Die Selbstverwaltung in Rojava gilt als Alternative zu Ethnonationalismus und Nationalstaat. Seit dieser Woche ist sie Ziel massiver Angriffe. Ein Gespräch mit der deutsch-kurdischen Schriftstellerin Şeyda Kurt über eine Utopie in Gefahr
Die Schriftstellerin und Autorin von „Radikale Zärtlichkeit“ und „Hass“ Şeyda Kurt
Foto: Tansu Kayaalp & Ronak Jundi
Die Armee der syrischen Regierung hat die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten des Landes umzingelt. Am Wochenende soll ein fragiler Waffenstillstand auslaufen – wie es dann weitergeht, ist unklar.
Die Bedingungen sind schlecht: Es gibt viele Regierungen, die kein Interesse an Frieden zwischen den Völkern in Syrien haben, sagt die Schriftstellerin und Aktivistin Şeyda Kurt. Ein Gespräch über Fehler der Selbstverwaltung, die Rolle Israels und der Türkei und die Doppelmoral der „feministischen Außenpolitik“ angesichts der Angriffe auf Rojava.
der Freitag: Frau Kurt, Sie haben verschiedene Kontakte nach Syrien und beschäftigen sich viel mit der Region. Wie haben Sie die vergangenen Tage persönlich erlebt?
Şeyda Kurt: Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Tagen überschlagen. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich aus einer Schockstarre herauszukämpfen. Auch die Proteste in Köln, wo ich gerade lebe, waren am Anfang relativ unkoordiniert. Privatpersonen haben Demonstrationen angemeldet, es war ein Flickenteppich an Aktionen. Mich bedrückt auch, was der Angriff im persönlichen Umfeld auslöst: arabisch-syrische Freund*innen etwa, die auf Instagram Storys teilen, in denen sie das Vorgehen der syrischen Übergangsregierung verteidigen. Oder ein Teil meiner türkischen Familienseite, der gerade gleichklingende Staatspropaganda ins Internet schleudert. Ich habe einige belastende Gespräche führen müssen.
Sie waren erst selbst vor Kurzem in der Grenzregion. Woran denkt man da?
Erst im September habe ich kurdische Städte entlang der türkisch-irakischen Grenze besucht. Ich denke an die gute Stimmung von damals, wie zuversichtlich und hoffnungsvoll die Menschen dort auf den aktuellen Friedensprozess in der Türkei mit den Kurd*innen geblickt haben – der jetzt natürlich auch ins Stocken geraten ist. Und natürlich denke ich an Freund*innen in Rojava, obwohl sie am ehesten diejenigen sind, die sagen: „Gut, damit haben wir gerechnet. Wir sind seit Jahren im Krieg und wir werden jetzt weiterkämpfen.“
Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 war die Erleichterung erst mal groß. Auch in unserer Berichterstattung. Haben Sie noch Hoffnung, dass es Frieden mit der syrischen Übergangsregierung geben könnte?
Natürlich freute auch ich mich damals. Ich schrieb einem syrischen Freund unter Tränen eine Nachricht und meinte: „Mabrouk, Habibi, herzlichen Glückwunsch!“ Aber ich weiß noch, dass ich schon im nächsten Moment nur noch blanke Panik spürte. Ich habe mich vor Angst fast übergeben.
Warum?
Ich habe wie viele kommen sehen, dass mit den neuen syrischen Machthabern besonders für die Minderheiten im Land kein Frieden einkehrt – sondern ganz im Gegenteil: noch mehr Gewalt. Einerseits, weil damals schon bekannt war, dass der Übergangspräsident Al-Scharah oder Al-Jolani ein ehemaliges Mitglied der Al-Nusra Front ist, die offiziell mit Al-Qaeda verbunden war und auch Beziehungen zum IS pflegte. Also genau jenen, die in Syrien für den Genozid an den Ezid*innen und die Versklavungen und Massaker verantwortlich waren.
Andererseits, weil er für seine Übergangsregierung direkt Menschen wählte, die nachweislich an Kriegsverbrechen beteiligt waren und zum Teil sogar von der EU deswegen sanktioniert wurden. Die Befürchtungen haben sich sehr schnell bestätigt. Es gab schon drei Monate nach dem Sturz Assads die Massaker an den Alawit*innen. An diesen Verbrechen waren Einheiten beteiligt, die der Übergangsregierung zugerechnet werden.
Al-Scharah ist ehemaliges Mitglied der Al-Nusra Front, die offiziell mit Al-Qaeda verbunden war und Beziehungen zum IS pflegte. Also genau jenen, die in Syrien für den Genozid an den Ezid*innen verantwortlich waren.
Wie könnte es für die Kurd*innen in Syrien überhaupt Frieden geben?
Es wird keinen Frieden geben, solange die syrische Übergangsregierung wie in den vergangenen Tagen die vollständige Kapitulation der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien fordert. Die Verhandlungen sind gescheitert, weil es diese Kapitulation nie geben wird. Weil die Menschen dort niemals aufgeben werden, was sie sich in mehr als einem Jahrzehnt unter enormen Opfern aufgebaut haben.
