Akademiker länger als Maurer arbeiten zu lassen, klingt auf den ersten Blick gerecht. Doch der Vorschlag hat Tücken: Die geplante Reform trifft die Falschen und vertieft die Kluft zwischen prekären und privilegierten Berufsgruppen


Körperlich harte Arbeit lässt sich bis zur Rente kaum durchhalten

Foto: Sascha Steinach/picture alliance


Fröhliche Weihnachten! Der Gabentisch für 2026 ist gedeckt.

Großunternehmen können sich über einen staatlich subventionierten Industriestrompreis freuen und die Senkung der Körperschaftssteuer. Auch an sich selbst haben Politiker gedacht: Sie dürfen bei Flügen unter vier Stunden nun wieder Business-Klasse buchen und müssen sich nicht (zu viel Volksnähe!) neben den Plebs quetschen. Damit es ihren Parteien gut geht, haben sie den Parteispendenabzug verdoppelt.

Bürgergeld-Empfänger:innen beschert die Koalition dagegen eine Nullrunde und verschärfte Sanktionen, das Deutschlandticket wird teurer, Heizen sowieso, das Kindergeld steigt um schlappe vier Euro. Wie es mit den Sozialbeiträgen im neuen Jahr weitergeht, weiß niemand, wahrscheinlich werden sie erhöht, obwohl genau das noch vor Kurzem ausgeschlossen wurde. Die Krankenkassen haben den Bund jetzt erst mal verklagt, ihre Schulden für die Beiträge von Bürgergeldbezieher:innen zu begleichen.

Und der Kanzler? Der predigt zur weihnachtlichen Erbauung: mehr und länger zu arbeiten, bitteschön.

Die Angst vor Altersarmut treibt die Emotionen an

Das trifft einen neuralgischen Punkt. Denn das Gefühl, dass es ungerecht zugeht in der Republik, sitzt tief, dafür muss man nur die Vermögensverteilungen aufrufen. Die Rente ist ein Trigger, die Angst vor Altersarmut, insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, treibt Emotionen. Denn im Alter, das weiß jede und jeder, ist es gelaufen, da gibt es keine Aussicht mehr auf Aufstieg und wachsenden Wohlstand.

Deshalb bedeuten die 48 Prozent, die Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) so nachdrücklich als „Haltelinie“ für ein auskömmliches Rentenniveau verteidigt, viel mehr als eine Zahl. Für viele Alte ist selbst das viel zu wenig, 67,3 Prozent aller Rentnerinnen erhielten 2024 eine Bruttorente von unter 1.200 Euro (brutto, wohlgemerkt!), selbst bei Männern sind es 41,7 Prozent.

Die Marke von 48 Prozent symbolisiert: Weniger ist nicht zumutbar. Selbst wenn ein Drittel der Westrentner:innen noch von einer Betriebs- oder privaten Zusatzversorgung profitiert, die es im Osten weitgehend nicht gibt: Viele Ruheständler müssen sich schon heute nach der Decke strecken. Von „auskömmlicher Rente“, die Bas im Munde führt, kann kaum die Rede sein. Der steigende Anteil derjenigen, die nach Renteneintritt noch erwerbstätig sind – bislang ohne Aktivrentenzuschlag – spricht für sich. Sinnerfüllung? Eher schlichte Not.

Tiefe Gräben durch den Aufstand der Jungen Union

Der Aufstand der jungen Abgeordneten in der Union, für die die Rente – man kann es nur wiederholen – kein existenzielles Anliegen ist, hat aber, trotz vorläufiger Befriedung durch die nötigende Zustimmung zum Rentenpaket, tiefe Gräben aufgerissen. Denn worauf sie indirekt aufmerksam gemacht haben, ist, dass sich die Rente zukünftig nicht mehr in gewohntem Maß über den Faktor Arbeit finanzieren lässt. Hätten die jungen Wilden das so klar formuliert, wäre ihnen Beifall von überraschender Seite sicher gewesen.

