In einer Welt, in der die Fragilität der Freiheit und die Notwendigkeit ihrer ständigen Verteidigung betont werden müssen, stellt der US-Militäreinsatz gegen Venezuela vom Januar 2026 einen erschreckenden Wendepunkt dar. In einem Interview vom 4. Januar 2026 mit dem Moderator Glenn analysiert der renommierte Ökonom, Professor an der Columbia University und langjähriger UN-Berater Jeffrey Sachs die Ereignisse. Sachs beschreibt den Angriff als „blatant illegalen, unprovozierten Akt“ und als Symptom eines tiefgreifenden Wandels in den USA: Vom konstitutionellen Staat zu einem militärischen Regime unter „thuggish rule“. Dieser ausführliche Artikel basiert ausschließlich auf dem Transkript dieses Interviews und fasst Sachs‘ Argumente detailliert zusammen, ergänzt um den geopolitischen Kontext, den er selbst zeichnet.
Der Angriff als eklatante Verletzung des Völkerrechts
Sachs beginnt mit einer klaren Bewertung: „Clearly this is a blatantly illegal act.“ Es handele sich um einen unprovozierten Angriff und eine „Entführung“ (kidnapping) des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Dieser Akt stehe in einer langen Reihe illegaler US-Handlungen.
In den letzten Tagen und Wochen habe Präsident Trump täglich neue Länder bedroht:
- Bombardement Nigerias in der Vorwoche,
- Drohung mit Intervention in Iran, falls die Regierung Proteste unterdrücke,
- Die Invasion Venezuelas,
- Die Ernennung eines Sondergesandten für Grönland mit der Erklärung „Greenland will be ours“ – eine Drohung gegen Europa.
Diese Aggressionen erfolgten per Exekutivdekret, ohne Rücksicht auf die US-Verfassung. Als ein Kongressabgeordneter die Verfassung erwähnte, habe Trump gefragt: „What is he whining about? This is ridiculous.“
Für Sachs enthüllt dies das Ende der konstitutionellen Herrschaft in den USA. Die Nation befinde sich nun in einem „military state“, geleitet von roher Gangsterherrschaft (thuggish rule). Dies mache die Welt „extraordinarily dangerous“, insbesondere im Nuklearzeitalter.
Sachs betont, dass die Geschichte noch nicht zu Ende sei. Die Festnahme Maduros bedeute nicht das Ende des Regimes. Venezuela verfüge über eine intakte Regierung, ein Militär, mobilisierte Gesellschaftsteile und viele Waffen. „This is not a simple smooth takeover“, warnt er – Trump möge es sich so vorstellen, doch die Realität sei komplexer.
Die US-Geschichte von etwa 100 Regimewechsel-Operationen seit 1945 sei geprägt von Blutvergießen, Instabilität, Putschen, Attentaten und Bürgerkriegen.
Das Schweigen der Institutionen: Medien, Kongress und Europa
Besonders alarmierend findet Sachs das Schweigen der US-Medien. Die New York Times als „paper of record“ habe keine Warnung vor einem Angriff formuliert; ihr Editorial Board sei stumm geblieben. Der Kongress existiere „in no operational sense“. Dies unterstreiche den Übergang zu einem System ohne Gegenkräfte.
Europa reagiere „pathetisch“. Statt Empörung über die Verletzung der UN-Charta äußerten Führer nur Hoffnung auf baldige Stabilität. Sachs schlägt vor, den Nobelpreis in „Nobel War Prize“ umzubenennen: 2025 ging er an María Corina Machado, die einen US-Militäreinsatz gegen Venezuela gefordert habe – und nun eingetroffen sei.
Europa schwanke zwischen „complete vassalage“ gegenüber den USA und eigener Kriegshetze gegen Russland. Es fehle an Diplomatie, Frieden und Bindung an Multilateralismus.
Die wahren Ziele: Ölraub und imperiale Herrschaft
Trump habe offen erklärt: „The oil is ours.“ US-Unternehmen würden zurückkehren und Geschäfte machen. Sachs nennt dies einen „crass grab for Venezuelan oil“ – roher Imperialismus ohne völkerrechtliche Bindung.
Dies erinnere an die Zeit vor den beiden Weltkriegen, nur nun im Nuklearzeitalter mit einem „unhinged, undisciplined, crude bully“ an der Spitze der USA, ohne europäisches Gegengewicht.