Es wird keinen Frieden geben, solange die syrische Übergangsregierung wie in den vergangenen Tagen die vollständige Kapitulation der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien fordert.
Was ist es, das für die Menschen vor Ort so verteidigenswert ist?
Dazu gehören basisdemokratische Strukturen, Frauenbefreiung als politisches Prinzip, lokale Selbstverwaltung, relative Sicherheit für religiöse und ethnische Minderheiten. Und der Versuch einer solidarischen, nicht-kapitalistischen Gesellschaft mitten im Krieg. Die syrische Übergangsregierung hat bisher den Kurd*innen gegenüber, wenn überhaupt, nur symbolische Geschenke geboten.
Zum Beispiel?
Beispielsweise die Anerkennung von Kurdisch als offizielle Sprache, die auch in Schulen gelehrt werden soll. Damit wollte die Übergangsregierung ihren guten Willen demonstrieren. Aber kulturelle Anerkennung ist keine Garantie für Sicherheit oder politische Gleichstellung. Das betrifft ebenso die Staatsbürgerschaft, die vielen Kurd*innen unter dem Assad-Regime entzogen wurde, und die nun zurückerlangt werden soll. Doch für viele Kurdinnen wirkt es wie ein Schritt auf Vorbehalt. Sie wissen genau, dass ihnen Rechte jederzeit wieder entzogen werden können, sobald es den Machthabenden opportun erscheint.
Seit März 2025 bestand eigentlich ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Damaskus und der kurdischen Selbstverwaltung. Warum finden die Angriffe auf die kurdische Selbstverwaltung jetzt statt?
Für alle, die dort leben oder die Region seit Jahren beobachten, kommt das überhaupt nicht überraschend. 2018 gab es schon die türkische Militäroffensive auf Afrin, einen kurdischen Kanton, der seitdem unter der Kontrolle türkeitreuer Milizen steht. Danach gab es immer wieder Drohnenangriffe der Türkei auf andere Gebiete der Selbstverwaltung. Das heißt, spätestens seit 2018 hat man damit gerechnet, dass es zu weiteren großen Offensiven kommen wird. Warum gerade jetzt? Wir haben gerade zwei Machtzentren im Mittleren Osten, die auf die Übergangsregierung in Syrien einwirken: die Türkei und Israel.
Die einen träumen von der Großtürkei, die anderen träumen von Großisrael – und beide imperiale Mächte haben kein Interesse daran, dass mit Rojava ein Projekt des „Demokratischen Konföderalismus“ überlebt. Also eine Alternative zu Ethnonationalismus und Nationalstaat, in dem lokal organisierte Räte und Kommunen Entscheidungen von unten nach oben treffen. Dazu kommt, dass Rojava ein globaler Bezugspunkt und ein Sammelbecken für viele linke, antikoloniale, antiimperialistische Kräfte weltweit ist.
Die einen träumen von der Großtürkei, die anderen träumen von Großisrael – und beide imperiale Mächte haben kein Interesse daran, dass mit Rojava eine Alternative zu Ethnonationalismus und Nationalstaat überlebt.
Welche Rolle spielt der Besuch der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Anfang Januar in Damaskus?
Wie wir wissen, ist von der Leyen vor einigen Tagen mit 620 Millionen Euro Aufbauhilfe im Koffer bei der syrischen Übergangsregierung aufgetaucht. Natürlich hat sie kein Wort zu den Angriffen auf die kurdischen Viertel in Aleppo verloren, die damals bereits im Gange waren. Das heißt: Die Zentralregierung in Syrien kann sich darauf verlassen, dass sie tun und lassen kann, was sie will, und es von europäischen Verbündeten kein Wort der öffentlichen Kritik geben wird.
Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass Syrien nun beim wirtschaftlichen Aufbau Ergebnisse liefern muss. Das wird von europäischer und US-amerikanischer Seite erwartet. Dieser wirtschaftliche Aufschwung in Syrien ist jedoch sehr stark abhängig von Erdöl- und Erdgasreserven, aber auch von Weizen- und Baumwollfeldern, die sich vor allem im Nordosten unter der Kontrolle der kurdischen Selbstverwaltung befanden.
In Städten wie Raqqa oder Tabqa ist die kurdische Bevölkerung in der Minderheit und die arabisch-sunnitische in der Mehrheit. Berichten zufolge kam es dort zu Tötungen und Inhaftierungen von Dissidenten durch die SDF. Hat die kurdische Selbstverwaltung es versäumt, die arabisch-sunnitische Bevölkerung genügend zu integrieren?
