Der aktuelle Übergang von einer Welt der westlichen Vorherrschaft hin zu einer multipolaren Ordnung ist von Spannungen, Konflikten und Kriegen geprägt. Was ist der Zusammenhang zwischen den aktuellen Konflikten, von Iran über Venezuela bis zur Ukraine? Und hat Trumps scheinbar erratische Außenpolitik Methode, oder ist sogar das Chaos die Methode? Ein Vortrag von Thomas Fazi.

Dies ist die schriftliche Version des Vortrags von Thomas Fazi, italienischer Journalist und Autor der NachDenkSeiten, am 29. Januar in Berlin anlässlich der Festveranstaltung zur Vorstellung von Global Geopolitics, einer neuen wissenschaftlichen Fachzeitschrift, die sich mit internationalen Beziehungen, Machtstrukturen und globalen strategischen Entwicklungen befasst. Die Veranstaltung stand unter der Leitung von Prof. Efe Can Gürcan, Chefredakteur von Global Geopolitics, und wurde in Kooperation mit der Eurasischen Gesellschaft organisiert.

(Der Vortragstext wurde für die Veröffentlichung aus dem Englischen übersetzt, leicht gekürzt und bearbeitet.)

Vortrag

„Zu Beginn möchte ich betonen, dass es sich bei den aktuellen geopolitischen Spannungen und Verschiebungen eindeutig nicht um eine Krise wie viele andere handelt, die die Welt im vergangenen Jahrhundert oder in früheren Jahrhunderten erlebt hat. Vielmehr befinden wir uns, so ließe sich argumentieren, mitten in der größten geopolitischen Transformation der Menschheitsgeschichte. Was wir derzeit beobachten, ist faktisch das Ende von 500 Jahren westlicher wirtschaftlicher, politischer und militärischer globaler Hegemonie, die sich in den vergangenen 30 Jahren nach dem Kalten Krieg in Form einer absoluten und unangefochtenen US-westlichen globalen Vorherrschaft manifestiert hat. Diese Welt ist eindeutig vorbei, und die Megatrends hin zu einer multipolaren Ordnung sind für uns alle klar erkennbar. Wenn nichts dazwischenkommt, ist die wahrscheinliche Entwicklung dieser globalen Machtverschiebung relativ leicht vorherzusagen. Wir werden weiterhin den Aufstieg der nicht-westlichen Welt sowie die relative Schwächung der Macht und des globalen Einflusses der Vereinigten Staaten und des westlichen Blocks insgesamt beobachten.

Für den durchschnittlichen westlichen Bürger wäre diese Entwicklung kein großes Problem. Ich bin der Auffassung, dass die Lebensqualität nicht unmittelbar mit der relativen globalen Macht eines Landes verbunden ist. Das Leben in Österreich ist, so denke ich, nach nahezu jedem Maßstab besser als das in den USA, obwohl das österreichische BIP (Bruttoinlandsprodukt) nur einen Bruchteil des amerikanischen ausmacht. Zugleich lässt sich nicht bestreiten, dass in den frühen Nachkriegsjahrzehnten die Gewinne des Imperiums in vielerlei Hinsicht bis zu den durchschnittlichen westlichen Bürgern durchsickerten. Ich denke jedoch, dass dies seit Langem nicht mehr der Fall ist. Insbesondere, wenn wir auf die Vereinigten Staaten blicken, ist offensichtlich, dass die Erträge imperialer Macht seit geraumer Zeit im Wesentlichen nur noch an die oberste Spitze der sozialen und ökonomischen Pyramide fließen, an die Oligarchie. Heute würde ich argumentieren, dass nahezu ausschließlich die Wall Street, der militärisch-industrielle Komplex und Großkonzerne von den endlosen Kriegen und dem dollarzentrierten System profitieren. Gewöhnliche Amerikaner haben davon schon lange nicht mehr profitiert und profitieren auch heute nicht davon. Der durchschnittliche Amerikaner würde aus meiner Sicht viel mehr von einer Umwandlung seines Landes in einen „normalen“ Staat profitieren. Ich glaube sogar, dass dies eine notwendige Voraussetzung für die Demokratisierung der Vereinigten Staaten ist.

