Soso: Wir Mittfünfziger sind also „die neue Problemgeneration“. So will es zumindest eine News-Geschichte, die derzeit auf Social Media die Runde macht: „Sie nehmen Drogen, haben ungeschützten Sex, trinken und werfen das Geld zum Fenster hinaus!“

Dass uns die großzügig rechnenden Urheber dieser Story dabei als „Boomer“ titulieren statt als Gen X, sei geschenkt: So schlecht klingt das ja nicht, von „ungeschützt“ vielleicht mal abgesehen. Man fühlt sich regelrecht an eine ikonische Zeile von Neil Young erinnert, den genial dilettierenden Cowboyhut-Folkrocker Jahrgang 1945, den Kurt Cobain persönlich zum Ehrenmitglied unserer sozio-kulturellen Alterskohorte ernannt hat: „It’s better to burn out than to fade away!“

Cobain hat diese Zeile tatsächlich in seinem Abschiedsbrief zitiert – und viele der heutigen Plus-Minus-Fiftysomethings konnten sich in besseren Tagen auf einen solchen Habitus einigen. Aber mal ehrlich, liebe Jahrgänge 1965 bis 1980, werden wir hier nicht etwas überschätzt? Haben wir nicht pünktlich zur Legalisierung das Kiffen aufgegeben, weil es uns nur noch müde machte? Wann waren Sie zuletzt auf einer wilden Orgie – und klingt die Sache mit dem „Burn Out“ heute nicht etwas anders als auf Youngs berühmten Album Rust Never Sleeps?

Aber nehmen wir die Story doch zum Anlass, auf der Gen-X-Erfindung YouTube – Nerd Check: Wussten Sie, dass einer der drei Gründer dieser Plattform 1979 in der DDR geboren wurde? – das zitierte Neil-Young-Stück anzuklicken, uns ganz Boomer-mäßig zurückzulehnen und sowas wie eine generationelle Bilanz zu ziehen: Was, wenn schon nicht wirklich der Exzess bis zum Rollator, könnte einmal von uns bleiben in der populären Kultur?

Sport: Bumm-Bumm-Steffi schlägt Bravo-Mehmet

Gehen wir die Liste also einmal durch und beginnen vielleicht beim Sport, zu dem wir immer eine etwas ambivalente Haltung hatten. Nach außen befanden viele von uns diese neuen, erlebnisorientierten „Funsportarten“ als cool, Snowboard, Windsurfing und so. Dennoch haben wir viel herkömmlichen Sport geguckt, und die ersten Exemplare unserer Generation, die dort hierzulande große Karriere machten, spielten ausgerechnet Tennis.

Das tat seinerzeit gefühlt kein Mensch, bis „Bumm-Bumm-Boris“ Becker und Steffi Graf sich mit ihren frühen Wimbledon-Siegen unsterblich machten. Das war seinerzeit nicht nur ein nationales Medienereignis von heute nur noch schwer vorstellbarem Sättigungsgrad, sondern führte auch diesen Sport etwas aus seiner gutbürgerlichen Ecke heraus.

Plötzlich wollten jedenfalls alle Tennis gucken, Tennis spielen und das passende Auto zur Sportart fahren, nämlich einen Golf Cabrio: Gewissermaßen trug der Boris-Steffi-Boom zu jenem oberflächlichen, neoliberalismus-offenen Jugend-Zeitgeist bei, den Gen-X-Chronist Florian Illies zum Millennium in seinem Bestseller Generation Golf kolportierte.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass diese Tennisorientierung unserer Generation auch damit zu tun hatte, dass die GenX-Vertreter in der eher proletarischen deutschen Kernsportart Herrenfußball international nur wenig reißen konnten, wenn man von Bodo Illgner, Andreas Möller und Olaf Thon einmal absieht, den Jungspunden in der Weltmeistermannschaft von 1990. Quasi als Trostpreis gab es Mehmet Scholl: Der wohl erste Fußballer mit Starschnitt in der Bravo reüssiertespäter auch als eine Art Indie-DJ – und wurde sympathischerweise als öffentlich-rechtlicher Fußballexperte gefeuert.

Subkultur: Stylischer Techno, hässliche Tattoos

Jener Golfismus à la Illies ist freilich nur die halbe Geschichte. Noch während Boris und Steffi aktiv waren, brodelte es gewaltig im Untergrund: Die wilden Neunziger waren das Jahrzehnt, das die Mitglieder der Generation X subkulturell geprägt haben. Besonders in Berlin, das erst zum Geheimtipp und dann über die Landesgrenzen hinaus zum Inbegriff dieser Jahre avancierte, hatte das viel mit Techno zu tun.

