Drei Männer, eine Frau: Der norwegische Schriftsteller Jon Fosse eröffnet mit „Vaim“ eine Romantrilogie, deren kreisend-fließende Prosa eine religiöse Erfahrung ermöglicht – ohne Gott zu benennen. Das ist ein faszinierendes Leseerlebnis


Mit seinem Boot ist Jatgeir, eine der Hauptfiguren dieses Romans über die norwegische Fjordlandschaft, quasi verheiratet

Foto: plainpicture/neuebildanstalt/Kriwy


Mit Ehrfurcht nähert man sich dem neuen Buch des Norwegers Jon Fosse, 2023 immerhin Literaturnobelpreisträger. Und dann flutscht man sofort hinein in dieses erste Stück einer als Romantrilogie angelegten Prosa, die, gewissermaßen traulich an den Bug schwappend, eher ein Reden denn ein Schreiben ist – nein: eher ein Denken denn ein Reden.

Als flössen Gedanken aufs Papier – und von dort direkt in die Seele der Leserin, ohne Umweg, ohne Dünkel, ohne Wortschatzhuberei. Die textbedingte Geordnetheit, in der ein Wort dem andern zu folgen hat, täuscht nicht darüber hinweg, dass jene Ordnung eine fiktive und ansonsten alles die reine Wahrheit ist.

Mit diesem genial einfachen Trick sanft fließenden Schreibsprechens präsentiert Fosse seine mal märchenhafte, mal surreale, mal banale, mal radikal nüchterne Erzählung Vaim, angenehm übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, der vor altertümlichen Worten wie „Jungspund“ nicht zurückschreckt: „So, sagte ich, da wären wir, sagte ich und fuhr mir mit der Hand durch den Bart, diesen ergrauenden Bart, ein Jungspund war ich absolut nicht mehr, aber auch kein alter Knacker, ein älterer Mann, so könnte man wohl sagen“ – so leichtfüßig beginnt das, und so geht das weiter, ohne Punkt.

Jon Fosse schreibt ohne Satzpunkte, jedes Komma ein Atemzug

Der Mann, der da vor sich hin räsoniert, heißt Jatgeir und lebt im erfundenen Ort Vaim. Von dort fährt er los mit seiner Schnigge, einem Segelboot. Die Schnigge hört ihn und trägt ihn. Wir begleiten diesen Ich-Erzähler und wollen vielleicht gar nicht wissen, wem er alles erzählt. Sich selbst? Gott? Die Leserin jedenfalls scheint nur zufällig hineingeraten in diesen „mündlich mäandernden Bewusstseinsstrom“, wie ein Kritiker so etwas nannte – nicht mit Blick auf Fosse, sondern auf den Autor András Visky, der sich wiederum die Formidee beim amtierenden Nobelpreisträger László Krasznahorkai abgeguckt habe: ohne Satzpunkte zu schreiben, jedes Komma ein Atemzug.

Nur auf den Seiten 15 und 99 sind dem Lektorat zwei Punkte durchgerutscht – oder falls es Absicht war, erschließt sich diese zumindest nicht. Die wörtliche Rede, obwohl durch Absätze kenntlich gemacht, schwebt an- und abführungszeichenlos dazwischen, reiht sich ein in den Fluss des Lesens und Lebens. Mit dem Junggesellen Jatgeir schlängelt man dahin auf eher ruhiger See. Der Schnigge hat er den Namen seiner heimlichen Jugendliebe gegeben: „Eline“. Statt mit der Frau ist er gewissermaßen mit dem Boot verheiratet – bis Eline plötzlich hereinschneit und das Steuer an sich reißt.

Einige Orte, Geschäfte und Personen erhalten mitten im Endlossatz großgeschriebene Artikel („Die Verkäuferin“, „Der Kolonialwarenladen“). Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, die Zeitform wechselt munter vom Präteritum zum Präsens und zurück. So entfaltet sich eine flussartig treibende Gemächlichkeit, die zunächst befremdet, dann besänftigt und mentale Räume öffnet.

Es gibt eine fast biblische Nichtzeitigkeit

Fosses Prosa verweigert sich der hektischen Gegenwart, verweigert sich der Zumutung, sich ständig „neu zu erfinden“ und zu optimieren, springt heraus aus dem Hamsterrad stetiger Zielverschiebung in eine sagenhafte, spiralrunde, fast biblische Nichtzeitigkeit, in ein allumfassendes Jetzt, das Gestern und Morgen in sich birgt. Häufige, Umgangssprachlichkeit markierende Füllsel-„Ja“ und überhaupt das Stilmittel der Wiederholung geben das Kreisen, Kreißen und Widerkäuen von Gedanken wieder.

