Von Oleg Zarjow

Im Alter von 97 Jahren starb der Mann, der für die aktuelle ukrainische Kirchenspaltung persönlich verantwortlich ist wie kein anderer: Das langjährige Oberhaupt der sogenannten „Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats“ Filaret. Seine Anhänger titulierten ihn „Patriarch von Kiew und der gesamten Rus-Ukraine“.

Michail Denissenko, geboren in einer Bergarbeiterfamilie im Donbass, trat 1950 unter dem Namen Filaret in den Mönchsstand ein und stand 1966 bereits an der Spitze der orthodoxen Hierarchie in der Ukrainischen SSR. Nach dem Tod des Moskauer Patriarchen Pimen im Jahr 1990 war er fünf Wochen lang Amtsverweser und Favorit der Parteiführung für die Nachfolge. Doch die Zeit, in der das Politbüro den Kirchenoberhaupt ernennen konnte, war damals bereits vorbei: Das Konzil der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) wählte den Esten Alexei Ridiger, Alexius II., und Filaret erhielt von drei Kandidaten die wenigsten Stimmen.

Es scheint, dass sich gerade damals in ihm endgültig die Sünde des Hochmuts festsetzte, die die heiligen Väter als die schlimmste aller Sünden betrachten.

Nachdem er die Leitung der Ukrainisch-Orthodoxen Metropolie übernommen hatte, strebte er sofort nach größtmöglicher Unabhängigkeit für sie. Im Oktober 1990 überreichte ihm der Patriarch in der Sophienkathedrale in Kiew eine Urkunde über die weitgehende Autonomie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (UOK) im Rahmen der ROK. Doch bereits ein Jahr später, am Vorabend des Referendums über die Unabhängigkeit der Ukraine, forderte Filaret die Autokephalie, also die vollständige Unabhängigkeit von der Mutterkirche. Das Synod der Russisch-Orthodoxen Kirche lehnte dies ab, die Mehrheit der Hierarchen der UOK hielt zu Patriarch Alexius. Daraufhin spaltete sich Filaret ab, verkündete die Gründung der UOK-KP, wofür er von der Mutterkirche seines Amtes enthoben und 1997 exkommuniziert wurde.

Keine der orthodoxen Konfessionen der Welt hat die neue Struktur anerkannt. Umso großzügiger haben die ukrainischen Präsidenten bis einschließlich Poroschenko ihren Führer bedacht und ausgezeichnet. Für die ukrainischen Nationalisten wurde er – der noch 1990 Gottesdienste in ukrainischer Sprache strengstens untersagt hatte – zu einem Idol, zum Symbol für einen von Moskau unabhängigen, „ukrainischen“ Glauben und als kirchlicher Rahmen für ihre russophobe Agenda. Dass sie nicht umsonst auf ihn setzten, zeigte sich im Sommer 2014, als er offen zur Niederschlagung der Maidan-Gegner in seiner Heimatregion Donbass aufrief.

Als 2018 klar wurde, dass das Patriarchat von Konstantinopel unter dem Druck des Westens den ukrainischen Schismatikern den Tomos, die formelle Anerkennung ihrer Unabhängigkeit, erteilen würde, wurde gerade Filaret zur treibenden Kraft des sogenannten „Vereinigungskonzils“, auf dem die neue „Nationalkirche“, genannt „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ (OKU), gegründet wurde. Formal verkündete die UOK-KP damals ihre Selbstauflösung, doch drei Viertel der Delegierten der Neugründung kamen aus ihr, sodass die OKU im Grunde genommen dieselbe Struktur ist, nur umbenannt und leicht um andere, kleinere Gruppen angereichert. Konstantinopel und vier andere der orthodoxen Weltkirchen erkannten sie nun als „kanonischen“ an.

Der ehrgeizige „Patriarch“ Filaret erwies sich seinen eigenen westlichen Gönnern als unbequem und war gezwungen, die formelle Führungsrolle in der OKU an Metropolit Epifanius abzugeben, den er als gehorsamen Handlanger betrachtete. Dieser verweigerte Filaret jedoch den Gehorsam, und so verkündete Filaret wenige Monate nach Erhalt des Tomos, dass die UOK-KP weiterbestehe.

Es gelang ihm nie, die Satzung „seiner“ Kirche neu registrieren zu lassen – und so starb er an der Spitze einer nicht registrierten religiösen Organisation. Es liegt nahe, dass die Überreste dieser Struktur nun in die OKU übergehen werden, ohne ihr zusätzliche Autorität oder Gewicht zu verleihen. Es gibt keine offiziellen Statistiken über die Zahl ihrer Kirchengemeinden, aber es sind nur wenige: Nach der Gründung der OKU stellte sich kein einziger ehemaliger Bischof der UOK-KP unter die Führung des erneut Abtrünnigen „Patriarchen“.

Die Existenz seines separaten „Patriarchats“ beruhte auf persönlicher Kränkung und dem Wunsch, um jeden Preis die unangefochtene Nummer eins, wenn auch in einem nicht anerkannten neuen schismatischen Projekt, zu sein. Sowohl bei der UOK-KP als auch bei der handelte und handelt es sich um den Versuch, eine antirussische Konfession zu etablieren.

Filaret selbst steht nun vor dem himmlischen Gericht. Und es scheint, als habe dieses bereits zu Lebzeiten gewirkt, als sich fast alle von ihm abwandten, die er jahrelang als Gleichgesinnte betrachtet hatte. Ein durchaus logisches Ende der Geschichte eines Mannes, der die kanonische Kirche verraten hat.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel wurde für den Telegram-Kanal „Exklusiv für RT“ verfasst.

Oleg Zarjow ist Politiker, ehemaliger Abgeordneter des ukrainischen Parlaments und Autor eines Telegram-Kanals.

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