Von Ekaterina Quehl
Kaum habe ich den Artikel „Berlin: Streusalzdrama in drei Akten“ über die katastrophalen Zustände wegen Glätte fertig geschrieben, geht der Irrsinn in die nächste Runde.
Nachdem die Verkehrssenatorin die Benutzung des Streusalzes für die „Bekämpfung“ der Glätte auf Berliner Straßen „freigab“, hätte man denken können, dass das Problem nun durch die hoheitliche Genehmigung gelöst sei. Doch erfahrungsgemäß benutzen Berliner nicht nur Gehwege, wenn sie ihr Haus verlassen. Sie benutzen auch Verkehrswege. Wenn sie beispielsweise zur Arbeit oder zum Arzt fahren, ihre Kinder in Kitas und Schulen bringen oder Besorgungen machen. Und da Berlin – auch wenn einige davon träumen – von einer Smart-City noch sehr weit entfernt ist, in der jedes Ziel binnen einer Viertelstunde fußläufig erreicht werden soll, benutzen Berliner öffentliche Verkehrsmittel.
Doch ab Montag 3 Uhr wird es leider nicht möglich sein, weil die Berliner Verkehrsbetriebe streiken. „In Berlin und Brandenburg müssen Fahrgäste mit erheblichen Einschränkungen rechnen, da zahlreiche Verkehrsunternehmen ganztägig bestreikt werden. Hintergrund sind die laufenden Tarifverhandlungen im kommunalen ÖPNV.“, so der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg.
Doch die eigentliche Tragik dieser ÖPNV-Aktion besteht nicht darin, dass Bürger ihre Arbeitsplätze, Schulen, Kitas und Ärzte nicht erreichen können, weil öffentliche Verkehrsmittel wegen des Streiks nicht fahren werden. Sondern, weil sie eben fahren werden. Zumindest die Straßenbahnen. Doch sie werden ohne Passagiere fahren.
Warum?
Weil bei einem BVG-Streik Passagiere nicht befördert werden.
Warum werden die Straßenbahnen dann während eines BVG-Streiks fahren?
„Um zu verhindern, dass die Oberleitungen in Berlin erneut einfrieren“.
Der BVG zufolge seien Straßenbahnen im Einsatz, „Fahrgäste könnten aber nicht einsteigen. Darauf einigten sich das Unternehmen und die Gewerkschaft noch am Freitag.“, so Die Zeit.
Wenn jetzt jemand fühlt, er sei an die Grenzen seiner logischen Wahrnehmung gestoßen, fühle ich mit ihm. Doch auch für diesen sonderbaren Vorgang gibt es eine Erklärung. Und weil sie nicht weniger sonderbar ist, passt sie durchaus in das Berliner Irrsinn-Paradigma.
Weil Berlin wie Potsdam, Frankfurt oder andere Städte offenbar nicht in der Lage ist, bei Eisregen Oberleitungen der Straßenbahnen mit den gängigen Methoden eisfrei zu halten, dachte man sich nichts Besseres aus, als Straßenbahnen hin und her fahren zu lassen oder die vereisten Oberleitungen „aufwändig von Hand“ freizulegen, so eine BVG-Sprecherin auf Anfrage von rbb24. Während in anderen Städten Oberleitungen mit speziellen chemischen Hilfsmitteln besprüht werden, konnten in Berlin „winterliche Wetterlagen bislang mit den etablierten und bewährten Verfahren beherrscht werden“. „Eine solche Kombination aus Menge, Dauer und Wirkung stellt keine bisher bekannte Winterlage dar. Hunderte Mitarbeiter, so die Sprecherin weiter, seien seit Montag rund um die Uhr im Einsatz, um diese außergewöhnliche Wetterlage zu bewältigen.“, schreibt rbb24.
Warum die Wetterlage außergewöhnlicher sein muss als in Frankfurt oder Potsdam, oder auch in Berlin selbst, hat die BVG-Sprecherin nicht erklärt.
Die Vermutung liegt nahe, dass Berlin – zumindest mental – seit kurzem in einer anderen Klimazone liegt. Das erklären Abermillionen, die in Hitzeschutz-Projekte investiert werden. Und so wie in der amerikanischen Science-Fiction-Komödie Idiocracy eine degenerierte Menschheit in einer globalen Wirtschaftskrise lebt, weil sie Wasser als altmodisch sieht und Pflanzen mit einem Sportgetränk „Brawndo“ bewässert, werden auch in Berlin Straßenbahnen während eines Streiks ohne Passagiere hin und her gefahren, damit Oberleitungen nicht einfrieren.
Der einzige Fortschritt dieser absurden Tragik besteht darin, dass sich niemand mehr über sie wundert.
Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.
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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Sie arbeitet für reitschuster.de.
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