Die seinen behält Jatgeir wortkarg für sich. Sich nach außen mitzuteilen, gelingt ihm kaum, vielleicht will er es auch gar nicht, lieber lässt er sich im Laden übers Ohr hauen und zahlt einer „unnachgiebigen Frauensperson“ nur innerlich murrend 250 Kronen (etwa 21 Euro) für etwas so Simples wie Nadel und Faden. Im zweiten Teil steuert Jatgeirs einziger Freund Elias, ein „Bethausgänger“, durch den Erzählfluss, bevor im dritten Elines Mann Olav, ein Fischer, von dem sie zu Jatgeir fortlief, übernimmt. Und obwohl das Wort „Gott“ nirgends erwähnt wird, scheint Er (oder Sie) überall hindurchzuschimmern, anzuklopfen, und jede Begegnung, die irgendwie vom Himmel fällt, mitzugestalten.

Man darf hier nicht zu viel verraten, deshalb bleiben wir vage verwundert über dieses kleine literarische Wunder: „es ist, als würde ein Frieden sich über alles legen, denke ich, und ohne viel zu sagen, geht es in stetiger Fahrt nordwärts“, heim in eine Geborgenheit, die vielleicht nur durch Literatur möglich ist – und durch Religion, verweist Letztere ja entweder auf das lateinische religare (zurückbinden, verbinden) oder auf relegere (sorgfältig beachten, überdenken). Beides geschieht auf das Sorgfältigste in Vaim.

Der Roman spielt in einer Zeit, die längst vergangen ist oder nie war

Das Schreiben, sagte der 1954 geborene Autor einmal, habe ihn zu einem religiösen Menschen gemacht, indem es ohne Plan zu ihm komme – ihm passiert. Die lutherische Staatskirche seiner Heimat, in die er hineingeboren wurde, lehnt er ab, weil darin Mystik und Poesie keinen Platz fänden. Zunächst war er zu den Quäkern, dann zum katholischen Glauben konvertiert.

Gott ist, meint Fosse, hinter allem, was existiert, vielleicht Teil von allem, jedoch nicht nachweisbar, weshalb die Wissenschaft darin nichts zu suchen habe. „Alles war wundersam“, heißt es denn auch an drei Stellen im dritten Teil, das Unerklärliche durchwebt den Einfache-Leute-Alltag der Figuren.

Die Geschichte spielt in einer Zeit, die längst vergangen ist oder nie war, in der das Lieben, das Leben, das Sterben passieren, ohne als Problem betrachtet werden zu müssen, fast als praktiziere Vaim eine ganz unkatholische Weisheit: Probleme, lehrt der Buddhismus, seien lösbar, und wenn es, zum Beispiel für Schmerz, keine Lösung gebe, sei er kein Problem, sodass es nichts bringe, eines daraus zu machen. Tja, würde Jatgeir sagen, vielleicht „handelt“ dieser Roman vom meditativen „Tja“: alles kommen- und gleichzeitig loszulassen, Begegnungen, das Reden und Schweigen passieren zu lassen, mit jedem Atemzug.

Vaim Jon Fosse Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Rowohlt 2025, 160 S., 24 €

