Die EU-Staaten wiegen sich in trügerischer Sicherheit. In Brüssel herrscht der Glaube vor, das Hinauszögern des Ukraine-Krieges schütze vor Moskau – tatsächlich wächst die Gefahr eines Flächenbrandes auf dem gesamten Kontinent mit jedem Tag der Fortsetzung. Zeitgleich bereitet Donald Trump hinter den Kulissen die sicherheitspolitische Demontage vor: US-Abzug aus Deutschland, die NATO als reines Geschäftsmodell und ein mögliches Separatabkommen mit Russland über die Köpfe der EU-Partner hinweg. Die westlichen Hauptstädte steuern mit Ansage in eine strategische Falle, die das Ende des friedlichen Zusammenlebens in Europa bedeuten könnte. Ein Beitrag von Gábor Stier, aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.

Bevor wir zur Analyse von Gábor Stier kommen, verdeutlicht eine aktuelle Meldung des russischen Verteidigungsministeriums die Brisanz der Lage: Moskau hat eine Liste europäischer Produktionsstandorte für ukrainische Drohnen veröffentlicht – darunter Ziele in Deutschland, den baltischen Staaten und Tschechien. Verbunden mit dem Hinweis auf strategische Waffensysteme wie die RS-24 „Jars“ wird deutlich: Die von Stier beschriebene „strategische Falle“ ist nicht mehr nur Theorie, sondern erreicht die Ebene konkreter militärischer Zielplanungen.

Quellen:

  1. Offizieller Telegram-Kanal des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (Mitteilung vom 15./16.04.2026).
  2. Moskowski Komsomolez (MK.ru): Bericht über potenzielle Zielgebiete und den Einsatz der „Jars“-Systeme vom 15.04.2026.

In der Europäischen Union (EU) herrscht die verbreitete Ansicht, dass gegenüber einem potenziellen russischen Angriff gerade das Hinauszögern des Krieges in der Ukraine Sicherheit garantiere. Doch die reale Gefahr eines Konflikts zwischen Russland und dem Rest Europas wächst gerade dann, wenn dieser Krieg weitergeht. Abgesehen davon könnte es den europäischen Mainstream zum Nachdenken anregen, dass Donald Trump den Abzug der USA-Truppen aus Deutschland erwägt. Mehr noch: Es steht im Raum, dass er die NATO auf eine rein geschäftliche Basis stellt und bezüglich der Ostflanke sogar ein Separatabkommen mit Russland schließen könnte.

Heutzutage ist die EU beziehungsweise die sogenannte „Koalition der Willigen“ Kiews wichtigste Stütze und engster Verbündeter. Sie stellt das Geld bereit, das für das Funktionieren des Staates sowie für die Fortführung des Krieges notwendig ist; zudem ist sie Kiews industrielle Basis und tritt auf dem diplomatischen Parkett als dessen Schutzanwälte auf. Im Gegenzug dient die Ukraine als eine Art östliches Bollwerk im Krieg und hält so Russland unter Druck – jenes Russland, dem der europäische Mainstream unterstellt, es könne in einigen Jahren einzelne NATO-Staaten angreifen.

Eskalation als vermeintliches Sicherheitskonzept

Gleichzeitig provoziert dieses Brüsseler Europa Moskau unentwegt, und das nicht nur mit militanter Rhetorik: In letzter Zeit führt man immer häufiger diverse Angriffe gegen Russland aus. Man setzt Schiffe der „Schattenflotte“ fest, liefert den ukrainischen Streitkräften Aufklärungskoordinaten, damit diese mit ihren Langstreckenraketen Ziele tief im russischen Hinterland angreifen können. Drohnen fliegen unter Nutzung des Luftraums der baltischen Staaten gegen die Häfen der Region Leningrad, während man parallel dazu immer neue Sanktionen verhängt. Und als wäre das noch nicht genug, wirft die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas dem US-Außenminister Marco Rubio vor, dass Washington viel zu weich mit Moskau umgehe.

Parallel dazu wächst in den europäischen Hauptstädten die Sorge, dass die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten im Stich lassen und ein Separatabkommen mit Russland schließen könnten. Die europäischen Staaten fürchten, dass Donald Trump im Falle eines Angriffs den Schutz der NATO-Ostflanke verweigern könnte. Diese Ängste steigert der Angriff auf den Iran – ein sich hinziehender Krieg, infolgedessen die USA erwogen, die für die Ukraine vorgesehenen, überlebenswichtigen Ressourcen in den Nahen Osten umzuleiten.