Jein. Die Selbstverwaltung hat mit lokalen Räten ganz bewusst auf die Integration aller ethnischen und religiösen Gruppen gesetzt. Nicht nur der Araber*innen, sondern auch der Assyrer*innen, Armenier*innen, Turkmen*innen. Ich habe für die Recherche meines zweiten Buchs selbst mit arabischen Frauen gesprochen, die die Revolution und ihre Werte selbstbewusst verteidigt haben. Fakt ist: Es gab in den letzten Jahren Verteilungskämpfe um das knappe Wasser und den Strom in der Region, auch absichtlich herbeigeführt durch die Besetzung des Staudamms durch die Türkei. Aber natürlich ist die Selbstverwaltung nicht frei von Fehlern – wie jedes politische Projekt in Entwicklung. Es gibt einige schwerwiegende Vorwürfe aus arabischer Perspektive an die SDF: Erstens, dass sie Kinder zwangsrekrutiert, Menschen verschleppt und gar wahllose ermordet haben soll. Und zweitens, dass sich in den arabisch dominierten Gebieten der Selbstverwaltung eine neue kurdische Dominanz etabliert habe, unter der sich die Araber*innen als besetzt wahrgenommen haben.
Werde diese Fehler innerhalb der kurdischen Bewegung thematisiert?
Wie ich das mitbekomme, durchaus. Kritik und Selbstkritik sind zentrale Grundpfeiler der kurdischen Befreiungsideologie. Vor allem aber ist es mir wichtig, zu betonen, dass wir Rojava nicht verteidigen, weil es ein moralisch makelloses Projekt ist. Ich halte nichts für diesen Moralismus, weil in einem derart brutalen, jahrzehntelangen Gewaltkreislauf im Mittleren Osten machen sich alle Kriegsparteien schuldig. Wenn wir Rojava verteidigen, fordern wir keine ethnische oder kulturelle Dominanz der Kurd*innen – sondern ihr Recht auf ein Leben ohne Repressionen, Vertreibung und genozidale Gewalt. Es geht darum, das größte progressive Projekt im Mittleren Ostenzu verteidigen. Das ist eine politische Verantwortung aller Linken.
Im Spiegel wurde die kurdische Selbstverwaltung aus dezidiert arabischer Perspektive kritisiert – ein neuer Spin im medialen Diskurs über Rojava?
Es gibt im Moment von kurdischer Seite Aufrufe, Kanäle wie Al-Jazeera zu boykottieren, weil sie ausdrücklich die Perspektive der syrischen Übergangsregierung übernehmen. Viele Menschen, die solidarisch mit Palästina waren und sich über den Genozid in Gaza informieren wollten, haben in den letzten Jahren dort die Nachrichten verfolgt und in Bezug auf Kurd*innen leider eine einseitige, stark verzerrte Darstellung erhalten. Wenn wir über den Mittleren Osten sprechen, müssen wir natürlich über arabischen Nationalismus sprechen, der schon immer sehr stark homogenisierend und ausschließend war wie jede Art von hegemonialem Nationalismus. Ich glaube auch, dass dieser arabisch-sunnitische Nationalismus durch das Leid und den Genozid in Palästina an Dynamik gewonnen hat. Diese aufgestaute Wut und Hass und Radikalisierung entlädt sich nun verstärkt gegen Kurd*innen und Minderheiten.
Viele Menschen, die solidarisch mit Palästina waren und sich über den Genozid in Gaza informieren wollten, haben in den letzten Jahren auf Al-Jazeera die Nachrichten verfolgt und in Bezug auf Kurd*innen leider eine einseitige, stark verzerrte Darstellung erhalten.
Momentan übernehmen die in Syrien stationierten US-Truppen nichts, um den Vormarsch von Al-Scharaas Armee zu stoppen. Hat sich die kurdische Bewegung zu sehr darauf verlassen, vom Westen als Kämpfer gegen den IS langfristig unterstützt zu werden?
Ein bestimmtes Narrativ bringt mich auf die Palme: Kurd*innen hätten Schutz verdient, weil sie die Drecksarbeit des Westens im Kampf gegen den IS erledigt haben. Ich denke, die Völker Nord- und Ostsyriens haben auch ohne ihre Nützlichkeit für westliche Sicherheit oder Wohlstand ein Recht auf Existenz und Selbstbestimmung. Letztlich sind die USA NATO-Verbündete der Türkei und auch Verbündete Israels. Die Zusammenarbeit zwischen den USA und der SDF war taktischer Natur, um Minderheiten in der Region, wie Ezid*innen oder Christ*innen vor weiteren Massakern und Genozid zu schützen. Und natürlich ging es damals auch darum, die Gunst der Stunde zu nutzen, einen Freiraum zu schaffen, in dem man sich selbst organisieren kann.
Vor drei Jahren rief die deutsche Politik noch während der Proteste in Iran den Slogan der kurdischen Bewegung „Jin Jiyan Azadî“ („Frau Leben Freiheit“). Heute ist von dieser „feministischen Außenpolitik“ wenig übrig. Stört es sie, wenn diese performativen Akte der Solidarität nun ausbleiben?
