Manchmal wünscht man sich, man hätte Unrecht. Dies ist so ein Fall.

Mein langjähriger Kollege und Freund Klaus Kelle – einer der Vernünftigsten in der publizistischen Landschaft – hat mir seinen aktuellen Text geschickt. Er beschreibt darin die wirtschaftliche Lage Deutschlands als ernst, aber nicht hoffnungslos. Eine Krise, ja – aber keine Katastrophe. Und schon gar nicht das Ende.

Ich hingegen sehe – mit wachsender Sorge – ein ganz anderes Bild: Kein temporäres Tief, sondern einen strukturellen, selbstverschuldeten Niedergang. Einen Verfall, der sich tarnt als Krise. Und gerade deshalb so gefährlich ist.

Trotz – oder gerade wegen – dieser diametral entgegengesetzten Sichtweise veröffentliche ich heute Kelles Text in voller Länge. Nicht, weil ich ihm zustimme. Sondern weil ich hoffe, dass er recht hat. Und weil es genau das ist, was gesunde Debattenkultur ausmacht: Das Aushalten – und Aushaltenkönnen – von Meinungen, die der eigenen widersprechen.

Dass so etwas heute nicht mehr selbstverständlich ist, verdanken wir der rot-grün-woken Diskursverengung, die mit moralischer Erpressung und Kontaktschuld operiert. Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Weg nicht mitgehen. Sondern ein anderes Beispiel setzen.

Klaus Kelle hat das Wort – meine Replik folgt morgen.

Ein Gastbeitrag von Klaus Kelle

Können Sie das Dauergejammer über den Niedergang Deutschlands und seiner Wirtschaft auch nicht mehr hören? Ja, wir stecken in einer Krise. Das wird niemand bestreiten, ich auch nicht.

Deutschland verzeichnete in den vergangenen Jahren kaum Wirtschaftswachstum (ca. 0–0,2 %) und ist im internationalen Vergleich oft das Schlusslicht. Die Energiepreise sind zu hoch – für die privaten Haushalte ebenso wie besonders für die stromintensive Industrie (Chemie, Stahl).

Monatlich verliert die deutsche Industrie 10.000 Arbeitsplätze – besonders bei tragenden Säulen unserer Wirtschaft wie Maschinenbau und der Automobilbranche.

Dazu kommt, dass wir zwar drei Millionen Arbeitslose, aber dennoch dramatischen Mangel an Fachkräften haben, was die Produktivität bremst und Unternehmen hindert, neue Aufträge überhaupt anzunehmen.

Also, schön ist das alles derzeit nicht.

Dennoch ist das, was wir derzeit erleben, nichts anderes als eine Krise. Und solch gab es in den vergangenen 50 Jahren mehr als genug, wenn Sie an die Ölpreiskrise 1973/74, das Platzen der Dotcom-Blase (2001–2003) und die Euro-Staatsschuldenkrise ab 2008 denken.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es damals ein kurzes eruptives Ereignis gab, was dramatisch aussah, aber nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder unter Kontrolle gebracht wurde, übrigens mehrfach durch umsichtiges und entschlossenes Handeln der Politik. Dieses Mal ist das anders. Die Stagnation unserer Wirtschaft ist seit Jahren evident und dauert dieses Mal länger, zu lange, an.