stahl das „Wirtschaftswunder“ angetrieben hat, blieb die Umwelt auf der Strecke. Der Rhein verkam zur Kloake, verseucht von Chemikalien und Industrieabwässern. Bereits im Bundestagswahlkampf 1961 hatte der SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt die Umweltverschmutzung angeprangert und gefordert, der Himmel über dem Revier müsse wieder blau werden. Dafür erntete Brandt Hohn und Spott, auch aus der eigenen Partei, er verspreche den Menschen „das Blaue vom Himmel“.

Trophäen an den Wänden von Wolfgang Gewalts Dienstwohnung

Zwar nahm sich die Adenauer-Regierung des Desasters an, doch konnte sie die Lage trotz erster Gesetzesänderungen kaum merklich verbessern. Manchem dürfte das Auftauchen des weißen Wals im bleiernen Rhein wie ein Menetekel vorgekommen sein. Es wurde erbarmungslos offenbar, wie verseucht der Fluss seit langem war. An Wolfgang Gewalt prallt die Kritik unterdessen nicht nur ab. Er genießt es geradezu, der Underdog zu sein. Gegen den Strom.

Die Schlagzeilen – die guten wie die, mit denen sein Kopf gefordert wird – säumen die Wände seiner Dienstwohnung wie Trophäen erlegter Tiere. Vorerst unterbricht er jedoch die Jagd auf „Moby Dick“, damit der Wal seinen „Glauben an die Menschheit“ wiedergewinne, wie er im Spiegel erklärt. Warum dieser überhaupt in den Rhein geschwommen ist, kann Gewalt sich nur mit einem „Knacks“ erklären: „Es ist ja nicht normal, dass ein Wal ins Binnenland schwimmt.“ Auch die Süddeutsche Zeitung fragt tags darauf auf ihrer ersten Seite rhetorisch: „Warum ist es für einen Wal im Rhein so schön?“

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Walstrandungen kommen an Europas Küsten jedes Jahr vor. Dass jedoch Wale wie Belugas die Flüsse hinauf schwimmen, so wie sie es in ihren Heimatgefilden am Polarkreis tun, ist neu. Im Mai 1669 wurde ein Zwergwal 23 Kilometer landeinwärts an der Mündung der Lesum in die Weser erlegt. Und einer Schrift von 1689 zufolge soll im Rhein ein „wunderliches Wasser-Thier“ aufgetaucht und mit „grossem Gebrüll und Brautzen“ bis Basel geschwommen sein. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Wal oder eher um eine Robbe gehandelt hat, ist schwer zu sagen.

Die Niederländer nennen ihn „Willi de Waal“ und schimpfen auf die Deutschen

Höchstwahrscheinlich ist „Moby Dicks“ Odyssee menschlichem Zutun zu verdanken. Anfang 1966 war an der kanadischen Ostküste eine Gruppe junger Belugas gefangen worden, die per Frachter in einen englischen Zoo gebracht werden sollten. Kurz vor dem Ziel geriet das Schiff im Ärmelkanal jedoch in einen Sturm und kenterte. Einige der Tiere entkamen. Danach verlor sich ihre Spur, bis wenige Monate später schließlich „Moby Dick“ im Rhein auftauchte.

Mittlerweile ist er in den Niederlanden gesichtet worden, wo man ihn „Willi de Waal“ nennt, nicht behelligt und stattdessen gegen die „barbarischen Fangmethoden der Deutschen“ wettert. Was dem Wal freilich auch hier viel mehr als die Jagd zusetzt, ist das schmutzige Rheinwasser. Seine Haut ist von bräunlichen Flecken übersät. In den Niederlanden versucht man, das Tier zurück ins Meer zu geleiten. Nachdem der Wal ins eingedeichte IJsselmeer geschwommen ist, wird ihm dort eigens eine Schleuse geöffnet. Doch „Moby Dick“ verpasst den Ausweg in die Nordsee, kehrt um und schwimmt zurück nach Deutschland, wo Zoodirektor Gewalt und die Schaulustigen bereits warten.

