Ost-West-Duell zwischen Katarina Witt und Debi Thomas in Calgary

Sie war 1984 mit 18 Jahren in Sarajevo Olympiasiegerin geworden. Und wollte das 1988 in Calgary wiederholen. Katarina Witt musste als Erste aufs Eis. Es war spätnachts, meine Eltern hatten den Wecker gestellt, zusammen mit der halben DDR. Es ging um mehr als nur die Goldmedaille, es war ein Ost-West-Duell. Der „Kampf der Carmens“.

Denn alle beide, sowohl Witt als auch ihre US-Rivalin Debi Thomas, liefen ihre Kür zur gleichnamigen Oper von Georges Bizet. Brisanter ging es nicht. Ihre Trainerin Jutta Müller flüsterte Katarina Witt noch irgendwas zu, dann lief sie los und strahlte. Ihr schwarz-rotes Kostüm war sexy und spanisch. Sie sprang, sie fiel nicht, auch nicht bei den Dreifachen. Sie tanzte, sie WAR Carmen. Und gewann.

Ich habe mir die Kür zusammen mit meiner Tochter neulich noch mal angeschaut und bekam wieder Gänsehaut. Aber meine Tochter interessierte sich mehr dafür, wie Witt nach ihrem Olympiasieg als Showgirl aufs Eis kam, in Lederjacke, zu Michael Jacksons Song Bad.

Fast ein Kati-Witt-Moment: Hase/Volodin in Mailand

Nikita Volodin aus St. Petersburg lief mit seiner damaligen Partnerin jahrelang auf Eisrevuen, tingelte „durch die Hallen zwischen Krasnojarsk und Tscheljabinsk“. Dann kam 2022 der Anruf, er solle sich mit Minerva Hase zusammentun. Sie hatte in jenem Jahr in Peking ihre Olympiapremiere, aber ihr Partner war direkt nach der Ankunft positiv auf Corona getestet worden, und nichts ging mehr.

2025 wurden Hase und Volodin Europameister im Paarlauf, dann Silber bei den Weltmeisterschaften, jetzt Olympia. Und zeigten in ihrem Kurzprogramm einen Weltklasse-Tango. Sie lagen vorn, die Goldmedaille in Mailand war nahe.

Es war fast ein Katarina-Witt-Moment, als sie am Montag spätabends aufs Eis kamen. Zuvor hatte das japanische Duo Miura/Kihara eine sagenhafte Gladiator-Kür gezeigt. Hase und Volodin verzauberten mit Choreografie, Musik und Kostümen, patzten bei den Sprüngen und fielen auf Rang 3. Das Duo aus Japan gewann. Nach ihrer Kür verneigte sich Hase vor ihnen. Eine große Geste.

Was macht Surya Bonaly? Den verbotenen Backflip

Ich musste wieder an die französische Läuferin denken, als ich Ilia Malinin im Kurzprogramm in Mailand sah und er den Rückwärtssalto sprang. An Surya Bonaly, in ihrem glitzernden mintgrünen Kleid, wie sie bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998 aufs Eis kam.

Sie wusste, dass sie nicht mehr gewinnen konnte, aber man merkte ihr das nicht an. Sie lief ihre Kür und machte plötzlich den verbotenen Backflip, trotz schwerer Verletzung der Achillessehne. Und sie stand – felsenfest auf ihren Kufen. Unfassbar!

Für Bonaly war es eine Trotzreaktion, weil sie sich um den Sieg betrogen fühlte und sowieso nichts mehr zu verlieren hatte. Sie hat keine Medaille bekommen, aber sie hat Geschichte geschrieben, als erste Eiskunstläuferin, der das gelungen ist.

In Mailand reden nun wieder alle vom „Bonaly-Flip“, diesem Rückwärtssalto, wegen der Männer. Für die ist es kein Wagnis, denn der Backflip ist heute vollkommen legal, das Verbot der spektakulären Überschläge ist im Jahr 2025 aufgehoben worden.