Zwar gehört Love-Parade-Erfinder Dr. Motte noch der Boomer-Kohorte an. Aber die große Masse derer, die da tanzten, Nächte durchfeierten, Pillen einschmissen, stylische Mode entwarfen oder Raves auf Hausdächern, in abgelegenen Brachen, besetzten Häusern oder in der urbanen Peripherie auf die Beine stellten, waren GenXer.

Für den Kulturbetrieb wurde dieses neue Berlin-Feeling mit Techno-Sound und jugendlicher Chuzpe, die ebenso sozialrebellisch wie abgegessen und cool daherkam, im Film Lola rennt mit der Berliner GenX-Ikone Franka Potente kondensiert. In Tom Tykwers (Jahrgang 1965, gerade noch GenX) Off-Kultur-Mainstream-Meisterwerk gab Moritz Bleibtreu den nie müde werdenden Rebellen, dem jeder Zuschauer ein besseres Leben und nicht dieses blöde Sterben gewünscht hätte. Ohne dass es allen klar war, hatte die bundesdeutsche Hauptstadt, die das damals noch gar nicht war, jede Menge subkultureller Schlupflöcher, in denen die GenX gut gelaunt herumkletterte und stylischen Radau machte.

Zu den offenen Fragen der Popkulturgeschichte wird indessen für immer das Tattoo-Paradox zu zählen sein: Wie konnte sich die gleiche Kohorte, die so viel Style und Innovation hervorbrachte, im ersten Schritt der allgemeinen Hautbeschriftung dermaßen hässliche „Tribals“ und Arschgeweihe stechen lassen? Hier gilt die alte Faustregel zur Historisierung jeglichen subkulturellen Treibens: Wer sich erinnern kann, war nicht wirklich dabei.

Literatur: Bücher wurden plötzlich Pop

Flankiert wurde der kulturelle Nineties-Hype rund um Techno – und ja doch: HipHop, Trip-Hop und so weiter! –, Rebellion und die Großstadt von einer neuen deutschen Popliteratur, für die vor allem Benjamin Stuckrad-Barre und Christian Kracht mit ihren Büchern stehen, während das kommunistische Science-Fiction-Genie Dietmar Dath (Jahrgang 1970) erst in den 2000er Jahren zu großer Form auflief.

Tatsächlich hinterlässt die GenX literarisch ein neues Genre an der Schnittstelle von High-Brow und Trivialem. Und dieses wurde viel stärker als jemals zuvor in der deutschen Buch-Geschichte von weiblichen Stimmen geprägt. Autorinnen wie Judith Hermann, Tanja Dückers, Juli Zeh oder Alexa Hennig von Lange räumten sämtliche Literaturpreise ab und hauchten als „Fräuleinwunder“ – so zeitgenössisch der Spiegel – dem bundesrepublikanischen Literaturbetrieb ein wenig frisches und vor allem selbstbewusst emanzipiertes Leben ein.

Es ging hier um die Magie des Alltäglichen, um das Wachsen, um Freundschaft und gar nicht so sehr um die vermeintlich ganz großen Themen. Wie im Techno klang in diesem Schreiben ein Zeitgeist des „Vielleicht-ist-wirklich-alles-möglich“ an, der eine Generation umwehte, die in Ost wie West zu Schulzeiten noch von der Ewigkeit der Berliner Mauer ausgegangen war.

Politik: Die Generation, die Rot-Rot-Grün versemmelte

Apropos Wiedervereinigung: In politischer Hinsicht waren die Jugendjahre der GenXer geprägt von der Neonazi-Mobilmachung nach der Wende. Die derzeit immer wieder bemühten Baseballschläger-Jahre zwangen nicht wenige junge Menschen geradezu, sich politisch zu organisieren.

GenXer, die sich politisch engagierten, landeten daher oft bei der Antifa. Aber der politische Impetus, sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden und gegen für falsch befundene Strukturen zu kämpfen, nährte darüber hinaus auch offensive Proteste, etwa die um die Jahrtausendwende eskalierenden Protestbewegungen gegen die G 8. In puncto Polit-Aktivismus erreichten die 1990er zwar nicht den Glanz der kämpferischen 1970er, doch war die Generation X politisch bewegter als oft behauptet.

