Seit Wochen warnt der Staat vor gefährlichem Wetter, statt die Gehwege zu räumen. Dieser „Safetyism“ hat Methode: Man traut uns im Alltag keine Selbstsorge mehr zu, zwingt unserer Lebensplanung aber immer mehr „Eigenverantwortung“ auf


Schnee in Berlin (Archivbild)

Foto: Sean Gallup/Getty Images


Wer zu viel Zeit auf Social Media verbringt, der kennt sie: Meist US-amerikanische Mum-Fluencer, die sich mit einer Mischung aus Erschrecken und Bewunderung über eine Selbstverständlichkeit auslassen: Grundschulkinder gehen allein zur Schule, zum Beispiel in Japan. Oder Deutschland.

Oder ist das gar nicht mehr so normal? Stauen sich nicht auch hierzulande die Elterntaxis, werden nicht Spielplätze eingezäunt, „sicherer“ gestaltet? Wann kommt die Helmpflicht für Kinder? Gilt nicht das einst wilde Herumtoben, zumal in der Natur, längst einerseits als so bedrohlich, dass man es andererseits als spezielles pädagogisches „Konzept“ verkaufen kann?

Zunehmend leben wir einem Motto, das der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt in seinem Buch Generation Angst in ganz umfassendem Sinn als „Safetyism“ vorstellt: die Obsession, Gefahren so weit wie möglich auszuschließen. Oft geht es dabei um Kinder und Jugendliche: Sie sollen im Gegensatz zu früheren Zeiten keine Risiken mehr eingehen. Und lernen daher nicht mehr, solche selbst abzuschätzen und mit ihnen umzugehen.

Lieber Schulen schließen als Gehwege räumen

Einen sehr konkreten und akuten Schub von Safetyism bot nun der Januar 2026: In Erwartung eines Wintersturms mit Schneefall und Glatteis schlossen gleich zu Jahresbeginn die Schulen in mehreren Bundesländern ob der „Gefahr für Leib und Leben“ – oder suspendierten die „Präsenzpflicht“. Beschönigend war von „Umstellung auf Distanzunterricht“ die Rede, als hätte man aus der Pandemie nichts gelernt: Kinder aus einkommensschwachen Haushalten sind davon benachteiligt; berufstätige Eltern – meist Mütter – mussten spontan einspringen. Doch das interessierte nicht. Safety first, wir schützen die Kleinen!

Die Schulverwaltungen hätte auch andere Signale aussenden können: Wir sind selbstverständlich für euch da, akzeptieren aber auch wetterbedingte Entschuldigungen – und fordern vor allem die gründliche Räumung nicht nur von Autostraßen, sondern auch von Rad- und Gehwegen!

Auf diesen Eispisten, die mit der Zeit tatsächlich gefährlich wurden, sprang eine vielsagende Eigenheit dieses neuen Sicherheitsfetischismus ins Auge: Sein Aufstieg fällt zusammen mit dem Abstieg öffentlicher Infrastruktur. Immer weniger fühlt sich der Staat dafür zuständig oder in der Lage, die materiellen Bedingungen für Sicherheit zu schaffen. Stattdessen gibt es Warn-Apps, Appelle, verschlossene Türen – und im Bedarfsfall auch Verbote.

Die Lässigkeit, mit der hier gleich wieder „alles dicht gemacht“ wurde, erinnerte an die Zeit der Covid-Maßnahmen. Anders als Schweden, das mehr auf die Selbstsorge der Menschen vertraute und damit recht gut durch die Pandemie kam, traute Deutschland den Leuten nicht über den Weg: Maskenpflicht, Verweilverbote, keine Treffen in Großgruppen.

Im Kleinen gängeln, im Großen allein lassen

Gibt es hier etwas zu lernen? Nicht für die Enquete-Kommission der Bundesregierung. Die diskutiert zwar die milliardenschweren Maskendeals von Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn. Das dahintersteckende Phänomen, die übergriffige Sicherheitsobsession und deren inzwischen vielfach nachgewiesenen sozialen Folgeschäden, fehlt hingegen auf der Tagesordnung.

Auch auf dieser bundespolitischen Ebene zeigt sich die Widersprüchlichkeit des Safetyism: Einerseits traut man Menschen wenig Selbstsorge zu. Andererseits aber schreibt die politische Rhetorik die „Eigenverantwortung“ plötzlich ganz groß, wenn es um die großen, systemischen Lebensrisiken geht – Altersversorgung, Gesundheit, Arbeitsplatzverlust: Ihr müsst eigenständig vorsorgen! Ihr könnt euch nicht in der sozialen Hängematte ausruhen! Weg mit der Vollkasko-Mentalität!

In seinem neuen Buch Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums weist der Soziologe Hartmut Roda darauf hin, dass manche gesellschaftlichen Regularien natürlich sinnvoll sind. Zum Beispiel das Rauchverbot in Innenräumen, die Anschnallpflicht im Auto oder Tempolimits. Ein stärker kontrollierter Brandschutz und der Verzicht auf Wunderkerzen hätten vielleicht das furchtbare Silvester-Feuer in einer Bar in Crans-Montana verhindert.

