Für manche Zeitungsleser ist es die eine Umdrehung zu viel: Wegen der Erderwärmung könnte es in Nordeuropa künftig kälter werden. Wie bitte? Der Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf erforscht das Meeresphänomen im Atlantik, das möglicherweise dazu führen könnte.
der Freitag: Herr Rahmstorf, dieser Winter war ungewöhnlich streng, Menschen verbreiteten Fotos von der gefrorenen Ostsee und fragten, wo denn die Erderwärmung bleibt. Was sagen Sie denen?
Stefan Rahmstorf: Ich rate, die Welt nicht nur aus dem heimischen Fenster zu betrachten. In der Arktis war es zeitweise wärmer als in Florida, weil die Polarluft nach Süden verrutscht war – der Polarwirbel, der sie normalerweise festhält, wird immer instabiler. Kuba registrierte einen Kälterekord, in der Karibik gab es erstmals Frost. Im weltweiten Mittel war der Januar viel zu warm – der fünftwärmste seit Aufzeichnungsbeginn.
Private Fragen sind das eine, aber auch Medien schürten Zweifel am Klimawandel. Die „Berliner Zeitung“ diskreditierte beispielsweise einen Ihrer Kollegen. Sie schrieb: „Vor 20 Jahren prophezeite er ‚nie wieder Schnee‘: Heute reagiert er nicht mehr auf Anfragen.“ Was sagt uns das?
Der Kieler Kollege sprach damals von Zukunftsprojektionen für das Ende des Jahrhunderts – das zu verdrehen ist ein alter Ladenhüter der Klimawandelleugner. Weltweit sind die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Ein Wesen dieses Populismus ist Wissenschaftsfeindlichkeit, und die schlägt sich eben auch in den Medien nieder.
Sie sind Meereskundler, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die AMOC. Was ist das?
Die „Atlantic Meridional Overturning Circulation“, die Meeresströmung im Atlantik. Wie eine Umwälzpumpe transportiert die AMOC jedes Jahr 50-mal so viel Energie aus dem Süden zu uns in den Norden, wie die gesamte Menschheit im Jahr verbraucht. Die Strömung kommt von der Südspitze Afrikas hoch. Oft ist vom Golfstrom die Rede, aber der ist nur ein Teil der AMOC und die AMOC ein Teil des Golfstroms.
Was treibt diese Strömung an?
Das Wasser wird in den Subtropen warm und durch die starke Verdunstung salzreicher. Im nördlichen Atlantik gibt es die Wärme dann an die Luft ab und kühlt sich dadurch stark ab. Weil es dann kalt, aber noch recht salzreich ist, hat das Wasser eine sehr hohe Dichte und sinkt deshalb in große Tiefen, bis zu 3.000 Meter, ab. Dieses Absinken wirkt wie eine Pumpe: Das in die Tiefe gesunkene Wasser strömt nach Süden, zum Ausgleich wird warmes Oberflächenwasser aus dem Süden Richtung Norden nachgezogen.
Sie warnen, dass die Umwälzpumpe Kraft verliert. Wodurch?
Einerseits durch die Erderwärmung. Wenn Wasser wärmer wird, nimmt seine Dichte ab. Das bedeutet: Es ist nicht mehr so „schwer“, sinkt also weniger stark. Wenn die AMOC dann schwächer wird, kommt aber weniger salzreiches Wasser nach, der Salzgehalt wird durch die starken Niederschläge im Norden verdünnt, zu einem kleineren Teil auch durch das Schmelzwasser vom Grönlandeis. Das schwächt die AMOC weiter. Irgendwo kommt der Kipppunkt, wo die Salzkonzentration nicht mehr ausreicht, um den Motor am Laufen zu halten, die AMOC versiegt. Das hat es in der Erdgeschichte immer mal wieder gegeben, zuletzt vor rund 13.000 Jahren, damals durch die große Eisschmelze am Ende der letzten Eiszeit.
Sie erforschen die AMOC seit 35 Jahren. Wo stehen wir?
