Wer schön sein will, muss leiden. Das alte Sprichwort erlebt derzeit ein großes Comeback, denn Teile der sogenannten Gen Z nehmen es mit dem Motto ganz genau. Gemeint sind sogenannte Looksmaxxer, also zumeist junge Männer, die durch gezielte Selbstoptimierung ihre Looks maximieren wollen, ihr äußeres Erscheinungsbild perfektionieren. Die dafür verwendeten Techniken reichen von harmlosen Dingen wie Sport oder Kaugummis, die den Kiefer trainieren sollen, bis hin zu radikalen Diäten oder riskanten Eingriffen.

Maskuline Gesichtszüge, Radikaldiäten für Männer: 900.000 interessiert das

Die Idee dahinter ist simpel. Die meisten Looksmaxxer glauben an einen sogenannten Sexual Market Value, also das Prinzip, dass menschliche Attraktivität objektivierbar sei und einen messbaren Wert habe, anhand dessen man Menschen in eine Rangordnung einsortieren könne.

Zu ihnen gehört auch der Streamer und Influencer Braden Peters alias „Clavicular“. Inzwischen zählt allein sein TikTok-Account knapp 900.000 Follower:innen. Dort lädt er Videos hoch, die ihn hauptsächlich in Clubs und/oder neben Frauen posierend zeigen. Die „Jawline“, das Kieferprofil, wird prominent in Szene gesetzt, die braun gelockten Haare sitzen perfekt. Kürzlich feierte der 20-Jährige sein Model-Debüt auf der Pariser Fashion Week.

Dabei ist „Clavicular“ nicht unumstritten. Sein Auftreten polarisiert ebenso wie seine fragwürdigen Praktiken. Schon im Alter von 15 Jahren soll er sich Testosteron illegal im Internet beschafft haben, später folgte nach eigenen Angaben eine Methamphetamin-Diät, um seinen Hunger zu zügeln.

Sein radikalstes Markenzeichen ist jedoch das sogenannte „Bone Smashing“. Hierbei zertrümmert man sich gezielt die eigenen Wangenknochen, mit der Hoffnung, dass diese durch Mikrofrakturen markanter und breiter zusammenwachsen. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür jedoch keine.

Die Trump-Administration übernimmt den Jargon

Der brachiale Körperkult ist kein isoliertes Phänomen. Hinter den perfekt gemeißelten Jawlines brodeln gefährliche Ressentiments. Immer wieder überfluten Rassismusvorwürfe die Community – auch eine Nähe zur MAGA-Bewegung steht immer wieder im Raum. Woran das liegt? Zum einen ist da die Trump-Administration, die den Sprech der Community derzeit gerne für sich nutzt.

So konterte das Heimatschutzministerium die Kritik von Talkshow-Host John Oliver an den problematischen Rekrutierungsmethoden der Behörde schlicht mit der zynischen Bemerkung, man würde „homelandmaxxing“ betreiben. Auch andere Ministerien sind inzwischen auf den Zug aufgesprungen.

Zum anderen ist da diese krude Ideologie. Man fügt sich selbst in eine fiktive Rangordnung ein, nach der physische Attraktivität eng mit dem sozialen Status einhergeht. Dabei spielen auch rassistische Schemata eine entscheidende Rolle. Wie weit diese führen können, zeigte sich bei Influencer Stephen Imeh.

Als dieser versuchte, als erster BIPOC-Looksmaxxer in der Community Fuß zu fassen, folgten Beleidigungen. „Ich glaube, es hat nicht einmal eine Stunde gedauert, bis ich Kommentare bekam wie: Du bist ein Affe, du bist ein N-Wort mit hartem R“, erinnerte er sich im Gespräch mit dem US-Portal Wired im vergangenen September.

Das geschieht nicht ohne Grund. In einschlägigen Foren finden sich zuhauf rassistische und nationalistische Narrative. Nicht selten werden BIPOC-Personen dort sogar „genetische Nachteile“ zugerechnet. Gesperrt werden die Nutzer für derartige Aussagen eher selten. Warum auch? Die Denkweise ist in der Ideologie der Looksmaxxer sowieso tief verankert. Menschen, die in der imaginären Skala unterdurchschnittlich abschneiden, werden im Jargon sogar häufig als „Subhumans“ (Untermenschen) bezeichnet.