In dieser Situation nervt es die Regierungen der EU-Staaten ebenso, dass Donald Trump immer ernsthafter den Abzug der US-Verbände aus Deutschland prüft – eine Möglichkeit, die er im Übrigen bereits seit seinem Amtsantritt untersucht. Die Sorgen der EU-Partner vergrößert zudem der Umstand, dass Trump angeblich eine radikale Umgestaltung der NATO plant. Den Nachrichten zufolge erwägt er die Einführung eines Systems nach dem Motto „Zahle, wenn du mitspielen willst“. Nach den geprüften Vorschlägen könnten jene NATO-Verbündeten, die ihre Militärausgaben nicht auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigern können, von wichtigen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden. Dies würde die Erweiterung des Bündnisses, gemeinsame Operationen und sogar die Aktivierung der kollektiven Verteidigung nach Artikel 5 umfassen. Ein solcher Schritt hätte massive Auswirkungen auf die Einheit der Allianz und die Sicherheit Europas.

Angesichts all dessen erscheint es unverständlich, warum jenes Europa, das angeblich einen russischen Angriff fürchtet, Moskau gegenüber so martialisch auftritt und nicht nach Möglichkeiten für ein Abkommen zur Stärkung der Sicherheit sucht. Und es wirft erst recht schwerwiegende Fragen auf, warum man ausgerechnet in der Fortsetzung des Krieges eine Stärkung der Sicherheit sieht. Ganz zu schweigen von dem strategischen Fehler, dass viele – angeführt vom EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius – die gemeinsame EU-Armee auf das ukrainische Heer aufbauen würden. Man will die europäische Sicherheit also auf jene Ukraine gründen, die sich im Krieg mit Russland befindet.

Der Ausgangspunkt ist falsch. Moskau möchte schon allein wegen des – abgesehen von den nuklearen Fähigkeiten – für es ungünstigen Kräfteverhältnisses keine Konfrontation mit der NATO. Doch auch die NATO möchte dies vermeiden. Zu einem solchen Zusammenstoß könnte es nur kommen, wenn eine der Parteien einer existenziellen Bedrohung gegenübersteht. Der Kreml wäre also nur dann bereit, ein solches Risiko einzugehen, wenn die Politik der EU-Staaten eine existenzielle Bedrohung darstellt. Dies ist derzeit das einzige Szenario, in dem ein Krieg zwischen dem Rest Europas und Russland ausbrechen könnte. Wenn der Ukraine-Krieg endet, ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Bedrohung äußerst gering. Da Russland über das weltweit größte Nukleararsenal verfügt, werden die anderen europäischen Staaten einen Angriff auf Russland wohl kaum in Erwägung ziehen.

Die baltische Zündschnur und das Risiko des Kontrollverlusts

Doch solange sich der Ukraine-Krieg hinzieht, wächst das Risiko eines Zusammenstoßes. Wenn Moskau nämlich irgendwann zu der Ansicht gelangt, dass die europäischen Schritte Russlands militärische Mission in der Ukraine kritisch erschweren, dann kann es zum direkten Konflikt kommen. Unter diesem Gesichtspunkt muss man betrachten, wie die EU-Partner in letzter Zeit ihr Verhältnis zu Russland gestalten – was übrigens auch den Leuten um Trump nicht besonders gefällt. In den vergangenen Tagen ereigneten sich zahlreiche Vorfälle, von der Blockierung der Tanker der „Schattenflotte“ bis hin zu Angriffen auf baltische russische Häfen, die unter bestimmten Umständen das Szenario eines direkten Zusammenstoßes beschleunigen können.

Die baltischen Staaten bestreiten offiziell, dass ukrainische Drohnen ihr Territorium überfliegen, und schreiben deren Erscheinen in ihrem Luftraum der russischen elektronischen Kriegsführung zu, welche die Drohnen umleite. Den Umständen entsprechend verhält sich auch Moskau zurückhaltend; bis heute wurden keine objektiven Beweise dafür präsentiert, dass Drohnen aus den baltischen Staaten nach Russland fliegen. Das Thema wird derzeit eher in den russischen Medien und Online-Gruppen behandelt.

Ein Warnsignal ist jedoch die härter werdende Reaktion des offiziellen Moskaus – Außenamtssprecherin Maria Sacharowa warnte Estland, Lettland und Litauen, dass man reagieren werde, wenn ukrainische Drohnen Russland über deren Luftraum angreifen. Bezeichnend ist zudem, dass mehrere Publikationen eine klar erkennbare Deutungsstruktur aufweisen, die den baltischen Raum von einem feindlichen Randgebiet in die Kategorie eines militärischen Risikos und eines diplomatischen Hindernisses verschiebt.