Direkte Messungen der AMOC gibt es erst seit 2004, am 26. Breitengrad wurde quer über den Atlantik ein Messsystem aufgebaut mit bis zu 22 Verankerungen und bis zu 252 Messgeräten in verschiedenen Tiefen. Seither hat sich die AMOC signifikant abgeschwächt. Aber diese Messreihe ist noch zu kurz, um die Beiträge von natürlichen Schwankungen und Klimawandel auseinanderzuhalten. Mit indirekten Methoden lässt sich abschätzen, dass die AMOC seit Mitte des 20. Jahrhunderts rund 15 Prozent ihrer Kraft verloren hat.
Wenn jetzt schon 15 Prozent weniger Energie nach Norden transportiert wird: Was bedeutet das für die südliche Hemisphäre?
Natürlich, dass dort mehr Energie verbleibt. Die Daten aus dem Südatlantik belegen, dass es dort eine stärkere Erwärmung gibt. Im nördlichen Atlantik ist es dagegen kühler geworden: die einzige Stelle auf dem Planeten, wo es im Zuge der Erderwärmung nicht heißer, sondern kälter geworden ist.
Im schlimmsten Fall: Wie wird das Wetter in Europa, wenn die AMOC zusammenbricht?
Das lässt sich noch nicht sicher sagen, weil es dann zwei gegenläufige Effekte gibt: mehr Wärme durch mehr Treibhausgase, regional weniger Wärme von der AMOC. Sollte die AMOC schon bei zwei Grad Erwärmung versiegen, dürfte es zu deutlich kälteren Wintern in Nordwesteuropa kommen, in Norwegen und auf den Britischen Inseln zum Beispiel. Wie das aussehen könnte, illustriert Alaska heute: Oslo liegt ungefähr auf demselben Breitengrad wie Alaskas größte Stadt Anchorage, aber Anchorage ist im Januar rund fünf Grad kälter. Auch Norddeutschland wäre betroffen. Eine niederländische Studie ergab, dass die Winter in Hamburg nach zwei Grad globaler Erwärmung aber ohne AMOC rund 3,5 Grad kälter wären als vorindustriell, also mehr als fünf Grad kälter als derzeit.
Nach vier Grad globaler Erwärmung gäbe es auch ohne AMOC zwar nirgendwo eine Abkühlung unter die vorindustriellen Temperaturen mehr, aber vier Grad wären mit oder ohne AMOC weltweit eine unvorstellbare Katastrophe, und ein AMOC-Versiegen würde manche Folgen noch verschärfen, etwa Dürre in Europa oder den Meeresspiegelanstieg an unseren Küsten.
Ohne AMOC verschieben sich auch die tropischen Niederschlagsgürtel nach Süden. In Regionen, in denen heute reichlicher Regen die Regenwälder versorgt, würde dann Dürre herrschen. Stattdessen würde es in anderen Gebieten, die heute nicht auf Starkregen vorbereitet sind, zu schweren Überschwemmungen kommen.
Wenn es also zur Nettoabkühlung beispielsweise auch in Norddeutschland kommt: Sollte man seinen Alterssitz lieber in Italien suchen?
Das würde ich eher nicht empfehlen. Der Mittelmeerraum wird noch heißer und noch trockener werden als heute, Waldbrände wahrscheinlich dadurch noch zunehmen.
Das alles klingt dramatisch. Dennoch erarbeitet Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gerade ein Gesetz, das den Ausbau der erneuerbaren Energien stark bremsen würde. Wie passt das zusammen?
Leider sehen wir einen Abwehrkampf der fossilen Lobby gegen die notwendige Energiewende. Erneuerbare sind so billig geworden, dass das Zeitalter der fossilen Energienutzung alleine deshalb zu Ende gehen wird. Es geht jetzt nur darum, ob das schnell genug passiert, um eine katastrophale Klimaveränderung zu verhindern.
Wollen Sie behaupten, die fossile Lobby regiert uns?
In den USA hat Donald Trump gerade das Militär angewiesen, mehr Kohlestrom einzukaufen. Andererseits bekämpft er jedes Windkraftprojekt. In den Vereinigten Staaten kann man sagen: Die fossile Lobby regiert.
Wir sind aber nicht die USA!
In Europa versucht die Industrielobby derzeit, den Emissionshandel zu verwässern, gerade weil er Wirkung zeigt. Die Politik hat offenbar nicht verstanden, dass wir uns beim Klimawandel in einem Wettlauf gegen die Zeit befinden. Die heute getroffenen Entscheidungen und Maßnahmen werden das Klima für Jahrtausende bestimmen. Das sage nicht ich, sondern der Konsensbericht des Weltklimarats.
