Diejenigen, die sich als „gute Menschen“ ansehen, die von sich behaupten, die Gesundheit „der Menschen“ läge ihnen am Herzen, mehr noch läge ihnen die Gesundheit „der Menschen“ am Herzen als das eigene Wohlergehen und das eigene Verdienst, sie kommen regelmäßig bei Verhaltensweisen „der Menschen“ an, die ihnen ganz arge Sorgen bereiten, Verhaltensweisen, von denen sie behaupten, sie seien schädlich, Verhaltensweisen, die sie VERÄNDERN wollen, ganz so, als hätte sie irgend jemand gebeten, die Verhaltensweisen anderer für diese anderen zu verändern. Ebenso regelmäßig enden diese guten Menschen in ihrem Bemühen, anderen Verhaltensweisen abzugewöhnen, bei einem Mittel, das die Fehlverhalter, denen man doch helfen will, finanziell schädigt und „den Staat“, also die Clique, die ihn sich zur Beute genommen hat, reicher macht:

STEUERN.

Und so ist der seit Jahrzehnten regelmäßig durchs Dorf getriebene, vor allem in Zeiten knapper Kassen durchs Dorf getriebene alte Bekannte, die Zuckersteuer wieder da.

Ich gebe zu, dass ich die Studie des „Wissenschaftlichen Instituts des Verbands der Privaten Krankenversicherungen“ nicht gelesen habe. Studien, die von Interessenverbänden in Auftrag gegeben werden, sind es meist nicht wert, überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden und Studien zu einem Thema, das man schon bei einfacher Draufsicht als ideologischen Mumpitz ansehen kann, sind es noch viel weniger.

Denn:

  1. Steuern wie eine Zucker-Steuer, die im Englischen als Sin-Tax (Sünden-Steuer) bezeichnet werden, sind zumeist wirkungslos im Hinblick auf die Wirkung, die mit ihnen beabsichtigt ist, hier die Reduzierung von Adipositas und Übergewichtigkeit;
  2. Steuern, wie die Zucker-Steuer, sind sozial ungerechte Steuern, da sie Arme, die Gutmenschen doch eigentlich am Herzen liegen sollten, mehr treffen als Reiche, denn Adipositas und Übergewicht ist nicht „gleich“ verteilt, arme, sozial deprivierte und vornehmlich Schwarze sind dicker als der Rest der Bevölkerung;
  3. Der Genuss von Zucker oder Tabak, bringt auf lange Sicht nicht mehr Kosten für die sozialen Sicherungssysteme, sondern weniger Kosten;
  4. Steuern wie die Zucker-Steuer sind paternalistisch und entsprechend ein Eingriff in die Selbstbestimmung;
I’m not responsible

Eigentlich sind die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass Sin-Taxes nicht das gewünschte Ziel erreichen, so zahlreich, dass es genügen müsste, auf sie zu verweisen. Aber, wie so oft in der empirischen Sozialforschung, sind die entsprechenden Beiträge zumeist in englischer Sprache verfasst, selbst dann, wenn sie von deutschen Autoren stammen, so dass ich an dieser Stelle auf zwei sehr gute und bereits ältere Arbeiten verweisen will, in denen sich die nun folgende Argumentation nachvollziehen lässt und in denen sich entsprechende Belege finden lassen. Es handelt sich dabei um ein Arbeitpapier von Adam J. Hoffer, William F. Shughart II und Michael D. Thomas mit dem Titel „Sin Taxes. Size, Growth, and Creation of the Sindustry“ und um Christopfer Snowdons endgültige Zerlegung aller jemals für Sin Taxes vorgebrachten „Argumente“. Seit beide Arbeiten erschienen sind, hat sich NICHTS geändert.

Sin-Taxes, wie die Zucker-Steuer, funktionieren nicht

Nimmt man nur einen Moment lang an, Menschen im Allgemeinen und Verbraucher im Besonderen seien nicht die dummen Tölpel, die tugendwedelnde Gutmenschen in ihnen sehen wollen, nimmt man also an, Verbraucher seien sehr wohl in der Lage, aus einem Angebot die Produkte auszuwählen, die sie wollen, und kommt entsprechend zu der Einsicht, dass manche Zeitgenossen gar nichts gegen den Verzehr eines, zweier, ja, oh Schreck, exzessiver dreier Mars-Riegel einzuwenden haben, dann kommt man auf diesem Weg zu dem Schluss, dass die entsprechenden Verbraucher nach einem Weg suchen werden, um die höheren Kosten, die ihnen ihr Zuckergenuß durch die Erhebung einer Zuckersteuer verursacht, zu kompensieren.

