In Mitteleuropa geriet der Wolf mit den Menschen in zurückliegenden Jahrhunderten in harte Konflikte. Das Ergebnis ist bekannt: Der Wolf wurde ausgerottet. Der Blick zurück macht dies verständlich.

Die jahrhundertelange Waldweide, also die Beweidung des Waldes mit den verschiedensten Haustieren, war in früheren Zeiten überlebensnotwendig. Damit waren aber auch Nutztierrisse durch Wölfe vorprogrammiert. Für die Menschen waren die Folgen gravierend. Bereits der Verlust einer einzigen Ziege konnte die Milchquelle für die Familie vernichten.

Da Wölfe überwiegend nachts und in weitläufigen Territorien jagen, erlebten die Menschen Wolfsangriffe als Schicksalsschläge. Damit nicht genug: Tollwütige Wölfe griffen auch immer wieder Menschen an. Kein Wunder, dass Wölfe in dieser Zeit eher Schrecken und Hass auslösten. Märchen und Fabeln wurden davon geprägt und bestimmen nun ihrerseits noch heute oft die Gefühlslage vieler Menschen zum Wolf.

Die heutige Situation in Deutschland hat nichts mehr mit den historischen Erfahrungen zu tun. Das Risiko, von einem Wolf angegriffen zu werden, ist für uns durch die Ausrottung der Tollwut im Jahr 2008 extrem gering und vor allem viel geringer als Risiken, denen wir uns etwa im Autoverkehr täglich aussetzen.

„Wolfsangriffe auf Menschen lassen sich vor allem auf drei Ursachen zurückführen: Tollwut, Provokation und Futterkonditionierung“, fasst das Bundesumweltministerium auf seiner Webseite den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen. Auch gegen Nutztierrisse bieten die weitgehend von der öffentlichen Hand bezahlten Herdenschutzmaßnahmen heute ungleich besseren Schutz gegen Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere.

Unter den Opfern: Ponys, Kälber, Fohlen

Was bis heute geblieben ist, ist der Schock, den Tierhalter*innen erleben, wenn sie morgens auf der Weide gerissene Nutztiere finden. Auch wenn bis heute über 90 Prozent der Nutztierrisse auf Schafe und Ziegen entfallen, werden Risse an Pferden und Rindern als Bedrohung für die gesamte Weidehaltung wahrgenommen.

In der Praxis werden vor allem Kleinpferde, also Ponys und Fohlen, und Kälber Opfer von Wölfen. Doch da Wölfe auch erwachsene Rinder und Pferde töten können und dies in Teilen ihres fast weltweiten Verbreitungsgebiets regelmäßiger tun, ist die Angst der gesamten Branche verständlich.

Weidezäune hatten nach der Ausrottung der Großraubtiere die Funktion, Weidetiere am Weglaufen zu hindern. Nach der Rückkehr des Wolfs werden nun Herdenschutzzäune gebraucht, damit der Wolf nicht eindringt. Dieser Funktionswandel ist mit dem erheblichen Aufwand an Kosten und Arbeit für die Weidehalter*innen verbunden. Bürokratische Antragsverfahren und lange Auszahlungszeiten schaffen selbst bei Gutwilligen erheblichen Verdruss.

Hinzu kommt, dass Herdenschutz durch stromführende Zäune und spezielle Hunderassen auch keinen hundertprozentigen Schutz bietet und nur wolfsabweisend ist. Wer überlegt, ob er den unbestreitbaren Mehraufwand für den Herdenschutz leisten kann, wird nicht gerade motiviert, wenn er erfährt, dass dieser seinen Tieren keinen Vollschutz garantiert. In dieser von Unsicherheit bestimmten Gefühlslage trifft die Botschaft, dass man das Problem mit der Flinte lösen könne, auf fruchtbaren Boden.

Erfahrungsberichte und trockene Zahlen über die tatsächlich bestehende hohe Schutzwirkung von Herdenschutzmaßnahmen haben es schwer, wenn Emotionen im Spiel sind und mit der Jagd eine Lösung angeboten wird, die eine Weidetierhaltung wie bisher, also ohne Herdenschutzmaßnahmen, verspricht. Herdenschutz hat es auch schwer, weil beispielsweise der Bauernverband seit Jahren einseitig auf die Jagd setzt und Tierhalter*innen, die auf den Herdenschutz setzen, oft sozialem Druck durch ihre Kolleg*innen ausgesetzt sind.