In einem Urteil hat das Bundesverfassungsgericht Anfang Februar gerade geurteilt: Die Bundesregierung ist verpflichtet, mehr Klimaschutz zu betreiben. Sind Richter die besseren Politiker?
Sie sorgen für die Einhaltung von Grundrechten. Solche Urteile für mehr Klimaschutz gab es etwa 2019 in Holland, 2021 vom Bundesverfassungsgericht, 2024 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, oder 2025 das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs. Weltweit urteilen immer mehr höchste Gerichte, dass die Regierenden mehr für den Klimaschutz tun müssen. Ich finde es ehrlich gesagt beschämend, dass es Gerichte bedarf, um die Politik daran zu erinnern, Grundrechte und Menschenrechte einzuhalten.
Zumal die Urteile nicht automatisch zu besserer Politik sorgen. Haben die Politiker das Klimaproblem nicht verstanden?
Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass manche Bundestagsabgeordnete die „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ der Sachstandsberichte des Weltklimarates IPCC nicht gelesen haben. Der wissenschaftliche Sachstand jedenfalls lässt kein politisches Zögern mehr zu.
Vielleicht verstehen die Politiker nur die Sprache der Wissenschaft nicht?
Das glaube ich nicht, der Stand der Wissenschaft ist nüchtern, sachlich und verständlich dargestellt. Zumal die Zusammenfassungen ja mit der Politik abgestimmt werden: Jeder einzelne Satz wird in einem Abstimmungsprozess einstimmig verabschiedet. Alle Staaten der Welt müssen den Formulierungen zustimmen, erst dann werden die Aussagen gültig.
Trotzdem hinkt Politik dem Notwendigen immer hinterher. Woher nehmen Sie nach so vielen Jahren als erfolgloser Mahner ihre Antriebskraft?
Sehr viele wunderbare Menschen engagieren sich für Klimaschutz, und die große Mehrheit der Bevölkerung ist dafür. Außerdem: Nicht dafür zu kämpfen, dass das Schlimmste noch verhindert wird, ist auch keine Alternative.
Stefan Rahmstorf, Jahrgang 1960, leitet die Abteilung für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Zudem ist er Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Sein Forschungsschwerpunkt ist Ozeanographie und Paläoklimatologie. Er gehört zu den Leitautoren des 2007 veröffentlichten Vierten Sachstandsberichtes des Weltklimarates (IPCC)
8;rmung bleibt. Was sagen Sie denen?Stefan Rahmstorf: Ich rate, die Welt nicht nur aus dem heimischen Fenster zu betrachten. In der Arktis war es zeitweise wärmer als in Florida, weil die Polarluft nach Süden verrutscht war – der Polarwirbel, der sie normalerweise festhält, wird immer instabiler. Kuba registrierte einen Kälterekord, in der Karibik gab es erstmals Frost. Im weltweiten Mittel war der Januar viel zu warm – der fünftwärmste seit Aufzeichnungsbeginn.Private Fragen sind das eine, aber auch Medien schürten Zweifel am Klimawandel. Die „Berliner Zeitung“ diskreditierte beispielsweise einen Ihrer Kollegen. Sie schrieb: „Vor 20 Jahren prophezeite er ‚nie wieder Schnee‘: Heute reagiert er nicht mehr auf Anfragen.“ Was sagt uns das?Der Kieler Kollege sprach damals von Zukunftsprojektionen für das Ende des Jahrhunderts – das zu verdrehen ist ein alter Ladenhüter der Klimawandelleugner. Weltweit sind die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Ein Wesen dieses Populismus ist Wissenschaftsfeindlichkeit, und die schlägt sich eben auch in den Medien nieder.Sie sind Meereskundler, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die AMOC. Was ist das?Die „Atlantic Meridional Overturning Circulation“, die Meeresströmung im Atlantik. Wie eine Umwälzpumpe transportiert die AMOC jedes Jahr 50-mal so viel Energie aus dem Süden zu uns in den Norden, wie die gesamte