Am 28. Februar wurde eine Grundschule im Iran von Raketen getroffen. Was haben deutsche Mediennutzer über die getöteten Kinder, die Lehrer, die Schule, die Eltern erfahren? Diese Fragen führen in den Abgrund einer Medienlandschaft, die aus politischer Gefälligkeit ausblendet. Nicht journalistische Maßstäbe sind für die Berichterstattung handlungsleitend, sondern Politik. Da sterben zwischen 165 und 170 Kinder mutmaßlich durch Raketen eines Landes, mit dem Deutschland eng verbunden ist, und die Medien im Land blicken auf die Seite. Gibt es in den Redaktionen noch ein journalistisches Gewissen? Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

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Raketen haben eine Grundschule in der Stadt Minab im Iran getroffen. Der Angriff erfolgte am 28. Februar um 10:45 Uhr Ortszeit. Das Ergebnis: verheerend. Medien berichten von 165 bis 170 toten und 90 bis 100 verletzten Kindern, hauptsächlich im Alter zwischen 7 und 12 Jahren. Internationale Organisationen wie die UN, die UNESCO und UNICEF verurteilten den Angriff scharf, von einem möglichen Kriegsverbrechen ist die Rede.

Unabhängig von der Urheberschaft und den Gründen für den Angriff drängen sich Fragen auf: Wer waren die Kinder? Was haben sie getan, als die Raketen einschlugen? Wer waren ihre Lehrer? Wer ihre Eltern? Wurden die Kinder schon beerdigt? Wann war die Beerdigung? Wie lief die Beerdigung ab? Was hat die Katastrophe vor Ort mit den Menschen, mit der Stadt gemacht? Was sagen die Eltern, die Angehörigen, die Nachbarn? Sind große deutsche Medien vor Ort? Hat der milliardenschwere öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Journalisten, wenigstens irgendwie, einen Zugang zum Ort des Geschehens? Wo sind Berichte, Reportagen, Features?

Auch wenn Journalisten, wie bei allen Katastrophen, bei der Berichterstattung presserechtliche Grenzen im Hinblick auf die Persönlichkeitsrechte und die Würde der Opfer und Hinterbliebenen zu beachten haben: Der Eindruck entsteht, das ganze Drama bestünde nur aus Zahlen und ein paar Buchstaben, geliefert von Nachrichtenagenturen. Ganz anders die Berichterstattung beim Abschuss des Fluges MH-17 über der Ukraine im Jahr 2014. Der Spiegel veröffentlichte auf seinem Cover eine Collage von Bildern der Opfer mit der Überschrift: „Stoppt Putin jetzt!“

Zu den Kernaufgaben der journalistischen Arbeit gehört es, „sichtbar zu machen“.

Da greifen zwei Länder, mit denen Deutschland eng verbunden ist, völkerrechtswidrig ein Land an. Sie überziehen das Land mit Raketen und Bomben. Das Desaster ist vorprogrammiert. Ist es in so einer Situation zu viel von deutschen Medien verlangt, einem alten, hehren Journalistenmotto gerecht zu werden? „Sagen, was ist.“ Ist es etwa aus journalistischer Sicht nicht angebracht, der deutschen Bevölkerung das Geschehen, die furchtbare Tragödie vor Augen zu führen – auch ganz unabhängig davon, wer nun aus welchen Gründen die Raketen abgefeuert hat? Haben die Opfer, die Hinterbliebenen es nicht verdient, durch Medien Gehör zu finden? Sollten ihre Stimmen, ihre Gedanken, ihre Empfindungen – wenn sie das denn wünschen – nicht auf journalistisch verantwortungsvolle Weise aufgegriffen und sichtbar gemacht werden?

Was sagen die Opfer und die Hinterbliebenen etwa im Hinblick darauf, dass die Angriffe auf ihr Land doch im Zeichen der „Befreiung“ verstanden werden sollen? Nehmen die Iraner vor Ort die Angriffe hin? Akzeptieren sie die toten Kinder und Lehrer, weil das „nun mal“ der „Preis“ ist, der für die „Freiheit“ des Landes zu zahlen ist? Oder prangern sie den Angriff auf ihr Land an?

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich: Eine Berichterstattung zum Fall wird sich unweigerlich auf einem politischen Minenfeld bewegen müssen. Was wäre – und davon ist auszugehen –, wenn von den Iranern aus der Stadt Minab keine Freudenarien über die Angriffe Israels und der USA zu hören wären? Wie würden Äußerungen dieser Art zu der gewünschten politischen Erzählung passen, wonach die Angriffe von „den Iranern“ gewünscht seien? Eben!

Wenn es etwas gibt, was in Zeiten des Krieges für die Politik ein rotes Tuch ist, dann sind es Medien, die eine saubere journalistische Berichterstattung abliefern.

Gewiss: Eine große Hürde im Hinblick auf eine Berichterstattung vor Ort liegt auch im Iran selbst. Akkreditierungen von westlichen Journalisten sind zwar nicht unmöglich, aber schwierig. Und frei und unabhängig vor Ort zu agieren, ist im Hinblick auf das iranische Regime kaum möglich. Allerdings, heißt es nicht: Wo ein Wille, da deutsche Medien? Seit wann lassen sich Journalisten von Restriktionen aufhalten? Soll eine hochprofessionalisierte, top aufgestellte Medienlandschaft nicht in der Lage sein, Kontakte auch über die Regimegrenzen hinweg zu akquirieren und den Betroffen vor Ort eine Stimme zu geben?

Nein, das Problem liegt woanders. Es fehlt am Willen zur Berichterstattung. Gibt es in den Redaktionen noch ein journalistisches Gewissen?

Titelbild: Mehr News Agency / Wikimedia Commons



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