Die gegenwärtige Krise der Weltwirtschaft wird häufig als Abfolge externer Schocks beschrieben: Corona, Ukrainekrieg, Klimakrise. Dabei bleibt ausgeblendet, dass schon der Entwicklungspfad der Globalisierung selbst krisenhaft ist
Notunterkunft in Buzi, Mosambik: In Afrika südlich der Sahara liegt das reale Pro-Kopf-BIP heute kaum höher als in den 1970er Jahren
Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images
Nicht nur die sogenannte regelbasierte Ordnung gerät derzeit unter Druck, sondern auch das Narrativ, mit dem die marktliberale Globalisierung jahrzehntelang legitimiert wurde. Darauf hat zuletzt selbst Kanadas Premierminister Mark Carney ungewöhnlich offen hingewiesen. Eine ehrliche Neubewertung muss daher bei den blinden Flecken dieser Erzählung ansetzen.
Im Westen gilt Globalisierung bis heute als globale Erfolgsgeschichte. Aggregierte Zahlen scheinen dies zu bestätigen: Zwischen 1990 und 2019 sank die Zahl der extrem Armen weltweit von rund 1,9 Milliarden auf etwa 680 Millionen Menschen (der Bevölkerungsanteil fiel von 36 auf 9 Prozent).
Doch fast zwei Drittel dieses Rückgangs entfallen allein auf China. Rechnet man China und Indien heraus, sank die Zahl der extrem Armen lediglich von rund 700 auf etwa 540 Millionen. 87 Prozent des absoluten globalen Armutsrückgangs der extremen Armut gehen damit auf nur zwei Länder zurück. Außerhalb Asiens fällt die Bilanz deutlich nüchterner aus.
In Afrika südlich der Sahara liegt das reale Pro-Kopf-BIP heute kaum höher als in den 1970er Jahren. Lateinamerika und die Karibik erlebten nach den „verlorenen Jahrzehnten“ der 1980er und 1990er Jahre zuletzt erneut Stagnation. Auch im Nahen Osten und in Nordafrika blieben die Einkommen über Jahrzehnte nahezu unverändert – trotz hoher Rohstofferlöse.
Warum Asien eine Ausnahme blieb
Hinzu kommt ein statistischer Effekt: Ein Großteil der Armutsreduktion fand knapp oberhalb der Armutsgrenze statt. Würde man diese Grenze um nur zehn Cent pro Tag anheben, fielen rechnerisch rund 70 Millionen Menschen wieder in extreme Armut zurück. Die Erfolgsgeschichte erweist sich damit als fragil.
Auch makroökonomisch zeigt sich die Begrenztheit des Konvergenzprozesses: Seit 2000 stieg das durchschnittliche Einkommensniveau der Entwicklungs- und Schwellenländer von rund 7 auf lediglich 12 Prozent des Niveaus der Industriestaaten. Ohne China und Indien lag der Anstieg bei gerade einmal einem Prozentpunkt: Es ging hoch von 9 auf 10 Prozent. Die ärmsten Länder verharren seit rund 25 Jahren bei 2 bis 3 Prozent des Einkommensniveaus der reichen Staaten. Von einer Annäherung der Lebensverhältnisse kann keine Rede sein.
Wer Globalisierung als universellen Wachstumsmotor darstellt, übersieht, dass das dynamische Wachstum fast ausschließlich in Asien – und dort vor allem in China – stattfand. Dieser Erfolg beruhte jedoch nicht auf marktliberalen Standardrezepten, sondern auf aktiver Industriepolitik: Preiskontrollen, Kapitalverkehrskontrollen, Joint-Venture-Vorgaben, strategische Marktöffnung sowie massive öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit. Genau diese Instrumente wurden vielen Ländern des Globalen Südens systematisch verwehrt.
Dazu kommt die Rolle des Finanzsystems
Hinzu kommt, dass viele Länder des Globalen Südens dauerhaft mit zweistelligen Realzinsen konfrontiert sind – bei gleichzeitig niedrigen Wachstumsraten. Ursache ist kein Kapitalmangel, sondern ein Finanzsystem, das Risiken einseitig auf schwache Volkswirtschaften abwälzt. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus hohen Finanzierungskosten, geringen Investitionen und schwachem Wachstum.