Das Märchen von Sarajevo, eine Jahrhundertkür

Am Anfang knien sie beide sekundenlang auf dem Eis. Man hält den Atem an, als Jayne Torvill und Christopher Dean dann den Boléro tanzen, 1984 in Sarajevo. Auch ihre größten Konkurrenten, sie kamen vor allen Dingen aus der Sowjetunion, zogen den Hut vor dieser Traumkür.

Vier Minuten und 28 Sekunden. Ewig. Schon diese Kostüme, das zarte Blau und Schwarz. Die sich steigernden Klänge von Maurice Ravels Stück und die atemloser, wuchtiger werdenden Bewegungen der beiden. Sie fließen ineinander. Düstere Bässe, aber Torvell/Dean fliegen in Olympias Himmel.

Sie erhalten zwölfmal die Note 6,0, das hat es in dieser Sportart nur dieses eine Mal gegeben. Jeder war hingerissen. Torvell/Dean und Boléro, das war nicht mehr zu trennen. Sie revolutionierten mit ihrer Kür den Eistanz, brachen mit allem Althergebrachten. Der klassische Balletttanz war passé. Auf dem Eis wurden von nun an Geschichten erzählt. Sie holten Gold und brachen damit die jahrelange russische Dominanz.

Die beiden Brians und das rote Jumpsuit

Brian Orser oder Brian Boitano, es war eine Glaubensfrage. Grandios waren sie natürlich beide, aber der Kanadier Brian Orser lief anmutiger, verspielter, so wie ein Panther. Und Brian Boitano, der Ami, war der Sportlichere und begeisterte die Leute mit seinem Spread Eagle, dem Spreizadler, und mit seinen Dreifach-Sprüngen (damals spitzenmäßig).

Orser hingegen war feiner, der Künstler. 1988 trat er in Calgary im roten 80er-Jahre-Jumpsuit auf, mit Schulterpolstern und goldenen Blättern besetzt. Er tanzte zur Musik von Schostakowitschs Ballett Der Bolzen. Er musste einfach gewinnen.

Aber Boitano, der als Napoleon auflief (samt Marseillaise), hatte die besseren Nerven und die bessere Technik. Boitano holte Gold. Allerdings war die Wertung extrem knapp. Bald darauf hat die Internationale Eislauf-Union erklärt, nicht die technische Leistung, sondern der künstlerische Ausdruck solle in Zukunft mehr Gewicht haben, wenn es so eng wird. Welcher Brian hätte dann gewonnen?

