Leonardo da Vinci gilt heute als Universalgenie und als einer der besten Maler der Geschichte.
In seinen letzten Worten entschuldigte sich der Künstler dafür, Gott und die Menschen mit der schlechten Qualität seiner Arbeiten beleidigt zu haben.
Tatsächlich verbrachte der Maler viel Zeit mit seinen Anhängern, auf der Bühne und in seinen Tagebüchern voller Skizzen.
Die Darstellung von Leonardo da Vinci (1452–1519) auf seinem Sterbebett wird seit vielen Jahrhunderten in der Literatur und der Malerei als wunderschön verehrt. Historiker haben in der Vergangenheit heftig über diese Szene debattiert.
Das Gemälde, erschaffen von dem französischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres, zeigt die letzten Stunden da Vincis. Er ist von seinen Schülern umgeben, während sein Kopf in den Armen von Franz I. (1494–1547), König von Frankreich, ruht. Nach seinem Tod ging der italienische Künstler unumstritten als großes künstlerisches und wissenschaftliches Genie in die Geschichte ein.
Seine letzten Worte geben Fragen auf
Umstrittener und in den glanzvollen Mythen und Filmen oft ausgelassen ist jedoch seine Bitte um einen Priester sowie seine letzten überlieferten Worte:
„Ich habe Gott und die Menschheit beleidigt, weil meine Arbeit nicht die Qualität erreicht hat, die sie hätte haben sollen.“
Wie lässt sich dieses aufrichtige Bedauern mit einem Vermächtnis von Gemälden vereinbaren, die heute für Hunderte Millionen Euro verkauft werden, und mit Entwürfen und Erfindungen, die ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus waren?
Die mehr als 7.000 erhaltenen Seiten seiner Notizbücher – 20.000 Seiten fehlen vermutlich noch – geben Einblick in seine persönlichen und beruflichen Ziele. Sie entmystifizieren viele Interpretationen seines Werks und offenbaren die endgültigen Ziele, die er in seinen Augen noch nicht erreicht hatte.
Ein begabter Ausgestoßener
Der Name da Vinci stammt aus der Provinzstadt Vinci nahe Florenz in der Toskana, wo er 1452 unehelich geboren wurde. Jahrhundertelang glaubte man, seine Mutter Caterina sei eine Magd gewesen. Jüngste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass sie eine Sklavin war, die in engem Kontakt zu Leonardo’s Vater, einem wohlhabenden Notar, stand und später von ihm freigelassen wurde.
Der Besitz von Sklaven war für die Reichen zu dieser Zeit üblich. Als uneheliches Kind war es Leonardo verwehrt, den beruflichen Weg seines Vaters einzuschlagen.
Glücklicherweise erkannte Leonardos Vater sein künstlerisches Talent. Bald darauf soll er die Zeichnungen seines Sohnes dem florentinischen Maler, Bildhauer und Goldschmied Andrea del Verrocchio gezeigt haben. Verrocchio war von dem Talent des Jungen beeindruckt und wenig später überwältigt von Leonardos Brillanz bei der Darstellung eines Engels in „Die Taufe Christi“.
Tatsächlich beschloss Verrocchio, sich von der Malerei abzuwenden und sich der Bildhauerei zu widmen. Die Beziehung zwischen Leonardo und seinem Lehrer blieb jedoch bestehen und entwickelte sich weiter. Er blieb ungewöhnlich lange, von 1469 bis 1477, in Verrocchios Atelier, bevor er seine ersten eigenen Aufträge annahm.
Das Gemälde „Die Taufe Christi“ (um 1470) von Leonardo da Vinci (1452–1519).
Tagebücher eines Genies
Anfang der 1480er-Jahre hatte Leonardo die Gewohnheit entwickelt, täglich Tagebuch zu führen. Seltsamerweise schrieb er in Spiegelschrift, also von rechts nach links. Forscher spekulieren, dass er damit Rätsel und Symbole verstecken wollte. Vielleicht wollte er als Linkshänder mit dem rückwärts Schreiben aber auch einfach nur verhindern, dass die nasse Tinte verschmiert.
