Epstein, Trump, Machtgier und Verschwörungsmythen: Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ erlebt auf Theaterbühnen eine Renaissance. Das liegt auch an seiner ungeheuren Aktualität


Am Residenztheater in München gibt Oliver Stokowski zurzeit den Dorfrichter Adam

Foto: Sandra Then


Lange bevor man die spätmoderne Rede vom „alten weißen Mann“ erfand, hat ihr Heinrich von Kleist ein Bild gegeben, nämlich im Dorfrichter Adam. Unflätig und egoistisch, ein geiler Alter, der seine Macht eiskalt missbraucht. Zu spüren bekommt das in dem 1808 uraufgeführten Drama Der zerbrochne Krug insbesondere die junge Eve, der er vorgaukelt, ihr Verlobter müsse zum Militärdienst eingezogen werden. Um ihn mit einem fingierten Attest zu schützen, bedürfe es einiger Gefälligkeiten.

Kleine Zuwendungen seitens der Dame sind willkommen. Heute würde man von sexueller Erpressung sprechen. Dass der Autor auf der Schwelle zwischen Weimarer Klassik und Romantik ein Meister der Andeutung ist, wissen seine Leser:innen auch aus seiner berühmten Erzählung Die Marquise von O…. Dort genügt ein Gedankenstrich als Zeichen für den nicht weiter ausformulierten Geschlechtsakt. Im Fall um den zweifelhaften Juristen ist derweil im titelgebenden Gefäß die Übertretung angelegt.

Des Nachts hatte Adam die Dame in ihrem Zimmer aufgesucht, sie speicheltriefend beobachtet und versehentlich den Gegenstand zerstört. Er symbolisiert auch den Verlust der Unschuld und fügt sich schon in der Namensgebung – Adam und Eve beziehungsweise Eva – in ein existenziell-mythologisches Tableau. Wovon Heinrich von Kleist mit Blick auf die „Krugverwüstung“ schreibt, ist nicht mehr und nicht weniger als der Sündenfall, der Beginn der schrecklichen Erkenntnis des Menschseins im Schatten von Trieb, Lust und Gewalt.

Das Thema ist so aktuell wie selten

Die aktuelle Faszination für diese auf den ersten Blick geradezu schwankhaft anmutende Komödie in derbem Ton und mit allerlei Slapstick überrascht daher bei genauerer Betrachtung kaum. Von Freiburg bis München, von Landesbühnen bis hin zu den großen Tankern des Theaterbetriebs reichen die Spielorte, an denen Kleists Werk derzeit aufgeführt wird. Weil es in vielen Bundesländern aktuell zum Abi-Stoff gehört, aber auch, weil Thema und Figuren den Nerv der Zeit treffen.

Die Epstein-Akten stehen exemplarisch für eine Epoche des noch immer wirksamen Patriarchats, eng geknüpft an finanzielle und politische Potenz. Adam steht für den Filz, indem er Amtliches und Privates vermengt und dadurch seine Glaubwürdigkeit unterwandert. Sein Autor hat für ihn ein offensichtliches Vorbild im Sinn: König Ödipus. Wie diesen kennzeichnet den Richter seit seiner Flucht aus Eves Zimmer ein Klumpfuß, der überdies an den christlichen Teufel erinnert. Wie dieser stellt der liederliche Rechtsgelehrte eine verfluchte Figur dar.

Der ganze Prozess im Anschluss gleicht einer Camouflage. Mit allen möglichen Tricks sucht der Protagonist von seiner eigenen Täterschaft abzulenken. Verstärkt wird die Dramatik durch die Anwesenheit des Gerichtsrats Walter. Er will die neue Rechtslehre in die stumpfsinnige Provinz bringen und verkörpert, schaut man auf die Entstehungszeit des Textes, die Moderne.

Adam, unversehens unter doppelter Beobachtung (durch die Zeugen und seinen Vorgesetzten), repräsentiert dagegen das Ancien Régime, also die alte, aristokratische und illiberale Ordnung eines verkrusteten Europas, die sich nicht zuletzt durch die Karlsbader Beschlüsse 1819 weiterhin ihre politische Herrschaft sichert. Insofern birgt die klamaukähnliche Handlung eine tiefer gehende Auseinandersetzung um Systeme.

Trump, Putin, Spahn und Wagners Tennis-Lüge

Nicht zu vernachlässigen ist die Kritik an der Aufklärung. Denn Kleist bildet in seinem Drama mithin die Fehlerhaftigkeit des Menschen ab. Statt als Monster erweist sich Adam – insbesondere mit seiner Nähe zur Bevölkerung (im Gegensatz zum unterkühlten Walter) – als widersprüchliche Existenz. Beleuchtet wird in dieser Farce daher auch die Blindheit der Aufklärer für das Körperliche, das Verdrängte und Unterdrückte, für die Laster in uns allen.