Menschheit im Jahr verbraucht. Die Strömung kommt von der Südspitze Afrikas hoch. Oft ist vom Golfstrom die Rede, aber der ist nur ein Teil der AMOC und die AMOC ein Teil des Golfstroms.Was treibt diese Strömung an?Das Wasser wird in den Subtropen warm und durch die starke Verdunstung salzreicher. Im nördlichen Atlantik gibt es die Wärme dann an die Luft ab und kühlt sich dadurch stark ab. Weil es dann kalt, aber noch recht salzreich ist, hat das Wasser eine sehr hohe Dichte und sinkt deshalb in große Tiefen, bis zu 3.000 Meter, ab. Dieses Absinken wirkt wie eine Pumpe: Das in die Tiefe gesunkene Wasser strömt nach Süden, zum Ausgleich wird warmes Oberflächenwasser aus dem Süden Richtung Norden nachgezogen.Sie warnen, dass die Umwälzpumpe Kraft verliert. Wodurch?Einerseits durch die Erderwärmung. Wenn Wasser wärmer wird, nimmt seine Dichte ab. Das bedeutet: Es ist nicht mehr so „schwer“, sinkt also weniger stark. Wenn die AMOC dann schwächer wird, kommt aber weniger salzreiches Wasser nach, der Salzgehalt wird durch die starken Niederschläge im Norden verdünnt, zu einem kleineren Teil auch durch das Schmelzwasser vom Grönlandeis. Das schwächt die AMOC weiter. Irgendwo kommt der Kipppunkt, wo die Salzkonzentration nicht mehr ausreicht, um den Motor am Laufen zu halten, die AMOC versiegt. Das hat es in der Erdgeschichte immer mal wieder gegeben, zuletzt vor rund 13.000 Jahren, damals durch die große Eisschmelze am Ende der letzten Eiszeit.Sie erforschen die AMOC seit 35 Jahren. Wo stehen wir?Direkte Messungen der AMOC gibt es erst seit 2004, am 26. Breitengrad wurde quer über den Atlantik ein Messsystem aufgebaut mit bis zu 22 Verankerungen und bis zu 252 Messgeräten in verschiedenen Tiefen. Seither hat sich die AMOC signifikant abgeschwächt. Aber diese Messreihe ist noch zu kurz, um die Beiträge von natürlichen Schwankungen und Klimawandel auseinanderzuhalten. Mit indirekten Methoden lässt sich abschätzen, dass die AMOC seit Mitte des 20. Jahrhunderts rund 15 Prozent ihrer Kraft verloren hat.Wenn jetzt schon 15 Prozent weniger Energie nach Norden transportiert wird: Was bedeutet das für die südliche Hemisphäre?Natürlich, dass dort mehr Energie verbleibt. Die Daten aus dem Südatlantik belegen, dass es dort eine stärkere Erwärmung gibt. Im nördlichen Atlantik ist es dagegen kühler geworden: die einzige Stelle auf dem Planeten, wo es im Zuge der Erderwärmung nicht heißer, sondern kälter geworden ist.Im schlimmsten Fall: Wie wird das Wetter in Europa, wenn die AMOC zusammenbricht?Das lässt sich noch nicht sicher sagen, weil es dann zwei gegenläufige Effekte gibt: mehr Wärme durch mehr Treibhausgase, regional weniger Wärme von der AMOC. Sollte die AMOC schon bei zwei Grad Erwärmung versiegen, dürfte es zu deutlich kälteren Wintern in Nordwesteuropa kommen, in Norwegen und auf den Britischen Inseln zum Beispiel. Wie das aussehen könnte, illustriert Alaska heute: Oslo liegt ungefähr auf demselben Breitengrad wie Alaskas größte Stadt Anchorage, aber Anchorage ist im Januar rund fünf Grad kälter. Auch Norddeutschland wäre betroffen. Eine niederländische Studie ergab, dass die Winter in Hamburg nach zwei Grad globaler Erwärmung aber ohne AMOC rund 3,5 Grad kälter wären als vorindustriell, also mehr als fünf Grad kälter als derzeit.Nach vier Grad globaler Erwärmung gäbe es auch ohne AMOC zwar nirgendwo eine Abkühlung unter die vorindustriellen Temperaturen mehr, aber vier Grad wären mit oder ohne AMOC weltweit eine unvorstellbare Katastrophe, und ein AMOC-Versiegen würde manche Folgen noch verschärfen, etwa Dürre in Europa oder den Meeresspiegelanstieg an unseren Küsten.Ohne AMOC verschieben sich auch