52;m war sexy und spanisch. Sie sprang, sie fiel nicht, auch nicht bei den Dreifachen. Sie tanzte, sie WAR Carmen. Und gewann.Ich habe mir die Kür zusammen mit meiner Tochter neulich noch mal angeschaut und bekam wieder Gänsehaut. Aber meine Tochter interessierte sich mehr dafür, wie Witt nach ihrem Olympiasieg als Showgirl aufs Eis kam, in Lederjacke, zu Michael Jacksons Song Bad.Fast ein Kati-Witt-Moment: Hase/Volodin in Mailand Nikita Volodin aus St. Petersburg lief mit seiner damaligen Partnerin jahrelang auf Eisrevuen, tingelte „durch die Hallen zwischen Krasnojarsk und Tscheljabinsk“. Dann kam 2022 der Anruf, er solle sich mit Minerva Hase zusammentun. Sie hatte in jenem Jahr in Peking ihre Olympiapremiere, aber ihr Partner war direkt nach der Ankunft positiv auf Corona getestet worden, und nichts ging mehr.2025 wurden Hase und Volodin Europameister im Paarlauf, dann Silber bei den Weltmeisterschaften, jetzt Olympia. Und zeigten in ihrem Kurzprogramm einen Weltklasse-Tango. Sie lagen vorn, die Goldmedaille in Mailand war nahe.Es war fast ein Katarina-Witt-Moment, als sie am Montag spätabends aufs Eis kamen. Zuvor hatte das japanische Duo Miura/Kihara eine sagenhafte Gladiator-Kür gezeigt. Hase und Volodin verzauberten mit Choreografie, Musik und Kostümen, patzten bei den Sprüngen und fielen auf Rang 3. Das Duo aus Japan gewann. Nach ihrer Kür verneigte sich Hase vor ihnen. Eine große Geste.Was macht Surya Bonaly? Den verbotenen Backflip Ich musste wieder an die französische Läuferin denken, als ich Ilia Malinin im Kurzprogramm in Mailand sah und er den Rückwärtssalto sprang. An Surya Bonaly, in ihrem glitzernden mintgrünen Kleid, wie sie bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998 aufs Eis kam.Sie wusste, dass sie nicht mehr gewinnen konnte, aber man merkte ihr das nicht an. Sie lief ihre Kür und machte plötzlich den verbotenen Backflip, trotz schwerer Verletzung der Achillessehne. Und sie stand – felsenfest auf ihren Kufen. Unfassbar!Für Bonaly war es eine Trotzreaktion, weil sie sich um den Sieg betrogen fühlte und sowieso nichts mehr zu verlieren hatte. Sie hat keine Medaille bekommen, aber sie hat Geschichte geschrieben, als erste Eiskunstläuferin, der das gelungen ist.In Mailand reden nun wieder alle vom „Bonaly-Flip“, diesem Rückwärtssalto, wegen der Männer. Für die ist es kein Wagnis, denn der Backflip ist heute vollkommen legal, das Verbot der spektakulären Überschläge ist im Jahr 2025 aufgehoben worden.Das Märchen von Sarajevo, eine Jahrhundertkür Am Anfang knien sie beide sekundenlang auf dem Eis. Man hält den Atem an, als Jayne Torvill und Christopher Dean dann den Boléro tanzen, 1984 in Sarajevo. Auch ihre größten Konkurrenten, sie kamen vor allen Dingen aus der Sowjetunion, zogen den Hut vor dieser Traumkür.Vier Minuten und 28 Sekunden. Ewig. Schon diese Kostüme, das zarte Blau und Schwarz. Die sich steigernden Klänge von Maurice Ravels Stück und die atemloser, wuchtiger werdenden Bewegungen der beiden. Sie fließen ineinander. Düstere Bässe, aber Torvell/Dean fliegen in Olympias Himmel.Sie erhalten zwölfmal die Note 6,0, das hat es in dieser Sportart nur dieses eine Mal gegeben. Jeder war hingerissen. Torvell/Dean und Boléro, das war nicht mehr zu trennen. Sie revolutionierten mit ihrer Kür den Eistanz, brachen mit allem Althergebrachten. Der klassische Balletttanz war passé. Auf dem Eis wurden von nun an Geschichten erzählt. Sie holten Gold und brachen damit die jahrelange russische Dominanz.Die beiden Brians und das rote JumpsuitBrian Orser oder Brian Boitano, es war eine Glaubensfrage. Grandios waren sie natürlich beide, aber der Kanadier Brian Orser lief anmutiger, verspielter, so wie ein Panther. Und Brian Boitano, der Ami, war der Sportlichere und begeisterte die Leute mit seinem Spread Eagle, dem Spreizadler, und mit seinen Dreifach-Sprüngen (damals spitzenmäßig).Orser hingegen war feiner, der Künstler. 1988 trat er in Calgary im roten 80er-Jahre-Jumpsuit auf, mit Schulterpolstern und goldenen Blättern besetzt. Er tanzte zur Musik von Schostakowitschs Ballett Der Bolzen. Er musste einfach gewinnen.Aber Boitano, der als Napoleon auflief (samt Marseillaise), hatte die besseren Nerven und die bessere Technik. Boitano holte Gold. Allerdings war die Wertung extrem knapp. Bald darauf hat die Internationale Eislauf-Union erklärt, nicht die technische Leistung, sondern der künstlerische Ausdruck solle in Zukunft mehr Gewicht haben, wenn es so eng wird. Welcher Brian hätte dann gewonnen?



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