Dieser Zug offenbart die Zeitlosigkeit des Textes. An gegenwärtiger Brisanz gewinnt er wiederum, wenn wir uns die politische Bedeutung des Täterprofils vor Augen führen. Der Amtsträger steht für den Staat, sollte Transparenz und Rechtssicherheit Rechnung tragen. Und denken wir da nicht auch an Politikertypen unserer Epoche? Schlimmstenfalls an die Trumps und Putins, die öffentliche Strukturen für eigene Interessen nutzen? Oder im weitaus kleineren Stil an Jens Spahn und seine Maskenaffäre, Kai Wegners Tennis-Lüge oder all die vergangenen CSU-Verkehrsminister, die uns ein teures Maut-Debakel bescherten? Ja, Adam passt abseits seiner toxischen Männlichkeit auch deshalb in unsere Ära, weil er in hoheitlicher Position die Ersetzung der Wahrheit durch die Lüge spiegelt.

Im Drama kommt es immerhin noch spät zur Wende. Adam wird enttarnt, aber davor wirft auch das Unheil der Moderne seine Schatten voraus. Der letzte Strohhalm, an den sich der Täter noch klammert, besteht in der Schuldverlagerung auf Eves Angetrauten Ruprecht. „Weil er ungebührlich / Sich gegen seinen Richter hat betragen, / Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefängnis. / Wie lange, werd ich noch bestimmen“, so das rasche, von der eigenen Schuld ablenkende Urteil des Dorfjuristen, das mitunter an die Wegschließung des Grafen von Monte Christo bei Alexandre Dumas erinnert, durch die sich der Staatsanwalt Villefort einen Vorteil verschafft, indem er den Unschuldigen im Verlies mundtot macht.

In Der zerbrochne Krug durchschaut Walter das Spiel nicht und stimmt zu: „Gut denn. Geschlossen ist die Session. / Und Ruprecht appelliert an die Instanz zu Utrecht.“ Zu Recht wendet Eve dagegen die mögliche Verschleppung des Verfahrens ein. An dieser Stelle manifestiert sich die kalte Abstraktion der modernen Bürokratie, die nicht mehr den Einzelnen im Blick hat. Empathie weicht der Logik der Verwaltung, bar jeder Anschauung des Individuums.

Überhaupt nutzt der Richter nur allzu gern diffuse Ausflüchte. Die Dorfbevölkerung für dumm verkaufend, will er „im Haag bei der Synode an()fragen / Ob das Gericht befugt sei, anzunehmen, / Dass Beelzebub den Krug zerbrochen hat“. Witziger hätte Kleist kaum die historische Phase von Verschwörungsmythen vorwegnehmen können – auch wenn sich auf den letzten Seiten doch noch die Fakten durchsetzen. Aber welch lange Prozess-Strecke liegt dann schon hinter uns? Klar ist: Es gibt Gewissheit, aber im Kunstnebel des menschengemachten Welttheaters lässt sie sich immer schwerer identifizieren.