Es wird erklärt, dass die baltischen Staaten den ukrainischen Operationen gegen Russland Raum geben, während Litauen als Akteur dargestellt wird, der die Annäherung zwischen Washington und Belarus behindert. Diese Art der Narrativbildung stellt die Region als einen der möglichen nächsten Krisenherde dar. Sollte Moskau entscheiden, diese Frage zu forcieren, könnte es die baltischen Staaten einer „Aggressionshandlung“ bezichtigen. Unter anderem in der Hoffnung, dass die EU-Staaten der Ukraine daraufhin Angriffe auf die Häfen der Region Leningrad vollständig untersagen. Ein solcher Vorstoß schüfe einen weiteren Vorwand für einen potenziellen Konflikt.

Strategische Sackgasse: Unterordnung oder Untergang

Man darf dabei auch nicht vergessen: Russlands wichtigste Abschreckung vor drastischen Schritten gegenüber dem Rest Europas war bisher das Risiko, dass die Vereinigten Staaten im Namen ihrer Verbündeten intervenieren. Dies wiederum beschwört die Gefahr der gegenseitigen Vernichtung herauf. Wenn die Supermacht jedoch am Spielfeldrand bleibt, ändern sich die Kräfteverhältnisse grundlegend. Russland verfügt über ein weit größeres Nuklearpotenzial als die europäischen Atommächte. Deshalb können Letztere Russland zwar bedeutende Schäden zufügen, es aber nicht vollständig vernichten, während Moskau in der Lage ist, den Rest Europas komplett auszulöschen.

Dies könnte Moskau im Extremfall ermutigen; die Schlüsselfrage ist jedoch, wie die US-Führung reagiert. Wenn Moskau glaubt, dass die US-Amerikaner nicht eingreifen, könnte es bei Wahrnehmung einer schweren Bedrohung einen direkten Konflikt mit den EU-Partnern initiieren. Daher darf man Trumps jüngste Äußerungen nicht einfach abtun, die als Hinweise darauf gedeutet werden können, dass die Zentrale in Washington ihre NATO-Verbündeten im Falle eines Krieges auf dem Kontinent nicht unterstützen wird – so wie diese die USA im Iran-Krieg nicht unterstützt haben. Natürlich kann dies von US-amerikanischer Seite Erpressung sein, mit dem Ziel, die EU hinter sich zu scharen. Doch man kann auch nicht völlig ausschließen, dass Trump selbst ein Interesse daran hat, den Europäern den Marsch zu blasen. Damit erinnert er sie an ihre totale sicherheitspolitische Abhängigkeit, ohne die sie lediglich „Papiertiger“ sind. Danach ruft er Putin an und „rettet die Situation“ – im Austausch für die vollständige Unterwerfung der EU-Staaten.

Selbst bei einer Eskalation der Spannungen könnte Moskau jedoch höchstens einen begrenzten militärischen Schlag oder eine Art hybride Aktion „unter falscher Flagge“ erwägen, in der Hoffnung, dass dies ausreicht, um eine Kurskorrektur der EU-Politik zu erzwingen. Ein solches Szenario wäre jedoch ebenfalls extrem gefährlich, da die Situation außer Kontrolle geraten kann. Schon allein deshalb, weil Kiew und der radikale Flügel der westlichen „Kriegspartei“ die EU-Länder seit Langem dazu ermuntern, keine Angst vor Russland zu haben, Direktschläge gegen das Land zu führen, seine Raketen und Drohnen abzuschießen und Truppen in die Ukraine zu entsenden. Früher wurden diese Äußerungen vom US-Außenministerium hart unterdrückt, da man das Risiko eines Krieges mit Russland nicht eingehen wollte. Jetzt könnte gerade die Befürchtung, dass die US-Amerikaner eventuell nicht eingreifen, zum abschreckenden Faktor gegenüber jedem unbesonnenen Handeln der EU werden.

Es ist daher ratsam, die Politik gegenüber den USA, Russland und dem Ukraine-Krieg neu zu überdenken – einschließlich der Bemühungen um ein schnelles Ende statt einer Verlängerung. Die wichtigste Garantie zur Verhinderung neuer Kriege und somit für die Sicherheit der Ukraine ist die strategische Normalisierung der Beziehungen zwischen den Europäern und Russland.

Ohne dies wird die Ukraine ein zerstörerisches Schlachtfeld bleiben, das jederzeit auf den Rest des Kontinents übergreifen kann. Mit der Niederlage von Viktor Orbán in Ungarn ist die Möglichkeit einer ausgewogenen Politik, die sowohl zu den USA als auch zu den Russen gute Beziehungen pflegt und damit den eigenen Handlungsspielraum sichert, in weite Ferne gerückt. Für die in der strategischen Sackgasse gelandete EU bleiben damit nur zwei realistisch erscheinende Optionen: Eine noch stärkere Unterordnung unter die US-amerikanische Führung oder ein Zusammenbruch vom Ausmaß des Jahres 1945 – und dieses Mal unumkehrbar.

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Wochenzeitung Demokrata.)

Titelbild: esfera/shutterstock.com



Source link