Ein Gastbeitrag von Klaus Kelle
Wer heute am Krefelder Hauptbahnhof aus dem Zug steigt, erlebt erst einmal einen Kulturschock. Der erste Eindruck ist geprägt von Beton, Tauben und einer Atmosphäre, die mancherorts eher an ein vergessenes Industrieareal im Senegal als an eine blühende Samt- und Seidenstadt erinnert.
Ich habe hier kürzlich über genau dieses Thema geschrieben. Überschrift: „Mein Krefeld-Gefühl – wie Marrakesch in Westfalen“. Und die Reaktionen unserer Leser waren deutlich. Viel Zustimmung, viele ähnlich Ghetto-Geschichten aus anderen deutschen Städten, immer wieder wird Frankfurt/M. genannt. Aber auch der deutsche Klassenprimus Bayern mit Würzburg, Nürnberg und Augsburg.
Der Lack ist ab
So könnte man lakonisch formulieren, und dass Deutschland „untergeht“, das prophezeien mir viele Menschen schon seit 2008 (Beginn der großen Finanzkrise). So schnell geht das dann aber auch wieder nicht.
Und Krefeld ist auch in NRW alles andere als eine unrühmliche Ausnahme, wenn Sie an Duisburg, den Gelsenkirchener Hauptbahnhof oder den Dortmunder Norden denken.
Nordrhein-Westfalen wird übrigens von der CDU (ok, zusammen mit den Grünen, was die Dinge sowieso komplizierter macht) regiert. Der vergleichsweise junge Ministerpräsident Hendrik Wüst könnte unsterblich werden und sich für Höheres empfehlen, wenn er kraftvoll das Problem der Verwahrlosung der Städte an Rhein und Ruhr anginge. Aber…, ach, vergessen Sie es einfach…
Bleiben wir bei Krefeld
Ich habe da am ersten Weihnachtstag mit meiner Familie gefeiert im Haus meines ältesten Sohnes und seiner Familie. Herrliche Stunden, ich liebe es, alles ruhig, schön, tolles Essen und Rotwein. So wie es sein soll. Und das in Krefeld, was auch anders sein kann, wie Sie hier noch einmal nachlesen können.
Ich kenne Krefeld lange, ein ganz eng befreundetes Paar lebte dort in der bürgerlich-idyllischen Gartenstadt. Sehr schönes Haus (Eigentum), viel Grün, große Terrasse…wir waren oft mit den Kindern dort. Auch dann sprachen wir immer mal über den Krefelder Hauptbahnhof, über den ich spottete, dort liefen nachts Gestalten herum, die mich an Michal Jacksons berühmtes „Thriller“-Video erinnerten. Und das Seidensticker-Haus mit der offenen Drogenszene auf dem Theaterplatz. Alles nicht schön.
Und, jetzt wird es ganz paradox
Im sogenannten „Glücksatlas 2025“ – man traut seinen Augen nicht – lese ich, dass die Krefelder die zweitglücklichsten Städter Deutschlands sind.
Wie passt das zusammen? Begeben wir uns also auf Spurensuche in einer Stadt der extremen Gegensätze.
Die hässliche Visitenkarte: Das Bahnhofsviertel
Krefeld macht es Besuchern nicht leicht, die Stadt zu lieben. Das Umfeld des Hauptbahnhofs und der südliche Rand der Innenstadt sind die „Sorgenkinder“ der Stadtplanung. Hier ballen sich die Probleme, die man unter dem Begriff „Verwahrlosung“ zusammenfasst. Leerstehende Ladenlokale, Fassaden, die seit den 80er-Jahren keinen Pinselstrich mehr gesehen haben, und eine Klientel, die vom Schicksal gezeichnet ist.
Lange Zeit war Krefeld für seine offene Drogenszene rund um das Seidenweberhaus und den Theaterplatz berüchtigt. Wer dort unterwegs war, stieß unweigerlich auf Crack-Konsumenten und Elend im öffentlichen Raum. Zwar hat die Stadt 2024 und 2025 mit harten Maßnahmen reagiert: Die Szene wurde vom Theaterplatz vertrieben, ein Drogenhilfezentrum mit Konsumraum im nahen Viertel eröffnet. Die polizeiliche Statistik gibt der Stadt recht – die Kriminalität im öffentlichen Raum ist messbar gesunken. Doch für das Auge bleibt die Verwahrlosung oft präsent; die Probleme haben sich teilweise in die Seitenstraßen verlagert, wo der Müll und der bittere Geruch von Vernachlässigung hängen bleiben.
