Eier, und insbesondere das Eigelb, wurden über Jahrzehnte auf ein Schlagwort reduziert: Cholesterin.
Das Dogma hält sich hartnäckig, obwohl die Forschung längst differenzierter ist.
Wer Eigelb aus Angst vor Cholesterin meidet, verzichtet möglicherweise nicht auf ein Risiko, sondern auf einen Schutzfaktor für Demenz.
Das Ei ist kein Allheilmittel, aber auch kein Feind. Entscheidend bleibt die Qualität.
Kaum ein Lebensmittel wurde über Jahrzehnte hinweg so konsequent missverstanden wie das Ei. Erst war es das Cholesterin, dann das Eigelb, dann die Warnungen vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose. Am Ende blieb ein Dogma zurück, das sich erstaunlich hartnäckig hält, obwohl es wissenschaftlich längst bröckelt.
Was mich daran immer wieder erstaunt, ist, wie schnell einfache Erzählungen zur Wahrheit erklärt werden und wie lange sie überleben, selbst wenn neue Daten längst etwas anderes zeigen. Das Ei ist ein Paradebeispiel dafür. Ausgerechnet jener Teil, der systematisch gemieden wurde, rückt nun aus einer ganz anderen Richtung, und zwar aus der Hirnforschung, in den Fokus.
Lange galt Eiweiß als die „saubere“ Variante, das Eigelb als Problem. Der Grund war schnell benannt: Cholesterin, und mit ihm die Angst vor verstopften Gefäßen. Dabei wurde übersehen, dass Cholesterin nicht nur ein Risikofaktor, sondern auch ein lebensnotwendiger Baustoff für Zellmembranen, Hormone und das Nervensystem ist. Die einfache Gleichung „Eigelb gleich Herzinfarkt“ hielt sich dennoch hartnäckig.
Eier haben aufgrund ihres Cholesteringehalts einen schlechten Ruf.
Foto: Eugenia Lucasenco/iStock
Eine neue Studie, veröffentlicht Ende November 2025 von Wendy Winslow und Kollegen in der Fachzeitschrift „Aging and Disease“, zeigt ein anderes Bild. Im Zentrum steht ein Nährstoff, der im Eigelb reichlich enthalten ist und lange kaum Beachtung fand: das Cholin.
Ein möglicher Helfer für Muskeln und Gehirn
Cholin gehört zum Vitamin-B-Komplex und ist essenziell für das Gehirn. Es ist Baustein der Zellmembranen und notwendig für die Bildung von Acetylcholin, einem Neurotransmitter, der Gedächtnis, Konzentration, Muskelsteuerung und Stimmung beeinflusst. In der aktuellen Untersuchung analysierten Forscher Blutmarker von 30 jungen Erwachsenen zwischen Anfang und Mitte 30. Die Hälfte der Teilnehmer war adipös, die andere normalgewichtig.
Das Ergebnis war bemerkenswert. Übergewichtige Probanden wiesen deutlich niedrigere Blutcholinspiegel auf. Gleichzeitig fanden sich bei ihnen erhöhte Entzündungsmarker und ein Anstieg der sogenannten Neurofilament-Leichtketten. Dieses Protein gilt als Marker für neuronale Schädigungen und wird auch bei Schlaganfällen oder neurodegenerativen Erkrankungen vermehrt gemessen.
Cholin gehört zum Vitamin-B-Komplex und ist essenziell für das Gehirn.
Zunächst könnte man meinen, hier lägen zwei voneinander unabhängige Probleme vor – Stoffwechselstörung und Entzündung. Doch die Forscher haben einen klaren Zusammenhang beobachtet: Niedrige Cholinwerte gingen mit erhöhten Neurofilamentspiegeln einher. Anders gesagt: Je weniger Cholin verfügbar war, desto deutlicher zeigten sich Hinweise auf eine neuronale Belastung.
Noch vorsichtiger wird es beim Blick in die neurobiologische Forschung insgesamt. In Untersuchungen an Gehirnen von Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Alzheimer wurden wiederholt niedrige Cholinwerte beschrieben. Das beweist keine Ursache-Wirkung-Beziehung, aber es fügt sich in ein auffälliges Muster ein.