Diese strukturellen Probleme werden durch die Klimakrise verschärft. Dürren, Fluten und Stürme zerstören Infrastruktur und Produktionskapazitäten. In Mosambik beschädigten die Zyklone Idai und Kenneth 2019 nahezu ein Drittel des gesamten Straßennetzes. In Simbabwe führten klimabedingte Ausfälle zu Inflation und einem BIP-Einbruch von über 8 Prozent.
Reformforderungen – und die Rolle des IWF
Seit den 1960er Jahren fordern Länder des Globalen Südens Reformen der Weltwirtschaftsordnung: Kapitalverkehrskontrollen, stabilere Finanzierungsmechanismen, eine faire Schuldenordnung. Diese Vorschläge scheiterten meist am Widerstand der Industriestaaten.
Stattdessen folgte in Krisen häufig der Gang zum Internationalen Währungsfonds. Die Programme sind bis heute mit harten Auflagen verbunden: Privatisierungen, Ausgabenkürzungen, Einschnitte bei Löhnen, Renten und Sozialsystemen. Empirisch zeigt sich: Jede zusätzliche IWF-Auflage geht im Durchschnitt mit geringeren Bildungs- und Gesundheitsausgaben einher. Privatisierungen in Krisenzeiten führen zudem oft zur dauerhaften Abgabe öffentlicher Schlüsselbereiche.
Wenn der kanadische Premierminister Mark Carney nun in Davos die Ungerechtigkeiten, die Doppelmoral und die asymmetrischen Vorteile der sogenannten „regelbasierten Ordnung“ offen aussprach, sagte er das, was bereits oft aus dem Globalen Süden zu hören war.
Was gegend en Zerfall hilft
Meinen die europäischen (bzw. westlichen) Mittelmächte ihr Angebot einer neuen Zusammenarbeit jedoch ernst, so folgt daraus ein klarer Handlungsauftrag: Druck für Reformen beim IWF, mehr Mitsprache für Entwicklungsländer, Ablehnung dysfunktionaler Handelsabkommen, bessere finanzielle Ausstattung multilateraler Institutionen und institutionalisierte Kooperation bei Währungsstabilisierung und Krisenbewältigung.
Bleiben solche Schritte aus, wird sich der Zerfall der bestehenden Ordnung weiter beschleunigen – und die europäischen Mittelmächte werden ohne eine Allianz der vielen kleineren Staaten dieser Welt im Zeitalter der Supermächte weiter an Bedeutung verlieren.
Bevölkerungsanteil fiel von 36 auf 9 Prozent).Doch fast zwei Drittel dieses Rückgangs entfallen allein auf China. Rechnet man China und Indien heraus, sank die Zahl der extrem Armen lediglich von rund 700 auf etwa 540 Millionen. 87 Prozent des absoluten globalen Armutsrückgangs der extremen Armut gehen damit auf nur zwei Länder zurück. Außerhalb Asiens fällt die Bilanz deutlich nüchterner aus.In Afrika südlich der Sahara liegt das reale Pro-Kopf-BIP heute kaum höher als in den 1970er Jahren. Lateinamerika und die Karibik erlebten nach den „verlorenen Jahrzehnten“ der 1980er und 1990er Jahre zuletzt erneut Stagnation. Auch im Nahen Osten und in Nordafrika blieben die Einkommen über Jahrzehnte nahezu unverändert – trotz hoher Rohstofferlöse.Warum Asien eine Ausnahme bliebHinzu kommt ein statistischer Effekt: Ein Großteil der Armutsreduktion fand knapp oberhalb der Armutsgrenze statt. Würde man diese Grenze um nur zehn Cent pro Tag anheben, fielen rechnerisch rund 70 Millionen Menschen wieder in extreme Armut zurück. Die Erfolgsgeschichte erweist sich damit als fragil.Auch makroökonomisch zeigt sich die Begrenztheit des Konvergenzprozesses: Seit 2000 stieg das durchschnittliche Einkommensniveau der Entwicklungs- und Schwellenländer von rund 7 auf lediglich 12 Prozent des