Testosteron-Pillen bis zur Unfruchtbarkeit?

Der Trend bedeutet Entmenschlichung. Pseudowissenschaftliche Messwerte ersetzen Individualität und Charakter. Einer von ihnen ist der sogenannte „Midface-Ratio“, also der Abstand von den Augenbrauen bis zur Unterseite der Nase. Auch die richtigen Augen und das richtige Kinn werden innerhalb der Community streng vorgegeben. Nichts wird dem Zufall überlassen. Wäre da nur nicht diese lästige Genetik. Aber was machen schon ein paar „schlechte“ Gene aus, wenn man mit Hammer und ordentlich Testo nachhelfen kann.

Clavicular hat seinen selbstverordneten Testosteron-Boost im Übrigen gar nicht gut vertragen: Im Interview mit der New York Times verriet der kontroverse Influencer, er glaube, er sei „derzeit unfruchtbar“. Dies hänge angeblich mit einer Testosteronersatztherapie zusammen, der er sich derzeit unterzieht. Verwunderlich wäre das kaum. Schon seit den 1950er Jahren belegen Studien, dass eine unbeaufsichtigte Einnahme von Testosteron und anderen Androgenen unfruchtbar machen kann.

Männliche Härte und maskulinistische Opfernarrative

Das Phänomen des Looksmaxxings ist indes schon längst in den gesellschaftlichen Diskurs vorgedrungen. Das ruft auch Politolog:innen auf den Plan, die die Dynamiken innerhalb der Community tiefergehend analysieren. Das Ergebnis: Das Looksmaxxing ist eng mit anderen misogynen Subkulturen verwoben. Zu ihnen gehören auch die sogenannten „Incels“, also junge, heterosexuelle Männer, denen unfreiwillig eine sexuelle Beziehung zu Frauen fehlt. Schuld daran wäre, so die Incel-Community, der moderne Feminismus.

Lange suchen muss man nach den Gemeinsamkeiten der beiden Milieus nicht. Beide glauben an die sogenannte „Blackpill“-Theorie. Diese entspricht ziemlich genau dem Grund-Credo der Looksmaxxer: Objektive, physische Attraktivität bestimmt über den Platz in einer sexuellen Hierarchie. Hinzu kommt ein starkes Opfernarrativ männlicher Benachteiligung. „Die angebliche Unterdrückung von Männern und ihrer Männlichkeit wird dabei zum Ausgangspunkt für die Entwicklung tief misogynen und gewalttätigen Gedankenguts“, erklärt eine Pilotstudie zum Thema vom vergangenen Mai.

Unter Brüdern: Partymachen mit Rechtsradikalen

Auch Clavicular verlässt regelmäßig die Looksmaxxing-Bubble, um sich mit anderen Wannabe-Alphas aus der Incel-Szene ablichten zu lassen. Die bekanntesten von ihnen: Andrew Tate und dessen Bruder Tristan. Die beiden sind in mehreren Ländern wegen unterschiedlicher Straftaten wie Vergewaltigung und Menschenhandel angeklagt. In Rumänien saßen sie deshalb 2023 bereits zeitweise in Untersuchungshaft und waren anschließend unter Hausarrest. Auch deshalb passen sie gut ins ideologische Bild der Looksmaxxer. Andrew Tate teilt regelmäßig per Social-Media seine ungehemmte Misogynie. Im Oktober 2017 etwa schrieb Tate auf Twitter, Frauen hätten „eine gewisse Mitverantwortung“, wenn sie vergewaltigt würden.

Einige Leute mögen solche Weltbilder sicherlich abschrecken. Clavicular ist jedoch keiner davon. Erst vor etwa acht Wochen ging ein Video viral, das den bekannten Looksmaxxer mit den beiden Tate-Brüdern in einem Club in Miami zeigte. Mit im Gepäck: der White-Supremacy-Aktivist Nick Fuentes. Im Laufe des Abends schaffte die Truppe es, den DJ dazu zu überzeugen, den Song „Heil Hitler“ von Rapper Kanye West zu spielen. Es folgten verstörende Szenen, in denen auch mehrere Hitlergrüße gezeigt wurden.