Der Bauernverband ignoriert Erfolge

Kein Wunder, dass regelmäßig gut 75 Prozent der von Wölfen gerissenen Nutztierrisse ohne Herdenschutz geweidet wurden. Niedersachsen und Sachsen-Anhalt publizierten im letzten Jahr sogar Werte von 90 und 86 Prozent.

Die Erfolge des Herdenschutzes: Die Zahl der Übergriffe ging zuletzt bundesweit um 13 Prozent, die der gerissenen Nutztiere sogar um 25 Prozent zurück. Doch diese Erfolge werden ignoriert. Stattdessen behauptete der Bauernverband im Januar, dass die Weidehaltung ohne eine Bestandsregulierung des Wolfs in Deutschland zum Auslaufmodell werde. Belastbare Zahlen für diese Behauptung gibt es nicht.

Handlungsbedarf ist unbestritten, denn vom Ziel einer guten Koexistenz von Wölfen und Weidetieren sind wir noch deutlich entfernt. In seinem letzten Bericht zu „Prävention und Nutztierschäden“ listete die Deutsche Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf 4.300 gerissene Nutztiere auf.

Hinzu kommt, dass über 90 Prozent der Risse an Schafen und Ziegen erfolgen, die für den Erhalt von Orchideenwiesen, Heidelandschaften und anderen ökologisch wertvollen Lebensräumen unverzichtbar sind. Zudem dringt der Naturschutz in Deutschland auf die Ausweitung der Weidehaltung, eine Forderung, die bei der Anwesenheit von Wölfen auf ein zusätzliches Hemmnis stößt.

Die Jagd war und ist weltweit immer Bestandteil der Schadensvermeidung und ‑abwehr gegen „wilde Tiere“. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass es etliche Studien zur Schutzwirkung der Bejagung von Wölfen gibt. Spontan würde man glauben, dass die Zahl der Nutztierrisse durch die Zahl der Wölfe bestimmt wird, dass also weniger Wölfe auch weniger Nutztierrisse zur Folge haben. Überraschend ist deshalb, dass genau diese Wirkung nie festgestellt wurde.

Fünf der renommiertesten Expert*innen Deutschlands fassten das Ergebnis ihrer 2023 publizierten umfassenden Recherche – das Literaturverzeichnis umfasst mehr als 100 Titel – zur Wirkung der Wolfsbejagung wie folgt zusammen: „Eine generelle Bejagung von Wölfen, ohne sie großflächig auszurotten, ist offensichtlich kein geeignetes Mittel, um Nutztierschäden in Deutschland zu verringern. Getötete Wölfe werden rasch wieder durch Reproduktion oder Neuzuwanderer ersetzt, und auch diese Wölfe werden ungeschützte Weidetiere als Nahrungsquelle entdecken und nutzen, wenn keine geeigneten Herdenschutzmaßnahmen umgesetzt werden.“

Tatsächlich zeigen auch die Erfahrungen in Deutschland, dass das Rissgeschehen von wenigen Wölfen bestimmt wird, während die Mehrzahl der Wölfe nicht auffällig wird. Der Schlüssel zur Konfliktlösung liegt also nicht in der Bestandsreduktion durch Bejagung und dem wahllosen Abschuss irgendwelcher Wölfe, sondern im Zusammenspiel zwischen dem Herdenschutz und der gezielten Entnahme von Wölfen, die den Herdenschutz überwinden.

Kein Wunder, dass sich beispielsweise Jonas Scholz, der Vorsitzende des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg, gegen unspezifische Abschussquoten für Wölfe ausspricht. Und sich für die volle Finanzierung von Herdenschutzmaßnahmen durch den Staat engagiert und den zielgerichteten Abschuss von Problemwölfen, die mehr oder weniger regelmäßig den Herdenschutz überwinden, propagiert.

Ein Bekämpfungsgesetz gefährdet Wolf und Weidetiere

Wenn das Bundeskabinett bei diesem Sachstand mit der Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht ein Bekämpfungsgesetz gegen den Wolf vorlegt, in dem vielfältige Möglichkeiten zum Abschuss von Wölfen bis hin zur Fallenjagd vorgesehen sind, in dem aber die vom europäischen Naturschutzrecht geforderten Grenzen der Wolfsbejagung aber ignoriert, zum Teil sogar klar missachtet werden, dann muss dies zum Widerstand des Naturschutzes führen.