die tropischen Niederschlagsgürtel nach Süden. In Regionen, in denen heute reichlicher Regen die Regenwälder versorgt, würde dann Dürre herrschen. Stattdessen würde es in anderen Gebieten, die heute nicht auf Starkregen vorbereitet sind, zu schweren Überschwemmungen kommen.Wenn es also zur Nettoabkühlung beispielsweise auch in Norddeutschland kommt: Sollte man seinen Alterssitz lieber in Italien suchen?Das würde ich eher nicht empfehlen. Der Mittelmeerraum wird noch heißer und noch trockener werden als heute, Waldbrände wahrscheinlich dadurch noch zunehmen.Das alles klingt dramatisch. Dennoch erarbeitet Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gerade ein Gesetz, das den Ausbau der erneuerbaren Energien stark bremsen würde. Wie passt das zusammen?Leider sehen wir einen Abwehrkampf der fossilen Lobby gegen die notwendige Energiewende. Erneuerbare sind so billig geworden, dass das Zeitalter der fossilen Energienutzung alleine deshalb zu Ende gehen wird. Es geht jetzt nur darum, ob das schnell genug passiert, um eine katastrophale Klimaveränderung zu verhindern.Wollen Sie behaupten, die fossile Lobby regiert uns?In den USA hat Donald Trump gerade das Militär angewiesen, mehr Kohlestrom einzukaufen. Andererseits bekämpft er jedes Windkraftprojekt. In den Vereinigten Staaten kann man sagen: Die fossile Lobby regiert.Wir sind aber nicht die USA!In Europa versucht die Industrielobby derzeit, den Emissionshandel zu verwässern, gerade weil er Wirkung zeigt. Die Politik hat offenbar nicht verstanden, dass wir uns beim Klimawandel in einem Wettlauf gegen die Zeit befinden. Die heute getroffenen Entscheidungen und Maßnahmen werden das Klima für Jahrtausende bestimmen. Das sage nicht ich, sondern der Konsensbericht des Weltklimarats.In einem Urteil hat das Bundesverfassungsgericht Anfang Februar gerade geurteilt: Die Bundesregierung ist verpflichtet, mehr Klimaschutz zu betreiben. Sind Richter die besseren Politiker?Sie sorgen für die Einhaltung von Grundrechten. Solche Urteile für mehr Klimaschutz gab es etwa 2019 in Holland, 2021 vom Bundesverfassungsgericht, 2024 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, oder 2025 das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs. Weltweit urteilen immer mehr höchste Gerichte, dass die Regierenden mehr für den Klimaschutz tun müssen. Ich finde es ehrlich gesagt beschämend, dass es Gerichte bedarf, um die Politik daran zu erinnern, Grundrechte und Menschenrechte einzuhalten.Zumal die Urteile nicht automatisch zu besserer Politik sorgen. Haben die Politiker das Klimaproblem nicht verstanden? Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass manche Bundestagsabgeordnete die „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ der Sachstandsberichte des Weltklimarates IPCC nicht gelesen haben. Der wissenschaftliche Sachstand jedenfalls lässt kein politisches Zögern mehr zu.Vielleicht verstehen die Politiker nur die Sprache der Wissenschaft nicht? Das glaube ich nicht, der Stand der Wissenschaft ist nüchtern, sachlich und verständlich dargestellt. Zumal die Zusammenfassungen ja mit der Politik abgestimmt werden: Jeder einzelne Satz wird in einem Abstimmungsprozess einstimmig verabschiedet. Alle Staaten der Welt müssen den Formulierungen zustimmen, erst dann werden die Aussagen gültig.Trotzdem hinkt Politik dem Notwendigen immer hinterher. Woher nehmen Sie nach so vielen Jahren als erfolgloser Mahner ihre Antriebskraft?Sehr viele wunderbare Menschen engagieren sich für Klimaschutz, und die große Mehrheit der Bevölkerung ist dafür. Außerdem: Nicht dafür zu kämpfen, dass das Schlimmste noch verhindert wird, ist auch keine Alternative.