Die Slogans damals waren symbolische Rhetorik, eine Farce. Die meisten Politiker*innen, die damals „Jin, Jiyan, Azadî“ gerufen haben, waren sich sicherlich nicht darüber im Klaren, welche Herkunft dieser Slogan hat. Dass er für einen radikal antikolonialen und systemischen Kampf gegen Patriarchat und autoritäre Gewalt steht und die kapitalistische Moderne infrage stellt. Und das hat die deutsche Außenpolitik selbstverständlich nie unterstützt, ganz im Gegenteil. Wenn wir etwa über die damalige Außenministerin Annalena Baerbock sprechen: Sie hat auch diesen Slogan für sich beansprucht und zugleich einer Regierung angehört, die Waffen an Saudi-Arabien geliefert hat, genauso wie an die Türkei. Die Türkei ist das Land, das die kurdische Frauenbewegung, die den Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ erfunden hat, militärisch bekämpft. Die gegenwärtige Außenpolitik ist also kein Bruch, sondern Kontinuität. Der Unterschied liegt darin, dass der moralische Schleier gefallen ist. Und ich freue mich eigentlich immer darüber, weil man so umso besser weiß, woran man ist.
Welche Rolle spielt das zwischen Merz und Al-Scharaa geplante Abkommen, das Abschiebungen nach Syrien ermöglichen soll?
Es ist wichtig, uns bewusst zu werden, dass wir in „the belly of the beast“ (Magen des Biests, Anm. d. Red.) leben und eine Bundesregierung haben, die die Massaker und die Zerstörung von Rojava und Nordostsyrien unterstützt. Und das aus eigenen Interessen, weil sie zum Beispiel geflüchtete Menschen nach Syrien zurückschicken will. Aus denselben Gründen hatten sie auch 2016 den Flüchtlingsdeal mit der Türkei vereinbart und gleichzeitig die Türkei aufgerüstet. Die Selbstverwaltung appellierte übrigens schon seit Jahren an die EU und die Bundesregierung, dass IS-Gefangene mit etwa deutscher Staatsangehörigkeit zurückgeholt werden. Und jetzt gibt es gerade in diesen Tagen Ausbrüche und Befreiungen durch Truppen der Übergangsregierung aus diesen Camps.
Es ist wichtig, uns bewusst zu werden, dass wir eine Bundesregierung haben, die die Massaker und die Zerstörung von Rojava und Nordostsyrien unterstützt. Und das aus eigenen Interessen, weil sie zum Beispiel geflüchtete Menschen nach Syrien zurückschicken will.
Was kann in Deutschland getan werden, um die Menschen vor Ort zu unterstützen?
Die kurdische Diaspora und ihre internationalistischen Unterstützer*innen sind schon unheimlich gut organisiert. Die wissen genau, was zu tun ist, und das lässt sich auf unterschiedliche Weise unterstützen: Durch Spenden an den kurdischen Roten Halbmond „Heyva Sor“ etwa, durch Teilnahme an den täglichen Demonstrationen, die in vielen deutschen Städten stattfinden oder durch direkte Solidaritätsaktionen. Am Freitag startet die „People Caravan“ nach Rojava, der sich Aktivist*innen aus vielen Ländern angeschlossen haben. Sie wollen Rojava auf dem Landweg erreichen und so Aufmerksamkeit schaffen, ähnlich wie die „Flotillas“, die auf dem Seeweg Gaza erreichen wollen. Gerade für Linke und Progressive ist es jetzt wichtig, nicht den falschen Frontenbildungen der herrschenden Mächte im Mittleren Osten zu verfallen, die uns weismachen wollen, dass die Befreiung der einen ohne die Befreiung anderer kolonialisierter und unterdrückter Völker möglich wäre. Wir müssen auch in Deutschland in Zeiten des Rechtsrucks solche Bastionen wie Rojava verteidigen – als praktisches Beispiel für Selbstverwaltung und emanzipatorische Politik. Und als die Möglichkeit, dass Widerstand gegen Unterdrückung nicht nur Theorie, sondern gelebte Praxis sein kann.
Es kursieren gerade Videos, in denen IS-Kämpfer aus Gefängnissen ausbrechen, IS-Sympathisanten die Statue einer YPJ-Kämpferin zum Einsturz bringen. Auch Videos, in denen ehemalige SDF-Kämpfer enthauptet werden. Wie gehen Sie mit dieser Bilderflut um?
Ich gehe offline. Das ist auch zwischendurch wichtig, um Abstand zu gewinnen und sich nicht von der Bilderflut überwältigen zu lassen. Wenn man solche Bilder sieht, kommt außerdem die Trauer darüber, dass ein Projekt wie Rojava, das für viele Linke und Progressive seit Jahren ein Ankerpunkt und Hoffnungsschimmer ist, zerstört werden könnte. Vor unser aller Augen, im Livestream. Was ich aber als sehr positiv empfunden habe, und davon hat man sehr viel gesehen, ist die Einigkeit zwischen progressiven Kräften, Kurd*innen und anderen Völkern, die über alle Grenzen hinweg gerade stattfindet. Ich habe Videos von armenischen Gruppen gesehen, die öffentlich bekannt geben, sich der Verteidigung Nord- und Ostsyriens anzuschließen. Es gibt Videos, in denen kurdische Menschen auf der türkischen Grenzseite Zäune niederreißen, um sich den Verteidigungseinheiten anzuschließen. Und dasselbe auch auf irakischer Seite. Kurd*innen im Iran sind davon überzeugt, dass das islamische Regime dort vor dem Zusammenbruch steht. Für sehr viele, ist es ein sehr historischer Moment, und das sieht man in den Bildern. Diese sehr schnelle und kollektive Mobilisierung, die auch über Social Media in Gang gesetzt werden kann, gibt mir viel Hoffnung und das Gefühl, dass trotz allem eine gemeinsame Verantwortung und gemeinsamer Widerstand existieren.
