Seit Tagen wird das anstehende Extremwetter in Deutschland angekündigt. Das verleitet schnell zum Meckerreflex über die Bahn. Dabei macht sie es besser als Berlins Bürgermeister Wegner: Sie warnt und kommuniziert


Die Züge fahren. Man darf sie benutzen. Aber gemütlich wird es nicht

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images


Schnee über den Dächern von Berlin. Gerade fragt mich eine Redaktion an, ob ich nicht einen „launigen Text“ darüber schreiben könne, dass die Bahn jetzt schon warnt, man solle ihre Züge besser gar nicht benutzen, also schon wieder gar nichts hinkriegt. Ich bin baff: Ist das jetzt schon die offizielle Lesart? Die Bahn rät vom Bahnfahren ab. Wieder was gelernt.

Tatsächlich sagt die Bahn nämlich etwas vollkommen anderes und schickt mir diese Information auf die App. Sie kündigt an, dass aufgrund der extremen Wetterlage, die angekündigt ist, Einschränkungen im Zugverkehr stattfinden werden, weshalb die Zugbindung aufgehoben ist. Und sie sagt das erstaunlich früh, erstaunlich sortiert und – man möchte fast sagen – erstaunlich erwachsen, im Gegensatz zu dem Tennisspiel in Berlin nach einem terroristischen Anschlag auf das örtliche Stromnetz.

Warnungen werden als persönlicher Affront gewertet

Die Züge fahren. Man darf sie benutzen. Man soll nur nicht so tun, als sei draußen eine romantisch verschneite Winterlandschaft, und gleich käme ein Darjeeling-Tee vom Servicepersonal mit einem leckeren Croissant, während man sich all die lustigen Reels aus Amsterdam, Paris, you name it, anschaut, wo die Leute mehr rutschen und gleiten als gehen – natürlich nur, solange das WLAN im ICE mitspielt.

Offenbar ist genau das inzwischen das Problem: Warnungen der Bahn werden hierzulande gern als persönlicher Affront der Bahn verstanden. Während die Bahn aber hier ganz und gar nicht kopflos kommuniziert, muss in Berlin sogar der Regierende Bürgermeister erst mal den Kopf frei kriegen und eine Stunde Tennis spielen gehen, nachdem er sich drei Stunden in seinem Homeoffice für das Krisenmanagement eingeschlossen hat. Nun, er ist kein Elektriker, natürlich ist man da aufgeregt, sagen die Leute in den Kommentarforen, also warum regt man sich auf.

Physik ist kein Managementproblem

Wenn irgendwo steht „Rechnen Sie mit Einschränkungen“, hören viele „Bleiben Sie zu Hause, wir haben versagt“. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Bahn kündigt an, was passieren kann, nicht was passieren muss. Physik ist kein Managementproblem.

Ab morgen ist also alles gemeldet, was man melden kann: wo es langsamer wird, wo Strecken vorsorglich gesperrt werden, wo Sicherheit wichtiger ist als die Illusion einer endlich verlässlichen Infrastruktur, weil endlich eine gebürtige Südtirolerin (schneeerprobt!) den Laden lenkt, die sich die Schweizer Bahn zum Vorbild nimmt, die bekanntlich wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert.

Wer jetzt Bahn fährt, braucht eine Thermoskanne und warme Socken

Zum Glück ist man also bei der Bahn jetzt nicht eitel; in Berlin soll es laut Medienberichten Gerangel gegeben haben, wer zuerst das Ende der Stromkrise verkünden darf: Spranger, Giffey oder der Regierende Bürgermeister. Währenddessen sind die Berliner Gehwege nur unzulänglich gestreut, weshalb meine Nachbarin, eine Rentnerin also was macht? Zu Hause bleiben.

Das ist die korrekte Ansage: Das kommende Extremwetter ist nicht das kommende Imageproblem der Bahn, weil die hauseigene Krisenkommunikation lustig wäre sondern dem Anlass angemessen. Und es wäre nett, wenn der Faktor Mensch das Chaos nicht zusätzlich verschärfen würde. So sieht es aus: Wer jetzt in den nächsten Tagen Bahn fährt, sollte eine Thermoskanne und Proviant mitnehmen, warme Socken.

Digital Tee trinken und sich über den Schnee freuen

Und außerdem endet Mobilität bekanntlich nicht am Bahnsteig. Nach den Zügen kommen Autos. Menschen holen andere von Bahnhöfen ab, sammeln Gestrandete ein, improvisieren. So funktioniert Gesellschaft bei Sturm (oder massivem Stromausfall). Nicht perfekt, aber erstaunlich zuverlässig – ganz ohne Durchsage.

Mit meiner Mutter habe ich gestern telefoniert. Sie wird 85. Wir dachten eigentlich, dass wir keinen Schnee mehr gemeinsam erleben. Sie kann seit Tagen nicht schlafen bei dem Gedanken, dass wir uns in den Zug setzen und sie sich dann ins Auto setzen muss, wahrscheinlich einige Stunden später als geplant, wenn es schon dunkel ist und Glätte herrscht. Sie hat uns abgeraten zu kommen, sie verschiebt ihre Feier. Gemeinsam freuten wir uns gestern über den Schnee und trinken am Telefon einen Darjeeling-Tee.



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