Statt Tech-Milliardäre oder andere Kapitalbesitzer, die von den riesigen Produktivitätsgewinnen der vergangenen Jahrzehnte profitiert haben, in die Pflicht zu nehmen, ging es ihnen um eine Verschiebung der Lasten ausschließlich auf die Erwerbstätigen. Fast alle Anregungen, die bislang das Auftragsbuch der Rentenkommission füllen, bleiben in dieser Logik.

Das gilt selbst dann, wenn Beamte und Selbstständige, was derzeit wenig wahrscheinlich ist, in das System einbezogen würden. Dafür überschlagen sich nun die Vorschläge, die die Gruppen der Beitragszahlenden immer stärker auseinanderdividieren.

Sesselpupser gegen Malocher? Warum die Regierungspläne falsch sind

Ganz oben auf der Agenda, von Bas halb abgenickt, steht der Wunsch, dass nun Beitragsjahre über den Renteneintritt entscheiden sollen. Wer als Akademiker mit 30 ins Berufsleben eintritt, soll länger arbeiten als ein Maurer, der mit 16 angefangen hat.

Klingt irgendwie gerecht, denn die viel zitierten „Sesselpupser“ sind in der Regel gesünder als Leute, die auf dem Dach krauchen oder Patienten hochstemmen. Nur: Die sind schon heute mit spätestens Ende 50 weg vom Erwerbsfenster. Und auch ein gut bezahlter Facharbeiter bei Benz kann nach 45 Beitragsjahren gehen.

Studierte Frauen, deren Karrierewege durch Kinder und andere Betreuungsleistungen nicht so linear verlaufen, dürften sich dagegen fragen: „Oops, und was ist mit uns?“ Und was ist mit den Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden, weil das Bildungssystem sie ausgespuckt hat? Was mit den akademisch ausgebildeten, ausgebrannten Erzieherinnen oder mit den in Deutschland Gestrandeten, die erst gar nicht arbeiten durften? Sollen die ewig weiterarbeiten?

Merken Sie was? Es geht immer so weiter: Die guten Emigranten und die, die wir nicht brauchen können. Die „hart Arbeitenden“ und die, die in der Hängematte liegen. Jetzt das Auszählen der Beitragsjahre. Für die Rentenkasse bringt der Plan ohnehin nicht viel, weil Erwerbstätige mit gutem Verdienst bei längeren Beitragszeiten auch mit höheren Renten belohnt werden.

Die Folge solcher Debatten ist aber der weitere Verfall der Solidarität. Das wird sich noch verstärken, wenn es um die geplante private Vorsorge geht oder das Primärarztsystem, aus dem man sich herauskaufen kann: Die nächste Bescherung, die ansteht.

Banal und ermüdend, solche Wiederholungen. Aber notwendig.