Für Lateinamerika sei dies eine Warnung: Trump proklamiere die US-Herrschaft über die Westliche Hemisphäre (erneuerte Monroe-Doktrin). Andere Mächte wie China sollen verdrängt werden.
Langfristige US-Projekte und falsche Narrative
Alle offiziellen Begründungen – Narco-Terrorismus, Verbindungen zu Hamas, Hisbollah, Iran, Russland, China – seien „blah blah blah“, improvisierte Lügen. Die USA versuchten seit 23 Jahren, die linksgerichtete Regierung zu stürzen, die nationale Ressourcen kontrolliere.
Schon 2017 habe Trump bei einem Dinner gefragt: „Why don’t I just invade Venezuela?“ Marco Rubio, nun Außenminister, sei der Hauptadvokat gewesen. Feiern venezolanischer Exilanten in Florida unterstrichen den innenpolitischen Aspekt (Swing State).
Sachs vergleicht es mit anderen „Projekten“:
- Ukraine: 30-jähriger Plan seit den 1990er Jahren,
- Syrien: 13 Jahre CIA-Bemühungen,
- Iran: Seit 1953 (Putsch gegen Mossadegh wegen Öl-Nationalisierung).
Venezuela besitze die größten Ölreserven der Welt. Trump sei besonders thuggish, doch der Verfassungskollaps sei fortgeschritten.
Sachs vergleicht mit Rom: Die USA seien bereits im „Tiberius“-Stadium des Imperiums – mit Senate-Trappings, aber ohne echte Verfassung; Präsident bereichert sich und Freunde, regiert per Dekret, führt Kriege ohne Widerspruch.
Der Mythos „Demokratie bringt Frieden“
Sachs entlarvt die Idee, Demokratie führe zu Frieden, als „fairy tale“ und „Orwellian idea“. Historische Demokratien wie Athen, das britische Empire und die USA seien die aggressivsten Hegemone gewesen.
Der Nobelpreis an Machado passe zur Logik der letzten 30 Jahre: „War is peace“ – Frieden durch militärischen Demokratie-Export.
Westliche Medien diffamieren Maduro als Diktator, um Freiheit zu suggerieren; die EU stehe „mit dem venezolanischen Volk“ gegen den Präsidenten.
Globale Konsequenzen und Gefahr einer Eskalation
Die UN sei so nutzlos wie der Völkerbund in den 1930er Jahren; die USA versuchten sie zu zerstören. Russland und China verurteilten den Akt, würden aber nicht intervenieren. Der Rest der Welt (85 %) solle sich wehren, doch Europa schweige.
Ein Angriff auf Iran (wahrscheinlich) wäre weit gefährlicher – Iran kein Pushover, mit Verbündeten. Der „contagion effect“ der Gesetzlosigkeit führe zu unvorhersehbaren Katastrophen.
Ausblick: Instabilität und Spaltung in Trumps Basis
Der Erfolg hänge von den nächsten Tagen ab. Sachs’ Vermutung: „Nothing will go smoothly.“ Die Operation sei eine „decapitation“, kein Regime-Sturz. Geschichte (z. B. Lindsey O’Rourkes Buch zu 64 covert Regimewechseln 1947–1989) zeige meist anhaltende Instabilität.
Selbst bei Erreichung der Ziele (pro-US-Demokratie mit Chevron/Exxon) sei dies unwahrscheinlich. Trumps „America First“-Basis spalte sich: Tucker-Carlson-nahe Kreise sähen Verrat am Anti-Interventions-Mandat.
Zur Ukraine: Kein Putin-Vergleich – beide seien US-Projekte. Trump wolle vielleicht Amerikas und Nahen Osten beherrschen, Europa/Russland überlassen – „lawlessness everywhere“.
Schluss: Eine dringende Warnung
Sachs appelliert: Die Welt dürfe nicht untätig bleiben. Internationale Institutionen seien geschaffen worden, um einen Dritten Weltkrieg im Nuklearzeitalter zu verhindern. Als Amerikaner wolle er keine Thuggery, doch die Bürger würden nicht gefragt.
Trump werde sich als „Peacemaker“ stilisieren, wie bei Iran, Gaza oder Ukraine.
Dieses Interview ist eine profunde Mahnung: Der Angriff auf Venezuela markiert den Zerfall des Völkerrechts und den Aufstieg eines lawless Hegemons – mit potenziell katastrophalen Folgen für die globale Stabilität.