In ökonomischer cartoon cavemenSprache: Sie werden substituieren, teuren Zucker durch billigeren Zucker, durch Zuckerersatz. Leidet das Zucker-Genuss-Erlebnis, dann nimmt diese Substitution etwas andere Formen an, dann wird das Geld, um das der Zuckergenuss teurer geworden ist, eben an anderer Stelle eingespart, z.B. beim Kauf von Gemüse oder Salat oder lascher Getränke, in die kein Zucker Eingang gefunden hat. Ökonomen sprechen hier von nicht elastischer Nachfrage. Eine solche nicht-elastische Nachfrage liegt vor, wenn Verbraucher nicht einfach auf den Konsum von bestimmten Gütern verzichten können bzw. wollen, z.B. weil sie von Zigaretten abhängig sind (psychisch oder physisch), weil sie auf den Gebrauch von Insulin angewiesen sind oder weil sie einen bestimmten Lebensstil pflegen, den sie nicht aufzugeben bereit sind, auch nicht durch eine Steuer auf besonders kohlenhydrat- und tanninlastige Nahrungs- und Genussmittel beim Italiener um die Ecke.

Sin-Taxes sind sozial ungerechte Steuern

Selbsternannte Gutmenschen, die sich um den Körperumfang anderer sorgen, haben nicht auf der Rechnung, dass die Dicken gar kein Problem mit ihrem Dicksein haben könnten. Vielmehr gehen sie von triebgeleiteten Deppen aus, die dem Reiz eines Schokoriegels oder eines Softdrinks einfach nicht widerstehen können. Entsprechend muss man sie vor sich selbst schützen, und zwar durch eine Steuer.

Das ist zwar nicht logisch, aber das, was immer kommt. Nun habe ich oben dargelegt, dass die Schokoriegel-Esser keine Deppen sind, sondern emanzipierte Verbraucher, die auch wissen, dass in Schokolade Zucker ist und dass Zucker zuweilen dick machen kann, die aber dennoch nicht auf ihren Genuß verzichten möchten und entsprechend die höhere Besteuerung durch Substitute zu unterlaufen suchen. Die Möglichkeit, dies zu tun, hängt wiederum vom Einkommen ab. Entsprechend haben Personen mit einem höheren Einkommen mehr Möglichkeiten, eine Zucker-Steuer zu umgehen bzw. auf alternative Produkte auszuweichen als Personen mit geringerem Einkommen, die entsprechend nach Einfuhr der Steuer einen höheren Anteil ihres Einkommens für Schokoriegel aufwenden müssen. Und so entpuppen sich die um den Körperumfang anderer Besorgten, nunmehr als sozial diskriminerende Gutmenschen, die ihre Ideologie vom dünnen, gesunden Menschen auf dem Rücken von sozial Schwachen ausleben.

Die Einführung von Sin-Taxes entlastet die sozialen Sicherungssysteme nicht

Die höheren Kosten, die durch Raucher, Adipöse und wer auch immer gegen den Gesundheitskodex vom ewig Schlanken verstößt, verursacht werden, sind im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme ein schwer zu erledigender Mythos und dies obwohl es unzählige Studien gibt, die zeigen, dass Raucher früher sterben als Nicht-Raucher und Adipöse eher an einem Herz-Kreislauf-Leiden final verenden als Normalumfängliche und entsprechend die Rentenkasse nicht in gleichem Umfang belasten. Anscheinend ist die geheuchelte Sorge um die Gesundheitskosten ein zu fester Bestandteil der eigenen Gutheits-Inszenierung, als dass man ihn fallen lassen könnte.

There is ample evidence that, on average, smokers and the obese are less of a ‚drain on public services‘ than nonsmokers and the slim because they spend fewer years withdrawing pensions, prescriptions, nursing home provisions and other benefits. Their lifetime health care costs are usually lower than those who lead healthier lifestyles. If making consumers pay their way is truly the aim of public policy, the government would be more justified in placing a tax on fruits and vegetables“ (Snowdon, 2012, p.2-3)

„Recent studies have shown that smokers cost governments less in social welfare than otherwise identical nonsmokers. Because smokers die younger, on average, they require fewer long-term health care services and collect fewer Social Security benefits. These savings more than compensate for the medical costs of those who become ill from smoking (Hoffer, Shughart & Thomas, 2013, S.6).“

In diesen Zusammenhang gehört auch eine neue Studie, die wir gerade besprochen haben, eine Studie, die das doch stattliche Potential von Zuckerersatzstoffen beleuchtet, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle auszulösen.