Umso tragischer ist es, dass die damals Jungen es in den etablierten politischen Parteien nicht schafften, den relativ stabilen Mitte-Links-Konsens der 2000er und frühen bis mittleren 2010er Jahre nicht in eine rot-rot-grüne Koalition zu überführen, zu der es auf Bundesebene rechnerisch zweimal gereicht hätte. Eine solide, links-sozialdemokratische und ökologische Reformpolitik hätte vielleicht all jene sozialen Verwerfungen verhindern, auflösen oder zumindest abmildern können, die sich nunmehr nach rechts zu entladen drohen.

Als gescheiterte Polit-Generation verkörpert niemand so ungeschminkt die GenX wie die parlamentarische Polit-Klasse, die mit dem Ampel-Projekt vor der Zeit in den Vorruhestand geschickt wurde. Die Generation-X-Politiker Robert Habeck, Christian Lindner, Annalena Baerbock und Hubertus Heil mochten in ihrer mitunter aberwitzig anmutenden Ampelkoalition neudeutscher Wirtschaftsfreundlichkeit durchaus eine grundlegende Modernisierung des Landes im Sinn gehabt haben, die endlich auch alte Unions-Festungen schleifen sollte. Aber geglückt ist das ja nicht wirklich. Es gehört daher zum Erbe unserer Generation, dass auch infolgedessen heute tatsächlich Zustände herrschen, vor denen man in den 1990ern teils etwas vorschnell gewarnt hatte.

Digitale Welt: Selbst Boris war auf einmal drin

„Bin ich schon drin oder was?“ Zu den ikonischen Medienmomenten der Neunziger zählt sicherlich ein AOL-Werbespot mit Boris Becker aus dem Jahr 1999. Im Zeitalter des Modems war ja schon das Einwählen ins Internet für viele eine Hürde. Wenn das aber, so die Message dieses Filmchens, selbst der allseits beliebte, aber nicht als besonders helle geltende Tennisstar hinkriegt, gibt es wirklich keine Ausreden mehr!

Und so nahm das Neuland dann seinen Lauf. Die allmählich älter werdenden GenXer durften genau jene digitale Revolution miterleben und mitgestalten, die Boomern wie Steve Jobs und Bill Gates Milliarden bescherte und heute die Kriegskassen der rechten Tech-Bros füllt. Die Xer hatten als Kids noch Analog-Fernsehen geschaut und die Bundesliga-Schalte im Radio gehört. Jenseits der 40 sollten sie plötzlich nie wieder ins Reisebüro gehen und Briefmarken nicht mehr bei der Post kaufen, sondern alles am Rechner erledigen.

Aus den analogen Jugendlichen, die ihre Freunde aus dem Auslandsjahr ohne Briefkontakt aus den Augen verloren hatten, wurden brave Beschäftigte, die vielerorts die Digitalisierung ihrer eigenen Arbeitsplätze in Workshops mitorganisieren mussten. Dem Selbstverständnis brachte das zumindest die bei weitem nicht immer positive Gewissheit, an einem bedeutsamen historischen Scheitel zu stehen. Puristen dieser Kohorte neigen deshalb gerade in Urlaubszeiten bis heute zu analoger Wagenburgmentalität und gehen ohne Mobiltelefon wandern, während andere, die sich für eingefleischte Digital-Nerds halten, immer noch täglich an ihrem vorgestrigen Facebook-Profil herumbasteln.

Könnte die GenX einfach verschwinden?

Wird diese Generation von Lebensstil-Möchtegern-Revoluzzern, denen noch immer ganz leise Techno-Vibes – und ja doch: auch HipHop-Beats! – durch die Blutbahn wummern, die trotz früherer Träume kein Tennis spielen können und vorsichtshalber den Flug nicht übers Handy buchen, weil da ja was schiefgehen könnte, immer im Schatten der Boomer stehen? Oder werden sie noch ganz easy von den Millennials überholt, die seit Jahr und Tag jugendlich in ihren Startlöchern stehen und mittlerweile eigentlich auch schon Mitte 30 bis Mitte 40 sind?