Niveaus der Industriestaaten. Ohne China und Indien lag der Anstieg bei gerade einmal einem Prozentpunkt: Es ging hoch von 9 auf 10 Prozent. Die ärmsten Länder verharren seit rund 25 Jahren bei 2 bis 3 Prozent des Einkommensniveaus der reichen Staaten. Von einer Annäherung der Lebensverhältnisse kann keine Rede sein.Wer Globalisierung als universellen Wachstumsmotor darstellt, übersieht, dass das dynamische Wachstum fast ausschließlich in Asien – und dort vor allem in China – stattfand. Dieser Erfolg beruhte jedoch nicht auf marktliberalen Standardrezepten, sondern auf aktiver Industriepolitik: Preiskontrollen, Kapitalverkehrskontrollen, Joint-Venture-Vorgaben, strategische Marktöffnung sowie massive öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit. Genau diese Instrumente wurden vielen Ländern des Globalen Südens systematisch verwehrt.Dazu kommt die Rolle des FinanzsystemsHinzu kommt, dass viele Länder des Globalen Südens dauerhaft mit zweistelligen Realzinsen konfrontiert sind – bei gleichzeitig niedrigen Wachstumsraten. Ursache ist kein Kapitalmangel, sondern ein Finanzsystem, das Risiken einseitig auf schwache Volkswirtschaften abwälzt. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus hohen Finanzierungskosten, geringen Investitionen und schwachem Wachstum.Diese strukturellen Probleme werden durch die Klimakrise verschärft. Dürren, Fluten und Stürme zerstören Infrastruktur und Produktionskapazitäten. In Mosambik beschädigten die Zyklone Idai und Kenneth 2019 nahezu ein Drittel des gesamten Straßennetzes. In Simbabwe führten klimabedingte Ausfälle zu Inflation und einem BIP-Einbruch von über 8 Prozent.Reformforderungen – und die Rolle des IWFSeit den 1960er Jahren fordern Länder des Globalen Südens Reformen der Weltwirtschaftsordnung: Kapitalverkehrskontrollen, stabilere Finanzierungsmechanismen, eine faire Schuldenordnung. Diese Vorschläge scheiterten meist am Widerstand der Industriestaaten.Stattdessen folgte in Krisen häufig der Gang zum Internationalen Währungsfonds. Die Programme sind bis heute mit harten Auflagen verbunden: Privatisierungen, Ausgabenkürzungen, Einschnitte bei Löhnen, Renten und Sozialsystemen. Empirisch zeigt sich: Jede zusätzliche IWF-Auflage geht im Durchschnitt mit geringeren Bildungs- und Gesundheitsausgaben einher. Privatisierungen in Krisenzeiten führen zudem oft zur dauerhaften Abgabe öffentlicher Schlüsselbereiche.Wenn der kanadische Premierminister Mark Carney nun in Davos die Ungerechtigkeiten, die Doppelmoral und die asymmetrischen Vorteile der sogenannten „regelbasierten Ordnung“ offen aussprach, sagte er das, was bereits oft aus dem Globalen Süden zu hören war.Was gegend en Zerfall hilft Meinen die europäischen (bzw. westlichen) Mittelmächte ihr Angebot einer neuen Zusammenarbeit jedoch ernst, so folgt daraus ein klarer Handlungsauftrag: Druck für Reformen beim IWF, mehr Mitsprache für Entwicklungsländer, Ablehnung dysfunktionaler Handelsabkommen, bessere finanzielle Ausstattung multilateraler Institutionen und institutionalisierte Kooperation bei Währungsstabilisierung und Krisenbewältigung.Bleiben solche Schritte aus, wird sich der Zerfall der bestehenden Ordnung weiter beschleunigen – und die europäischen Mittelmächte werden ohne eine Allianz der vielen kleineren Staaten dieser Welt im Zeitalter der Supermächte weiter an Bedeutung verlieren.