Canterbury im Südwesten von England ist vermutlich vielen ein Begriff, nicht nur wegen der dortigen Cathedral und den Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer, sondern in den letzten Tagen vor allem wegen Hirnhautentzündung: Meningitis. Die Berichterstattung über „einen Ausbruch“ von Neisseria meningitidis (MenB-Strain) hat es über die Landesgrenzen und bis in den Speichel geschafft:

Tatsächlich mehrere Tausend vornehmlich Studenten der University of Kent wurden mittlerweile und vorsorglich zum Schlucken von Ciprofloxacin verdonnert, einem Antibiotikum, das als erste Linie der Verteidigung gegen Menigokokken, die Bakterien, die u.a. Hirnhautentzündung auslösen, gilt, von der UK Health and Security Agency als solche bezeichnet wird. Nun ist der Ausbruch, den Mitarbeiter derselben Organisation als heftigsten und sich am schnellsten vollziehenden Ausbruch bezeichnet haben, den sie je gesehen hätten, mittlerweile in seiner dritten Woche und abgeebbt, die Gefahr, die durch britische Massenmedien gereist ist, hat sich mittlerweile im Archiv der jeweiligen Medien verlaufen, Ruhe ist wieder eingekehrt.

Zeit, das in unserem ersten Beitrag zu diesem Thema angekündigte Resumée zu ziehen:

Kurz zu Neisseria meningitidis:

Neisseria menigitidis (N. men.) ist Spezialist.

Das Bakterium bewohnt ausschließlich Menschen, jedenfalls ist es bislang noch nicht gelungen, es bei irgend einem anderen Lebewesen auf diesem Planeten zu finden und dass N. men. Lactoferrine oder Transferrine, Proteine, die sich nur bei Menschen finden, benötigt, um seinem (invasiven) Geschäft nachzugehen, mag eine Erklärung dafür sein, dass N. men. Menschen ein Monopol eingeräumt hat.

Arthur Charles-OrszagOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

“ data-medium-file=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?fit=300%2C300&ssl=1″ data-large-file=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?fit=640%2C640&ssl=1″ class=“size-medium wp-image-287149″ src=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=300%2C300&ssl=1″ alt=““ width=“300″ height=“300″ srcset=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=300%2C300&ssl=1 300w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=1024%2C1024&ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=150%2C150&ssl=1 150w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=768%2C768&ssl=1 768w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=570%2C570&ssl=1 570w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=665%2C665&ssl=1 665w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?resize=100%2C100&ssl=1 100w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?w=1433&ssl=1 1433w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Neisseria_meningitidis_Charles-Orszag_2018.png?w=1280&ssl=1 1280w“ sizes=“(max-width: 300px) 100vw, 300px“/>

By Arthur Charles-OrszagOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

10% tragen N. men. mit sich herum, über Wochen, zuweilen auch Monate. Die meisten bemerken nichts davon. Gefährlich wird das Bakterium erst, wenn es ihm gelingt, die Schleimhaut in Rachen und Nase hinter sich zu lassen und in die Blutbahn einzudringen, eines dieser „Vorkommnisse“, das gewöhnlich mit dem Attribut „sehr selten“ versehen wird.

Etliche solcher seltenen Vorkommnisse gab es in Canterbury unter rund 2.000 Besuchern eines Tanzclubs (Club Chemistry), nach erster Zählung 32, nach korrigierter Zählung 29 zunächst Verdachtsfälle, davon bislang 20 vom Labor bestätigte Fälle von Hirnhautentzündung der bakteriellen Variante wurden gezählt. Zwei Tote hat das Bakterium gefordert, das gemeinhin mit einer Sterberate von 10% bei denen, deren Blutbahn es infiltrieren kann, assoziiert ist.

Nach allem, was aus der Vergangenheit bekannt ist, muss man davon ausgehen, dass rund 400 der Besucher im Club Chemistry das Bakterium in ihrem Rachen mitführen, entweder mitgebracht haben oder mitgenommen haben. Insofern sind die bislang 20 bestätigten Fälle ein Ausweis der „Seltenheit“ der Ereignisse, in denen Neisseria meningitidis in der Lage ist, seinen Wirtsorganismus ernsthaft krank zu machen.

Dessen ungeachtet war der Ausbruch von Neisseria meningitidis Anlass für Hysterie, den Versuch, Impfung wieder populär zu machen, Verschwörungstheorien von Labor Leak oder drohendem Lockdown zu verbreiten und, nicht zuletzt, einmal mehr ein Beleg dafür, dass keinerlei Lernprozess nach der letzten Gesundheitspanik eingesetzt hat.

UKHSA (UK Health and Security Agency) hat tausende von bereitwilligen Schluckern mit Ciprofloxacin versorgt, ein orales Antibiotikum, das (bislang noch) sehr effektiv darin ist, Schleimhäute von bakteriologischen Gästen zu reinigen, die Gäste zu deportieren. Indes, Ciprofloxacin ist kein „free ride.“ Das Antibiotikum kommt mit einer Reihe von Nebenwirkungen, gehört zu denen, deren Hauptnebenleistung nicht in „generellen Beschwerden“ wie Schmerz, Fieber oder Müdigkeit, sondern in Magen-Darm-Beschwerden besteht. Viele derjenigen, die das Zeug schlucken, finden es einfach nur zum Kotzen und handeln entsprechend. 28% aller Meldungen betreffen derartige Nebenwirkungen, Hautausschläge (12%) folgen in der Liste mit einigem Abstand nach. Genaueres finden interessierte bei Vigiaccess.