Schwer zu sagen, aber ein solches Verlorengehen zwischen Trotz und Fatalismus hätte ja auch seine ästhetischen Reize. Auch diesen hat das Kino ein frühes Denkmal gesetzt – in Jim Jarmuschs 1995 erschienenem Post-Western Dead Man, in dem das Beinahe-GenX-Idol Johnny Depp (Jahrgang 1963) in der Wildnis verschwindet. Der sphärisch ins Nichts mäandernde Soundtrack dazu stammt übrigens – natürlich, möchte man fast sagen – von Neil Young. Und wer ihn heute durchhört, ist am Ende dermaßen mit Selbstnostalgie geflutet, dass man auch sagen kann: Jetzt reicht’s aber. Lasst uns die Ärmel nochmal hochkrempeln und einen Unterschied machen. Vielleicht sogar auf politischer Ebene.

in persönlich zum Ehrenmitglied unserer sozio-kulturellen Alterskohorte ernannt hat: „It’s better to burn out than to fade away!“Cobain hat diese Zeile tatsächlich in seinem Abschiedsbrief zitiert – und viele der heutigen Plus-Minus-Fiftysomethings konnten sich in besseren Tagen auf einen solchen Habitus einigen. Aber mal ehrlich, liebe Jahrgänge 1965 bis 1980, werden wir hier nicht etwas überschätzt? Haben wir nicht pünktlich zur Legalisierung das Kiffen aufgegeben, weil es uns nur noch müde machte? Wann waren Sie zuletzt auf einer wilden Orgie – und klingt die Sache mit dem „Burn Out“ heute nicht etwas anders als auf Youngs berühmten Album Rust Never Sleeps?Aber nehmen wir die Story doch zum Anlass, auf der Gen-X-Erfindung YouTube – Nerd Check: Wussten Sie, dass einer der drei Gründer dieser Plattform 1979 in der DDR geboren wurde? – das zitierte Neil-Young-Stück anzuklicken, uns ganz Boomer-mäßig zurückzulehnen und sowas wie eine generationelle Bilanz zu ziehen: Was, wenn schon nicht wirklich der Exzess bis zum Rollator, könnte einmal von uns bleiben in der populären Kultur?Sport: Bumm-Bumm-Steffi schlägt Bravo-Mehmet Gehen wir die Liste also einmal durch und beginnen vielleicht beim Sport, zu dem wir immer eine etwas ambivalente Haltung hatten. Nach außen befanden viele von uns diese neuen, erlebnisorientierten „Funsportarten“ als cool, Snowboard, Windsurfing und so. Dennoch haben wir viel herkömmlichen Sport geguckt, und die ersten Exemplare unserer Generation, die dort hierzulande große Karriere machten, spielten ausgerechnet Tennis.Das tat seinerzeit gefühlt kein Mensch, bis „Bumm-Bumm-Boris“ Becker und Steffi Graf sich mit ihren frühen Wimbledon-Siegen unsterblich machten. Das war seinerzeit nicht nur ein nationales Medienereignis von heute nur noch schwer vorstellbarem Sättigungsgrad, sondern führte auch diesen Sport etwas aus seiner gutbürgerlichen Ecke heraus.Plötzlich wollten jedenfalls alle Tennis gucken, Tennis spielen und das passende Auto zur Sportart fahren, nämlich einen Golf Cabrio: Gewissermaßen trug der Boris-Steffi-Boom zu jenem oberflächlichen, neoliberalismus-offenen Jugend-Zeitgeist bei, den Gen-X-Chronist Florian Illies zum Millennium in seinem Bestseller Generation Golf kolportierte.Fairerweise muss man dazu sagen, dass diese Tennisorientierung unserer Generation auch damit zu tun hatte, dass die GenX-Vertreter in der eher proletarischen deutschen Kernsportart Herrenfußball international nur wenig reißen konnten, wenn man von Bodo Illgner, Andreas Möller und Olaf Thon einmal absieht, den Jungspunden in der Weltmeistermannschaft von 1990. Quasi als Trostpreis gab es Mehmet Scholl: Der wohl erste Fußballer mit Starschnitt in der Bravo reüssiertespäter auch als eine Art Indie-DJ – und wurde sympathischerweise als öffentlich-rechtlicher Fußballexperte gefeuert. Subkultur: Stylischer Techno, hässliche TattoosJener Golfismus à la Illies ist freilich nur die halbe Geschichte. Noch während Boris und Steffi aktiv waren, brodelte es gewaltig im Untergrund: Die wilden Neunziger waren das Jahrzehnt, das die Mitglieder der Generation X subkulturell geprägt haben. Besonders in Berlin, das erst zum Geheimtipp und dann über die Landesgrenzen hinaus zum Inbegriff dieser Jahre