Sin-Taxes sind paternalistisch und ein Eingriff in die persönliche Freiheit

Bis hierher ist deutlich geworden, dass Sin-Taxes kein geeignetes Mittel sind, um Verhalten von Menschen zu verändern, aber sie sind eine hervorragende und stetig sprudelnde Einkommensquelle für Regierungen, vor allem deshalb, weil sie sich die Tatsache zu Nutze machen, dass die von der Sin-Tax Betroffenen ihre Konsumgewohnheiten aufgrund der Steuer gerade nicht ändern wollen bzw. können. Insofern sind die entsprechenden Steuern eine Spitzenleistung der Heuchelei, denn sie werden mit der Sorge um „die Menschen“ verkauft, zielen aber lediglich darauf ab, die immer leerer werdenden Staatssäckel durch neue Steuerinnovationen zu füllentrue power.

Was diejenigen, die so einfach gestrickt sind, dass sie denken, mit Steuern könne man Verhalten steuern, stets nicht auf der Rechnung haben ist die Tatsache, dass Besteuerung eine Form von Renitenz auslösen und geradezu eine Form zusätzlicher Legitimation für den Konsum des nunmehr Besteuerten darstellen kann, ein Übersehen, das zu der Frage führt, wer eigentlich aus dem Meer der potentiell schädlichen Verhaltensweisen diejenigen ausmacht, die besteuert werden sollen. Warum werden nicht Skifahrer höher besteuert, die viel eher Knochen brechen als Nicht-Skifahrer. Warum gibt es keine Extrakonsumsteuer auf den Besuch eines kalten Buffets, dessen exzessiver Gebrauch zu Adipositas führt, wie jeder weiß, der die körperliche Entwicklung von Joschka Fischer verfolgt hat, wie sie zwischen Steinewurf und Ausscheiden als Außenminister stattgefunden hat? Warum sind Sin Taxes gemeinhin ein Mittel, das sich gegen in der Unter- und Arbeiterschicht verbreitete Konsumgewohnheiten richtet?

Der Möglichkeit, „die Menschen“ zu paternalisieren, sind keine Grenzen gesetzt. Hat man Verbraucher erst einmal zu einem Haufen unmündiger Deppen erklärt, dann lässt sich immer eine Einnahmequelle für geldnotleidende Staaten finden, und die vielen Gutmenschen, die sich regelmäßig über die ungesunden Eß-, Trink-, ja Lebensgewohnheiten der anderen, der Verbraucher, beklagen, sind ein unverzichtbarer Stein im Mosaik der täglichen Entmündigung.

Vier Gründe gegen eine Zuckersteuer, die man, unbeachtet der angeblichen Studie, mit Daten aus der realen Welt untermauern kann, denn im Vereinigten Königreich wurde im April 2018 eine „Zuckersteuer“ eingeführt, die vornehmlich auf Softdrinks abgezielt hat und Kinder und Jugendliche vor dem zu frühen in die Breite gehen schützen sollte. Wir haben einen Blick in die letzte Veröffentlichung der Obesity Statistics in der Bibliothek des House of Commons geworfen und die Daten zur Entwicklung von Adipositas und Übergewichtigkeit für England und Schottland extrahiert, die Daten für Wales und Nordirland zeigen dieselbe Entwicklung, die man so zusammenfassen kann: Wenn die Einführung einer Zuckersteuer im Vereinigten Königreich im April 2018 einen Effekt hat, dann ist dieser Effekt keiner, der sich auf das Gewicht von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auswirkt, denn sie alle werden nach wie vor dicker…

Seit 1993 gibt es immer mehr Übergewichtige in der erwachsenen Bevölkerung Englands.

Auch Kinder, egal ob zum Schulstart (reception) oder nach 6 Schuljahren (year 6) untersucht, sind in ihrem Körperumfang immun gegen eine Zucker-Steuer.

Das gleiche Bild, etwas ausgeprägter, findet sich in Schottland.

Und von den dicken Schotten zu sprechen, ist nach Jahren der SNP-Regierung zur Normalität geworden, an der keinerlei Zuckersteuer etwas geändert hat.

Letztlich geht es auch nicht darum, „die Menschen“ zu verschlanken, sondern darum, den profitierenden Klassen neue Quellen von Steuermitteln zu erschließen, um auf diese Weise ihre überflüssige Existenz in Sorge um „die Menschen“ zu finanzieren. In gewisser Weise ist diese Diskussion auch ein Strohfeuer, denn wenn es Regierungen und besorgten Menschen tatsächlich darum ginge, die Ursachen der Gesundheitskrise westlicher Gesellschaften, die letztlich auch eine Übergewichtskrise ist, zu bekämpfen, sie würden sich in erster Linie gegen Industriefrass, gegen hochprozessierte angebliche Nahrungsmittel, die vor Kernölen nur so triefen und ansonsten alles enthalten, was kaum Nährwert aber viel Potential, die Gesundheit der Esser zu schädigen, hat, in Stellung bringen.


 

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