Das Kernproblem liegt nicht in der Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht, sondern in einem Gesetzentwurf, der dem Gedanken der drastischen Bestandsreduktion des Wolfs folgt, obwohl davon keine Reduktion der Nutztierrisse erwartet werden kann. Die Einführung einer mehrmonatigen Jagdzeit und die Festsetzung von wolfsfreien Weidegebieten, werden zu einem unkontrollierten Aderlass der Population führen.

Wenn im Vertrauen auf diese Politik die Nutztierrisse nicht abnehmen, wird man noch mehr Abschüsse fordern. Eine Politik, die auf den Abschuss vieler Wölfe setzt, gefährdet damit letztlich Wölfe und Weidetiere.

Selbst der im Grundsatz richtige Gedanke der Entnahme von „Problemwölfen“ wurde im Gesetzentwurf benutzt, um die Abschussmöglichkeiten auf großer Fläche bis in die Schonzeit auszudehnen. Da der Abschuss in einem Radius von 50 Kilometern um ein Rissereignis erfolgen soll, wird der Zusammenhang zwischen dem Nutztierriss und dem Wolfsabschuss aufgehoben.

Das für die Gesetzgebung federführende Bundeslandwirtschaftsministerium folgt der Forderung des Deutschen Jagdverbandes, des Deutschen Bauernverbandes und anderer großer Landnutzungsverbände, die seit Jahren ein „proaktives Bestandsmanagement“ durch Bejagung verlangen. Der aktuell von beiden Verbänden geforderte Abschuss von 40 Prozent des jährlichen Nachwuchses kann der Wolfsbestand in Deutschland nach einer aktuellen Populationsstudie kaum verkraften.

Dass eine drastische Bestandsreduktion gewollt ist, verdeutlicht die Vorstellung des Bauernverbandspräsidenten Joachim Ruckwitz, der im Frühjahr 2025 eine Bestandsregulierung wie in Schweden forderte. Schweden hatte kurz vorher eine Absenkung seines bereits geringen Bestandes auf bis zu 170 Wölfe beschlossen. Bei einer Rudelgröße zwischen sieben und neun Individuen entspricht dies nicht einmal 18 bzw. 25 Rudeln. Das Überleben eines so kleinen Bestandes wäre extrem unsicher.

Präventiver Herdenschutz wird verschoben

Schritte zur guten Koexistenz von Wölfen und Weidetieren sind auch jetzt, im laufenden Gesetzgebungsverfahren, noch möglich. Dazu müsste man auch im novellierten Bundesjagdgesetz den Erkenntnissen der Wissenschaft folgen, die Idee der drastischen Bestandsreduktion aufgeben und die Zielsetzung des besseren Zusammenspiels des Herdenschutzes mit der Entnahme von Problemwölfen verankern.

Wie in Artikel 14 der FFH-Richtlinie vorgeschrieben, müsste der Mitgliedstaat, also die Bundesregierung, die Verantwortung für die jährliche Bestandskontrolle des Wolfs durch verbindliche Vorgaben für die Bundesländer vornehmen und aus dem Ergebnis dieser Bestandsermittlungen auch die jährliche Obergrenze für Wolfsentnahmen festlegen.

Wäre rechtlich verbrieft, dass die Population des Wolfs gesichert bleibt, würde dies auch auf die Urteile der Verwaltungsgerichte durchwirken, die Klagen gegen konkrete Abschüsse zu entscheiden hätten. Nötig wäre auch die konsequente Evaluierung der Herdenschutzmaßnahmen und Entnahmen. Nur wenn systematisch und nachvollziehbar aufgezeigt wird, welche Maßnahmen, welche Wirkungen haben, kann man die stärkere Akzeptanz der geplanten Maßnahmen bei Tierhalter*innen und Naturschützer*innen erreichen.

Warum konzentrieren sich die politischen Diskussionen der letzten Jahre nur auf den Abschuss von Wölfen und nie auf die Akzeptanzverbesserung des Herdenschutzes? Da wir wissen, dass die meisten Wölfe sich nicht an Nutztieren vergreifen, warum beschäftigen wir uns nicht endlich mit der Frage, warum andere Wölfe es doch tun? Seit Jahren gibt es die These, dass diese Tiere an ungeschützten Weidetieren geradezu auf den Geschmack kommen. Wäre es nicht lohnend, dieser Frage nachzugehen?