:innen auch aus seiner berühmten Erzählung Die Marquise von O…. Dort genügt ein Gedankenstrich als Zeichen für den nicht weiter ausformulierten Geschlechtsakt. Im Fall um den zweifelhaften Juristen ist derweil im titelgebenden Gefäß die Übertretung angelegt.Des Nachts hatte Adam die Dame in ihrem Zimmer aufgesucht, sie speicheltriefend beobachtet und versehentlich den Gegenstand zerstört. Er symbolisiert auch den Verlust der Unschuld und fügt sich schon in der Namensgebung – Adam und Eve beziehungsweise Eva – in ein existenziell-mythologisches Tableau. Wovon Heinrich von Kleist mit Blick auf die „Krugverwüstung“ schreibt, ist nicht mehr und nicht weniger als der Sündenfall, der Beginn der schrecklichen Erkenntnis des Menschseins im Schatten von Trieb, Lust und Gewalt.Das Thema ist so aktuell wie seltenDie aktuelle Faszination für diese auf den ersten Blick geradezu schwankhaft anmutende Komödie in derbem Ton und mit allerlei Slapstick überrascht daher bei genauerer Betrachtung kaum. Von Freiburg bis München, von Landesbühnen bis hin zu den großen Tankern des Theaterbetriebs reichen die Spielorte, an denen Kleists Werk derzeit aufgeführt wird. Weil es in vielen Bundesländern aktuell zum Abi-Stoff gehört, aber auch, weil Thema und Figuren den Nerv der Zeit treffen.Die Epstein-Akten stehen exemplarisch für eine Epoche des noch immer wirksamen Patriarchats, eng geknüpft an finanzielle und politische Potenz. Adam steht für den Filz, indem er Amtliches und Privates vermengt und dadurch seine Glaubwürdigkeit unterwandert. Sein Autor hat für ihn ein offensichtliches Vorbild im Sinn: König Ödipus. Wie diesen kennzeichnet den Richter seit seiner Flucht aus Eves Zimmer ein Klumpfuß, der überdies an den christlichen Teufel erinnert. Wie dieser stellt der liederliche Rechtsgelehrte eine verfluchte Figur dar.Der ganze Prozess im Anschluss gleicht einer Camouflage. Mit allen möglichen Tricks sucht der Protagonist von seiner eigenen Täterschaft abzulenken. Verstärkt wird die Dramatik durch die Anwesenheit des Gerichtsrats Walter. Er will die neue Rechtslehre in die stumpfsinnige Provinz bringen und verkörpert, schaut man auf die Entstehungszeit des Textes, die Moderne.Adam, unversehens unter doppelter Beobachtung (durch die Zeugen und seinen Vorgesetzten), repräsentiert dagegen das Ancien Régime, also die alte, aristokratische und illiberale Ordnung eines verkrusteten Europas, die sich nicht zuletzt durch die Karlsbader Beschlüsse 1819 weiterhin ihre politische Herrschaft sichert. Insofern birgt die klamaukähnliche Handlung eine tiefer gehende Auseinandersetzung um Systeme.Trump, Putin, Spahn und Wagners Tennis-LügeNicht zu vernachlässigen ist die Kritik an der Aufklärung. Denn Kleist bildet in seinem Drama mithin die Fehlerhaftigkeit des Menschen ab. Statt als Monster erweist sich Adam – insbesondere mit seiner Nähe zur Bevölkerung (im Gegensatz zum unterkühlten Walter) – als widersprüchliche Existenz. Beleuchtet wird in dieser Farce daher auch die Blindheit der Aufklärer für das Körperliche, das Verdrängte und Unterdrückte, für die Laster in uns allen.Dieser Zug offenbart die Zeitlosigkeit des Textes. An gegenwärtiger Brisanz gewinnt er wiederum, wenn wir uns die politische Bedeutung des Täterprofils vor Augen führen. Der Amtsträger steht für den Staat, sollte Transparenz und Rechtssicherheit Rechnung tragen. Und denken wir da nicht auch an Politikertypen unserer Epoche? Schlimmstenfalls an die Trumps und Putins, die öffentliche Strukturen für eigene Interessen nutzen? Oder im weitaus kleineren Stil an Jens Spahn und seine Maskenaffäre, Kai Wegners Tennis-Lüge oder all die vergangenen CSU-Verkehrsminister, die uns ein teures Maut-Debakel bescherten? Ja, Adam passt abseits seiner toxischen Männlichkeit auch deshalb in unsere Ära, weil er in hoheitlicher Position die Ersetzung der Wahrheit durch die Lüge spiegelt.Im Drama kommt es immerhin noch spät zur Wende. Adam wird enttarnt, aber davor wirft auch das Unheil der Moderne seine Schatten voraus. Der letzte Strohhalm, an den sich der Täter noch klammert, besteht in der Schuldverlagerung auf Eves Angetrauten Ruprecht. „Weil er ungebührlich / Sich gegen seinen Richter hat betragen, / Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefängnis. / Wie lange, werd ich noch bestimmen“, so das rasche, von der eigenen Schuld ablenkende Urteil des Dorfjuristen, das mitunter an die Wegschließung des Grafen von Monte Christo bei Alexandre Dumas erinnert, durch die sich der Staatsanwalt Villefort einen Vorteil verschafft, indem er den Unschuldigen im Verlies mundtot macht.In Der zerbrochne Krug durchschaut Walter das Spiel nicht und stimmt zu: „Gut denn. Geschlossen ist die Session. / Und Ruprecht appelliert an die Instanz zu Utrecht.“ Zu Recht wendet Eve dagegen die mögliche Verschleppung des Verfahrens ein. An dieser Stelle manifestiert sich die kalte Abstraktion der modernen Bürokratie, die nicht mehr den Einzelnen im Blick hat. Empathie weicht der Logik der Verwaltung, bar jeder Anschauung des Individuums.Überhaupt nutzt der Richter nur allzu gern diffuse Ausflüchte. Die Dorfbevölkerung für dumm verkaufend, will er „im Haag bei der Synode an()fragen / Ob das Gericht befugt sei, anzunehmen, / Dass Beelzebub den Krug zerbrochen hat“. Witziger hätte Kleist kaum die historische Phase von Verschwörungsmythen vorwegnehmen können – auch wenn sich auf den letzten Seiten doch noch die Fakten durchsetzen. Aber welch lange Prozess-Strecke liegt dann schon hinter uns? Klar ist: Es gibt Gewissheit, aber im Kunstnebel des menschengemachten Welttheaters lässt sie sich immer schwerer identifizieren.



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