Jürgen Habermas ist tot. 96 Jahre, ein langes Leben, ein enormes Werk. Keine Angst — ich werde Sie jetzt nicht mit einem Nachruf oder gar einer Wiedergabe seiner Positionen langweilen. Wer die sucht, findet sie. Google ist geduldig.

Mir geht es um die CDU und die CSU, die keinen Anlass auslassen, um sich zu blamieren und bloßzustellen. Nicht einmal den Tod von Habermas.

Zu ihm nur so viel, wie unbedingt nötig ist: Ich halte ihn für einen der wesentlichen Wegbereiter jener linken Meinungshegemonie, die Deutschland heute fest im Griff hat. Nicht weil er ein Agitator war — das war er nicht. Sondern weil er als wichtigster Vertreter der „Frankfurter Schule“ dem Linkssein philosophische Würde verlieh, die weit über bloße Politik hinausging. Sein Kerngedanke: Vernunft zeigt sich im herrschaftsfreien Diskurs, im Ringen um das bessere Argument. Klingt gut. Das Problem: Wer den Diskurs definiert, definiert auch, wer darin legitimerweise sprechen darf — und wer nicht. Seine geistigen Erben haben diese Lizenz ausgiebig genutzt. Die Cancel Culture, die Sprachregulierung, der akademisch-mediale Komplex, der unliebsame Stimmen systematisch ausgrenzt — das ist kein Verrat an Habermas. Das ist seine Blaupause, konsequent zu Ende gedacht.

Und nun das Bemerkenswerte: Ausgerechnet Friedrich Merz eilte ans Mikrofon, um dem Mann zu huldigen, dessen geistige Enkel der CDU seit Jahren das Leben schwer machen. Seine Worte: Habermas habe „wie ein Leuchtfeuer in tosender See“ gewirkt.

Man möchte fragen: Hat Merz je einen Satz von Habermas gelesen? Oder ist die Bereitschaft, jeden vom rot-grünen Establishment als „groß“ deklarierten Denker reflexartig zu adeln, inzwischen einfach CDU-Standardprogramm?

Dabei steht Merz nicht alleine. Noch tiefer als er verbeugt sich Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume. Er würdigte – man glaubt es kaum – Habermas als „einen leidenschaftlichen Verteidiger der demokratischen Vernunft“.

„Seine Thesen sind heute aktueller denn je – sie sind zeitloser Kompass für eine offene Gesellschaft“, sagte der CSU-Politiker tatsächlich: „Wir verneigen uns vor einem großen Denker, dessen Stimme über Jahrzehnte Orientierung in den entscheidenden gesellschaftlichen Fragen gegeben hat – wir verneigen uns vor einer intellektuellen Instanz.“

„Zeitloser Kompass für eine offene Gesellschaft“ — gemeint ist ein Denker, dessen geistige Erben heute dafür sorgen, dass an bayerischen Universitäten Professoren für falsche Pronomen gerügt werden. Offene Gesellschaft eben.

Blumes Aussagen klingen wie Parodie – sind aber leider ernst gemeint. Ich erinnere mich noch, wie ich Blume einst kennenlernte — damals arbeitete er für den russischen Oligarchen Wekselberg. Von dort in die bayerische Staatsregierung, von Wekselberg über Söder zu Habermas — eine bemerkenswerte Karriere.