Wahlkampfthema Wal: Was CDU und SPD forderten

Auch damals schon gibt es Kritik am öffentlichen Rummel. Bernhard Grzimek, oberster Tierschützer der Nation, schreibt Ende Mai im Spiegel: „Um diesen einen Beluga sorgen sich Hunderttausende. Dass die Norweger dieselben Weißwale vor Spitzbergen so gut wie ausgerottet haben, und zwar in recht blutiger, grausamer Weise, kümmert niemanden, denn Spitzbergen ist ja weit weg.“

Die Politik macht den Wal zum Thema im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf. Während die CDU fordert, ihn in Ruhe zu lassen, spricht sich die SPD dafür aus, ihn zu fangen und zurück ins Meer zu bringen. Unterdessen schwimmt er unbeirrt weiter, lässt Gewalt und Duisburg einmal mehr hinter sich. Zieht immer weiter flussaufwärts. Gegen den Strom. Bis nach Bonn, wo die große Politik seinetwegen für einen Augenblick innehält.

Die Band „Medium Terzett“ widmet dem Wal ein Schunkellied

Von dort geht es weiter hinauf bis nach Remagen. Beinah den halben Rhein hat der Wal da bereits hinter sich gelassen, als er auf einmal kehrtmacht und die gesamte Strecke wieder zurückschwimmt. Auch Wolfgang Gewalt lässt ihn nun gewähren. Auf den letzten Kilometern begleiten ihn zwei Autos der niederländischen Polizei. Am Abend des 16. Juni gegen zwanzig vor sieben wird er zum letzten Mal bei Rotterdam am Hoek van Holland gesichtet, bevor er in die Nordsee abtaucht und für immer entschwindet.

Auch wenn „Moby Dick“ so plötzlich wieder weg ist, wie er einen Monat zuvor aufgetaucht war, so bleibt sein Erscheinen doch nicht folgenlos. Es trägt zum Erstarken der noch zaghaften Umweltbewegung bei und hinterlässt seine Spuren in der lokalen Folklore. Im Jahr darauf ziert ein weißer Wal die Orden des Kölner Karnevals. Und die Band „Medium Terzett“ widmet ihm ein Schunkellied, das den Grund für „Moby Dicks“ Irrweg zu kennen glaubt: „Was will der weiße Wal, der weiße Wal im Rhein? Er hat gehört, im Rhein soll Wein statt Wasser sein. Was will der weiße Wal, das wissen wir genau, der weiße Wal wär‘ gern einmal so richtig blau.“

Jan Mohnhaupt ist Autor der Bücher Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete sowie Tiere im Nationalsozialismus und Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung.

