Als die Literaturzeitschrift Krachkultur vor Jahren den Text eines bis dato völlig unbekannten Autors veröffentlichte, ahnte Herausgeber Martin Brinkmann nicht, was für eine Entdeckung er da gemacht hatte. Seitdem wirbt er damit, dass das Büchermagazin Bestseller-Autoren von Morgen rausbringt. Saša Stanišić ist genau das geworden, und es passt, dass seine Erfolgsgeschichte mit einer verrückten Geschichte beginnt, denn das ist dann schon mal der erste Beweis für die Wirkkraft der Worte.
Längst ist Stanišić eine etablierte Stimme im Literaturbetrieb. Doch anders als andere Erwachsenenautoren, die gelegentlich behaupten, ein Kinderbuch aus dem Ärmel zu schütteln, führte ihn sein Schreiben zwar ebenfalls zur Kinderliteratur, aber er schaut nicht darauf herab, er lässt sich ein, immer, wie es schon Erich Kästner gefordert hat, auf Augenhöhe mit seinem Publikum. Stanišić nimmt Kinder ernst, indem er sie glänzend unterhält und in sein Nachdenken über die Bedeutung und Möglichkeiten der Sprache einbezieht.
Das zieht sich durch sein Werk. Erzählen heißt, „den Härten und dem Leid der Menschen etwas entgegenzusetzen“, steht in seinem Essay-Band Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Eine Ermutigung (Luchterhand 2025). Auch in seinem Kinderroman Wolf (Carlsen 2023) folgt der Autor dem Ansatz der Mutmachung durch Geschichten.
Geschichten verbessern die Welt
„Ich warte darauf, dass Jörg den Satz repariert und beendet“, heißt es da, „Jörg aber klettert auf einen ersten Schnarchgipfel.“ Es ist Nacht, es ist Sommer, im Ferienlager wird Jörg, typischer Außenseiter, von einer Jungs-Clique gemobbt. Ich-Erzähler Kemi ist erstmal keine Hilfe. Als überzeugter Einzelgänger lehnt er Gruppengedöns ab, Bäume mag er nur als Schrank, andere Kinder mag er nur aus der Ferne. Lieber denkt er sich Geschichten aus.
Sein „Faible für besondere Worte“ hat der Autor an seinen Protagonisten weitergegeben. „Andersig“ ist ein solches Wort. Veränderungspotential schwingt mit, Abwertung wird zu Charakterstärke umgedeutet, Erzählen kann die Welt verbessern: „Das Leben, das ich mir in Geschichten vorstelle“, sagt Kemi, „ist das bessere Leben.“
Das taugt als schriftstellerisches Credo und unbeirrbare Utopie. Der Roman handelt von Ausgrenzung und Selbstermächtigung, illustriert von Regina Kehn wurde er mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2024 ausgezeichnet.
Das ist witzig, anarchisch und klug
Aus einem bissigen Kommentator und Miesepeter wird in Wolf doch noch ein guter Freund. Apropos Peter: In Pandaband. Wie die Pandas mal Musik zum Frühstück hatten (Carlsen 2021) macht der Text die Rechnung zunächst wieder ohne den Erzähler. „Also, nein, nein, nein“, mischt der sich ein, „so doch nicht! Erstens: viel zu langer Satz. Zweitens: Warum sollte ein Panda, der noch dazu in China lebt, Peter heißen? Warum sollte er überhaupt heißen?“
Ja – warum nur? Darüber lässt sich trefflich nachdenken, schon wird eine Meta-Ebene bespielt, das gehört zu Stanišićs Literaturverständnis dazu. Nichts passiert umsonst, Präzision und Aberwitz zeichnen sein Schreiben aus. Manchmal fängt das mit den Namen an.