avancierte, hatte das viel mit Techno zu tun.Zwar gehört Love-Parade-Erfinder Dr. Motte noch der Boomer-Kohorte an. Aber die große Masse derer, die da tanzten, Nächte durchfeierten, Pillen einschmissen, stylische Mode entwarfen oder Raves auf Hausdächern, in abgelegenen Brachen, besetzten Häusern oder in der urbanen Peripherie auf die Beine stellten, waren GenXer.Für den Kulturbetrieb wurde dieses neue Berlin-Feeling mit Techno-Sound und jugendlicher Chuzpe, die ebenso sozialrebellisch wie abgegessen und cool daherkam, im Film Lola rennt mit der Berliner GenX-Ikone Franka Potente kondensiert. In Tom Tykwers (Jahrgang 1965, gerade noch GenX) Off-Kultur-Mainstream-Meisterwerk gab Moritz Bleibtreu den nie müde werdenden Rebellen, dem jeder Zuschauer ein besseres Leben und nicht dieses blöde Sterben gewünscht hätte. Ohne dass es allen klar war, hatte die bundesdeutsche Hauptstadt, die das damals noch gar nicht war, jede Menge subkultureller Schlupflöcher, in denen die GenX gut gelaunt herumkletterte und stylischen Radau machte.Zu den offenen Fragen der Popkulturgeschichte wird indessen für immer das Tattoo-Paradox zu zählen sein: Wie konnte sich die gleiche Kohorte, die so viel Style und Innovation hervorbrachte, im ersten Schritt der allgemeinen Hautbeschriftung dermaßen hässliche „Tribals“ und Arschgeweihe stechen lassen? Hier gilt die alte Faustregel zur Historisierung jeglichen subkulturellen Treibens: Wer sich erinnern kann, war nicht wirklich dabei.Literatur: Bücher wurden plötzlich PopFlankiert wurde der kulturelle Nineties-Hype rund um Techno – und ja doch: HipHop, Trip-Hop und so weiter! –, Rebellion und die Großstadt von einer neuen deutschen Popliteratur, für die vor allem Benjamin Stuckrad-Barre und Christian Kracht mit ihren Büchern stehen, während das kommunistische Science-Fiction-Genie Dietmar Dath (Jahrgang 1970) erst in den 2000er Jahren zu großer Form auflief.Tatsächlich hinterlässt die GenX literarisch ein neues Genre an der Schnittstelle von High-Brow und Trivialem. Und dieses wurde viel stärker als jemals zuvor in der deutschen Buch-Geschichte von weiblichen Stimmen geprägt. Autorinnen wie Judith Hermann, Tanja Dückers, Juli Zeh oder Alexa Hennig von Lange räumten sämtliche Literaturpreise ab und hauchten als „Fräuleinwunder“ – so zeitgenössisch der Spiegel – dem bundesrepublikanischen Literaturbetrieb ein wenig frisches und vor allem selbstbewusst emanzipiertes Leben ein.Es ging hier um die Magie des Alltäglichen, um das Wachsen, um Freundschaft und gar nicht so sehr um die vermeintlich ganz großen Themen. Wie im Techno klang in diesem Schreiben ein Zeitgeist des „Vielleicht-ist-wirklich-alles-möglich“ an, der eine Generation umwehte, die in Ost wie West zu Schulzeiten noch von der Ewigkeit der Berliner Mauer ausgegangen war.Politik: Die Generation, die Rot-Rot-Grün versemmelteApropos Wiedervereinigung: In politischer Hinsicht waren die Jugendjahre der GenXer geprägt von der Neonazi-Mobilmachung nach der Wende. Die derzeit immer wieder bemühten Baseballschläger-Jahre zwangen nicht wenige junge Menschen geradezu, sich politisch zu organisieren.GenXer, die sich politisch engagierten, landeten daher oft bei der Antifa. Aber der politische Impetus, sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden und gegen für falsch befundene Strukturen zu kämpfen, nährte darüber hinaus auch offensive Proteste, etwa die um die Jahrtausendwende eskalierenden Protestbewegungen gegen die G 8. In puncto Polit-Aktivismus erreichten die 1990er zwar nicht den Glanz der kämpferischen 1970er, doch war die Generation X politisch bewegter als oft behauptet.Umso tragischer ist es, dass die damals Jungen es in den etablierten politischen Parteien nicht schafften, den relativ stabilen Mitte-Links-Konsens der 2000er und frühen bis mittleren 2010er Jahre nicht in eine rot-rot-grüne Koalition zu überführen, zu der es auf Bundesebene rechnerisch zweimal