Die Autoren betonen selbst die Grenzen der Studie. Die Teilnehmerzahl ist klein, das Design erlaubt keine endgültigen Schlussfolgerungen. Dennoch formulieren sie einen wichtigen Gedanken: Die Überwachung von Cholin und verwandten Biomarkern bereits im frühen Erwachsenenalter könnte helfen, spätere Risiken für neurodegenerative Erkrankungen besser einzuschätzen, besonders bei Menschen mit Übergewicht und Insulinresistenz.
Was kann Eigelb liefern?
Warum rückt nun ausgerechnet das Eigelb wieder ins Licht? Die Antwort ist schlicht: wegen seines hohen Cholingehalts. Ein einzelnes Ei liefert rund 147 Milligramm Cholin, fast ausschließlich im Eigelb. Auf 100 Gramm gerechnet enthält Eigelb etwa 680 Milligramm, während das Eiweiß praktisch leer ausgeht. Wer das Eigelb meidet, verzichtet also auf den Hauptlieferanten dieses Nährstoffs.
Die empfohlene tägliche Zufuhr liegt je nach Quelle bei etwa 400 bis 550 Milligramm, was ungefähr drei bis vier Eiern pro Tag entspricht. Das ist ein Wert, der mit normaler Ernährung durchaus erreichbar ist, sofern man das ganze Ei isst.
Natürlich wäre es unseriös, dem Cholin nun eine Wunderwirkung zuzuschreiben. Auch die Studienautoren bleiben zurückhaltend. Dr. Matthew Schrag von der Vanderbilt University betont, dass aus den vorliegenden Daten keine kausalen Schlüsse gezogen werden dürfen.
Doch gleichzeitig verweist sein Kollege Dr. Ramon Velazquez darauf, dass Cholin eine Schlüsselrolle für Gehirnfunktion, Entzündungsregulation und Homocysteinstoffwechsel spielt – allesamt Faktoren, die mit Demenz und Alzheimer in Verbindung stehen.
Wie so oft ist die Qualität am wichtigsten
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der selten diskutiert wird. Die moderne Medizin verordnet millionenfach Medikamente mit anticholinerger Wirkung. Dazu gehören bestimmte Antidepressiva, ältere Antihistaminika, „Blasenmedikamente“, Neuroleptika und diverse Schlaf- und Erkältungsmittel. Sie blockieren gezielt die Wirkung von Acetylcholin und werden seit Jahren mit kognitivem Abbau, Verwirrtheit und erhöhtem Demenzrisiko in Verbindung gebracht.
Das wirkt paradox. Einerseits wird ein cholinreiches Lebensmittel aus Angst gemieden, andererseits akzeptiert man Medikamente, die genau diesen Stoffwechselweg blockieren. Das Ei ist kein Allheilmittel, aber auch kein Feind. Es ist ein biologisch sinnvolles Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte, das über Jahrzehnte auf ein einzelnes Schlagwort reduziert wurde. Die pauschale Angst vor Cholesterin und Eigelb hält einer nüchternen Betrachtung schon lange nicht mehr stand.
Entscheidend bleibt die Qualität. Eier aus ökologischer Haltung stammen von Hühnern mit Auslauf, Licht und besserem Futter. Das spiegelt sich im Eigelb wider – nicht nur im Fettsäuremuster, sondern auch im Mikronährstoffgehalt. Gleichmäßig grell-orange Dotter sind kein Qualitätsmerkmal, sondern oft das Ergebnis industrieller Fütterung. Natürliche Eigelbe variieren in Farbe und Intensität.
Die Farbe des Eigelbs sagt nichts über die Qualität des Eis aus.
Wer Eigelb aus Angst meidet, verzichtet möglicherweise nicht auf ein Risiko, sondern auf einen Schutzfaktor. Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre dieser Debatte: Ernährung funktioniert nicht über Dogmen und Schuldzuweisungen, sondern über Biologie, Kontext und Maß. Das Eigelb mit guter Qualität gehört für mich dorthin zurück, wo es immer war: auf den Teller.
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers oder des Interviewpartners dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.