Als Papst Leo XIV. im Mai zum ersten Mal vor die Gläubigen trat, weckte er bei vielen schon mit seinen ersten Worten große Hoffnungen: „La pace sia con tutti voi!“ – „Der Friede sei mit euch!“, rief er von der Benediktionsloggia des Petersdoms. Sein Vorgänger Franziskus hatte bereits versucht, die Rolle des Vatikans als diplomatischer Vermittler in internationalen Konflikten auszubauen. Doch mit seinen Versuchen, Russland und die Ukraine zu Verhandlungen zu drängen, war er gescheitert. Würde Leo die Arbeit seines Vorgängers fortsetzen? Würde er ein Papst des Friedens werden?
In den ersten Wochen seiner Amtszeit trat er jedenfalls geschickter auf, äußerte sich nur vorsichtig zum Konflikt und brachte, „damit sich die Feinde begegnen und einander in die Augen schauen können“, sogar den Vatikan als neutralen Ort von Friedensverhandlungen ins Spiel. Nachdem Donald Trump die Initiative des Heiligen Stuhls befürwortet hatte, schien es für einen kurzen Moment möglich, dass tatsächlich vom Vatikan die Initiative für einen Frieden in dem jahrelang andauernden Konflikt ausgehen könnte.
Hoffnungen haben sich nicht erfüllt
Diese Hoffnung hat sich seitdem nicht erfüllt. Am 4. Juni telefonierte Leo zwar mit Russlands Präsident Wladimir Putin, doch der lehnte Friedensverhandlungen auf vatikanischem Boden ab. Leo stellte kurz darauf die Beziehungen zur einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche nach oben auf seine Agenda und empfing Ende Juli den Außenamtsleiter des Moskauer Patriarchats, Metropolit Antonij, im Vatikan. Doch der ließ Leos Versuche, auf gemeinsame christliche Werte zu verweisen, abblitzen: „Ein Vermittler muss neutral sein. Ich bin nicht sicher, ob die katholische Kirche sich als neutral bezeichnen kann“, sagte der Unterhändler des Patriarchen Kyrill im Anschluss.
Die ersten Initiativen von Leo waren also wenig erfolgreich. Dennoch hat die Stimme des Heiligen Stuhls bei internationalen Auseinandersetzungen großes Gewicht. Eine ganze Reihe historischer Konflikte wurde durch Päpste und ihren Einfluss beendigt oder deeskaliert. Allein zwischen 1878 und 1903 agierte der Vatikan elf Mal als Vermittler bei internationalen Konflikten. Es war die Amtszeit von Leo XIII., unter dem der Vatikan erstmals systematisch als internationaler Streitvermittler auftrat. An diesen ersten Diplomaten-Papst lehnt sich auch der aktuelle Papst bei seiner Namenswahl an.
Andere Päpste waren seitdem mit ihrer Diplomatie ähnlich erfolgreich: Johannes XXIII., der 1958 als Papst antrat, wird außerdem maßgeblicher Einfluss auf die Deeskalation der Kuba-Krise 1962 zugeschrieben. Und auch Franziskus ist zwar mit der Vermittlung zwischen Russland und der Ukraine gescheitert, sorgte aber sowohl für die Annäherung zwischen Kuba und den USA als auch für erste Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien im Südsudan.
„Nie wieder Krieg“
Auch wenn Papst Leo also bislang mit seinen konkreten Initiativen kaum Erfolg hatte, könnte sich das in Zukunft noch ändern. Es scheint jedenfalls eine der Prioritäten des neuen Papstes zu sein. Schon beim ersten Sonntagsgebet nach seinem Amtsantritt knüpfte er jedenfalls explizit an seinen Vorgänger Franziskus an, der immer wieder vor einem „Weltkrieg auf Raten“ gewarnt hatte. In die jubelnde Menge rief Leo damals die Worte: „Nie wieder Krieg!“ Es ist dieser universelle Standpunkt, der auch bei Franziskus dazu geführt hat, dass er sich im Zweifelsfall gegen die Mehrheitsmeinung westlicher Regierungen gestellt hat.
Von diesem universellen Standpunkt ist jedoch bei der katholischen Kirche in Deutschland in den vergangenen Jahren wenig übriggeblieben. Einmal im Jahr nimmt etwa die Konferenz der deutschen Bischöfe ausführlich zum Krieg in der Ukraine Stellung. In ihren Statements wird klar, dass sie kaum noch als geistliche Instanz mit überzeitlichem Blick auftreten. Stattdessen unterstützen sie meist schlicht den weltlichen Kurs der Bundesregierung.