;nlich erlebt?Şeyda Kurt: Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Tagen überschlagen. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich aus einer Schockstarre herauszukämpfen. Auch die Proteste in Köln, wo ich gerade lebe, waren am Anfang relativ unkoordiniert. Privatpersonen haben Demonstrationen angemeldet, es war ein Flickenteppich an Aktionen. Mich bedrückt auch, was der Angriff im persönlichen Umfeld auslöst: arabisch-syrische Freund*innen etwa, die auf Instagram Storys teilen, in denen sie das Vorgehen der syrischen Übergangsregierung verteidigen. Oder ein Teil meiner türkischen Familienseite, der gerade gleichklingende Staatspropaganda ins Internet schleudert. Ich habe einige belastende Gespräche führen müssen. Sie waren erst selbst vor Kurzem in der Grenzregion. Woran denkt man da?Erst im September habe ich kurdische Städte entlang der türkisch-irakischen Grenze besucht. Ich denke an die gute Stimmung von damals, wie zuversichtlich und hoffnungsvoll die Menschen dort auf den aktuellen Friedensprozess in der Türkei mit den Kurd*innen geblickt haben – der jetzt natürlich auch ins Stocken geraten ist. Und natürlich denke ich an Freund*innen in Rojava, obwohl sie am ehesten diejenigen sind, die sagen: „Gut, damit haben wir gerechnet. Wir sind seit Jahren im Krieg und wir werden jetzt weiterkämpfen.“Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 war die Erleichterung erst mal groß. Auch in unserer Berichterstattung. Haben Sie noch Hoffnung, dass es Frieden mit der syrischen Übergangsregierung geben könnte?Natürlich freute auch ich mich damals. Ich schrieb einem syrischen Freund unter Tränen eine Nachricht und meinte: „Mabrouk, Habibi, herzlichen Glückwunsch!“ Aber ich weiß noch, dass ich schon im nächsten Moment nur noch blanke Panik spürte. Ich habe mich vor Angst fast übergeben.Warum?Ich habe wie viele kommen sehen, dass mit den neuen syrischen Machthabern besonders für die Minderheiten im Land kein Frieden einkehrt – sondern ganz im Gegenteil: noch mehr Gewalt. Einerseits, weil damals schon bekannt war, dass der Übergangspräsident Al-Scharah oder Al-Jolani ein ehemaliges Mitglied der Al-Nusra Front ist, die offiziell mit Al-Qaeda verbunden war und auch Beziehungen zum IS pflegte. Also genau jenen, die in Syrien für den Genozid an den Ezid*innen und die Versklavungen und Massaker verantwortlich waren.Andererseits, weil er für seine Übergangsregierung direkt Menschen wählte, die nachweislich an Kriegsverbrechen beteiligt waren und zum Teil sogar von der EU deswegen sanktioniert wurden. Die Befürchtungen haben sich sehr schnell bestätigt. Es gab schon drei Monate nach dem Sturz Assads die Massaker an den Alawit*innen. An diesen Verbrechen waren Einheiten beteiligt, die der Übergangsregierung zugerechnet werden. Al-Scharah ist ehemaliges Mitglied der Al-Nusra Front, die offiziell mit Al-Qaeda verbunden war und Beziehungen zum IS pflegte. Also genau jenen, die in Syrien für den Genozid an den Ezid*innen verantwortlich waren.Wie könnte es für die Kurd*innen in Syrien überhaupt Frieden geben?Es wird keinen Frieden geben, solange die syrische Übergangsregierung wie in den vergangenen Tagen die vollständige Kapitulation der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien fordert. Die Verhandlungen sind gescheitert, weil es diese Kapitulation nie geben wird. Weil die Menschen dort niemals aufgeben werden, was sie sich in mehr als einem Jahrzehnt unter enormen Opfern aufgebaut haben.Es wird keinen Frieden geben, solange die syrische Übergangsregierung wie in den vergangenen Tagen die vollständige Kapitulation der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien fordert.Was ist es, das für die Menschen vor Ort so verteidigenswert ist?Dazu gehören basisdemokratische Strukturen, Frauenbefreiung als politisches Prinzip, lokale Selbstverwaltung, relative Sicherheit für religiöse und ethnische Minderheiten. Und der Versuch einer solidarischen, nicht-kapitalistischen Gesellschaft mitten im Krieg. Die syrische Übergangsregierung hat bisher den Kurd*innen gegenüber, wenn überhaupt, nur symbolische Geschenke geboten.Zum Beispiel?Beispielsweise die Anerkennung von Kurdisch als offizielle Sprache, die auch in Schulen gelehrt werden soll. Damit wollte die Übergangsregierung ihren