m genial einfachen Trick sanft fließenden Schreibsprechens präsentiert Fosse seine mal märchenhafte, mal surreale, mal banale, mal radikal nüchterne Erzählung Vaim, angenehm übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, der vor altertümlichen Worten wie „Jungspund“ nicht zurückschreckt: „So, sagte ich, da wären wir, sagte ich und fuhr mir mit der Hand durch den Bart, diesen ergrauenden Bart, ein Jungspund war ich absolut nicht mehr, aber auch kein alter Knacker, ein älterer Mann, so könnte man wohl sagen“ – so leichtfüßig beginnt das, und so geht das weiter, ohne Punkt.Jon Fosse schreibt ohne Satzpunkte, jedes Komma ein AtemzugDer Mann, der da vor sich hin räsoniert, heißt Jatgeir und lebt im erfundenen Ort Vaim. Von dort fährt er los mit seiner Schnigge, einem Segelboot. Die Schnigge hört ihn und trägt ihn. Wir begleiten diesen Ich-Erzähler und wollen vielleicht gar nicht wissen, wem er alles erzählt. Sich selbst? Gott? Die Leserin jedenfalls scheint nur zufällig hineingeraten in diesen „mündlich mäandernden Bewusstseinsstrom“, wie ein Kritiker so etwas nannte – nicht mit Blick auf Fosse, sondern auf den Autor András Visky, der sich wiederum die Formidee beim amtierenden Nobelpreisträger László Krasznahorkai abgeguckt habe: ohne Satzpunkte zu schreiben, jedes Komma ein Atemzug.Nur auf den Seiten 15 und 99 sind dem Lektorat zwei Punkte durchgerutscht – oder falls es Absicht war, erschließt sich diese zumindest nicht. Die wörtliche Rede, obwohl durch Absätze kenntlich gemacht, schwebt an- und abführungszeichenlos dazwischen, reiht sich ein in den Fluss des Lesens und Lebens. Mit dem Junggesellen Jatgeir schlängelt man dahin auf eher ruhiger See. Der Schnigge hat er den Namen seiner heimlichen Jugendliebe gegeben: „Eline“. Statt mit der Frau ist er gewissermaßen mit dem Boot verheiratet – bis Eline plötzlich hereinschneit und das Steuer an sich reißt.Einige Orte, Geschäfte und Personen erhalten mitten im Endlossatz großgeschriebene Artikel („Die Verkäuferin“, „Der Kolonialwarenladen“). Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, die Zeitform wechselt munter vom Präteritum zum Präsens und zurück. So entfaltet sich eine flussartig treibende Gemächlichkeit, die zunächst befremdet, dann besänftigt und mentale Räume öffnet.Es gibt eine fast biblische Nichtzeitigkeit Fosses Prosa verweigert sich der hektischen Gegenwart, verweigert sich der Zumutung, sich ständig „neu zu erfinden“ und zu optimieren, springt heraus aus dem Hamsterrad stetiger Zielverschiebung in eine sagenhafte, spiralrunde, fast biblische Nichtzeitigkeit, in ein allumfassendes Jetzt, das Gestern und Morgen in sich birgt. Häufige, Umgangssprachlichkeit markierende Füllsel-„Ja“ und überhaupt das Stilmittel der Wiederholung geben das Kreisen, Kreißen und Widerkäuen von Gedanken wieder.Die seinen behält Jatgeir wortkarg für sich. Sich nach außen mitzuteilen, gelingt ihm kaum, vielleicht will er es auch gar nicht, lieber lässt er sich im Laden übers Ohr hauen und zahlt einer „unnachgiebigen Frauensperson“ nur innerlich murrend 250 Kronen (etwa 21 Euro) für etwas so Simples wie Nadel und Faden. Im zweiten Teil steuert Jatgeirs einziger Freund Elias, ein „Bethausgänger“, durch den Erzählfluss, bevor im dritten Elines Mann Olav, ein Fischer, von dem sie zu Jatgeir fortlief, übernimmt. Und obwohl das Wort „Gott“ nirgends erwähnt wird, scheint Er (oder Sie) überall hindurchzuschimmern, anzuklopfen, und jede Begegnung, die irgendwie vom Himmel fällt, mitzugestalten.Man darf hier nicht zu viel verraten, deshalb bleiben wir vage verwundert über dieses kleine literarische Wunder: „es ist, als würde ein Frieden sich über alles legen, denke ich, und ohne viel zu sagen, geht es in stetiger Fahrt nordwärts“, heim in eine Geborgenheit, die vielleicht nur durch Literatur möglich ist – und durch Religion, verweist Letztere ja entweder auf das lateinische religare (zurückbinden, verbinden) oder auf relegere (sorgfältig beachten, überdenken). Beides geschieht auf das Sorgfältigste in Vaim.Der Roman spielt in einer Zeit, die längst vergangen ist oder nie warDas Schreiben, sagte der 1954 geborene Autor einmal, habe ihn zu einem religiösen Menschen gemacht, indem es ohne Plan zu ihm komme – ihm passiert. Die lutherische Staatskirche seiner Heimat, in die er hineingeboren wurde, lehnt er ab, weil darin Mystik und Poesie keinen Platz fänden. Zunächst war er zu den Quäkern, dann zum katholischen Glauben konvertiert.Gott ist, meint Fosse, hinter allem, was existiert, vielleicht Teil von allem, jedoch nicht nachweisbar, weshalb die Wissenschaft darin nichts zu suchen habe. „Alles war wundersam“, heißt es denn auch an drei Stellen im dritten Teil, das Unerklärliche durchwebt den Einfache-Leute-Alltag der Figuren.Die Geschichte spielt in einer Zeit, die längst vergangen ist oder nie war, in der das Lieben, das Leben, das Sterben passieren, ohne als Problem betrachtet werden zu müssen, fast als praktiziere Vaim eine ganz unkatholische Weisheit: Probleme, lehrt der Buddhismus, seien lösbar, und wenn es, zum Beispiel für Schmerz, keine Lösung gebe, sei er kein Problem, sodass es nichts bringe, eines daraus zu machen. Tja, würde Jatgeir sagen, vielleicht „handelt“ dieser Roman vom meditativen „Tja“: alles kommen- und gleichzeitig loszulassen, Begegnungen, das Reden und Schweigen passieren zu lassen, mit jedem Atemzug.



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