Politik hat im Sport nichts zu suchen, sagen Funktionäre, wenn es ihnen ins Konzept passt. Bei Russland und seinem Nachbarn Weißrussland machen sie eine fortwährende Ausnahme. Die Winter Paralympics beginnen gerade in Italien. Die Sportwelt schaut auf die Athletinnen und Athleten, die sich im friedlichen Wettstreit völkerverbindend treffen und messen. Was für eine schöne Idee. Und siehe da, auch Sportler aus Russland und Belarus dürfen (wieder) dabei sein und unter den eigenen Flaggen bei der Eröffnungsfeier in Verona mitmachen. Das fühlt sich ein bisschen wie der Beginn einer Entspannung an, doch das gefällt nicht jedem. Aus Protest gegen die Sportler aus „bösen“ Ländern boykottiert Deutschland die Feier. Apropos Boykott – warum ist Deutschland bei anderen Großereignissen weniger konsequent? Und doch, Boykotte und Ausschlüsse sind schlecht. Ein Kommentar von Frank Blenz.

Die eigenen Werte und Ansprüche boykottieren

Seit einigen Jahren werden Sportler aus Russland, einfache Bürger des größten Landes der Welt, von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen, denn Russland ist Feindesland. Russland führt Krieg. Führende Politiker machen Nägel mit Köpfen und rufen wie Außenminister Johann Wadephul aus, dass Russland immer „unser Feind“ sein werde. Mit Feinden pflegt man keine Freundschaft, die sind bei allem „draußen“, was Freude macht – im Sport zum Beispiel. Nun aber hellt sich die Lage gerade beim Sport etwas auf, könnte man meinen. Bei den Paralympics in Italien darf Russland starten, ebenso Belarus (warum das Land geblockt wurde, erschließt sich mir nicht). Das erscheint wie ein Hoffnungsschimmer: Diese Menschen, die Sportler werden nicht ausgeschlossen, sind sie doch schon immer Teil der Weltgemeinschaft. Doch schon ziehen dunkle Wolken auf. Es kann nicht sein, was nicht sein darf:

Drei Tage vor der Eröffnungsfeier der Paralympischen Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina solidarisiert sich der Deutsche Behindertensportverband (DBS) mit der Ukraine: Weil Sportler aus Russland und Belarus unter ihrer eigenen Flagge einlaufen dürfen, bleibt das deutsche Team der Eröffnung fern.

Warum der Boykott ein Akt der Solidarität mit der Ukraine sein soll, erschließt sich mir nicht, heißt es in der Pressemitteilung der allmächtigen deutschen Funktionäre doch, dass die Olympische Idee hochgehalten werden müsse. Ist die nun gültig für alle oder nicht für alle Sportler?

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es umso wichtiger, den Kern der Paralympischen Idee zu bewahren: faire Wettkämpfe in einem friedlichen Umfeld, in dem Athletinnen und Athleten aus aller Welt ihre Leistungen und persönlichen Geschichten präsentieren können. Paralympische Athletinnen und Athleten stehen für Mut, Entschlossenheit und die Bewältigung von Herausforderungen – und sie inspirieren Menschen weltweit. Gerade in herausfordernden Zeiten bleibt es unsere gemeinsame Aufgabe, die Paralympischen Werte sichtbar zu leben und die Integrität des Sports entschlossen zu schützen.” DBS-Pressemitteilung

(Quelle: Sportschau)

Die an sich treffend formulierten Sätze des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) sind nur hohle Phrasen, wenn Sportler ausgeschlossen werden, wenn Boykotte umgesetzt werden, wenn die Politik sich einmischt und dann das Gegenteil behauptet, wenn Integrität beschworen und sogleich verletzt wird, wenn Ideen hochgehalten werden und doch nicht für alle gelten sollen. Egal ob Ukraine, Deutschland, Russland, Belarus und so weiter – für alle Sportler, die ihren Traum verwirklicht sehen wollen, gilt, nochmal zum Mitschreiben:

(…) faire Wettkämpfe in einem friedlichen Umfeld, in dem Athletinnen und Athleten aus aller Welt ihre Leistungen und persönlichen Geschichten präsentieren können. Paralympische Athletinnen und Athleten stehen für Mut, Entschlossenheit und die Bewältigung von Herausforderungen – und sie inspirieren Menschen weltweit. Gerade in herausfordernden Zeiten bleibt es unsere gemeinsame Aufgabe, (…)“

(Quelle: Sportschau)

Folgte man der Logik: Krieg führende Länder wären draußen

Sanktionen, Boykotte, Ausschlüsse sind Instrumente der Politik, Handwerk der Macht. Gegen Russland werden die Elemente unnachgiebig in vielen Bereichen eingesetzt – bei anderen Ländern, die Krieg führen, nicht. So nehmen aktuell an den Paralympics Sportler aus den USA und aus Israel wie selbstverständlich teil. So, wie sie an allen anderen Großereignissen all die Jahre auch dabei waren, ganz egal, was ihre Länder politisch, friedlich, kriegerisch, sanktionierend, boykottierend und diktierend auf der Welt anstellten. Folgte man der Logik der Boykotteure, wäre alle Krieg führende Länder draußen. Die reale Welt sieht anders aus.

Aus der Geschichte von Boykotten – stets zum Leidwesen der Völker

Politik hat im Sport nichts verloren, heißt es heuchlerisch, und doch bestimmt sie alles. Sport war und ist Spielball der Macht. Ich denke an die Jahre 1980 und 1984. Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 wurden von den USA und ihnen folgenden Ländern (die BRD und weitere mehr als 40 Nationen) boykottiert. Die USA nannten den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan Ende 1979 als Grund. Tatsächlich zündelten die USA in Afghanistan weit vor der Intervention der Sowjetunion. Als Reaktion auf den US-geführten Boykott der Spiele in Moskau 1980 blieben im Jahr 1984 die Sowjetunion und die sogenannten Ostblockstaaten (darunter die DDR) den Spielen in Los Angeles (USA) fern.