guten Willen demonstrieren. Aber kulturelle Anerkennung ist keine Garantie für Sicherheit oder politische Gleichstellung. Das betrifft ebenso die Staatsbürgerschaft, die vielen Kurd*innen unter dem Assad-Regime entzogen wurde, und die nun zurückerlangt werden soll. Doch für viele Kurdinnen wirkt es wie ein Schritt auf Vorbehalt. Sie wissen genau, dass ihnen Rechte jederzeit wieder entzogen werden können, sobald es den Machthabenden opportun erscheint.Seit März 2025 bestand eigentlich ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Damaskus und der kurdischen Selbstverwaltung. Warum finden die Angriffe auf die kurdische Selbstverwaltung jetzt statt? Für alle, die dort leben oder die Region seit Jahren beobachten, kommt das überhaupt nicht überraschend. 2018 gab es schon die türkische Militäroffensive auf Afrin, einen kurdischen Kanton, der seitdem unter der Kontrolle türkeitreuer Milizen steht. Danach gab es immer wieder Drohnenangriffe der Türkei auf andere Gebiete der Selbstverwaltung. Das heißt, spätestens seit 2018 hat man damit gerechnet, dass es zu weiteren großen Offensiven kommen wird. Warum gerade jetzt? Wir haben gerade zwei Machtzentren im Mittleren Osten, die auf die Übergangsregierung in Syrien einwirken: die Türkei und Israel.Die einen träumen von der Großtürkei, die anderen träumen von Großisrael – und beide imperiale Mächte haben kein Interesse daran, dass mit Rojava ein Projekt des „Demokratischen Konföderalismus“ überlebt. Also eine Alternative zu Ethnonationalismus und Nationalstaat, in dem lokal organisierte Räte und Kommunen Entscheidungen von unten nach oben treffen. Dazu kommt, dass Rojava ein globaler Bezugspunkt und ein Sammelbecken für viele linke, antikoloniale, antiimperialistische Kräfte weltweit ist. Die einen träumen von der Großtürkei, die anderen träumen von Großisrael – und beide imperiale Mächte haben kein Interesse daran, dass mit Rojava eine Alternative zu Ethnonationalismus und Nationalstaat überlebt.Welche Rolle spielt der Besuch der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Anfang Januar in Damaskus?Wie wir wissen, ist von der Leyen vor einigen Tagen mit 620 Millionen Euro Aufbauhilfe im Koffer bei der syrischen Übergangsregierung aufgetaucht. Natürlich hat sie kein Wort zu den Angriffen auf die kurdischen Viertel in Aleppo verloren, die damals bereits im Gange waren. Das heißt: Die Zentralregierung in Syrien kann sich darauf verlassen, dass sie tun und lassen kann, was sie will, und es von europäischen Verbündeten kein Wort der öffentlichen Kritik geben wird.Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass Syrien nun beim wirtschaftlichen Aufbau Ergebnisse liefern muss. Das wird von europäischer und US-amerikanischer Seite erwartet. Dieser wirtschaftliche Aufschwung in Syrien ist jedoch sehr stark abhängig von Erdöl- und Erdgasreserven, aber auch von Weizen- und Baumwollfeldern, die sich vor allem im Nordosten unter der Kontrolle der kurdischen Selbstverwaltung befanden.In Städten wie Raqqa oder Tabqa ist die kurdische Bevölkerung in der Minderheit und die arabisch-sunnitische in der Mehrheit. Berichten zufolge kam es dort zu Tötungen und Inhaftierungen von Dissidenten durch die SDF. Hat die kurdische Selbstverwaltung es versäumt, die arabisch-sunnitische Bevölkerung genügend zu integrieren?Jein. Die Selbstverwaltung hat mit lokalen Räten ganz bewusst auf die Integration aller ethnischen und religiösen Gruppen gesetzt. Nicht nur der Araber*innen, sondern auch der Assyrer*innen, Armenier*innen, Turkmen*innen. Ich habe für die Recherche meines zweiten Buchs selbst mit arabischen Frauen gesprochen, die die Revolution und ihre Werte selbstbewusst verteidigt haben. Fakt ist: Es gab in den letzten Jahren Verteilungskämpfe um das knappe Wasser und den Strom in der Region, auch absichtlich herbeigeführt durch die Besetzung des Staudamms durch die Türkei. Aber natürlich ist die Selbstverwaltung nicht frei von Fehlern – wie jedes politische Projekt in Entwicklung. Es gibt einige schwerwiegende Vorwürfe aus arabischer Perspektive an die SDF: Erstens, dass sie Kinder zwangsrekrutiert, Menschen verschleppt und gar wahllose ermordet haben soll. Und zweitens, dass sich in den arabisch dominierten Gebieten der Selbstverwaltung eine neue kurdische Dominanz