Glücklicherweise für uns westliche Bürger strebt China nicht danach, die Vereinigten Staaten als globalen Vorherrscher zu ersetzen. Es folgt vielmehr einem tatsächlich nicht-hegemonialen Weltbild, und es gibt Jahrhunderte chinesischer Praxis und Literatur, die dies belegen. Das sind gute Nachrichten. Für die Vereinigten Staaten und die westliche Oligarchie im weiteren Sinne sind sie jedoch weniger erfreulich. Sie würden zweifellos zu den Verlierern eines Rückgangs der US-amerikanischen und westlichen Hegemonie zählen.

Damit gelangen wir zu dem zentralen Problem, mit dem wir heute weltweit konfrontiert sind: der Unwilligkeit der US-amerikanischen und breiteren westlichen Eliten, diesen Übergang zur Multipolarität zu akzeptieren – aus den zuvor genannten materiellen Gründen, aber meines Erachtens auch aus tief verankerten ideologischen Motiven heraus, aus einem tief verwurzelten ideologischen Überlegenheitsdenken, das westliche Eliten prägt und sie in der gegenwärtigen Phase, klinisch gesprochen, nahezu verrückt erscheinen lässt. Besonders deutlich wird das aus meiner Sicht hier in Europa. Aus europäischer Perspektive wird Multipolarität oder auch nur eine eigenständige, nicht-westliche Entwicklung als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Sie wird zur Sicherheitsbedrohung umgedeutet. Dies zeigt sich konstant in der Art und Weise, wie darüber gesprochen wird. Aus der Sichtweise ihrer eigenen Klasseninteressen heraus ist diese Einschätzung in gewisser Weise nachvollziehbar. Und ich denke, dass ein Großteil des Chaos und der Gewalt, die wir heute weltweit beobachten, letztlich darauf zurückzuführen ist.

Ich habe meinen Vortrag mit der Formulierung eingeleitet, „wenn nichts dazwischenkommt, sei die Entwicklung relativ leicht vorherzusagen“. Doch was bedeutet „wenn nichts dazwischenkommt“ im gegenwärtigen Zusammenhang überhaupt, insbesondere dann, wenn der Wandel globaler Natur ist? Wir beobachten fortwährende Wechselwirkungen und Rückkopplungseffekte. Deshalb ist die Zukunft keineswegs leicht vorherzusagen. Tatsächlich leben wir in einer Welt, in der sich kaum noch etwas verlässlich vorhersagen lässt, nicht einmal die Entwicklungsrichtung dieser Megatrends. Denn was wir sehen, ist, dass die Vereinigten Staaten und die westlichen Mächte alles daransetzen, diesen Übergang zur Multipolarität zu verlangsamen, wenn nicht gar zu blockieren oder zurückzudrehen, ungeachtet dessen, was politische Akteure wie Mark Carney inzwischen öffentlich erklären mögen.
Bis zur Präsidentschaft Donald Trumps war die Strategie meines Erachtens relativ eindeutig: eine Politik der direkten militärischen Eindämmung, vor allem von Russland und China, was bekanntlich zum noch andauernden Stellvertreterkrieg in der Ukraine geführt hat. Unter Trump hat das Imperium seine Strategie verändert. Es passt sich offenkundig an. Zwar mag es übertrieben erscheinen, im Zusammenhang mit Trump überhaupt von „Strategie“ zu sprechen, da sein Handeln häufig erratisch und inkonsistent wirkt. In gewisser Hinsicht trifft das zu. Gleichwohl halte ich diese scheinbare Unberechenbarkeit zumindest teilweise für absichtlich eingesetzt. Aus meiner Sicht ist das Chaos selbst Bestandteil der Strategie: andere Staaten permanent im Unklaren darüber zu lassen, welcher nächste Schritt erfolgen wird. Es besteht ein ständiger Widerspruch zwischen Rhetorik und tatsächlichem Handeln; häufig äußert er gleichzeitig mehrere, einander widersprechende Positionen.

