Reichstag / Razzia / Einheit / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder und Grafiken; ArtTower: https://pixabay.com/de/illustrations/architektur-berlin-geb%C3%A4ude-spalten-5079665/
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Nach 35 Jahren Einheit wirkt der Osten noch immer beleidigt. Der Westen hat gezahlt, integriert und modernisiert. Doch zurück kommen Misstrauen und Trotz. Ein Kommentar.

Fünfunddreißig Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland ein geeintes Land – auf dem Papier. Doch im Kopf und im Herzen ziehen sich noch immer unsichtbare Grenzen. Der Westen hat gezahlt, modernisiert und integriert. Der Osten dagegen jammert, hadert und wählt AfD, Linke und BSW. Die Geduld des Westens ist endlich.

35 Jahre Gejammer

Als meine Familie nach der Wende die ersten Kontakte mit Ostdeutschen hatte, kam schnell ein befremdliches Gefühl auf: Was sind das denn für welche? Und mit den Jahren gab es unter nicht wenigen Westdeutschen den Spruch: Hätte man besser die Mauer einen Meter höher gezogen, satt sie einzureißen. Diese Einstellung mag auf viele mit der unmittelbaren Andersartigkeit der Ex-DDR-Bürger zusammenhängen. Aber es hat nicht allein mit deren Sozialisation im real existierenden Sozialismus zu tun.

Bei näherem Blick auf die Zeit vor 1945 wird klar: Brandenburger, Sachsen oder Ostpreußen hatten kaum etwas mit den Mentalitäten von Rheinländern, Schwaben oder Friesen zu tun. Die Teilung oder vielmehr die vielen mentalen Teilungen sind so alt wie die Deutschen selbst. Trotzdem war die Teilung in ein sozialistisches und ein kapitalistisches System unnatürlich und hat tiefe Spuren in der „nationalen Psyche“ hinterlassen. Zu tiefe?

Der Einheit konnte keiner entkommen

Natürlich war die Wiedervereinigung kein historisches Geschenk, wie bei den Reden zum Tag der Deutschen Einheit behauptet wird. Es fiel zwar kein Schuss, es tobte kein Bürgerkrieg, es gab kein Chaos. Ja, Deutschland vereinigte sich friedlich. Die Schwäche der Sowjetunion, nachdem sie von den USA und der Nato bankrott-gerüstet wurde, kam dem politischen Bonn und dem nachmaligen Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, zupass. Doch diese Schwäche hatte ihren Preis. Und den hat vor allem der Westen bezahlt.

Über zwei Billionen Euro flossen seit 1990 in den „Aufbau Ost“. Ganze Städte wurden saniert, Straßen erneuert, Renten angeglichen, Fabriken modernisiert. Kaum ein Land der Welt hat so viel in die Angleichung seiner Regionen investiert. Und trotzdem hört man aus dem Osten vor allem eines: Unzufriedenheit. Früher sei alles besser gewesen.

Das Klagen über ungleiche Lebensverhältnisse ist zur Gewohnheit geworden. Man fordert Anerkennung, verlangt Respekt, verweigert sich aber der Realität. Ja, der Osten ist ärmer. Aber er lebt vom Geld, das im Westen verdient wird.

Die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl versprach, sind längst da. Man muss sie nur sehen wollen. Während im Westen gearbeitet und gezahlt wurde, pflegt man im Osten bis heute eine Opfermentalität. Der Westen sei „arrogant“ und „belehrend“. Doch wer sich nach 35 Jahren Freiheit immer noch als Opfer fühlt, der will kein Miteinander, der will Mitleid oder Rache.

Der Osten bestimmt die Politik

Noch deutlicher zeigt sich die Spaltung in der Politik. In weiten Teilen des Ostens ist die AfD stärkste Kraft – eine Partei, die ohne den Osten so nicht denkbar wäre. Auch die Linke und Wagenknechts Retortenpartei BSW sind Ostprodukte. Wer 1989 „Wir sind das Volk“ rief, scheint sich nach 35 Jahren nur noch in der blauen Alternative, den Abtrünnigen von der Linken und in der Gysi-Partei wohlzufühlen. Es ist bezeichnend, dass viele Ostdeutsche ihre DDR-Geschichte verklären. Der Arbeiter- und Bauernstaat wird zur „sicheren Heimat“ stilisiert, zur „guten alten Zeit“.

Das ist Geschichtsklitterung. Die DDR war ein Betriebsunfall der Geschichte, ein System aus Überwachung, Zensur und Angst. Wer das heute relativiert, beleidigt die Opfer und verspielt moralische Glaubwürdigkeit. Dabei hätte die Einheit längst eine Erfolgsgeschichte sein können. Nie war der Osten so lebendig, so sicher, so wohlhabend. Doch statt stolz zu sein, wird gemeckert über „westdeutsche Dominanz“, über „fremde Werte“, über „Globalisierung“. Es scheint, als wolle man lieber in der Vergangenheit verharren als die Chancen der Gegenwart zu nutzen.

Ja, auch der Westen hat Fehler gemacht. Manche Politiker und Manager traten in den 1990ern als Besserwessis auf mit Überheblichkeit statt Respekt. Aber das liegt Jahrzehnte zurück. Heute ist der Westen müde, immer wieder Verständnis aufzubringen. Verständnis für Frust, der längst in Feindseligkeit umgeschlagen ist. Einheit heißt nicht Dauerbetreuung.

Einheit heißt gleiche Verantwortung für die Zukunft des Landes ohne DDR-itis. Dann muss der Westen klar sagen: Ihr hattet 35 Jahre Zeit, euch zu integrieren. Ihr seid keine Benachteiligten mehr, und ihr wolltet mehrheitlich der Bundesrepublik beitreten, nicht umgekehrt. Oder nach einem Slogan der AfD: Unser Land – unsere Werte.

Deutschland hat die Mauer überwunden, aber sie existiert weiter in den Mentalitäten sowohl im Osten wie im Westen: Sie besteht aus Misstrauen, Nostalgie und Trotz. Und sie wird nicht durch weitere Milliarden verschwinden, sondern nur durch Einsicht. Der Westen hat seinen Teil getan. Jetzt ist der Osten dran, und er hat sich die politische Deutungshoheit inzwischen gesichert. Er jammert notorisch, aber er hängt den Westen politisch ab.

Das hat neben der AfD Angela Merkel möglich gemacht, in der sich viele Westdeutsche geirrt haben. Ihre Mentalität ist auch nach 35 Jahren Einheit zutiefst DDR-geprägt. Als Erich Honecker nach seiner Entmachtung schließlich nach Chile ausreisen durfte, wurde er vor dem Abflug von Journalisten gefragt, wie er die Zukunft Deutschlands sehe? Der Ex-SED-Chef lakonisch: Die Zukunft Deutschlands liege im Nebel. Jahrzehnte später ist diese Antwort so gültig wie damals. 

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