getauft, der vor knapp vier Wochen bei Duisburg aufgetaucht ist, in Anlehnung an Herman Melvilles gleichnamigen Roman. Die Rheinschiffer, die ihn am 18. Mai entdeckt haben, halten ihn zunächst für ein „weißes Ungeheuer“. Erst der zu Rate gezogene Direktor des Duisburger Zoos, Wolfgang Gewalt, erkennt, dass es sich um einen Weißwal, einen Beluga, handelt. Bis zu sechs Meter können diese Tiere messen und mehr als eine Tonne wiegen. Als der Zoodirektor das knapp vier Meter lange und geschätzt 750 Kilogramm schwere Tier sieht, sagt er: „Mann, ist das ein Wurm.“In Wolfgang Gewalts Zoo steht Deutschlands erstes DelfinariumDer 37-jährige Gewalt, vor anderthalb Monaten aus Westberlin nach Duisburg gekommen, will den Wal fangen und in seinen Tierpark bringen. Dort steht seit einem Jahr Deutschlands erstes Delfinarium, in dem vier Große Tümmler ihre Kreise ziehen, die den Besuchern bestens aus der Fernsehserie Flipper vertraut sind. Gewalt plant längst ein weiteres, größeres Becken. Und hier vor seiner Nase schwimmt ein Wal, der als erster Bewohner in Betracht käme und als Seltenheit bestaunt würde. Einen Beluga haben selbst unter seinen Zookollegen bislang nur wenige zu sehen bekommen.Die Tagesschau berichtet abends über die Sensation. Die Aufnahmen zeigen, wie Gewalt und seine Helfer von einem Polizeiboot aus mit zusammengeknüpften Tennisnetzen den Wal zu fangen suchen, der jedoch immer wieder unter der ihm gestellten Falle hindurch taucht. Auch die Tagesschau schließt sich dem Ansinnen Gewalts an: Für den Gast im Rhein wäre der Zoo das Beste, heißt es da. „Denn in dem schmutzigen Wasser müsste der Wal bald eingehen.“ Auch in der DDR-Presse taucht er bald auf. Am 20. Mai berichtet die Neue Zeit, das Blatt der Ost-CDU, erstmals über das Tier, das – solange die Waljagd am Niederrhein andauert – stetig größer wird und von anfangs vier auf schließlich sechs Meter anwächst.So nimmt die Jagd auf den Beluga ihren Lauf. Die Methoden werden einfallsreicher und rabiater, bleiben aber unbeholfen. Ein Tierpfleger stellt dem Wal mit Pfeil und Bogen nach, um eine kleine orangegelbe Signalboje an seinem Rücken zu befestigen. Einige Tierschützer mieten daraufhin einen Hubschrauber und werfen von oben Orangen ins Wasser, um die Jäger zu verwirren. Zoodirektor Gewalt versucht, den Wal vom Schiff aus mit einer Betäubungspistole zu bändigen. Doch die Kanüle ist zu kurz, um dessen dicke Speckschicht zu durchdringen.„Bei gelungenem Fang – Weißwalkotelett“Tausende Schaulustige säumen in diesen Maiwochen täglich das Ufer, um den weißen Wal wenigstens einmal zu Gesicht zu bekommen. Die Bild-Zeitung schickt einen Zeppelin los, um ihn aus der Luft zu filmen. An den Stammtischen werden derweil Wetten auf den Ausgang der Jagd abgeschlossen, ein Gastwirt am Niederrhein wirbt: „Bei gelungenem Fang – Weißwalkotelett.“ Als „Moby Dick“ nach einem zweiten Schuss aus Gewalts Pistole plötzlich abtaucht und verschwunden bleibt, kippt die Stimmung. Eine Boulevard-Zeitung fordert: „Verhaftet Dr. Gewalt!“ Doch der ist sich sicher, das Richtige zu tun. In dieser verschmutzten Brühe, schätzt er, überlebe der Wal nicht lange.Während das Ruhrgebiet mit Kohle und Stahl das „Wirtschaftswunder“ angetrieben hat, blieb die Umwelt auf der Strecke. Der Rhein verkam zur Kloake, verseucht von Chemikalien und Industrieabwässern. Bereits im Bundestagswahlkampf 1961 hatte der SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt die Umweltverschmutzung angeprangert und gefordert, der Himmel über dem Revier müsse wieder blau werden. Dafür erntete Brandt Hohn und Spott, auch aus der eigenen Partei, er verspreche den Menschen „das Blaue vom Himmel“.Trophäen an den Wänden von Wolfgang Gewalts DienstwohnungZwar nahm sich die Adenauer-Regierung des Desasters an, doch konnte sie die Lage trotz erster Gesetzesänderungen kaum merklich verbessern. Manchem dürfte das Auftauchen des weißen Wals im bleiernen Rhein wie ein Menetekel vorgekommen sein. Es wurde erbarmungslos offenbar, wie verseucht der Fluss seit langem war. An Wolfgang Gewalt prallt die Kritik unterdessen nicht nur ab. Er genießt es geradezu, der Underdog zu sein. Gegen den Strom.Die Schlagzeilen – die guten wie die, mit denen sein Kopf gefordert wird – säumen die Wände seiner Dienstwohnung wie Trophäen erlegter Tiere. Vorerst unterbricht er jedoch die Jagd auf „Moby Dick“, damit der Wal seinen „Glauben an die Menschheit“ wiedergewinne, wie er im Spiegel erklärt. Warum dieser überhaupt in den Rhein geschwommen ist, kann Gewalt sich nur mit einem „Knacks“ erklären: „Es ist ja nicht normal, dass ein Wal ins Binnenland schwimmt.