Einen wirklichen Rufschaden zog aber nicht einmal das für die Beteiligten nach sich. Clavicular streamt noch immer fleißig, noch immer erfährt die Community gerade durch junge Personen großen Zuwachs. All jene, die sich für die Ideen begeistern lassen, drohen derweil in einen Teufelskreis gezogen zu werden. Je mehr sich diese Menschen über Kieferwinkel, Midface-Ratio und ihren Körperfettanteil definieren, desto größer wird die Distanz zur Realität und zu gesunden romantischen Beziehungen. Im Endeffekt kann man nur verlieren.

traktivität objektivierbar sei und einen messbaren Wert habe, anhand dessen man Menschen in eine Rangordnung einsortieren könne.Zu ihnen gehört auch der Streamer und Influencer Braden Peters alias „Clavicular“. Inzwischen zählt allein sein TikTok-Account knapp 900.000 Follower:innen. Dort lädt er Videos hoch, die ihn hauptsächlich in Clubs und/oder neben Frauen posierend zeigen. Die „Jawline“, das Kieferprofil, wird prominent in Szene gesetzt, die braun gelockten Haare sitzen perfekt. Kürzlich feierte der 20-Jährige sein Model-Debüt auf der Pariser Fashion Week.Dabei ist „Clavicular“ nicht unumstritten. Sein Auftreten polarisiert ebenso wie seine fragwürdigen Praktiken. Schon im Alter von 15 Jahren soll er sich Testosteron illegal im Internet beschafft haben, später folgte nach eigenen Angaben eine Methamphetamin-Diät, um seinen Hunger zu zügeln.Sein radikalstes Markenzeichen ist jedoch das sogenannte „Bone Smashing“. Hierbei zertrümmert man sich gezielt die eigenen Wangenknochen, mit der Hoffnung, dass diese durch Mikrofrakturen markanter und breiter zusammenwachsen. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür jedoch keine.Die Trump-Administration übernimmt den Jargon Der brachiale Körperkult ist kein isoliertes Phänomen. Hinter den perfekt gemeißelten Jawlines brodeln gefährliche Ressentiments. Immer wieder überfluten Rassismusvorwürfe die Community – auch eine Nähe zur MAGA-Bewegung steht immer wieder im Raum. Woran das liegt? Zum einen ist da die Trump-Administration, die den Sprech der Community derzeit gerne für sich nutzt.So konterte das Heimatschutzministerium die Kritik von Talkshow-Host John Oliver an den problematischen Rekrutierungsmethoden der Behörde schlicht mit der zynischen Bemerkung, man würde „homelandmaxxing“ betreiben. Auch andere Ministerien sind inzwischen auf den Zug aufgesprungen.Zum anderen ist da diese krude Ideologie. Man fügt sich selbst in eine fiktive Rangordnung ein, nach der physische Attraktivität eng mit dem sozialen Status einhergeht. Dabei spielen auch rassistische Schemata eine entscheidende Rolle. Wie weit diese führen können, zeigte sich bei Influencer Stephen Imeh.Als dieser versuchte, als erster BIPOC-Looksmaxxer in der Community Fuß zu fassen, folgten Beleidigungen. „Ich glaube, es hat nicht einmal eine Stunde gedauert, bis ich Kommentare bekam wie: Du bist ein Affe, du bist ein N-Wort mit hartem R“, erinnerte er sich im Gespräch mit dem US-Portal Wired im vergangenen September.Das geschieht nicht ohne Grund. In einschlägigen Foren finden sich zuhauf rassistische und nationalistische Narrative. Nicht selten werden BIPOC-Personen dort sogar „genetische Nachteile“ zugerechnet. Gesperrt werden die Nutzer für derartige Aussagen eher selten. Warum auch? Die Denkweise ist in der Ideologie der Looksmaxxer sowieso tief verankert. Menschen, die in der imaginären Skala unterdurchschnittlich abschneiden, werden im Jargon sogar häufig als „Subhumans“ (Untermenschen) bezeichnet.Testosteron-Pillen bis zur Unfruchtbarkeit?Der Trend bedeutet Entmenschlichung. Pseudowissenschaftliche Messwerte ersetzen Individualität und Charakter. Einer von ihnen ist der sogenannte „Midface-Ratio“, also der Abstand von den Augenbrauen