Der Autor und Journalist Christoph Höhtker baut aus vielen Textgattungen ein Sammelsurium – samt Jugenderinnerungen, Ameisenplage, Suizidbegründungen und Chatprotokollen. Ein ambivalentes Vergnügen


„Ein Buch, das nicht scheitert, ist kein Buch“ lautet einer von Christoph Höhtkers Leitsätzen

Foto: Rafael Garcin/Unsplash


Im 18. Jahrhundert ließen Könige Ruinen bauen, weil sie das Hinfällige romantisch fanden und Zweckmäßigkeit nicht nötig hatten. Ein ähnlich privilegiertes Motiv schimmert durch Christoph Höhtkers Staaten, eine Romantik der abgebrochenen Texte, gesprenkelt mit boshafter Hellsichtigkeit und Sätzen für die Galerie wie „Von nun an ist der Tag auf sich allein gestellt“.

Fünf Manuskript-Trümmer fiktiver Autoren bilden, inklusive fiktiver Gedichte und Quellenangaben, den Großteil des fabulierwütigen 368-Seiten-Wusts, auf dessen Umschlag frech „Roman“ steht, obwohl Lyrik, Essay, Dreh- oder Tagebuch vieles im heterogenen Textgebilde besser träfe. Als hätte einer alle „Kadaver“ aus der Schublade geholt, die irgendwie als Fiktion durchgehen, gerahmt mit einem offenbar autofiktionalen Pflegebericht (der in Genf lebende Autor ist Bielefelder) über die Mutter des Ich-Schreibers „Toffi“ in Bielefeld-Heepen. Pflegekräfte werden organisiert, instruiert und bei Laune gehalten.

In spröder Eleganz spreizen sich Ellipsen

Dazu Jugenderinnerungen, Ameisenplage, Suizidbegründungen, Chatprotokolle. Immer wieder taucht die Witwe „eines der größten Massenmörder der Erdgeschichte“ auf (gemeint wird Heinrich Himmler sein), die in Heepen lebte. Doch alles erscheint „radikal unwichtig“, zufällig, unter der Würde eines um Genre oder Struktur bemühten Erzählens, dafür Begriffe schmeckend wie ein Weinverkoster oder ein Wort-Fotograf, etwa „das Wort Wolkendecke“.

Familien- und sonstige Angehörige dienen als (zumeist digitale) Stichwortgeber für Toffis Gewitztheit. Die Welt (der Text?) wird zum Echoraum für eigene Befindlichkeiten. Immer wieder ist man beglückt von lebensdampfenden Sätzen: „Auch die Küche schrumpft, zieht sich in sich selber zurück, die unzähligen Dinge rücken wie ängstliche Organe zusammen, wie meiner Mutter ist ihnen ständig kalt.“

In spröder Eleganz spreizen sich Ellipsen wie „Das Sammelsurium der Zweckmäßigkeiten auf der Fensterbank. Dieser Behälter, in dem meine Mutter den langen, schlanken Löffel aufbewahrt, mit dem sie das Pulver aus der Kaffeedose holt. Die Kaffeefilterbox. Alles ist interessant. Wird interessanter.“ Die Dinge „erzählen, aber nur leise, nur tagsüber. Nachts lauschen sie wie ich dem Flüstern der Autobahn.“ Als würde eine kluge Kamera verdinglichte Seelenbewegungen einfangen.

Schlagfertig bemüht sich Christoph Höhtker um Antworten

Dumm nur: Nicht jede Liste ist interessant, und da hilft auch kein Pathos. Während der Bielefeld-Teil überzeugt, sind die international verbrämten Text-Wracks schwerer zugänglich. Man argwöhnt Beliebigkeit, oder dass der Mut fehlte, in der unspektakulär spannungsreichen deutschen Provinz zu verweilen, sich ihr exklusiv hinzugeben, mit all dem Leiden daran, am Leben zu sein und schreiben zu müssen.

„Ein Buch, das nicht scheitert, ist kein Buch“, lautet einer der Leitsätze, „Aber auch das gescheiterte Buch ist kein Buch.“ Was dann? Schlagfertig bemüht sich der Text um (selbst-)ironische Antworten – und scheitert lustvoll am eigenen Dekonstruktivismus oder wie auch immer man derlei barocke Fiktionsvereitelung nennen mag. Man liest und ist ratlos, hingerissen, verärgert. Unangenehm privat wirkt, wie Toffi Lebensgefährtin „Babe“ anchattet, banale Meldungen sendend, die sich in dramatischem Stakkato wichtig und zugleich nichtig nehmen: „Ich schreibe: Babe, Hannover. Kuss. Ich habe Hunger.“