Verlierer beider Boykotte waren die Sportler und die Bürger, die im Gegensatz zu mancher Erzählung diese Politik nicht guthießen. Ich weiß noch, wie in meiner Heimatstadt Abstimmungen in der damaligen Zentrale des Deutschen Turn und Sportbundes (DTSB) organisiert wurden mit dem Ziel, für den Boykott zu votieren. Die Diskussion war sehr aufgeladen und unerwartet offen. Es wurde dann doch für den Boykott der Olympiade in den USA gestimmt. Einzig mein Vater, Trainer und Sportfunktionär, stimmte nicht dafür.

USA in der Welt außer Rand und Band – und doch Gastgeber der Fußball-WM

Keine 100 Tage mehr, und die Fußballweltmeisterschaft beginnt. Gastgeber sind die USA, Kanada und Mexiko. Die USA unter Trump sind für mich keine würdigen Gastgeber. Man stelle sich vor: Während Fußballteams um sportlichen Ruhm kämpfen, wütet die Trump-Administration weltweit. Und ja, während bei den Spielen der Winterolympiade Sportler friedlich im Wettstreit stehen, wütet die Trump-Administration ebenfalls. Vor der eigenen Küste möchte sie Kuba endlich in die Knie zwingen, in New York sitzt der von den USA entführte Präsident Venezuelas im Gefängnis, und im Nahen Osten scheint es beim Bombardieren und Töten kein Halten zu geben (und das auch von deutschem Boden aus). Und doch fällt das Wort „WM-Ausschluss“. Aber nicht für die USA: Iran könnte ausgeschlossen werden und/oder zieht sein Team selbst von der Weltmeisterschaft zurück. Verkehrte Welt.

DFB und Bundesregierung einig – Sport darf nicht instrumentalisiert werden

Deutschlands Fußballfunktionäre diskutieren derweil auch zum Thema Boykott der WM in den USA, wobei der in Wahrheit nicht auf die Tagesordnung kommen wird. Es geht ja um den Sport – und um viel Geld. Lieber belässt man´s bei wohlmeinenden Stellungnahmen. DFB-Präsidiumsmitglied Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, möchte, dass der DFB mit Blick auf die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada Position bezieht. Medien vermittelte er, dass die Funktionäre „an die verbindende Kraft des Sports“ glauben, also ein Boykott nicht infrage komme. Und wie es sich gehört, folgt dem Gedanken auch die Bundesregierung.

Auch die Bundesregierung sprach sich gegen einen Boykott aus. Zur Begründung verwies Christiane Schenderlein, Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, auf die außenpolitische Linie der deutschen Regierung gegenüber den USA. „Der Sport darf dafür nicht instrumentalisiert werden”, sagte sie.

(Quelle: NDR)

Zur Erinnerung an die Politik: „Der Sport darf dafür nicht instrumentalisiert werden“

Zurück zum Boykott der Deutschen bei den Paralympics in Italien. Ihre Aktion ist das Gegenteil von „Der Sport darf dafür nicht instrumentalisiert werden“. Boykotte, Ausschlüsse, Herabwürdigungen von Ländern, ihren Menschen sind unvereinbar mit Grundsätzen der olympischen Idee, der Olympischen Charta. Es geht im Sport (und für uns alle) darum, sein Bestes zu geben, Respekt und Achtung vor sich selbst und den anderen Sportlern zu haben – das Ganze in aller Freundschaft. Sport leistet das: Menschen trotz politischer oder kultureller Unterschiede zusammenzubringen. Nebenbei findet sich in der Olympischen Charta auch folgendes: Sport – ein Menschenrecht: Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, ohne Diskriminierung Sport zu treiben. Nichtdiskriminierung: Jede Form von Benachteiligung aufgrund von Rasse, Religion, Politik oder Geschlecht ist unvereinbar mit der olympischen Idee. Politische Neutralität: Sportorganisationen sollen autonom und frei von externen Einflüssen agieren.

Meine Schlussfolgerung: Jeder Boykott, jeder Ausschluss, jede Sanktion gegen Sportler, gegen Bürger widerspricht der Charta und der Idee. Also ist es vollkommen richtig und wichtig, dass Sportler, woher auch immer stammend, in einen völkerverbindenden Wettstreit treten und Wettkämpfe wo auch immer friedlich stattfinden, ob bei Olympia oder zur Fußball-WM: Statt aufeinander zu schießen, kämpfen wir im Sport gegeneinander und doch miteinander, wie im Leben auch.

Es gibt da einen Film, einen ziemlich heftigen: „WarGames“ (Kriegsspiele, 1983) Ein Schüler (gespielt von Matthew Broderick), fanatischer Computerfreak, loggt sich zufällig in ein geheimes Computer-System ein. Der Junge soll ein Spiel spielen und gerät in höchste Gefahr. Das Computer-System kontrolliert das Nuklearwaffen-Arsenal der USA. Im Glauben, es sei nur ein Kriegsspiel zwischen Russland und den USA, startet er in der Kommandozentrale den „Countdown zum dritten Weltkrieg“. Ein fataler Irrtum … Zum guten Schluss und dem Ende des Kriegsspiels fällt die friedvolle wie schöne sportliche Frage: Wie wäre es mit einer Party Schach?

Titelbild: SJBright / shuttestock.com



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