So forderten die Bischöfe 2022 explizit, dass „die Ukraine weiter in ihrem Abwehrkampf unterstützt werden muss“. 2023 sollten dann zwar „alle Spielräume für einen Dialog genutzt werden“. Jedoch nicht ohne den Zusatz, „dass die Ukraine nicht in Verhandlungen hineingepresst werden darf, die angesichts der konkreten Umstände nicht auf einen gerechten Frieden, sondern auf Unterwerfung hinauslaufen würden.“ Konkret hieß das, im Zweifelsfall eben nicht auf den Dialog und einen – wenn auch ungerechten – Frieden zu setzen, sondern das Kämpfen und Sterben weiter zu verlängern.
Liest sich eher wie eine nationale Sicherheitsstrategie
2024 veröffentlichten die Deutschen Bischöfe dann ein ausführliches „Friedenswort“, das in der Tradition ähnlicher friedensethischer Grundlagentexte aus den Jahren 1983 und 2000 steht. Wer sich von dem 170-seitigen Dokument jedoch tiefschürfende, grundsätzliche Antworten erwartete, der wurde enttäuscht. Denn das Dokument liest sich eher wie eine nationale Sicherheitsstrategie, denn wie ein theologisches Traktat.
Da ist die Rede von „Rüstungsanstrengungen“, die die Bischöfe „gegenwärtig als unverzichtbares Element“ ansehen. Und statt darauf hinzuweisen, dass es ja gerade die Nationalstaaten sind, die ihre Bürger zwingen, in den Krieg zu ziehen, drehen sie das Verhältnis völlig um und schreiben, dass der Staat, „um seine Bürgerschaft vor Gewalt schützen zu können, in der Lage sein muss, notfalls Gewaltmittel einzusetzen.“
Die Bischöfe warnen außerdem, entgegen dem Ansatz, der die Amtszeit von Franziskus geprägt hat und der auch die von Leo zu prägen scheint, vor einer „chaotischen Form der sogenannten multipolaren Welt“. Eine multipolare Welt schien für Franziskus aber nicht bloß Gefahren, sondern vor allen Dingen Hoffnung zu beinhalten. Denn er hat den Blick aktiv von den westlichen Hauptstädten abwenden und stattdessen auf die Peripherie schauen wollen. Auch mit der konkreten Beförderung von Amtsträgern aus diesen Ländern (zu denen auch der peruanische Staatsbürger Robert Prevost gehörte, der inzwischen den Namen Leo XIV. trägt), entwickelte Franziskus das diplomatische Netzwerk der Weltkirche deutlich weiter.
Die deutschen Bischöfe vermengen hingegen den Angriffskrieg Russlands mit der geopolitischen Realität, dass der Westen seine Vormachtstellung, wenn auch nicht einbüßen, so doch in den vergangenen Jahren relativieren musste. Auch hier entscheiden sie sich also für einen engen, partikularen Blick, statt für den universalistischen einer Weltkirche.
Eine multipolare Welt schien für Franziskus nicht bloß Gefahren, sondern vor allen Dingen Hoffnung zu beinhalten
Und so befinden sich die Deutschen Bischöfe auch 2025 voll auf Linie mit der deutschen Regierung, wenn sie kritisieren, dass die Konzessionen, die die USA von der Ukraine abverlangt, um zu einem Frieden zu gelangen, „bisher nicht denkbar erschienen und kaum gerechtfertigt werden können.“ Obwohl sie sich dann formell für einen Verhandlungsweg aussprechen, folgt kurz darauf ein großes „Aber“: „Aber wir halten es für inakzeptabel, wenn der Aggressor und das Opfer eines militärischen Überfalls in der moralischen Bewertung und in der praktischen Politik auf eine Stufe gestellt werden“.
Ähnlich wie die Evangelische Kirche in Deutschland, warnen die Bischöfe in ihrer Friedensschrift, dass „ein kurzfristiger Friedensschluss mit Russland keinen langfristigen Frieden in Europa bedeutet, wenn es keine belastbaren Sicherheitsgarantien für die Ukraine gibt.“
Vielleicht sollte man sich angesichts dieser Stellungnahmen der deutschen Bischöfe noch einmal an Papst Franziskus erinnern. Der erklärte vor drei Jahren bei einem Besuch in Kasachstan, dass das „Heilige nicht durch das Profane instrumentalisiert“ werden dürfe. Wer als Bischof der zweitausendjährigen Weltkirche positiv über die „Rüstungsanstrengungen“ und „Gewaltmittel“ spricht, die ein Staat gerade nun mal auf sich nehmen muss, tut hingegen genau das.
Aus Leos traditionellem und universalistischem „Nie wieder Krieg!“ wird so bei den deutschen Bischöfen ein weltlich-pragmatisches „Lieber Krieg als ein Frieden ohne belastbare Sicherheitsgarantien.“ Der Geist der Bergpredigt – „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ – ist in diesem Dokument nicht mehr anwesend.