bis zur Unterseite der Nase. Auch die richtigen Augen und das richtige Kinn werden innerhalb der Community streng vorgegeben. Nichts wird dem Zufall überlassen. Wäre da nur nicht diese lästige Genetik. Aber was machen schon ein paar „schlechte“ Gene aus, wenn man mit Hammer und ordentlich Testo nachhelfen kann.Clavicular hat seinen selbstverordneten Testosteron-Boost im Übrigen gar nicht gut vertragen: Im Interview mit der New York Times verriet der kontroverse Influencer, er glaube, er sei „derzeit unfruchtbar“. Dies hänge angeblich mit einer Testosteronersatztherapie zusammen, der er sich derzeit unterzieht. Verwunderlich wäre das kaum. Schon seit den 1950er Jahren belegen Studien, dass eine unbeaufsichtigte Einnahme von Testosteron und anderen Androgenen unfruchtbar machen kann.Männliche Härte und maskulinistische Opfernarrative Das Phänomen des Looksmaxxings ist indes schon längst in den gesellschaftlichen Diskurs vorgedrungen. Das ruft auch Politolog:innen auf den Plan, die die Dynamiken innerhalb der Community tiefergehend analysieren. Das Ergebnis: Das Looksmaxxing ist eng mit anderen misogynen Subkulturen verwoben. Zu ihnen gehören auch die sogenannten „Incels“, also junge, heterosexuelle Männer, denen unfreiwillig eine sexuelle Beziehung zu Frauen fehlt. Schuld daran wäre, so die Incel-Community, der moderne Feminismus.Lange suchen muss man nach den Gemeinsamkeiten der beiden Milieus nicht. Beide glauben an die sogenannte „Blackpill“-Theorie. Diese entspricht ziemlich genau dem Grund-Credo der Looksmaxxer: Objektive, physische Attraktivität bestimmt über den Platz in einer sexuellen Hierarchie. Hinzu kommt ein starkes Opfernarrativ männlicher Benachteiligung. „Die angebliche Unterdrückung von Männern und ihrer Männlichkeit wird dabei zum Ausgangspunkt für die Entwicklung tief misogynen und gewalttätigen Gedankenguts“, erklärt eine Pilotstudie zum Thema vom vergangenen Mai.Unter Brüdern: Partymachen mit RechtsradikalenAuch Clavicular verlässt regelmäßig die Looksmaxxing-Bubble, um sich mit anderen Wannabe-Alphas aus der Incel-Szene ablichten zu lassen. Die bekanntesten von ihnen: Andrew Tate und dessen Bruder Tristan. Die beiden sind in mehreren Ländern wegen unterschiedlicher Straftaten wie Vergewaltigung und Menschenhandel angeklagt. In Rumänien saßen sie deshalb 2023 bereits zeitweise in Untersuchungshaft und waren anschließend unter Hausarrest. Auch deshalb passen sie gut ins ideologische Bild der Looksmaxxer. Andrew Tate teilt regelmäßig per Social-Media seine ungehemmte Misogynie. Im Oktober 2017 etwa schrieb Tate auf Twitter, Frauen hätten „eine gewisse Mitverantwortung“, wenn sie vergewaltigt würden.Einige Leute mögen solche Weltbilder sicherlich abschrecken. Clavicular ist jedoch keiner davon. Erst vor etwa acht Wochen ging ein Video viral, das den bekannten Looksmaxxer mit den beiden Tate-Brüdern in einem Club in Miami zeigte. Mit im Gepäck: der White-Supremacy-Aktivist Nick Fuentes. Im Laufe des Abends schaffte die Truppe es, den DJ dazu zu überzeugen, den Song „Heil Hitler“ von Rapper Kanye West zu spielen. Es folgten verstörende Szenen, in denen auch mehrere Hitlergrüße gezeigt wurden.Einen wirklichen Rufschaden zog aber nicht einmal das für die Beteiligten nach sich. Clavicular streamt noch immer fleißig, noch immer erfährt die Community gerade durch junge Personen großen Zuwachs. All jene, die sich für die Ideen begeistern lassen, drohen derweil in einen Teufelskreis gezogen zu werden. Je mehr sich diese Menschen über Kieferwinkel, Midface-Ratio und ihren Körperfettanteil definieren, desto größer wird die Distanz zur Realität und zu gesunden romantischen Beziehungen. Im Endeffekt kann man nur verlieren.



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