In seiner Pressemitteilung zum Beschluss des Jagdgesetzentwurfs durch das Bundeskabinett „wird der präventive Herdenschutz als zentral für den Schutz der Weidetiere hervorgehoben: Die Finanzierung von Zäunen oder Herdenschutzhunden wird weiterhin unterstützt.“ Warum findet man im Gesetz nichts von diesem Gedanken?

Thomas Norgall ist Sprecher der AG Wolf und Weidetiere im BUND. Der 66-Jährige war viele Jahre lang Geschäftsführer des hessischen „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“.

Er antwortet hier auf einen Beitrag von Eckhard Fuhr, Vorsitzender des „Ökologischen Jagdvereins Brandenburg-Berlin“.

uch immer wieder Menschen an. Kein Wunder, dass Wölfe in dieser Zeit eher Schrecken und Hass auslösten. Märchen und Fabeln wurden davon geprägt und bestimmen nun ihrerseits noch heute oft die Gefühlslage vieler Menschen zum Wolf.Die heutige Situation in Deutschland hat nichts mehr mit den historischen Erfahrungen zu tun. Das Risiko, von einem Wolf angegriffen zu werden, ist für uns durch die Ausrottung der Tollwut im Jahr 2008 extrem gering und vor allem viel geringer als Risiken, denen wir uns etwa im Autoverkehr täglich aussetzen.„Wolfsangriffe auf Menschen lassen sich vor allem auf drei Ursachen zurückführen: Tollwut, Provokation und Futterkonditionierung“, fasst das Bundesumweltministerium auf seiner Webseite den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen. Auch gegen Nutztierrisse bieten die weitgehend von der öffentlichen Hand bezahlten Herdenschutzmaßnahmen heute ungleich besseren Schutz gegen Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere.Unter den Opfern: Ponys, Kälber, FohlenWas bis heute geblieben ist, ist der Schock, den Tierhalter*innen erleben, wenn sie morgens auf der Weide gerissene Nutztiere finden. Auch wenn bis heute über 90 Prozent der Nutztierrisse auf Schafe und Ziegen entfallen, werden Risse an Pferden und Rindern als Bedrohung für die gesamte Weidehaltung wahrgenommen.In der Praxis werden vor allem Kleinpferde, also Ponys und Fohlen, und Kälber Opfer von Wölfen. Doch da Wölfe auch erwachsene Rinder und Pferde töten können und dies in Teilen ihres fast weltweiten Verbreitungsgebiets regelmäßiger tun, ist die Angst der gesamten Branche verständlich.Weidezäune hatten nach der Ausrottung der Großraubtiere die Funktion, Weidetiere am Weglaufen zu hindern. Nach der Rückkehr des Wolfs werden nun Herdenschutzzäune gebraucht, damit der Wolf nicht eindringt. Dieser Funktionswandel ist mit dem erheblichen Aufwand an Kosten und Arbeit für die Weidehalter*innen verbunden. Bürokratische Antragsverfahren und lange Auszahlungszeiten schaffen selbst bei Gutwilligen erheblichen Verdruss.Hinzu kommt, dass Herdenschutz durch stromführende Zäune und spezielle Hunderassen auch keinen hundertprozentigen Schutz bietet und nur wolfsabweisend ist. Wer überlegt, ob er den unbestreitbaren Mehraufwand für den Herdenschutz leisten kann, wird nicht gerade motiviert, wenn er erfährt, dass dieser seinen Tieren keinen Vollschutz garantiert. In dieser von Unsicherheit bestimmten Gefühlslage trifft die Botschaft, dass man das Problem mit der Flinte lösen könne, auf fruchtbaren Boden.Erfahrungsberichte und trockene Zahlen über die tatsächlich bestehende hohe Schutzwirkung von Herdenschutzmaßnahmen haben es schwer, wenn Emotionen im Spiel sind und mit der Jagd eine Lösung angeboten wird, die eine Weidetierhaltung wie bisher, also ohne Herdenschutzmaßnahmen, verspricht. Herdenschutz hat es auch schwer, weil beispielsweise der Bauernverband seit Jahren einseitig auf die Jagd setzt und Tierhalter*innen, die auf den Herdenschutz setzen, oft sozialem Druck durch ihre Kolleg*innen ausgesetzt sind.Der Bauernverband ignoriert ErfolgeKein Wunder, dass regelmäßig gut 75 Prozent der von Wölfen gerissenen Nutztierrisse ohne Herdenschutz