In Kürze:
- Ökonom Prof. Hüther ist für die Erhöhung des Arbeitsvolumens und für die Dynamisierung des Renteneintrittsalters nach Lebenserwartung.
- Kanzleramtsminister Thorsten Frei ist für mehr Leistungsanreize und flexiblere Arbeitszeiten.
- Die Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Dröge, verlangt bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zuwanderung.
- DGB-Chefin Yasmin Fahimi (SPD) ist für eine Arbeitgeberpflicht zu Vollzeitangeboten und gegen politisch motivierte Flexibilisierung der Arbeitsverträge.
Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Michael Hüther hält die aktuelle Debatte um die Erhöhung der Leistungsbereitschaft der Bürger für zu kurz gesprungen. Die Politik stehe vielmehr grundsätzlich vor der Frage, wie sie „mit der alterungsbedingten Schrumpfung unserer Erwerbspersonen“ umgehen solle.
„In dieser Legislatur von 2025 bis 2029 werden 5,1 Millionen Menschen in Rente gehen, aber nur 2 Millionen im Alter von 20 Jahren in den Arbeitsmarkt, in ihre Berufsbiografie, einsteigen“, gab der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln in der ZDF-Fernsehsendung „Maybrit Illner“ am Abend des 5. Februar 2026 zu bedenken. Es bestehe also eine Lücke von 3,1 Millionen Menschen mitsamt ihrer Arbeitskraft.
60 Jahre nach dem „Pillenknick“ müsse sich Deutschland endlich den demografischen Realitäten stellen. So sei die Geburtenrate in den Jahren zwischen 1965 und 1975 „von 2,1 Babys pro gebärfähige Frau auf 1,5 runtergegangen“, betonte Hüther. „Und das ist nun kein schwieriges mathematisches Unterfangen, dass wir 60 Jahre danach ein Problem haben.“ Es müsse darum gehen, „mehr Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen“.
Hüther: Arbeitsvolumen erhöhen, Rentenzugangsalter dynamisieren
Der Rechtsanspruch auf Teilzeit habe zwar mehr Menschen in Arbeit gebracht, sodass es zunächst zu höheren Beschäftigungszahlen und zu einem größeren Arbeitsvolumen gekommen sei, jede Diskussion „über Faulheit oder Lifestyle“ halte er angesichts der Lage aber für „völlig verfehlt“ und „Quatsch“. Es gehe vielmehr um eine „Potenzialgeschichte“ und um die „Chance, etwas gemeinsam zu gestalten“.
Das „Machtphänomen“ habe sich trotz Arbeitskräftemangel und gestiegener Arbeitslosigkeit inzwischen auf die Arbeitnehmerseite verschoben, „weil wir die Knappheit an der Stelle haben“.
Dennoch werde man „über die Erhöhung des Arbeitsvolumens nachdenken“, kündigte Hüther an. „Dazu gehört auch eine Dynamisierung des Rentenzugangsalters nach Lebenserwartung beispielsweise.“
Regierungsvertreter Frei für Leistungsanreize und flexiblere Arbeitszeiten
Die Beschäftigungsquote sei auch wegen der Teilzeit so hoch, räumte Frei im Einklang mit den übrigen Studiogästen ein. Dennoch müsse der Staat die Rahmenbedingungen so gestalten, dass niemand „auf eine Vollzeitbeschäftigung verzichten“ müsse. Er unterstützte den Ansatz Hüthers, nach dem das Gesamtarbeitsvolumen erhöht werden müsse.
Frei versprach, dass die Union dennoch niemanden zu etwas drängen werde, auch nicht zu einer 48-Stunden-Woche. Es gehe vielmehr darum, „dass Arbeit und auch Mehrarbeit sich für die Menschen“ lohnen müsse. Die Bundesregierung setze dafür auf das Prinzip „mehr netto vom Brutto“, auf Leistungsanreize sowie auf eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit – sowohl im Sinne der Unternehmen als auch der Beschäftigten.
Das Thema Zahngesundheit sei aus seiner Sicht im Übrigen „kein entscheidender Punkt“ bei den Gesundheitskosten, zumal diese auch mit Prophylaxe zu tun hätten.
Dröge: Arbeitsbedingungen verbessern, Zuwanderung forcieren, Investitionen voranbringen
Die Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katharina Dröge, verteidigte das Teilzeitrecht, insbesondere als Option für Frauen, am Arbeitsleben teilzunehmen. Es handele sich um eine „absolute Erfolgsgeschichte“. Wenn die CDU nun von „Lifestyle“ spreche, sei das eine „absolute Unverschämtheit für die Lebensrealität von Frauen“, die zu einem großen Teil auch noch Haushalt und Kinder schultern müssten. Die CDU solle sich lieber um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern kümmern, kritisierte die Grüne.