Denn mit der Selbstsorge der Feiernden wie der Betreiber war es nicht zum Besten bestellt. Nicht immer ist das Denken in Sicherheitskategorien ein lästiger „Erfahrungsblocker“, wie es Psychologe Haidt nennt. Doch die Grenzen zwischen staatlicher Willkür, öffentlicher Vorsorge und persönlicher Autonomie sind in demokratischen Gesellschaften sensibel.

Zunehmend leben wir einem Motto, das der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt in seinem Buch Generation Angst in ganz umfassendem Sinn als „Safetyism“ vorstellt: die Obsession, Gefahren so weit wie möglich auszuschließen. Oft geht es dabei um Kinder und Jugendliche: Sie sollen im Gegensatz zu früheren Zeiten keine Risiken mehr eingehen. Und lernen daher nicht mehr, solche selbst abzuschätzen und mit ihnen umzugehen.Lieber Schulen schließen als Gehwege räumenEinen sehr konkreten und akuten Schub von Safetyism bot nun der Januar 2026: In Erwartung eines Wintersturms mit Schneefall und Glatteis schlossen gleich zu Jahresbeginn die Schulen in mehreren Bundesländern ob der „Gefahr für Leib und Leben“ – oder suspendierten die „Präsenzpflicht“. Beschönigend war von „Umstellung auf Distanzunterricht“ die Rede, als hätte man aus der Pandemie nichts gelernt: Kinder aus einkommensschwachen Haushalten sind davon benachteiligt; berufstätige Eltern – meist Mütter – mussten spontan einspringen. Doch das interessierte nicht. Safety first, wir schützen die Kleinen!Die Schulverwaltungen hätte auch andere Signale aussenden können: Wir sind selbstverständlich für euch da, akzeptieren aber auch wetterbedingte Entschuldigungen – und fordern vor allem die gründliche Räumung nicht nur von Autostraßen, sondern auch von Rad- und Gehwegen!Auf diesen Eispisten, die mit der Zeit tatsächlich gefährlich wurden, sprang eine vielsagende Eigenheit dieses neuen Sicherheitsfetischismus ins Auge: Sein Aufstieg fällt zusammen mit dem Abstieg öffentlicher Infrastruktur. Immer weniger fühlt sich der Staat dafür zuständig oder in der Lage, die materiellen Bedingungen für Sicherheit zu schaffen. Stattdessen gibt es Warn-Apps, Appelle, verschlossene Türen – und im Bedarfsfall auch Verbote.Die Lässigkeit, mit der hier gleich wieder „alles dicht gemacht“ wurde, erinnerte an die Zeit der Covid-Maßnahmen. Anders als Schweden, das mehr auf die Selbstsorge der Menschen vertraute und damit recht gut durch die Pandemie kam, traute Deutschland den Leuten nicht über den Weg: Maskenpflicht, Verweilverbote, keine Treffen in Großgruppen.Im Kleinen gängeln, im Großen allein lassenGibt es hier etwas zu lernen? Nicht für die Enquete-Kommission der Bundesregierung. Die diskutiert zwar die milliardenschweren Maskendeals von Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn. Das dahintersteckende Phänomen, die übergriffige Sicherheitsobsession und deren inzwischen vielfach nachgewiesenen sozialen Folgeschäden, fehlt hingegen auf der Tagesordnung.Auch auf dieser bundespolitischen Ebene zeigt sich die Widersprüchlichkeit des Safetyism: Einerseits traut man Menschen wenig Selbstsorge zu. Andererseits aber schreibt die politische Rhetorik die „Eigenverantwortung“ plötzlich ganz groß, wenn es um die großen, systemischen Lebensrisiken geht – Altersversorgung, Gesundheit, Arbeitsplatzverlust: Ihr müsst eigenständig vorsorgen! Ihr könnt euch nicht in der sozialen Hängematte ausruhen! Weg mit der Vollkasko-Mentalität!In seinem neuen Buch Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums weist der Soziologe Hartmut Roda darauf hin, dass manche gesellschaftlichen Regularien natürlich sinnvoll sind. Zum Beispiel das Rauchverbot in Innenräumen, die Anschnallpflicht im Auto oder Tempolimits. Ein stärker kontrollierter Brandschutz und der Verzicht auf Wunderkerzen hätten vielleicht das furchtbare Silvester-Feuer in einer Bar in Crans-Montana verhindert.Denn mit der Selbstsorge der Feiernden wie der Betreiber war es nicht zum Besten bestellt. Nicht immer ist das Denken in Sicherheitskategorien ein lästiger „Erfahrungsblocker“, wie es Psychologe Haidt nennt. Doch die Grenzen zwischen staatlicher Willkür, öffentlicher Vorsorge und persönlicher Autonomie sind in demokratischen Gesellschaften sensibel.



Source link