geweidet wurden. Niedersachsen und Sachsen-Anhalt publizierten im letzten Jahr sogar Werte von 90 und 86 Prozent.Die Erfolge des Herdenschutzes: Die Zahl der Übergriffe ging zuletzt bundesweit um 13 Prozent, die der gerissenen Nutztiere sogar um 25 Prozent zurück. Doch diese Erfolge werden ignoriert. Stattdessen behauptete der Bauernverband im Januar, dass die Weidehaltung ohne eine Bestandsregulierung des Wolfs in Deutschland zum Auslaufmodell werde. Belastbare Zahlen für diese Behauptung gibt es nicht. Handlungsbedarf ist unbestritten, denn vom Ziel einer guten Koexistenz von Wölfen und Weidetieren sind wir noch deutlich entfernt. In seinem letzten Bericht zu „Prävention und Nutztierschäden“ listete die Deutsche Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf 4.300 gerissene Nutztiere auf.Hinzu kommt, dass über 90 Prozent der Risse an Schafen und Ziegen erfolgen, die für den Erhalt von Orchideenwiesen, Heidelandschaften und anderen ökologisch wertvollen Lebensräumen unverzichtbar sind. Zudem dringt der Naturschutz in Deutschland auf die Ausweitung der Weidehaltung, eine Forderung, die bei der Anwesenheit von Wölfen auf ein zusätzliches Hemmnis stößt. Die Jagd war und ist weltweit immer Bestandteil der Schadensvermeidung und ‑abwehr gegen „wilde Tiere“. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass es etliche Studien zur Schutzwirkung der Bejagung von Wölfen gibt. Spontan würde man glauben, dass die Zahl der Nutztierrisse durch die Zahl der Wölfe bestimmt wird, dass also weniger Wölfe auch weniger Nutztierrisse zur Folge haben. Überraschend ist deshalb, dass genau diese Wirkung nie festgestellt wurde.Fünf der renommiertesten Expert*innen Deutschlands fassten das Ergebnis ihrer 2023 publizierten umfassenden Recherche – das Literaturverzeichnis umfasst mehr als 100 Titel – zur Wirkung der Wolfsbejagung wie folgt zusammen: „Eine generelle Bejagung von Wölfen, ohne sie großflächig auszurotten, ist offensichtlich kein geeignetes Mittel, um Nutztierschäden in Deutschland zu verringern. Getötete Wölfe werden rasch wieder durch Reproduktion oder Neuzuwanderer ersetzt, und auch diese Wölfe werden ungeschützte Weidetiere als Nahrungsquelle entdecken und nutzen, wenn keine geeigneten Herdenschutzmaßnahmen umgesetzt werden.“Tatsächlich zeigen auch die Erfahrungen in Deutschland, dass das Rissgeschehen von wenigen Wölfen bestimmt wird, während die Mehrzahl der Wölfe nicht auffällig wird. Der Schlüssel zur Konfliktlösung liegt also nicht in der Bestandsreduktion durch Bejagung und dem wahllosen Abschuss irgendwelcher Wölfe, sondern im Zusammenspiel zwischen dem Herdenschutz und der gezielten Entnahme von Wölfen, die den Herdenschutz überwinden.Kein Wunder, dass sich beispielsweise Jonas Scholz, der Vorsitzende des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg, gegen unspezifische Abschussquoten für Wölfe ausspricht. Und sich für die volle Finanzierung von Herdenschutzmaßnahmen durch den Staat engagiert und den zielgerichteten Abschuss von Problemwölfen, die mehr oder weniger regelmäßig den Herdenschutz überwinden, propagiert.Ein Bekämpfungsgesetz gefährdet Wolf und Weidetiere Wenn das Bundeskabinett bei diesem Sachstand mit der Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht ein Bekämpfungsgesetz gegen den Wolf vorlegt, in dem vielfältige Möglichkeiten zum Abschuss von Wölfen bis hin zur Fallenjagd vorgesehen sind, in dem aber die vom europäischen Naturschutzrecht geforderten Grenzen der Wolfsbejagung aber ignoriert, zum Teil sogar klar missachtet werden, dann muss dies zum Widerstand des Naturschutzes führen.Das Kernproblem liegt nicht in der Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht, sondern in einem Gesetzentwurf, der dem Gedanken der drastischen Bestandsreduktion des Wolfs folgt, obwohl davon keine Reduktion