gereicht hätte. Eine solide, links-sozialdemokratische und ökologische Reformpolitik hätte vielleicht all jene sozialen Verwerfungen verhindern, auflösen oder zumindest abmildern können, die sich nunmehr nach rechts zu entladen drohen.Als gescheiterte Polit-Generation verkörpert niemand so ungeschminkt die GenX wie die parlamentarische Polit-Klasse, die mit dem Ampel-Projekt vor der Zeit in den Vorruhestand geschickt wurde. Die Generation-X-Politiker Robert Habeck, Christian Lindner, Annalena Baerbock und Hubertus Heil mochten in ihrer mitunter aberwitzig anmutenden Ampelkoalition neudeutscher Wirtschaftsfreundlichkeit durchaus eine grundlegende Modernisierung des Landes im Sinn gehabt haben, die endlich auch alte Unions-Festungen schleifen sollte. Aber geglückt ist das ja nicht wirklich. Es gehört daher zum Erbe unserer Generation, dass auch infolgedessen heute tatsächlich Zustände herrschen, vor denen man in den 1990ern teils etwas vorschnell gewarnt hatte.Digitale Welt: Selbst Boris war auf einmal drin „Bin ich schon drin oder was?“ Zu den ikonischen Medienmomenten der Neunziger zählt sicherlich ein AOL-Werbespot mit Boris Becker aus dem Jahr 1999. Im Zeitalter des Modems war ja schon das Einwählen ins Internet für viele eine Hürde. Wenn das aber, so die Message dieses Filmchens, selbst der allseits beliebte, aber nicht als besonders helle geltende Tennisstar hinkriegt, gibt es wirklich keine Ausreden mehr!Und so nahm das Neuland dann seinen Lauf. Die allmählich älter werdenden GenXer durften genau jene digitale Revolution miterleben und mitgestalten, die Boomern wie Steve Jobs und Bill Gates Milliarden bescherte und heute die Kriegskassen der rechten Tech-Bros füllt. Die Xer hatten als Kids noch Analog-Fernsehen geschaut und die Bundesliga-Schalte im Radio gehört. Jenseits der 40 sollten sie plötzlich nie wieder ins Reisebüro gehen und Briefmarken nicht mehr bei der Post kaufen, sondern alles am Rechner erledigen.Aus den analogen Jugendlichen, die ihre Freunde aus dem Auslandsjahr ohne Briefkontakt aus den Augen verloren hatten, wurden brave Beschäftigte, die vielerorts die Digitalisierung ihrer eigenen Arbeitsplätze in Workshops mitorganisieren mussten. Dem Selbstverständnis brachte das zumindest die bei weitem nicht immer positive Gewissheit, an einem bedeutsamen historischen Scheitel zu stehen. Puristen dieser Kohorte neigen deshalb gerade in Urlaubszeiten bis heute zu analoger Wagenburgmentalität und gehen ohne Mobiltelefon wandern, während andere, die sich für eingefleischte Digital-Nerds halten, immer noch täglich an ihrem vorgestrigen Facebook-Profil herumbasteln.Könnte die GenX einfach verschwinden?Wird diese Generation von Lebensstil-Möchtegern-Revoluzzern, denen noch immer ganz leise Techno-Vibes – und ja doch: auch HipHop-Beats! – durch die Blutbahn wummern, die trotz früherer Träume kein Tennis spielen können und vorsichtshalber den Flug nicht übers Handy buchen, weil da ja was schiefgehen könnte, immer im Schatten der Boomer stehen? Oder werden sie noch ganz easy von den Millennials überholt, die seit Jahr und Tag jugendlich in ihren Startlöchern stehen und mittlerweile eigentlich auch schon Mitte 30 bis Mitte 40 sind?Schwer zu sagen, aber ein solches Verlorengehen zwischen Trotz und Fatalismus hätte ja auch seine ästhetischen Reize. Auch diesen hat das Kino ein frühes Denkmal gesetzt – in Jim Jarmuschs 1995 erschienenem Post-Western Dead Man, in dem das Beinahe-GenX-Idol Johnny Depp (Jahrgang 1963) in der Wildnis verschwindet. Der sphärisch ins Nichts mäandernde Soundtrack dazu stammt übrigens – natürlich, möchte man fast sagen – von Neil Young. Und wer ihn heute durchhört, ist am Ende dermaßen mit Selbstnostalgie geflutet, dass man auch sagen kann: Jetzt reicht’s aber. Lasst uns die Ärmel nochmal hochkrempeln und einen Unterschied machen. Vielleicht sogar auf politischer Ebene.



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