So geht ein Raunen durch jenes mal deprimierende, mal amüsante Spiel mit zu vielen Möglichkeiten. Die Weigerung, Prioritäten zu setzen und „sich nicht vor dem eigenen Thema, den eigenen Figuren zu ekeln“, wird zum Problem der Leserin gemacht, mit der so hochmütigen wie paradoxen Geste dessen, der es nicht nötig hat, der immer cool bleibt, der auch den Schmerz in lässige Distanz kleidet – Distanz als Statement: „Ich bin durch einen Schutzfilm aus Beobachtung von der Realität getrennt. Es ist dieser Schutzfilm, der die Sucht ausmacht, nichts sonst. Den ich vermissen werde.“ Höhtker zelebriert das Schreiben als Sucht – „Wenn man nicht aufpasst, wird alles Buch.“

Staaten Christoph Höhtker Ventil Verlag 2025, 368 S., 25 €

ver“ aus der Schublade geholt, die irgendwie als Fiktion durchgehen, gerahmt mit einem offenbar autofiktionalen Pflegebericht (der in Genf lebende Autor ist Bielefelder) über die Mutter des Ich-Schreibers „Toffi“ in Bielefeld-Heepen. Pflegekräfte werden organisiert, instruiert und bei Laune gehalten.In spröder Eleganz spreizen sich EllipsenDazu Jugenderinnerungen, Ameisenplage, Suizidbegründungen, Chatprotokolle. Immer wieder taucht die Witwe „eines der größten Massenmörder der Erdgeschichte“ auf (gemeint wird Heinrich Himmler sein), die in Heepen lebte. Doch alles erscheint „radikal unwichtig“, zufällig, unter der Würde eines um Genre oder Struktur bemühten Erzählens, dafür Begriffe schmeckend wie ein Weinverkoster oder ein Wort-Fotograf, etwa „das Wort Wolkendecke“.Familien- und sonstige Angehörige dienen als (zumeist digitale) Stichwortgeber für Toffis Gewitztheit. Die Welt (der Text?) wird zum Echoraum für eigene Befindlichkeiten. Immer wieder ist man beglückt von lebensdampfenden Sätzen: „Auch die Küche schrumpft, zieht sich in sich selber zurück, die unzähligen Dinge rücken wie ängstliche Organe zusammen, wie meiner Mutter ist ihnen ständig kalt.“In spröder Eleganz spreizen sich Ellipsen wie „Das Sammelsurium der Zweckmäßigkeiten auf der Fensterbank. Dieser Behälter, in dem meine Mutter den langen, schlanken Löffel aufbewahrt, mit dem sie das Pulver aus der Kaffeedose holt. Die Kaffeefilterbox. Alles ist interessant. Wird interessanter.“ Die Dinge „erzählen, aber nur leise, nur tagsüber. Nachts lauschen sie wie ich dem Flüstern der Autobahn.“ Als würde eine kluge Kamera verdinglichte Seelenbewegungen einfangen.Schlagfertig bemüht sich Christoph Höhtker um AntwortenDumm nur: Nicht jede Liste ist interessant, und da hilft auch kein Pathos. Während der Bielefeld-Teil überzeugt, sind die international verbrämten Text-Wracks schwerer zugänglich. Man argwöhnt Beliebigkeit, oder dass der Mut fehlte, in der unspektakulär spannungsreichen deutschen Provinz zu verweilen, sich ihr exklusiv hinzugeben, mit all dem Leiden daran, am Leben zu sein und schreiben zu müssen.„Ein Buch, das nicht scheitert, ist kein Buch“, lautet einer der Leitsätze, „Aber auch das gescheiterte Buch ist kein Buch.“ Was dann? Schlagfertig bemüht sich der Text um (selbst-)ironische Antworten – und scheitert lustvoll am eigenen Dekonstruktivismus oder wie auch immer man derlei barocke Fiktionsvereitelung nennen mag. Man liest und ist ratlos, hingerissen, verärgert. Unangenehm privat wirkt, wie Toffi Lebensgefährtin „Babe“ anchattet, banale Meldungen sendend, die sich in dramatischem Stakkato wichtig und zugleich nichtig nehmen: „Ich schreibe: Babe, Hannover. Kuss. Ich habe Hunger.“So geht ein Raunen durch jenes mal deprimierende, mal amüsante Spiel mit zu vielen Möglichkeiten. Die Weigerung, Prioritäten zu setzen und „sich nicht vor dem eigenen Thema, den eigenen Figuren zu ekeln“, wird zum Problem der Leserin gemacht, mit der so hochmütigen wie paradoxen Geste dessen, der es nicht nötig hat, der immer cool bleibt, der auch den Schmerz in lässige Distanz kleidet – Distanz als Statement: „Ich bin durch einen Schutzfilm aus Beobachtung von der Realität getrennt. Es ist dieser Schutzfilm, der die Sucht ausmacht, nichts sonst. Den ich vermissen werde.“ Höhtker zelebriert das Schreiben als Sucht – „Wenn man nicht aufpasst, wird alles Buch.“



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