Heizen sowieso, das Kindergeld steigt um schlappe vier Euro. Wie es mit den Sozialbeiträgen im neuen Jahr weitergeht, weiß niemand, wahrscheinlich werden sie erhöht, obwohl genau das noch vor Kurzem ausgeschlossen wurde. Die Krankenkassen haben den Bund jetzt erst mal verklagt, ihre Schulden für die Beiträge von Bürgergeldbezieher:innen zu begleichen.Und der Kanzler? Der predigt zur weihnachtlichen Erbauung: mehr und länger zu arbeiten, bitteschön.Die Angst vor Altersarmut treibt die Emotionen anDas trifft einen neuralgischen Punkt. Denn das Gefühl, dass es ungerecht zugeht in der Republik, sitzt tief, dafür muss man nur die Vermögensverteilungen aufrufen. Die Rente ist ein Trigger, die Angst vor Altersarmut, insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, treibt Emotionen. Denn im Alter, das weiß jede und jeder, ist es gelaufen, da gibt es keine Aussicht mehr auf Aufstieg und wachsenden Wohlstand.Deshalb bedeuten die 48 Prozent, die Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) so nachdrücklich als „Haltelinie“ für ein auskömmliches Rentenniveau verteidigt, viel mehr als eine Zahl. Für viele Alte ist selbst das viel zu wenig, 67,3 Prozent aller Rentnerinnen erhielten 2024 eine Bruttorente von unter 1.200 Euro (brutto, wohlgemerkt!), selbst bei Männern sind es 41,7 Prozent.Die Marke von 48 Prozent symbolisiert: Weniger ist nicht zumutbar. Selbst wenn ein Drittel der Westrentner:innen noch von einer Betriebs- oder privaten Zusatzversorgung profitiert, die es im Osten weitgehend nicht gibt: Viele Ruheständler müssen sich schon heute nach der Decke strecken. Von „auskömmlicher Rente“, die Bas im Munde führt, kann kaum die Rede sein. Der steigende Anteil derjenigen, die nach Renteneintritt noch erwerbstätig sind – bislang ohne Aktivrentenzuschlag – spricht für sich. Sinnerfüllung? Eher schlichte Not.Tiefe Gräben durch den Aufstand der Jungen UnionDer Aufstand der jungen Abgeordneten in der Union, für die die Rente – man kann es nur wiederholen – kein existenzielles Anliegen ist, hat aber, trotz vorläufiger Befriedung durch die nötigende Zustimmung zum Rentenpaket, tiefe Gräben aufgerissen. Denn worauf sie indirekt aufmerksam gemacht haben, ist, dass sich die Rente zukünftig nicht mehr in gewohntem Maß über den Faktor Arbeit finanzieren lässt. Hätten die jungen Wilden das so klar formuliert, wäre ihnen Beifall von überraschender Seite sicher gewesen.Statt Tech-Milliardäre oder andere Kapitalbesitzer, die von den riesigen Produktivitätsgewinnen der vergangenen Jahrzehnte profitiert haben, in die Pflicht zu nehmen, ging es ihnen um eine Verschiebung der Lasten ausschließlich auf die Erwerbstätigen. Fast alle Anregungen, die bislang das Auftragsbuch der Rentenkommission füllen, bleiben in dieser Logik.Das gilt selbst dann, wenn Beamte und Selbstständige, was derzeit wenig wahrscheinlich ist, in das System einbezogen würden. Dafür überschlagen sich nun die Vorschläge, die die Gruppen der Beitragszahlenden immer stärker auseinanderdividieren.Sesselpupser gegen Malocher? Warum die Regierungspläne falsch sindGanz oben auf der Agenda, von Bas halb abgenickt, steht der Wunsch, dass nun Beitragsjahre über den Renteneintritt entscheiden sollen. Wer als Akademiker mit 30 ins Berufsleben eintritt, soll länger arbeiten als ein Maurer, der mit 16 angefangen hat.Klingt irgendwie gerecht, denn die viel zitierten „Sesselpupser“ sind in der Regel gesünder als Leute, die auf dem Dach krauchen oder Patienten hochstemmen. Nur: Die sind schon heute mit spätestens Ende 50 weg vom Erwerbsfenster. Und auch ein gut bezahlter Facharbeiter bei Benz kann nach 45 Beitragsjahren gehen.Studierte Frauen, deren Karrierewege durch Kinder und andere Betreuungsleistungen nicht so linear verlaufen, dürften sich dagegen fragen: „Oops, und was ist mit uns?“ Und was ist mit den Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden, weil das Bildungssystem sie ausgespuckt hat? Was mit den akademisch ausgebildeten, ausgebrannten Erzieherinnen oder mit den in Deutschland Gestrandeten, die erst gar nicht arbeiten durften? Sollen die ewig weiterarbeiten?Merken Sie was? Es geht immer so weiter: Die guten Emigranten und die, die wir nicht brauchen können. Die „hart Arbeitenden“ und die, die in der Hängematte liegen. Jetzt das Auszählen der Beitragsjahre. Für die Rentenkasse bringt der Plan ohnehin nicht viel, weil Erwerbstätige mit gutem Verdienst bei längeren Beitragszeiten auch mit höheren Renten belohnt werden.Die Folge solcher Debatten ist aber der weitere Verfall der Solidarität. Das wird sich noch verstärken, wenn es um die geplante private Vorsorge geht oder das Primärarztsystem, aus dem man sich herauskaufen kann: Die nächste Bescherung, die ansteht.Banal und ermüdend, solche Wiederholungen. Aber notwendig.



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