Die grüne Oase: Die Gartenstadt als bürgerlicher Gegenentwurf
Verlässt man jedoch den innerstädtischen Ring und fährt nur wenige Kilometer in Richtung Osten oder Nordosten, landet man in einer völlig anderen Welt. Orte wie die Gartenstadt oder Bockum wirken wie eine Antithese zum Bahnhofselend. Hier zeigt sich das „andere“ Krefeld: prächtige Villen aus der Gründerzeit, gepflegte Alleen und eine Ruhe, die man in einer Großstadt kaum vermutet.
Die Gartenstadt macht ihrem Namen alle Ehre. Hier leben Familien in großzügigen Einfamilienhäusern mit weitläufigen Gärten. Es ist dieser bürgerliche Kern, der die Stadt stabilisiert. Krefeld hat eine ungewöhnlich hohe Quote an Wohneigentum für eine NRW-Großstadt. Die Menschen hier „besitzen“ ihre Stadt im wahrsten Sinne des Wortes. Wer im eigenen Garten in Bockum sitzt, für den sind die Junkies am Bahnhof weit weg – geografisch nur zehn Minuten, psychologisch jedoch Lichtjahre.
Warum um alles in der Welt sind die Krefelder so unglaublich glücklich?
„SKL Glücksatlas 2025“ auf Platz 2, direkt hinter Hamburg, aber weit vor Städten wie München oder Berlin? Glücksforscher – kein Witz, die gibt es – haben dafür mehrere Erklärungen anzubieten:
In Zeiten explodierender Mieten in Metropolen bietet Krefeld immer noch vergleichsweise viel Platz für bezahlbares Geld. Die Krefelder sind mit ihrer Wohnsituation – der Größe ihrer Häuser und der Nähe zum Grünen (man denke an den Stadtwald oder den Elfrather See) – überdurchschnittlich zufrieden. Und während in Städten wie Düsseldorf der Reichtum der einen den Frust der anderen befeuert, ist die Schere der Zufriedenheit in Krefeld weniger weit geöffnet. Es gibt kaum „extrem Unzufriedene“. Die Krefelder scheinen sich in ihrem lokalen Umfeld eingerichtet zu haben. Man kennt sich, man schätzt die kurzen Wege.
Und, was auch wichtig ist: Trotz der optischen Mängel im – Achtung! – „Stadtbild“ – funktioniert das soziale Gefüge in den Stadtteilen anscheinend sehr gut. Vereine, Nachbarschaften und die rheinische Mentalität fangen vieles auf, was die Stadtverwaltung architektonisch nicht leisten kann.
Interessant ist dabei auch noch der Blick auf die Gewaltkriminalität
Während 2025 bundesweit die Schlagzeilen über Messergewalt und steigende Rohheitsdelikte dominierten, hat Krefeld anscheinend eine Trendwende geschafft. Die Gesamtzahl der Straftaten sank 2024 um rund 2.000 Fälle. Auch wenn Einzelfälle und die sichtbare Drogenszene das subjektive Sicherheitsgefühl belasten, belegen die Zahlen: Krefeld ist sicherer geworden. Die Strategie „Helfen und Handeln“ – also soziale Angebote für Abhängige bei gleichzeitigem konsequenten Durchgreifen der Polizei in der City – scheint Früchte zu tragen.
Krefeld ist kein glänzendes Disneyland. Es ist eine ehrliche, teils schmuddelige, aber auch irgendwie menschliche Stadt. Das Paradoxon löst sich auf, wenn man versteht, dass Lebensqualität nicht nur aus sauberen Gehwegen besteht, sondern aus der Qualität des privaten Rückzugsraums und der Stabilität sozialer Netze.
Vielleicht wird Krefeld sogar irgendwann ein Vorbild für andere Städte bei der Bewältigung der Probleme, die alle Oberzentren spätestens mit der jetzt schon über 10 Jahre andauernden ungezügelten Masseneinwanderung ins deutsche Sozialsystem – danke, Frau Merkel – erleiden müssen. Aber das stärkere Konzentrieren auf Nachbarschaften, Vereine, das Miteinander pflegen, ist auf jeden Fall keine schlechte Idee.
Unheimlich daheim. Weihnachten in Augsburg
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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für viel gelesene Zeitungen und Internet-Blogs. Dieser Beitrag ist zuerst auf seinem Portal the-germanz.de erschienen.
Bild: Manninx/Shutterstock
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