der Nutztierrisse erwartet werden kann. Die Einführung einer mehrmonatigen Jagdzeit und die Festsetzung von wolfsfreien Weidegebieten, werden zu einem unkontrollierten Aderlass der Population führen.Wenn im Vertrauen auf diese Politik die Nutztierrisse nicht abnehmen, wird man noch mehr Abschüsse fordern. Eine Politik, die auf den Abschuss vieler Wölfe setzt, gefährdet damit letztlich Wölfe und Weidetiere.Selbst der im Grundsatz richtige Gedanke der Entnahme von „Problemwölfen“ wurde im Gesetzentwurf benutzt, um die Abschussmöglichkeiten auf großer Fläche bis in die Schonzeit auszudehnen. Da der Abschuss in einem Radius von 50 Kilometern um ein Rissereignis erfolgen soll, wird der Zusammenhang zwischen dem Nutztierriss und dem Wolfsabschuss aufgehoben.Das für die Gesetzgebung federführende Bundeslandwirtschaftsministerium folgt der Forderung des Deutschen Jagdverbandes, des Deutschen Bauernverbandes und anderer großer Landnutzungsverbände, die seit Jahren ein „proaktives Bestandsmanagement“ durch Bejagung verlangen. Der aktuell von beiden Verbänden geforderte Abschuss von 40 Prozent des jährlichen Nachwuchses kann der Wolfsbestand in Deutschland nach einer aktuellen Populationsstudie kaum verkraften.Dass eine drastische Bestandsreduktion gewollt ist, verdeutlicht die Vorstellung des Bauernverbandspräsidenten Joachim Ruckwitz, der im Frühjahr 2025 eine Bestandsregulierung wie in Schweden forderte. Schweden hatte kurz vorher eine Absenkung seines bereits geringen Bestandes auf bis zu 170 Wölfe beschlossen. Bei einer Rudelgröße zwischen sieben und neun Individuen entspricht dies nicht einmal 18 bzw. 25 Rudeln. Das Überleben eines so kleinen Bestandes wäre extrem unsicher.Präventiver Herdenschutz wird verschobenSchritte zur guten Koexistenz von Wölfen und Weidetieren sind auch jetzt, im laufenden Gesetzgebungsverfahren, noch möglich. Dazu müsste man auch im novellierten Bundesjagdgesetz den Erkenntnissen der Wissenschaft folgen, die Idee der drastischen Bestandsreduktion aufgeben und die Zielsetzung des besseren Zusammenspiels des Herdenschutzes mit der Entnahme von Problemwölfen verankern.Wie in Artikel 14 der FFH-Richtlinie vorgeschrieben, müsste der Mitgliedstaat, also die Bundesregierung, die Verantwortung für die jährliche Bestandskontrolle des Wolfs durch verbindliche Vorgaben für die Bundesländer vornehmen und aus dem Ergebnis dieser Bestandsermittlungen auch die jährliche Obergrenze für Wolfsentnahmen festlegen.Wäre rechtlich verbrieft, dass die Population des Wolfs gesichert bleibt, würde dies auch auf die Urteile der Verwaltungsgerichte durchwirken, die Klagen gegen konkrete Abschüsse zu entscheiden hätten. Nötig wäre auch die konsequente Evaluierung der Herdenschutzmaßnahmen und Entnahmen. Nur wenn systematisch und nachvollziehbar aufgezeigt wird, welche Maßnahmen, welche Wirkungen haben, kann man die stärkere Akzeptanz der geplanten Maßnahmen bei Tierhalter*innen und Naturschützer*innen erreichen.Warum konzentrieren sich die politischen Diskussionen der letzten Jahre nur auf den Abschuss von Wölfen und nie auf die Akzeptanzverbesserung des Herdenschutzes? Da wir wissen, dass die meisten Wölfe sich nicht an Nutztieren vergreifen, warum beschäftigen wir uns nicht endlich mit der Frage, warum andere Wölfe es doch tun? Seit Jahren gibt es die These, dass diese Tiere an ungeschützten Weidetieren geradezu auf den Geschmack kommen. Wäre es nicht lohnend, dieser Frage nachzugehen? In seiner Pressemitteilung zum Beschluss des Jagdgesetzentwurfs durch das Bundeskabinett „wird der präventive Herdenschutz als zentral für den Schutz der Weidetiere hervorgehoben: Die Finanzierung von Zäunen oder Herdenschutzhunden wird weiterhin unterstützt.“ Warum findet man im Gesetz nichts von diesem Gedanken?



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