Möglicherweise interpretiere ich zu viel in Trump hinein, aber ich sehe darin zumindest teilweise eine bewusste Strategie von ständig inszeniertem Chaos und Destabilisierung. Es ist keine Strategie im klassischen Sinne, aber sie erfüllt im Moment ihren Zweck. Das Ziel besteht aus meiner Perspektive eindeutig darin, die Herausbildung einer multipolaren Ordnung zu verzögern und diesen Übergangsprozess zu bremsen. Technisch formuliert: Das gezielte „Stören“ oder „Durcheinanderbringen“ internationaler Prozesse ist für Trump selbst Teil der Strategie.

Wenn wir Trumps Handlungen analysieren, erkennen wir deutlich, dass sie einem Muster folgen; es gibt eine innere Logik. Er greift nicht wahllos Länder an, sondern zielt auf die Schwachstellen im System seiner Gegner. Viele Kommentatoren haben nach der Analyse der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA optimistisch festgestellt: „Oh, Trump, akzeptiert wohl die Multipolarität, da er sich aktiv aus der direkten Konfrontation mit China zurückzieht. Und dann führt er auch noch Verhandlungen mit Russland.“ Aber ich halte dies lediglich für eine taktische Anpassung. Die US-amerikanische Führung weiß, dass die Vereinigten Staaten derzeit nicht über die Mittel verfügen, um sich militärisch direkt mit China zu messen. Das Ziel bleibt jedoch, den Aufstieg Chinas zu verlangsamen, indem die schwachen Glieder des von China geführten Systems ins Visier genommen werden: Venezuela, Iran – allesamt Verbündete Chinas und selbstverständlich auch Russlands.

Ich denke, es zeigt sich eine noch kohärentere Strategie, wenn wir etwas tiefer gehen und uns die Länder ansehen, auf die Trump abzielt. Dazu würde ich auch die europäischen Staaten selbst zählen – nicht nur wegen Grönland, sondern aufgrund des langfristigen Bestrebens, Europas Abhängigkeit von amerikanischem Gas zu verfestigen und Europas frühere Abhängigkeit von russischem Gas durch eine vollständige Abhängigkeit von US-amerikanischem Gas zu ersetzen. Dies ist seit Langem ein strategisches Ziel der Vereinigten Staaten, das inzwischen vollständig erreicht wurde, und wir erkennen darin ein Muster: All diese geopolitischen Brennpunkte haben mit Energie zu tun.

Wir wissen alle, dass die Kriege des frühen 21. Jahrhunderts allesamt mit Energie zu tun hatten. Und trotzdem neigen wir heute dazu, zu denken, dass Energie nicht mehr der Haupttreiber der US-Außenpolitik ist, trotz Trumps offener Aussagen wie „Wir werden einfach Venezuelas Öl nehmen“.

Es geht dabei nicht nur um Venezuela. Wir wissen, dass ein Großteil der gesamten US-Außenpolitik der Nachkriegszeit darauf ausgerichtet war, die Ölmärkte sowohl physisch als auch finanziell zu kontrollieren. Dabei ging es nicht nur darum, Öl für die Vereinigten Staaten selbst zu sichern, auch wenn dies ein Teilaspekt war, sondern vielleicht noch wichtiger darum, die Dollarhegemonie über das Petrodollarsystem zu stützen sowie andere Länder zu kontrollieren, indem man die physischen und finanziellen strategischen Kontrollpunkte des Ölmarktes beherrschte. Dadurch konnten die Vereinigten Staaten andere Staaten im Bedarfsfall durch Sanktionen und andere Mittel von dieser Lebensader der modernen Wirtschaft abschneiden.