Nachdem der „Ausbruch“, der als „Superspreader Event“ angesichts von 20 bestätigten Fällen etwas aus allen Dimensionen geblasen zu sein scheint, vorbei ist, bleibt die Frage, wo die Variante von Neisseria meningitidis eigentlich herkommt und wie sie übertragen wurde.

Indes: Keine Ahnung.

Bislang wurde kein „Index Fall“ identifiziert, alles, was es gibt, das sind Spekulationen darüber, dass der nun identifizierte Strang von Neisseria meningitidis, MenB, Type 485 (dennoch kein Mehl), Klongruppe ST-41/44 kein neuer Strang ist, sondern ein seit fünf Jahren bekannter und als solcher einer, der im Manchester Meningococcal Register nicht nur erfasst, sondern physisch vorhanden ist. Dass er von dort die 250 Meilen nach Canterbury gewandert sei, um sich im Club Chemistry niederzulassen oder dort „geleakt“ zu werden, ist eine der Verschwörungstheorien, die tatsächlich lanciert werden. Zumeist in Verbindung mit der Univeristy of Kent, die in Canterbury ein BSL-2 Labor betreibt, das allerdings nach eigener Aussage keinerlei Neisseria meningitidis bewirtet.

eMedicine

“ data-medium-file=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?fit=298%2C300&ssl=1″ data-large-file=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?fit=378%2C380&ssl=1″ class=“ wp-image-287536″ src=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?resize=256%2C257&ssl=1″ alt=““ width=“256″ height=“257″ srcset=“https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?w=378&ssl=1 378w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?resize=298%2C300&ssl=1 298w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?resize=150%2C150&ssl=1 150w, https://i0.wp.com/sciencefiles.org/wp-content/uploads/2026/03/Acute-meningitis.webp?resize=100%2C100&ssl=1 100w“ sizes=“(max-width: 256px) 100vw, 256px“/>

Akute Meningitis; Quelle. eMedicine

Auch Hinweise auf Kokain, im Club geschnupft und über geteilte Röhrchen zu Kokain plus Neisseria meningitids gemacht, machen die Runde, meist mit Verweis auf Dover, das nicht weit von Canterbury entfernt und der Hafen ist, in dem mit Entwurmer (anthelmintic) verschnittenes Kokain ankommt, was wiederum Agranulocytosis (zu wenige weiße Blutkörperchen) auslösen kann, das bakterielle Infekte begünstigt.

Letzteres ist eine Möglichkeit, eine spekulative Möglichkeit, während die „Lableak-Theorie“ angesichts periodisch wiederkehrender und über die letzten Jahre häufiger werdender Ausbrüche von Neisseria meningitidis eher weit hergeholt erscheint, wenngleich die exakte Sequenz von Neisseria menigitidis, die in Canterbury ausgebrochen ist, in Manchester in der dortigen Meningococcal Reference Unit vorrätig gehalten wird – zu Referenzzwecken versteht sich.

Menschen sind der Wirt, das biologische Lager, in dem sich Neisseria meningitidis monatelang einnisten kann, meist ohne Konseuqenzen für die Wirte. Je mehr das Bakterium mit sich herumtragen, umso wahrscheinlicher ist es, dass Personen nicht nur infiziert werden, sondern erkranken und je mehr erkranken, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand an der Erkrankung stirbt. Kurz: Jenseits von Hysterie, Verschwörungstheorie und reißerischer Schlagzeile kommt eine statistische Wahrscheinlichkeit zum Vorschein, die diese Ereignisse zu normalen Ereignissen macht, die – dessen ungeachtet – in den letzten Jahren häufiger werden. Abermals eine Beobachtung, die man statistisch erklären kann, was indes nichst von der Notwendigkeit nimmt, nach den Gründen dafür zu suchen, dass die Zahl von bakteriellen Hirnhautentzündungen, die von Neisseria meningitidis verursacht werden, von rund 200 pro Jahr auf nunmehr rund 400 pro Jahr gestiegen ist.

Diese nahezu Verdoppelung in der Fallzahl hat angebbare Gründe, die mit dem Verhalten der Betroffenen oder der Person der Betroffenen zusammenhängen müssen. Ich habe nicht den Eindruck, dass irgend ein Verantwortlicher beim UKHSA derzeit nach den Ursachen dieser Verdoppelung, jenseits der wahren oder falschen, wer weiß, Feststellung, dass es sich um einen besonders virulenten Strang Neisseria meningitidis gehandelt habe, sucht.

Mehr zu Neisseria meningitidis erfahren Sie hier.


 

Falls Sie unsere Arbeit unterstützen, und dafür sorgen wollen, dass bei ScienceFiles auch weiterhin das Rad rund läuft, dann kaufen Sie uns doch einen Kaffee:




Oder unterstützen Sie uns auf einem der folgenden Wege
Unser herzlicher Dank ist Ihnen sicher!

DENN: ScienceFiles lebt von Spenden.
Helfen Sie uns, ScienceFiles auf eine solide finanzielle Basis zu stellen, damit Sie uns auch morgen noch lesen können!


Wir haben drei sichere Spendenmöglichkeiten:

Donorbox

Unterstützen Sie ScienceFiles


Unsere eigene ScienceFiles-Spendenfunktion

Zum Spenden einfach klicken

Unser Spendenkonto bei Halifax:

ScienceFiles Spendenkonto:
HALIFAX (Bitte angeben: Zahlungsempfänger: Michael Klein, Zahlungszweck: ScienceFiles-Spende / Schenkung):

  • IBAN: GB15 HLFX 1100 3311 0902 67
  • BIC: HLFXGB21B24

Folgen Sie uns auf Telegram.


Anregungen, Hinweise, Kontakt? -> Redaktion @ Sciencefiles.org






Source link