etabliert habe, unter der sich die Araber*innen als besetzt wahrgenommen haben.Werde diese Fehler innerhalb der kurdischen Bewegung thematisiert?Wie ich das mitbekomme, durchaus. Kritik und Selbstkritik sind zentrale Grundpfeiler der kurdischen Befreiungsideologie. Vor allem aber ist es mir wichtig, zu betonen, dass wir Rojava nicht verteidigen, weil es ein moralisch makelloses Projekt ist. Ich halte nichts für diesen Moralismus, weil in einem derart brutalen, jahrzehntelangen Gewaltkreislauf im Mittleren Osten machen sich alle Kriegsparteien schuldig. Wenn wir Rojava verteidigen, fordern wir keine ethnische oder kulturelle Dominanz der Kurd*innen – sondern ihr Recht auf ein Leben ohne Repressionen, Vertreibung und genozidale Gewalt. Es geht darum, das größte progressive Projekt im Mittleren Ostenzu verteidigen. Das ist eine politische Verantwortung aller Linken.Im Spiegel wurde die kurdische Selbstverwaltung aus dezidiert arabischer Perspektive kritisiert – ein neuer Spin im medialen Diskurs über Rojava?Es gibt im Moment von kurdischer Seite Aufrufe, Kanäle wie Al-Jazeera zu boykottieren, weil sie ausdrücklich die Perspektive der syrischen Übergangsregierung übernehmen. Viele Menschen, die solidarisch mit Palästina waren und sich über den Genozid in Gaza informieren wollten, haben in den letzten Jahren dort die Nachrichten verfolgt und in Bezug auf Kurd*innen leider eine einseitige, stark verzerrte Darstellung erhalten. Wenn wir über den Mittleren Osten sprechen, müssen wir natürlich über arabischen Nationalismus sprechen, der schon immer sehr stark homogenisierend und ausschließend war wie jede Art von hegemonialem Nationalismus. Ich glaube auch, dass dieser arabisch-sunnitische Nationalismus durch das Leid und den Genozid in Palästina an Dynamik gewonnen hat. Diese aufgestaute Wut und Hass und Radikalisierung entlädt sich nun verstärkt gegen Kurd*innen und Minderheiten.Viele Menschen, die solidarisch mit Palästina waren und sich über den Genozid in Gaza informieren wollten, haben in den letzten Jahren auf Al-Jazeera die Nachrichten verfolgt und in Bezug auf Kurd*innen leider eine einseitige, stark verzerrte Darstellung erhalten.Momentan übernehmen die in Syrien stationierten US-Truppen nichts, um den Vormarsch von Al-Scharaas Armee zu stoppen. Hat sich die kurdische Bewegung zu sehr darauf verlassen, vom Westen als Kämpfer gegen den IS langfristig unterstützt zu werden?Ein bestimmtes Narrativ bringt mich auf die Palme: Kurd*innen hätten Schutz verdient, weil sie die Drecksarbeit des Westens im Kampf gegen den IS erledigt haben. Ich denke, die Völker Nord- und Ostsyriens haben auch ohne ihre Nützlichkeit für westliche Sicherheit oder Wohlstand ein Recht auf Existenz und Selbstbestimmung. Letztlich sind die USA NATO-Verbündete der Türkei und auch Verbündete Israels. Die Zusammenarbeit zwischen den USA und der SDF war taktischer Natur, um Minderheiten in der Region, wie Ezid*innen oder Christ*innen vor weiteren Massakern und Genozid zu schützen. Und natürlich ging es damals auch darum, die Gunst der Stunde zu nutzen, einen Freiraum zu schaffen, in dem man sich selbst organisieren kann. Vor drei Jahren rief die deutsche Politik noch während der Proteste in Iran den Slogan der kurdischen Bewegung „Jin Jiyan Azadî“ („Frau Leben Freiheit“). Heute ist von dieser „feministischen Außenpolitik“ wenig übrig. Stört es sie, wenn diese performativen Akte der Solidarität nun ausbleiben?Die Slogans damals waren symbolische Rhetorik, eine Farce. Die meisten Politiker*innen, die damals „Jin, Jiyan, Azadî“ gerufen haben, waren sich sicherlich nicht darüber im Klaren, welche Herkunft dieser Slogan hat. Dass er für einen radikal antikolonialen und systemischen Kampf gegen Patriarchat und autoritäre Gewalt steht und die kapitalistische Moderne infrage stellt. Und das hat die deutsche Außenpolitik selbstverständlich nie unterstützt, ganz im Gegenteil. Wenn wir etwa über die damalige Außenministerin Annalena Baerbock sprechen: Sie hat auch diesen Slogan für sich beansprucht und zugleich einer Regierung angehört, die Waffen an Saudi-Arabien geliefert hat, genauso wie an die Türkei. Die Türkei ist das Land, das die kurdische Frauenbewegung, die den Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ erfunden hat, militärisch