Ersetzt wurde er durch eine Kriegsethik, die auch jeder Ungläubige anführen würde: Krieg sollte man demnach nicht führen – außer man hat gute Gründe dazu. Um noch einmal die Bergpredigt zu zitieren: „Tun nicht dasselbe auch die Heiden?“
den ersten Wochen seiner Amtszeit trat er jedenfalls geschickter auf, äußerte sich nur vorsichtig zum Konflikt und brachte, „damit sich die Feinde begegnen und einander in die Augen schauen können“, sogar den Vatikan als neutralen Ort von Friedensverhandlungen ins Spiel. Nachdem Donald Trump die Initiative des Heiligen Stuhls befürwortet hatte, schien es für einen kurzen Moment möglich, dass tatsächlich vom Vatikan die Initiative für einen Frieden in dem jahrelang andauernden Konflikt ausgehen könnte. Hoffnungen haben sich nicht erfülltDiese Hoffnung hat sich seitdem nicht erfüllt. Am 4. Juni telefonierte Leo zwar mit Russlands Präsident Wladimir Putin, doch der lehnte Friedensverhandlungen auf vatikanischem Boden ab. Leo stellte kurz darauf die Beziehungen zur einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche nach oben auf seine Agenda und empfing Ende Juli den Außenamtsleiter des Moskauer Patriarchats, Metropolit Antonij, im Vatikan. Doch der ließ Leos Versuche, auf gemeinsame christliche Werte zu verweisen, abblitzen: „Ein Vermittler muss neutral sein. Ich bin nicht sicher, ob die katholische Kirche sich als neutral bezeichnen kann“, sagte der Unterhändler des Patriarchen Kyrill im Anschluss.Die ersten Initiativen von Leo waren also wenig erfolgreich. Dennoch hat die Stimme des Heiligen Stuhls bei internationalen Auseinandersetzungen großes Gewicht. Eine ganze Reihe historischer Konflikte wurde durch Päpste und ihren Einfluss beendigt oder deeskaliert. Allein zwischen 1878 und 1903 agierte der Vatikan elf Mal als Vermittler bei internationalen Konflikten. Es war die Amtszeit von Leo XIII., unter dem der Vatikan erstmals systematisch als internationaler Streitvermittler auftrat. An diesen ersten Diplomaten-Papst lehnt sich auch der aktuelle Papst bei seiner Namenswahl an.Andere Päpste waren seitdem mit ihrer Diplomatie ähnlich erfolgreich: Johannes XXIII., der 1958 als Papst antrat, wird außerdem maßgeblicher Einfluss auf die Deeskalation der Kuba-Krise 1962 zugeschrieben. Und auch Franziskus ist zwar mit der Vermittlung zwischen Russland und der Ukraine gescheitert, sorgte aber sowohl für die Annäherung zwischen Kuba und den USA als auch für erste Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien im Südsudan.„Nie wieder Krieg“Auch wenn Papst Leo also bislang mit seinen konkreten Initiativen kaum Erfolg hatte, könnte sich das in Zukunft noch ändern. Es scheint jedenfalls eine der Prioritäten des neuen Papstes zu sein. Schon beim ersten Sonntagsgebet nach seinem Amtsantritt knüpfte er jedenfalls explizit an seinen Vorgänger Franziskus an, der immer wieder vor einem „Weltkrieg auf Raten“ gewarnt hatte. In die jubelnde Menge rief Leo damals die Worte: „Nie wieder Krieg!“ Es ist dieser universelle Standpunkt, der auch bei Franziskus dazu geführt hat, dass er sich im Zweifelsfall gegen die Mehrheitsmeinung westlicher Regierungen gestellt hat.Von diesem universellen Standpunkt ist jedoch bei der katholischen Kirche in Deutschland in den vergangenen Jahren wenig übriggeblieben. Einmal im Jahr nimmt etwa die Konferenz der deutschen Bischöfe ausführlich zum Krieg in der Ukraine Stellung. In ihren Statements wird klar, dass sie kaum noch als geistliche Instanz mit überzeitlichem Blick auftreten. Stattdessen unterstützen sie meist schlicht den weltlichen Kurs der Bundesregierung. So forderten die Bischöfe 2022 explizit, dass „die Ukraine weiter in ihrem Abwehrkampf unterstützt werden muss“. 2023 sollten dann zwar „alle Spielräume für einen Dialog genutzt werden“. Jedoch nicht ohne den Zusatz, „dass die Ukraine nicht in Verhandlungen hineingepresst werden darf, die angesichts der konkreten Umstände nicht auf einen gerechten Frieden, sondern auf Unterwerfung hinauslaufen würden.