Als russische Truppen im Februar 2022 zunächst an der ukrainischen Grenze aufmarschierten und diese schließlich überschritten, war das öffentliche Interesse an diesem Konflikt sehr hoch. Heute hingegen lässt die internationale Aufmerksamkeit zunehmend nach. Da liegt einmal am bisherigen Verlauf des Krieges, der sich schnell zu einer endlosen Abnutzungsschlacht entwickelt hat. Hinzu kommt, dass die Ukraine längst nicht mehr das einzige Land ist, in dem derzeit erbittert gekämpft wird.
Dieser permanente Verlust an Aufmerksamkeit ist einerseits nicht verwunderlich, führt aber auf der anderen Seite leicht dazu, dass wichtige Entwicklungen auf beiden Seiten der Front nicht mehr mit der eigentlich nötigen Aufmerksamkeit registriert werden. Dies geschieht zu einer Zeit, in der die Waagschale des Krieges viel leichter zu einer Seite kippen kann, als es vielen derzeit bewusst ist. Es ist aber nicht die russische Seite, die derzeit an Gewicht gewinnt, sondern die der Ukraine.
Den russischen Militärbloggern ist dies nicht verborgen geblieben. Ihre Kriegsberichte verbreiten nicht mehr jenen Patriotismus und jene Siegesgewissheit, die wir aus den ersten drei Kriegsjahren nur zu gut kennen. Die Stimmung ist düster und das nicht ohne Grund, denn die bekannten Defizite der russischen Armee treten nicht nur immer deutlicher hervor. Mehr noch: Die Ukraine entwickelt Strategien, um diese Schwächen gnadenlos für sich auszunutzen und damit die Abwärtsspirale innerhalb der russischen Armee noch zu verstärken.
Russland verliert nicht nur Männer, sondern vor allem Kompetenz
Gut bekannt sind vielen inzwischen die hohen russischen Verlustzahlen. Nicht bewusst ist vielen Beobachtern im Ausland jedoch, dass nicht nur die einfachen russischen Mannschaftsgrade derzeit erschreckend hohe Verluste aufweisen. Auch das russische Offizierskorps blutet zunehmend aus.
Die Abschaltung von Starlink hat dieses Problem im Februar noch einmal verschärft, denn nun sind die russischen Offiziere gezwungen, näher an die Kampflinie heranzurücken, um einen Überblick über das Geschehen auf dem Schlachtfeld zu bekommen und schnell Befehle erteilen zu können. Das führt zwangsläufig dazu, dass auch immer mehr Offiziere von Drohnen und Artilleriegeschossen getötet werden.
Die Personalverluste sind mittlerweile so hoch, dass die russischen Militärakademien an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Sie können die Lücken nicht mehr schließen, die ukrainische Drohnen und Artilleriegeschosse in die eigenen Reihen reißen. Hinzu kommt, dass mit jedem älteren Offizier, der fällt oder verwundet wird, auch eine Menge Erfahrung verloren geht.
Beide Entwicklungen schwächen die russische Seite derzeit erheblich und das könnte für Wladimir Putin auf lange Sicht zu einem ernsthaften Problem werden.