Der Ich-Erzähler aus Wolf wird seinen Namen erst im letzten Satz preisgeben. Angesichts der hohen Alliterations-Dichte bei Kinderbuchfiguren (warum heißen die bloß immer Benjamin Blümchen oder Karla Kolumna?) könnte Panda Peter ein Schmäh sein – hier ist er Ausgangspunkt unbändiger Erfindungslust. Im Seitenumdrehen wird aus Peter „Nicht-Peter“, der übrigens astrein „Pflöte“ spielt. Ach so, daher weht das P.!
Das ist witzig, anarchisch, klug, denn es umkreist die Frage, was wirklich, wahrscheinlich, wahrhaftig, was möglich ist – fürs Erzählen gilt: immer alles. Und so wird munter weiter gestabreimt und rhythmisch gerockt. Sprache ist Spaß, Sprache ist Spiel, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, alle können einsteigen, Kinder sowieso, wenn man sie denn lässt. Das bereichert die Kinderliteratur.
Saša Stanišić lockt in das Reich der Fantasie
Saša Stanišić weiß das. Mit seinem Kinderbuchdebüt hat er ein Fest der Anfänge hingelegt: Taxifahrten werden zum Auftakt abgefahrener Abenteuer, Kinder können sie weitererzählen. Der Lockruf ins Reich der Fantasie: Hey, hey, hey, Taxi! (Mairisch 2021).
Mit einem verrückten Taxi geht es durch die Welt, durchs All bis zum Mond, zu Zwergen, Drachen, Robotern, Piraten. Die Illustratorin Katja Spitzer antwortet aufs Ideenfeuerwerk mit einem knallbunten Farbfeuerwerk. Wie Kreativität Fahrt aufnimmt, machen beide vor.
Die Magie des Erzählens ist gesetzt, inzwischen schon in zweiter Generation: Den Folgeband Hey, hey, hey, Taxi! 2 (Mairisch 2024) haben sich Vater und Sohn Stanišić gemeinsam ausgedacht. Denn so ist das mit den Worten: Sie beflügeln, hinterfragen, stärken, retten. Sie lassen wachsen – über sich hinaus. Kein Wunder, dass einer, dessen Weg mit einer verrückten Geschichte begonnen hat, nun selbst solche Geschichten erzählt – auch und gerade für Kinder.
Wolf Saša Stanišić Carlsen 2023, 192 S., 14 €
In Pandaband. Wie die Pandas mal Musik zum Frühstück hatten Saša Stanišić (Carlsen 2021) 79 S., 12 €
Hey, hey, hey, Taxi! Saša Stanišić Mairisch 2021, 96 S., 20 €
Hey, hey, hey, Taxi! 2 Saša Stanišić Mairisch 2024, 88 S., 20 €
ls zur Kinderliteratur, aber er schaut nicht darauf herab, er lässt sich ein, immer, wie es schon Erich Kästner gefordert hat, auf Augenhöhe mit seinem Publikum. Stanišić nimmt Kinder ernst, indem er sie glänzend unterhält und in sein Nachdenken über die Bedeutung und Möglichkeiten der Sprache einbezieht.Das zieht sich durch sein Werk. Erzählen heißt, „den Härten und dem Leid der Menschen etwas entgegenzusetzen“, steht in seinem Essay-Band Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Eine Ermutigung (Luchterhand 2025). Auch in seinem Kinderroman Wolf (Carlsen 2023) folgt der Autor dem Ansatz der Mutmachung durch Geschichten. Geschichten verbessern die Welt„Ich warte darauf, dass Jörg den Satz repariert und beendet“, heißt es da, „Jörg aber klettert auf einen ersten Schnarchgipfel.