“ Konkret hieß das, im Zweifelsfall eben nicht auf den Dialog und einen – wenn auch ungerechten – Frieden zu setzen, sondern das Kämpfen und Sterben weiter zu verlängern.Liest sich eher wie eine nationale Sicherheitsstrategie2024 veröffentlichten die Deutschen Bischöfe dann ein ausführliches „Friedenswort“, das in der Tradition ähnlicher friedensethischer Grundlagentexte aus den Jahren 1983 und 2000 steht. Wer sich von dem 170-seitigen Dokument jedoch tiefschürfende, grundsätzliche Antworten erwartete, der wurde enttäuscht. Denn das Dokument liest sich eher wie eine nationale Sicherheitsstrategie, denn wie ein theologisches Traktat. Da ist die Rede von „Rüstungsanstrengungen“, die die Bischöfe „gegenwärtig als unverzichtbares Element“ ansehen. Und statt darauf hinzuweisen, dass es ja gerade die Nationalstaaten sind, die ihre Bürger zwingen, in den Krieg zu ziehen, drehen sie das Verhältnis völlig um und schreiben, dass der Staat, „um seine Bürgerschaft vor Gewalt schützen zu können, in der Lage sein muss, notfalls Gewaltmittel einzusetzen.“Die Bischöfe warnen außerdem, entgegen dem Ansatz, der die Amtszeit von Franziskus geprägt hat und der auch die von Leo zu prägen scheint, vor einer „chaotischen Form der sogenannten multipolaren Welt“. Eine multipolare Welt schien für Franziskus aber nicht bloß Gefahren, sondern vor allen Dingen Hoffnung zu beinhalten. Denn er hat den Blick aktiv von den westlichen Hauptstädten abwenden und stattdessen auf die Peripherie schauen wollen. Auch mit der konkreten Beförderung von Amtsträgern aus diesen Ländern (zu denen auch der peruanische Staatsbürger Robert Prevost gehörte, der inzwischen den Namen Leo XIV. trägt), entwickelte Franziskus das diplomatische Netzwerk der Weltkirche deutlich weiter.Die deutschen Bischöfe vermengen hingegen den Angriffskrieg Russlands mit der geopolitischen Realität, dass der Westen seine Vormachtstellung, wenn auch nicht einbüßen, so doch in den vergangenen Jahren relativieren musste. Auch hier entscheiden sie sich also für einen engen, partikularen Blick, statt für den universalistischen einer Weltkirche.Eine multipolare Welt schien für Franziskus nicht bloß Gefahren, sondern vor allen Dingen Hoffnung zu beinhaltenUnd so befinden sich die Deutschen Bischöfe auch 2025 voll auf Linie mit der deutschen Regierung, wenn sie kritisieren, dass die Konzessionen, die die USA von der Ukraine abverlangt, um zu einem Frieden zu gelangen, „bisher nicht denkbar erschienen und kaum gerechtfertigt werden können.“ Obwohl sie sich dann formell für einen Verhandlungsweg aussprechen, folgt kurz darauf ein großes „Aber“: „Aber wir halten es für inakzeptabel, wenn der Aggressor und das Opfer eines militärischen Überfalls in der moralischen Bewertung und in der praktischen Politik auf eine Stufe gestellt werden“.Ähnlich wie die Evangelische Kirche in Deutschland, warnen die Bischöfe in ihrer Friedensschrift, dass „ein kurzfristiger Friedensschluss mit Russland keinen langfristigen Frieden in Europa bedeutet, wenn es keine belastbaren Sicherheitsgarantien für die Ukraine gibt.“ Vielleicht sollte man sich angesichts dieser Stellungnahmen der deutschen Bischöfe noch einmal an Papst Franziskus erinnern. Der erklärte vor drei Jahren bei einem Besuch in Kasachstan, dass das „Heilige nicht durch das Profane instrumentalisiert“ werden dürfe. Wer als Bischof der zweitausendjährigen Weltkirche positiv über die „Rüstungsanstrengungen“ und „Gewaltmittel“ spricht, die ein Staat gerade nun mal auf sich nehmen muss, tut hingegen genau das. Aus Leos traditionellem und universalistischem „Nie wieder Krieg!“ wird so bei den deutschen Bischöfen ein weltlich-pragmatisches „Lieber Krieg als ein Frieden ohne belastbare Sicherheitsgarantien.“ Der Geist der Bergpredigt – „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ – ist in diesem Dokument nicht mehr anwesend.Ersetzt wurde er durch eine Kriegsethik, die auch jeder Ungläubige anführen würde: Krieg sollte man demnach nicht führen – außer man hat gute Gründe dazu. Um noch einmal die Bergpredigt zu zitieren: „Tun nicht dasselbe auch die Heiden?“