“ Auch die Süddeutsche Zeitung fragt tags darauf auf ihrer ersten Seite rhetorisch: „Warum ist es für einen Wal im Rhein so schön?“Placeholder image-1Walstrandungen kommen an Europas Küsten jedes Jahr vor. Dass jedoch Wale wie Belugas die Flüsse hinauf schwimmen, so wie sie es in ihren Heimatgefilden am Polarkreis tun, ist neu. Im Mai 1669 wurde ein Zwergwal 23 Kilometer landeinwärts an der Mündung der Lesum in die Weser erlegt. Und einer Schrift von 1689 zufolge soll im Rhein ein „wunderliches Wasser-Thier“ aufgetaucht und mit „grossem Gebrüll und Brautzen“ bis Basel geschwommen sein. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Wal oder eher um eine Robbe gehandelt hat, ist schwer zu sagen.Die Niederländer nennen ihn „Willi de Waal“ und schimpfen auf die DeutschenHöchstwahrscheinlich ist „Moby Dicks“ Odyssee menschlichem Zutun zu verdanken. Anfang 1966 war an der kanadischen Ostküste eine Gruppe junger Belugas gefangen worden, die per Frachter in einen englischen Zoo gebracht werden sollten. Kurz vor dem Ziel geriet das Schiff im Ärmelkanal jedoch in einen Sturm und kenterte. Einige der Tiere entkamen. Danach verlor sich ihre Spur, bis wenige Monate später schließlich „Moby Dick“ im Rhein auftauchte.Mittlerweile ist er in den Niederlanden gesichtet worden, wo man ihn „Willi de Waal“ nennt, nicht behelligt und stattdessen gegen die „barbarischen Fangmethoden der Deutschen“ wettert. Was dem Wal freilich auch hier viel mehr als die Jagd zusetzt, ist das schmutzige Rheinwasser. Seine Haut ist von bräunlichen Flecken übersät. In den Niederlanden versucht man, das Tier zurück ins Meer zu geleiten. Nachdem der Wal ins eingedeichte IJsselmeer geschwommen ist, wird ihm dort eigens eine Schleuse geöffnet. Doch „Moby Dick“ verpasst den Ausweg in die Nordsee, kehrt um und schwimmt zurück nach Deutschland, wo Zoodirektor Gewalt und die Schaulustigen bereits warten.Wahlkampfthema Wal: Was CDU und SPD fordertenAuch damals schon gibt es Kritik am öffentlichen Rummel. Bernhard Grzimek, oberster Tierschützer der Nation, schreibt Ende Mai im Spiegel: „Um diesen einen Beluga sorgen sich Hunderttausende. Dass die Norweger dieselben Weißwale vor Spitzbergen so gut wie ausgerottet haben, und zwar in recht blutiger, grausamer Weise, kümmert niemanden, denn Spitzbergen ist ja weit weg.“Die Politik macht den Wal zum Thema im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf. Während die CDU fordert, ihn in Ruhe zu lassen, spricht sich die SPD dafür aus, ihn zu fangen und zurück ins Meer zu bringen. Unterdessen schwimmt er unbeirrt weiter, lässt Gewalt und Duisburg einmal mehr hinter sich. Zieht immer weiter flussaufwärts. Gegen den Strom. Bis nach Bonn, wo die große Politik seinetwegen für einen Augenblick innehält.Die Band „Medium Terzett“ widmet dem Wal ein SchunkelliedVon dort geht es weiter hinauf bis nach Remagen. Beinah den halben Rhein hat der Wal da bereits hinter sich gelassen, als er auf einmal kehrtmacht und die gesamte Strecke wieder zurückschwimmt. Auch Wolfgang Gewalt lässt ihn nun gewähren. Auf den letzten Kilometern begleiten ihn zwei Autos der niederländischen Polizei. Am Abend des 16. Juni gegen zwanzig vor sieben wird er zum letzten Mal bei Rotterdam am Hoek van Holland gesichtet, bevor er in die Nordsee abtaucht und für immer entschwindet.Auch wenn „Moby Dick“ so plötzlich wieder weg ist, wie er einen Monat zuvor aufgetaucht war, so bleibt sein Erscheinen doch nicht folgenlos. Es trägt zum Erstarken der noch zaghaften Umweltbewegung bei und hinterlässt seine Spuren in der lokalen Folklore. Im Jahr darauf ziert ein weißer Wal die Orden des Kölner Karnevals. Und die Band „Medium Terzett“ widmet ihm ein Schunkellied, das den Grund für „Moby Dicks“ Irrweg zu kennen glaubt: „Was will der weiße Wal, der weiße Wal im Rhein? Er hat gehört, im Rhein soll Wein statt Wasser sein. Was will der weiße Wal, das wissen wir genau, der weiße Wal wär‘ gern einmal so richtig blau.“



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