Der Künstler schrieb im Durchschnitt drei Seiten pro Tag, bis er in seinen letzten Lebensjahren dafür zu krank war. Er hinterließ Bände mit brillanten, jedoch oft unvollendeten und unorganisierten Sammlungen von Erfindungen, Zeichnungen, wissenschaftlichen Beobachtungen und philosophischen Überlegungen. Diese Schriften, auch Codexe genannt, befinden sich heute in Mailand, Rom, Turin, Paris, Madrid, London und in Privatsammlungen.
Der Codex Leicester enthält astronomische und naturwissenschaftliche Skizzen von Leonardo da Vinci und ist heute im Privatbesitz von Bill Gates.
Dieses tägliche Ritual beinhaltete selten das Ausleben seiner persönlichen Gefühle, offenbarte jedoch seine unermüdliche Neugier. Leonardo studierte die Natur. Anatomie und Technik faszinierten ihn. Seine Schriften zeugen von Mitgefühl für Tiere und dem klaren Wunsch, einen bleibenden Eindruck auf die Welt zu hinterlassen. In einem Eintrag heißt es:
„Ein Mensch, der nicht berühmt wird, ist nicht mehr als Rauch im Wind oder Schaum auf dem Meer. Ich beabsichtige, eine Erinnerung an mich selbst in den Köpfen anderer zu hinterlassen.“
Kunst trifft Wissenschaft
Seine Studien der menschlichen Anatomie veranlassten ihn, 30 Leichen zu sezieren – zu einer Zeit, als die katholische Kirche diese Praxis strikt ablehnte. Dies war vor der Einführung der Kühlung, wodurch der Vorgang noch unangenehmer und unhygienischer wurde.
Dennoch enthalten seine Skizzen von Muskeln und Bändern scheinbar mikroskopisch kleine Details. Seine Studien zu menschlichen Zähnen waren präziser und gründlicher als alles, was in den folgenden 150 Jahren veröffentlicht wurde. Tatsächlich übertrafen sie sogar alle Forschungen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.
Skizzen zur Anatomie des Menschen von Leonardo da Vinci finden sich unter anderem im Codex Windsor (l. u. M.). Am bekanntesten ist die Zeichnung des „Vitruvianischen Menschen“.
Foto: Gemeinfrei; Collage kms/Epoch Times
Er stützte seine Überzeugungen und Schlussfolgerungen auf eine akribische Herangehensweise mit strengen Beobachtungen. Er wiederholte seine Untersuchungen auf der Suche nach stimmigen Ergebnissen. Dies war für die damalige Zeit revolutionär und legte den Grundstein für das, was wir heute Wissenschaft nennen.
Nachdem er alle seine künstlerischen Techniken beherrschte, verglich Leonardo da Vinci die Vorzüge jeder Kunstform und ordnete sie nach ihrer Bedeutung. Er stellte fest, dass Farben und musikalische Akkorde gleichzeitig Harmonien besitzen, während Poesie „ein Gemälde ist, das man hört, aber nicht sieht“. Er war überzeugt, dass musikalische Harmonien flüchtig sind, während die Harmonien der Farben in einem Gemälde Bestand haben.
Am aufschlussreichsten ist vielleicht sein Vergleich der ruhigen Eleganz der Malerei mit dem Lärm und der Unordnung der Bildhauerei. Es ist nicht schwer vorzustellen, wie diese Vorlieben seine Entscheidung beeinflussten, welche Aufträge er annahm und welche er ablehnte. Letztlich erwies sich seine tiefe Liebe zur Malerei jedoch als weniger wichtig für seinen beruflichen Werdegang.
„Das letzte Abendmahl“ ist neben der Mona Lisa das berühmteste Gemälde da Vincis.
Brillanz auf beruflichen Abwegen
In einem Brief an Herzog Ludovico Sforza (1452–1508) aus dem Jahr 1482 beschreibt Leonardo mit großer Begeisterung seine Entwürfe für verschiedene Militärwaffen, Befestigungsanlagen und Strategien, die zur Herrschaft des Herzogs hätten beitragen können.
