
Die Eliten sind mit dem rasanten Wandel in Deutschland sichtlich überfordert. Vor allem die in Politik und Medien. Da kommt Ferdinand von Schirach gerade recht.
Dieser Herbst ist rau. Große Zeitungen wie die „SZ“ rufen auf ihrer Titelseite verzweifelt nach „Ideen für Deutschland“. Die „FAZ“ orakelt über eine mögliche CDU-Minderheitsregierung: „Ein gefährliches Spiel“. Und die „Welt“ stellt fest: „Deutschland ist zu einem abschreckenden Beispiel geworden. Novemberstimmung allenthalben. Tiefendepression.
Wäre da nicht Ferndinand von Schirach. Ausgerechnet der meist dunkel gewandete Krimiautor und Strafverteidiger bring ein wenig Farbe in den trüben Alltag. Jedenfalls fürs Erste. In den verwahrlosten (sozialen) Medien wird er quasi angebetet, seit er in der ARD bei Carmen Mioska die beiden jüngeren Gäste, den stellvertretenden Chefredakteur Der „Zeit“, Martin Machowecz, und die Grünen-Politikerin Ricarda Lang mit kühlen Sätzen ziemlich alt aussehen ließ.
Eliten taumeln
Lob erhält er aber auch von den Lautsprechern des medialen Einheitsbreies, die den Verfall des Landes über viele Jahre mindestens tolerierten und so ihren eigenen Beitrag dazu leisteten. Sie schwärmen nun von der „intellektuellen Schärfe“ Schirachs, obwohl der nur das gesagt hat, was jeder vernunftbegabte Bürger seit langem denkt. Und biedern sich ihm an, indem sie ihm das Amt des Bundespräsidenten antragen.
Wie das Laub der Bäume taumeln diese selbst ernannten Eliten in den Medien orientierungslos im kalten Wind, der die ihnen lieb gewordenen Gewissheiten, wie die moralische Faustregel, wonach links immer gut und rechts ausschließlich böse ist, durcheinanderwirbelt. Es muss ihnen vorkommen, als hätte nichts, das einmal galt, weiterhin Bestand.
Journalisten unter sich
In den zahllosen „Talks“, in denen Journalisten andere Journalisten interviewen, wärmen sich die Gesprächspartner an der Gewissheit, noch immer einer Meinung zu sein. Und sie verzweifeln gemeinsam an der Vorstellung, dass, außer unter den meist handverlesenen Studiogästen, ihnen draußen immer weniger Menschen zuhören, geschweige denn zustimmen.
Die Menschen machen sich längst ihren eigenen Reim auf die Zustände im Land und darauf, wem sie diese zu verdanken haben. Sie vertrauen den Politikern nicht mehr, weil sie immerzu das eine versprechen und dann doch das andere tun. Nichts anderes hat Ferdinand von Schirach bei Carmen Mioska gesagt. Und er hatte ein paar bedenkenswerte Vorschläge, wie die Politik das verlorene Vertrauen wieder zurückgewinnen könne.
Es braucht den Winter, damit es Frühling werden kann
Seiner Ansicht nach sollte der Bundeskanzler für sieben Jahre gewählt werden und nicht wieder antreten dürfen. Alle Landtagswahlen sollten gleichzeitig stattfinden, um die ewigen Wahlkämpfe zu beenden. Und damit die großen Probleme des Landes, wie etwa Rente, Gesundheit und Pflege gelöst werden, empfiehlt er „Kanzlergesetze“, die der Regierungschef nach verfassungsgerichtlicher Prüfung einmalig ohne Parlament beschließen kann. „Wenn wir uns nicht zusammenreißen und sagen, wir erneuern das System, wird’s nix“, sagt er.
Ob das funktionieren würde? Vielleicht. Niemand kann es wissen. Aber er reißt zumindest die Fenster auf und lässt frischen Wind herein. Den braucht es, um die Köpfe wieder klar zu kriegen, wie des den Herbst braucht und den Winter, damit es wieder Frühling werden kann.