Afghanistan / Hubschrauber / Quelle: Unsplash, lizenzfreie Bilder: Andre Klimke; https://unsplash.com/de/fotos/schwarzer-hubschrauber-der-tagsuber-uber-brown-field-fliegt--IhgLixx7Z8
Afghanistan / Hubschrauber / Quelle: Unsplash, lizenzfreie Bilder: Andre Klimke; https://unsplash.com/de/fotos/schwarzer-hubschrauber-der-tagsuber-uber-brown-field-fliegt–IhgLixx7Z8

Neue Erkenntnisse zu Epstein lassen die Schlussfolgerung zu, dass Epstein sogar Kriegstourimus organisierte. Es kommt sicherlich noch schlimmer!

Die jüngst veröffentlichten Epstein-Files öffnen ein Fenster auf einen besonders finsteren Aspekt des „Kriegs gegen den Terror“, der bis heute kaum ernsthaft untersucht wurde: Afghanistan als Bühne für den grenzenlosen Bewegungsraum einer globalen Elite. Sie zeigen nicht nur sexuelle Ausbeutung, sondern eine Kultur der Straflosigkeit, in der Krieg zur Kulisse für Machtfantasien wurde. Die Dokumente, freigegeben vom US-Justizministerium, schockieren durch ihren Inhalt, aber ebenso durch ihre Form. Kein Register, keine Systematik, keine erkennbare Dramaturgie. Stattdessen ein unübersichtlicher Datenhaufen, der jeden Leser zwingt, selbst zu graben. Es wirkt, als habe man gesagt: Hier ist alles, macht damit, was ihr wollt. Transparenz als Abladeplatz.

Den Amerikanern traue ich alles zu!

Wer die Akten mit Blick auf internationale Konflikte liest, stößt schnell auf Fragmente, die herausragen. Eines davon ist eine E-Mail aus dem Juni 2011, geschrieben vom US-Milliardär und Hotelerben Tom Pritzker an Jeffrey Epstein:

„Ich bin in einem abgelegenen Tal in Afghanistan (das war mein Geburtstagswunsch), mit Jungs und Spielzeug. Habe gestern mit Petraeus gesprochen. Er hat mir einen Hubschrauber geliehen, eigentlich zwei, einen als Backup. Telefonieren erst morgen wieder möglich.“

Diese wenigen Zeilen verdichten mehr als zwei Jahrzehnte Krieg in einem einzigen moralischen Kurzschluss. Während Afghanistan offiziell unter NATO- und UN-Mandat als Stabilisierungs- und Wiederaufbaumission verkauft wurde, beschreibt ein Mitglied der globalen Finanzelite beiläufig etwas, das man nur als Kriegstourismus bezeichnen kann. Mit militärischer Logistik, mit direktem Draht zur militärischen Führung, mitten im Einsatzgebiet.

Wie wahrscheinlich ist das? „Den Amerikanern traue ich alles zu!“, sagt ein dem Autor gut bekannter langjähriger BND-Mitarbeiter mit häufigen Einsätzen in Irak und Afghanistan.

Zum Zeitpunkt der Mail war David Petraeus Oberbefehlshaber der NATO-ISAF-Truppen. Dass Kampfhubschrauber, Waffen und Zugang zu sensiblen Zonen offenbar für private Zwecke verfügbar waren, ist nicht nur ein Skandal. Es wirft die Frage auf, was sich jenseits offizieller Einsatzberichte abgespielt hat, in Tälern, Distrikten und Nächten, die nie Teil der öffentlichen Wahrnehmung wurden.

Wer Afghanistan kennt, weiß, wie viel Gewalt dort stattfand. Bauern, Tagelöhner, Dorfbewohner berichteten von zerstörten Häusern, verschwundenen Angehörigen, ausgelöschten Dörfern. Ihre Aussagen fanden selten Gehör. Kein virales Video, keine Eilmeldung, kaum eine parlamentarische Anfrage. Doch wenn ein US-Milliardär über einen Geburtstagsausflug in ein Kriegsgebiet schreibt, horcht die Welt auf. Oder auch nicht. Bis heute sind Berichte über Pritzkers Reise und seine Verbindung zu Epstein rar geblieben.

Dabei verstoßen solche Vorgänge klar gegen US-amerikanische wie NATO-interne Vorschriften. Zivile „Unterhaltung“ im Einsatzgebiet ist ausdrücklich untersagt. Doch Afghanistan war ein Krieg mit dehnbaren Regeln, insbesondere in entlegenen Regionen mit minimaler Kontrolle und maximaler Straflosigkeit. Dort konnte Gewalt stattfinden, ohne dass sie je dokumentiert wurde.

Abu Ghuraib-Folterskandal mit anderen Mitteln?

Der Satz „boys with toys“ in der Mail von Pritzker an Epstein hat zudem eine zweite, dunklere Lesart. Der Afghanistankrieg war nicht nur ein Krieg der Drohnen und Nachtoperationen, sondern auch ein Krieg systematischer sexueller Gewalt. Die Praxis des Bacha Bazi, die sexuelle Ausbeutung von Jungen durch lokale Machthaber, war seit Jahren dokumentiert. Afghanische Milizen, Polizeieinheiten und Warlords waren verwickelt. Berichte darüber lagen westlichen Militärs vor. Konsequenzen folgten kaum. Eine umfassende Untersuchung der Rolle ausländischer Truppen fand nie statt.

Hier berühren sich die Epstein-Files und die Geschichte dieses Krieges auf verstörende Weise. Sie erinnern daran, dass Afghanistan ein Raum war, in dem sich Macht nahezu unbegrenzt bewegen konnte. Epsteins internationales Netzwerk umfasste Politiker, Finanzeliten, Militärs, Geheimdienstkontakte und Mitglieder europäischer Königshäuser. Der Fall Prinz Andrew war nur der sichtbarste Riss in einer viel größeren Struktur. Afghanistan war einer der Orte, an denen diese Struktur ohne Widerstand operieren konnte.

Sex, Macht, Gewalt

Nicht wenige Beobachter fühlen sich an die sogenannten „Sarajevo-Safaris“ der 1990er Jahre erinnert, als wohlhabende Ausländer angeblich in die Hügel um die belagerte Stadt gebracht wurden, um aus sicherer Entfernung auf Menschen zu schießen. Der Vergleich ist grausam, aber nicht abwegig. Kriege ziehen seit jeher Abenteurer, Profiteure und Täter an. Neu ist, wie offen manche von ihnen offenbar agierten.

Was die Epstein-Files offenlegen, ist kein Einzelfall. Sie sind ein Fragment einer größeren Wahrheit über den Afghanistankrieg: ein Krieg, geführt im Namen von Werten, die vor Ort oft keine Rolle spielten. Ein Krieg, in dem das Leid der Zivilbevölkerung zum Hintergrundrauschen für die Fantasien und Interessen mächtiger Männer wurde. Eine ernsthafte, umfassende Untersuchung ist überfällig. Nicht nur zu Epsteins internationalen Kontakten, sondern zum gesamten moralischen und politischen Versagen dieses Krieges.

Denn für Millionen Afghanen war der Krieg keine Abstraktion, kein geopolitisches Planspiel, kein Geburtstagswunsch. Er war ihr Alltag, ihr Leben. Und ihre Stimmen wurden allzu lange bequem überhört.

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