bekämpft. Die gegenwärtige Außenpolitik ist also kein Bruch, sondern Kontinuität. Der Unterschied liegt darin, dass der moralische Schleier gefallen ist. Und ich freue mich eigentlich immer darüber, weil man so umso besser weiß, woran man ist.Welche Rolle spielt das zwischen Merz und Al-Scharaa geplante Abkommen, das Abschiebungen nach Syrien ermöglichen soll?Es ist wichtig, uns bewusst zu werden, dass wir in „the belly of the beast“ (Magen des Biests, Anm. d. Red.) leben und eine Bundesregierung haben, die die Massaker und die Zerstörung von Rojava und Nordostsyrien unterstützt. Und das aus eigenen Interessen, weil sie zum Beispiel geflüchtete Menschen nach Syrien zurückschicken will. Aus denselben Gründen hatten sie auch 2016 den Flüchtlingsdeal mit der Türkei vereinbart und gleichzeitig die Türkei aufgerüstet. Die Selbstverwaltung appellierte übrigens schon seit Jahren an die EU und die Bundesregierung, dass IS-Gefangene mit etwa deutscher Staatsangehörigkeit zurückgeholt werden. Und jetzt gibt es gerade in diesen Tagen Ausbrüche und Befreiungen durch Truppen der Übergangsregierung aus diesen Camps.Es ist wichtig, uns bewusst zu werden, dass wir eine Bundesregierung haben, die die Massaker und die Zerstörung von Rojava und Nordostsyrien unterstützt. Und das aus eigenen Interessen, weil sie zum Beispiel geflüchtete Menschen nach Syrien zurückschicken will.Was kann in Deutschland getan werden, um die Menschen vor Ort zu unterstützen?Die kurdische Diaspora und ihre internationalistischen Unterstützer*innen sind schon unheimlich gut organisiert. Die wissen genau, was zu tun ist, und das lässt sich auf unterschiedliche Weise unterstützen: Durch Spenden an den kurdischen Roten Halbmond „Heyva Sor“ etwa, durch Teilnahme an den täglichen Demonstrationen, die in vielen deutschen Städten stattfinden oder durch direkte Solidaritätsaktionen. Am Freitag startet die „People Caravan“ nach Rojava, der sich Aktivist*innen aus vielen Ländern angeschlossen haben. Sie wollen Rojava auf dem Landweg erreichen und so Aufmerksamkeit schaffen, ähnlich wie die „Flotillas“, die auf dem Seeweg Gaza erreichen wollen. Gerade für Linke und Progressive ist es jetzt wichtig, nicht den falschen Frontenbildungen der herrschenden Mächte im Mittleren Osten zu verfallen, die uns weismachen wollen, dass die Befreiung der einen ohne die Befreiung anderer kolonialisierter und unterdrückter Völker möglich wäre. Wir müssen auch in Deutschland in Zeiten des Rechtsrucks solche Bastionen wie Rojava verteidigen – als praktisches Beispiel für Selbstverwaltung und emanzipatorische Politik. Und als die Möglichkeit, dass Widerstand gegen Unterdrückung nicht nur Theorie, sondern gelebte Praxis sein kann.Es kursieren gerade Videos, in denen IS-Kämpfer aus Gefängnissen ausbrechen, IS-Sympathisanten die Statue einer YPJ-Kämpferin zum Einsturz bringen. Auch Videos, in denen ehemalige SDF-Kämpfer enthauptet werden. Wie gehen Sie mit dieser Bilderflut um?Ich gehe offline. Das ist auch zwischendurch wichtig, um Abstand zu gewinnen und sich nicht von der Bilderflut überwältigen zu lassen. Wenn man solche Bilder sieht, kommt außerdem die Trauer darüber, dass ein Projekt wie Rojava, das für viele Linke und Progressive seit Jahren ein Ankerpunkt und Hoffnungsschimmer ist, zerstört werden könnte. Vor unser aller Augen, im Livestream. Was ich aber als sehr positiv empfunden habe, und davon hat man sehr viel gesehen, ist die Einigkeit zwischen progressiven Kräften, Kurd*innen und anderen Völkern, die über alle Grenzen hinweg gerade stattfindet. Ich habe Videos von armenischen Gruppen gesehen, die öffentlich bekannt geben, sich der Verteidigung Nord- und Ostsyriens anzuschließen. Es gibt Videos, in denen kurdische Menschen auf der türkischen Grenzseite Zäune niederreißen, um sich den Verteidigungseinheiten anzuschließen. Und dasselbe auch auf irakischer Seite. Kurd*innen im Iran sind davon überzeugt, dass das islamische Regime dort vor dem Zusammenbruch steht. Für sehr viele, ist es ein sehr historischer Moment, und das sieht man in den Bildern. Diese sehr schnelle und kollektive Mobilisierung, die auch über Social Media in Gang gesetzt werden kann, gibt mir viel Hoffnung und das Gefühl, dass trotz allem eine gemeinsame Verantwortung und gemeinsamer Widerstand existieren.