“ Es ist Nacht, es ist Sommer, im Ferienlager wird Jörg, typischer Außenseiter, von einer Jungs-Clique gemobbt. Ich-Erzähler Kemi ist erstmal keine Hilfe. Als überzeugter Einzelgänger lehnt er Gruppengedöns ab, Bäume mag er nur als Schrank, andere Kinder mag er nur aus der Ferne. Lieber denkt er sich Geschichten aus.Sein „Faible für besondere Worte“ hat der Autor an seinen Protagonisten weitergegeben. „Andersig“ ist ein solches Wort. Veränderungspotential schwingt mit, Abwertung wird zu Charakterstärke umgedeutet, Erzählen kann die Welt verbessern: „Das Leben, das ich mir in Geschichten vorstelle“, sagt Kemi, „ist das bessere Leben.“Das taugt als schriftstellerisches Credo und unbeirrbare Utopie. Der Roman handelt von Ausgrenzung und Selbstermächtigung, illustriert von Regina Kehn wurde er mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2024 ausgezeichnet. Das ist witzig, anarchisch und klugAus einem bissigen Kommentator und Miesepeter wird in Wolf doch noch ein guter Freund. Apropos Peter: In Pandaband. Wie die Pandas mal Musik zum Frühstück hatten (Carlsen 2021) macht der Text die Rechnung zunächst wieder ohne den Erzähler. „Also, nein, nein, nein“, mischt der sich ein, „so doch nicht! Erstens: viel zu langer Satz. Zweitens: Warum sollte ein Panda, der noch dazu in China lebt, Peter heißen? Warum sollte er überhaupt heißen?“Ja – warum nur? Darüber lässt sich trefflich nachdenken, schon wird eine Meta-Ebene bespielt, das gehört zu Stanišićs Literaturverständnis dazu. Nichts passiert umsonst, Präzision und Aberwitz zeichnen sein Schreiben aus. Manchmal fängt das mit den Namen an.Der Ich-Erzähler aus Wolf wird seinen Namen erst im letzten Satz preisgeben. Angesichts der hohen Alliterations-Dichte bei Kinderbuchfiguren (warum heißen die bloß immer Benjamin Blümchen oder Karla Kolumna?) könnte Panda Peter ein Schmäh sein – hier ist er Ausgangspunkt unbändiger Erfindungslust. Im Seitenumdrehen wird aus Peter „Nicht-Peter“, der übrigens astrein „Pflöte“ spielt. Ach so, daher weht das P.!Das ist witzig, anarchisch, klug, denn es umkreist die Frage, was wirklich, wahrscheinlich, wahrhaftig, was möglich ist – fürs Erzählen gilt: immer alles. Und so wird munter weiter gestabreimt und rhythmisch gerockt. Sprache ist Spaß, Sprache ist Spiel, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, alle können einsteigen, Kinder sowieso, wenn man sie denn lässt. Das bereichert die Kinderliteratur.Saša Stanišić lockt in das Reich der FantasieSaša Stanišić weiß das. Mit seinem Kinderbuchdebüt hat er ein Fest der Anfänge hingelegt: Taxifahrten werden zum Auftakt abgefahrener Abenteuer, Kinder können sie weitererzählen. Der Lockruf ins Reich der Fantasie: Hey, hey, hey, Taxi! (Mairisch 2021).Mit einem verrückten Taxi geht es durch die Welt, durchs All bis zum Mond, zu Zwergen, Drachen, Robotern, Piraten. Die Illustratorin Katja Spitzer antwortet aufs Ideenfeuerwerk mit einem knallbunten Farbfeuerwerk. Wie Kreativität Fahrt aufnimmt, machen beide vor.Die Magie des Erzählens ist gesetzt, inzwischen schon in zweiter Generation: Den Folgeband Hey, hey, hey, Taxi! 2 (Mairisch 2024) haben sich Vater und Sohn Stanišić gemeinsam ausgedacht. Denn so ist das mit den Worten: Sie beflügeln, hinterfragen, stärken, retten. Sie lassen wachsen – über sich hinaus. Kein Wunder, dass einer, dessen Weg mit einer verrückten Geschichte begonnen hat, nun selbst solche Geschichten erzählt – auch und gerade für Kinder.