In den vergangenen Jahren hat sich dieses System jedoch langsam aufgelöst. Staaten außerhalb der Kontrolle der Vereinigten Staaten – Venezuela, Iran, Russland – haben die Welt zunehmend mit Öl und Gas versorgt, ohne sich amerikanischen Vorgaben zu unterwerfen, und tun dies auch immer häufiger außerhalb des dollarzentrierten Finanzsystems. Auf diese Weise haben sie zugleich Chinas rasanten Aufstieg befördert. Dies stellt auf mehreren Ebenen eine Bedrohung für die US-Hegemonie dar. Es schwächt die Dollarhegemonie, aber vielleicht noch wichtiger: Es nimmt den Vereinigten Staaten die Möglichkeit, Energie als Instrument wirtschaftlicher und politischer Kontrolle und Erpressung einzusetzen – eine Praxis, die sie historisch stets verfolgt haben.

Ich denke daher, dass in den Planungsstäben der Vereinigten Staaten, lange vor Trump und bereits seit geraumer Zeit, die Entscheidung gefallen ist, die Kontrolle über die physischen und finanziellen Energieflüsse wiederherzustellen. Dabei geht es heute selbstverständlich nicht nur um Öl, sondern ebenso um Gas und andere strategische Ressourcen. Betrachtet man die verschiedenen US-Interventionen sowie die von den USA geführten oder initiierten Kriege, also nicht nur Venezuela, sondern auch Iran und selbst den Stellvertreterkrieg in der Ukraine, ebenso wie den Druck auf Europa, sich vom russischen Gas abzukoppeln – was meines Erachtens von Beginn an eines der Ziele dieses Stellvertreterkrieges war –, so lässt sich ein roter Faden erkennen: die Wiedererlangung der Kontrolle über Energieflüsse.

In diesem Sinne sind offizielle Gegner selbstverständlich Zielscheiben, doch auch sogenannte Verbündete geraten ins Visier. Europa ist innerhalb dieser Strategie selbst ein Zielobjekt. Wir sehen deutlich, wie Trump Europas Abhängigkeit, konkret die Abhängigkeit von amerikanischen Energieexporten, politisch instrumentalisiert und diese Abhängigkeit ausdrücklich als Druckmittel einsetzt, um politische Ziele durchzusetzen.
Abschließend stellt sich die zentrale Frage: Wird diese Strategie funktionieren? Ich weiß es nicht. Bisher waren die Vereinigten Staaten meines Erachtens recht erfolgreich. Europa dazu zu bewegen, in seiner Energiepolitik eine 180-Grad-Wende zu vollziehen, weg von günstigem, verlässlichem Gas aus der unmittelbaren Nachbarschaft hin zu deutlich teurerem, weniger verlässlichem und politisch instrumentalisierbarem Gas aus den USA, ist eine bemerkenswerte Leistung für ein Land, dem oft erratisches Handeln und strategische Orientierungslosigkeit unterstellt werden. Auch der Sturz Maduros sowie der Aufbau der Drohkulisse gegenüber dem Iran waren bisher erfolgreich.

Ich möchte zum Ende anmerken, dass ich in pro-multipolaren Kreisen häufig ein gewisses übermäßiges Vertrauen wahrnehme: die Annahme, dass die Entwicklung hin zur Multipolarität letztlich unaufhaltsam sei und die USA nichts Entscheidendes dagegen unternehmen könnten, dass sie sie vielleicht etwas verlangsamen, aber nicht wirklich aufhalten könnten. Da bin ich mir nicht so sicher. Denn wenn wir von einer neuen internationalen Ordnung sprechen, ob man sie nun multipolar oder polyzentrisch nennt, dann erfordert sie, wie der Begriff bereits impliziert, ein gewisses Maß an Ordnung. Wenn die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten jedoch auf dauerhafte Unordnung und Destabilisierung setzen, können sie den BRICS-Staaten erhebliche Schwierigkeiten bereiten, und ich denke, genau das geschieht bereits.

Daher bin ich mir nicht sicher, ob Chinas Ansatz, um jeden Preis eine Konfrontation mit den USA zu vermeiden, sich langfristig auszahlen wird. Doch das wird letztlich die Zeit zeigen.

Übersetzung aus dem Englischen: Tunç Akkoç

Titelbild: © Tunç Akkoç



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