Der Codex Atlanticus enthält Skizzen von Kriegsmaschinen, Erfindungen und zur Astronomie von Leonardo da Vinci.
Foto: Gemeinfrei; Collage kms/Epoch Times
Am Ende des Briefes erwähnt er kurz seine Fähigkeiten als Maler. Der Herzog lehnte Leonardos Bitte ab, seine Streitkräfte zu unterstützen, und ernannte ihn stattdessen zum Meister für Veranstaltungen und Unterhaltung an seinem Hof.
Auch wenn diese Aufgabe nicht ganz dem Potenzial Leonardos gerecht wurde, leitete sie doch ein weiteres prägendes Kapitel seines Lebens ein. Dieses Kapitel wird in der Geschichte oft übersehen. Dabei bot ihm dieser Lebensabschnitt die willkommene Gelegenheit, all seine künstlerischen, technischen und musikalischen Talente zu vereinen.
Der Hof des Herzogs avancierte zu einem der wichtigsten Zentren des kulturellen Fortschritts während der Renaissance. Leonardo war nun für Prozessionen und Theateraufführungen verantwortlich.
Das Gemälde „La corte di Ludovico il Moro“ (1823) von Giuseppe Diotti (1779–1846) zeigt Leonardo da Vinci (3. v. r.) am Hof von Herzog Ludovico Sforza (5. v. r.).
Er entwarf Kostüme, komponierte Musik und trat selbst als Musiker auf. Mit seinem technischen Geschick entwickelte er Falltüren, Trapeze, Geräuschmaschinen für Wind und Donner sowie beeindruckende, sich drehende Bühnenbilder.
Berichte von Zuschauern vermitteln den Eindruck, dass seine Theaterwerke ebenso fesselnd waren wie all seine anderen Unternehmungen. Sein Genie zeigte sich mit jedem neuen Projekt, wenngleich nicht ohne weitere Fehlschläge und Katastrophen.
Unvollendete Werke
Trotz seiner zurückgezogenen Art war Leonardo immer ein charmanter und beliebter Mann am Hof. Alle die ihn kannten, wussten um sein Genie und erkannten es an. Er entschied sich häufig dafür, sich mit seinen „Fans“ zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten. Dies ist vielleicht der Grund, warum er nur wenige fertige Werke in so luxuriös langen Zeiträumen schuf.
Seine Entscheidung, Qualität vor Quantität zu stellen, zeigt auch den Grad seines Perfektionismus, der darüber entschied, ob er ein Werk annahm oder ablehnte. Wenn er der Meinung war, dass ein Auftrag keine angemessene Gelegenheit bot, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, erklärte er dies höflich und lehnte die Verpflichtung ab.
Leonardo blieb sein ganzes Leben lang wechselhaft, offen und neugierig in seinen spirituellen Überzeugungen. Dies passt natürlich zu seiner methodischen und geduldigen Herangehensweise, alles, was er verfolgte, zu perfektionieren.
Leonardo da Vinci war nicht nur Maler, sondern auch Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph.
Doch nach all seinen Erkundungen und seiner Weiterbildung in Kunst und Technik entkräften sein Geständnis auf dem Sterbebett und seine Bitte um eine traditionelle katholische Beerdigung viele der sensationellen und esoterischen Gerüchte, die bis heute über ihn kursieren.
Er war unerbittlich in seiner Entschlossenheit, das Göttliche in jedem Detail des Lebens zu entdecken. Während viele Fragen zu seinem Privatleben und seiner Schaffenskraft unbeantwortet bleiben, wird durch die Anziehungskraft seiner Gemälde und wissenschaftlichen Bestrebungen deutlich, dass er Neugier und Ehrfurcht vor dem Göttlichen wecken wollte, wo immer möglich.
Weil er so viel wahrnahm und seiner Zeit so weit voraus war, erlebte Leonardo da Vinci die Früchte seiner enormen Beiträge selbst nicht mehr. Würde er auf sein Werk zurückblicken können, wäre er vielleicht so begeistert wie wir heute.