Es gebe aber ein „großes Potenzial“ unter den 60 Prozent jener Menschen, die es trotz Leistungsbereitschaft nicht bis zur Regelaltersgrenze 67 schafften, meinte Dröge. Der Schlüssel, diese Quote zu minimieren, liege nach Auffassung der Grünen in den Arbeitsbedingungen.
Eine weitere Möglichkeit zum Wohlstandserhalt bestehe nach übereinstimmender Aussage „aller Ökonomen“ darin, jedes Jahr zusätzlich 400.000 ausländische Arbeitskräfte ins Land zu holen. Arbeitsverbote für Asylbewerber halte sie für „absurd“.
Dröge kritisierte zudem die Bundesregierung dafür, trotz 500 Milliarden Euro „Sondervermögen“ in puncto Investitionen nicht viel für das Wirtschaftswachstum geschafft zu haben.
DGB-Chefin sieht vorwiegend Arbeitgeber in der Pflicht
Rückendeckung bekam Dröge von der DGB-Vorsitzenden Yasmin Fahimi (SPD). Die verschiedenen Unionsvorschläge pro Mehrarbeit oder Leistungskürzungen nannte sie „schäbig“ und „respektlos“.
Wenn Gewerkschaften „über Arbeitszeitverkürzungen oder Entlastungsschichten“ redeten, gehe es ihnen darum, die Beschäftigten überhaupt bis zur Rente im Job zu halten. Menschen Mehrarbeit anzuraten, die derzeit etwa in der Autoindustrie von Kurzarbeit betroffen seien, halte sie für „zynisch“. Die gesamte Debatte über Mehrbelastungen sei auch dem privaten Konsum nicht zuträglich, so Fahimi.
Es gebe zudem zwar 2,7 Millionen Teilzeitbeschäftigte, die gerne länger arbeiten würden, aber vom Arbeitgeber kein Angebot dazu bekämen. Hier könne man über eine entsprechende Verpflichtung der Arbeitgeber nachdenken, schlug Fahimi vor.
Fahimi verteidigt Arbeitszeitgesetz
Wenn das Arbeitszeitgesetz falle, laufe es darauf hinaus, dass Millionen Beschäftigte so arbeiten müssten, wie der Chef das bestimme. Das Argument der dadurch gesteigerten Flexibilität greife nicht, da es diese Flexibilität wegen der Tarifautonomie ohnehin schon in ausreichendem Maße gebe. Weitere Lockerungen zugunsten der Arbeitgeberseite würden „auf die Gesundheit“ der Beschäftigten gehen, warnte die Gewerkschaftschefin.
Zudem sei es schon jetzt so, dass Vollzeitarbeitnehmer in Deutschland auf eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 40,2 Stunden kämen, also 0,1 Stunden mehr als ihre Schweizer Pendants. Letztere verdienten im Durchschnitt der Kantone allerdings einen Mindestlohn von 25 Euro, gab die DGB-Chefin zu Protokoll.
Unternehmer aus Bäckerhandwerk verweist auf Steuersystem
Der abseits der Runde befragte Bäckermeister Matthias Grenzer wünschte sich, dass die Politik das System in der Weise umgestalten solle, dass jede seiner Mitarbeiterinnen, die zu längeren Arbeitszeiten bereit sei, auch „definitiv mehr netto vom Brutto“ behalten dürfte.
Wegen des damit zuweilen einhergehenden Wechsels der Steuerklasse beziehungsweise wegen der familiären Verhältnisse gebe es aber Arbeitnehmer, bei denen das Gegenteil der Fall sei. „Das wird schon so lange diskutiert“, mahnte der Unternehmer. Es dürfe seiner Ansicht nach auch nicht vorkommen, dass jemand trotz längerer Arbeitszeitfähigkeit nur in Teilzeit arbeite, obendrein aber noch Geld aus den Sozialkassen erhalte.
Ein erster Schritt zur Besserung sei es nach seinem Dafürhalten, wenn alle Bundesländer die gleiche Zahl von Feiertagen hätten. Statt Leistungskürzungen bei den Krankenkassen einzuführen, halte er deren Reduzierung auf nur noch eine einzige – wie in seiner Kindheit – für „schön“.
Ein Gast aus den Reihen der Oppositionsparteien AfD oder Linke war bei Illner nicht eingeladen.