Es war immer schon fraglich, ob sich die Amerikaner für Litauen opfern, wenn das von Russland morgen, spätestens aber übermorgen überrannt wird. Oder ob sie für die Verteidigung der Ukraine Kopf und Kragen riskieren. Seit Donald Trump regiert, hat sich Derartiges endgültig als Trugschluss erwiesen. Wie sehr die NATO und deren kollektives Verteidigungsversprechen inzwischen auf dem Index seiner Regierung stehen, hat die vergangene Woche gezeigt. Der US-Präsident sprach bei seinem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos über das Bündnis, als seien die USA kein Mitglied mehr, sondern mit der NATO einem skrupellosen Geschäftemacher ausgesetzt, der ihnen übelwill.
Die US-Regierung will mit der NATO nicht mehr viel anfangen
Dann folgte das Afghanistan-Verdikt. Trump schmähte die NATO als nicht eben kampffreudigen Juniorpartner. Man hätte sie am Hindukusch nicht unbedingt gebraucht, weil sie die Frontnähe scheute. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist der US-Präsident zwar alles andere als faktensicher, aber er irrt in Maßen. Nach der US-Intervention vom Oktober 2001 gegen Kabul gab es zumindest parallele Handlungsstränge.
Die Operation „Enduring Freedom“ wurde nach 9/11 als „Krieg gegen den Terror“ wirklich weitgehend, aber nicht vollständig von der US-Armee allein getragen. Was die damalige Bush-Administration ausdrücklich so wollte. Daneben gab es mit der International Security Assistance Force (ISAF) eine Militärmission, die ab 2003 unter NATO-Führung stand, ein De-facto-Besatzungsregime abzusichern hatte und an dem NATO-Mitgliedsstaaten mit unterschiedlichen Kontingenten beteiligt waren .
Trumps provozierende Aussagen dienen nicht der Wahrheitssuche, sie sind Stimmungsmacher, die anzeigen, dass die heutige US-Regierung mit der NATO nicht mehr viel anfangen will. Seit die Nationale Sicherheitsstrategie NSS 2025 verkündet wurde, wirkt die Allianz, wenn nicht wie ein Anachronismus, so doch wie die Erinnerung an eine Welt von gestern. Neben der US-Militärpräsenz in Europa wird davon nichts so sehr tangiert wie die in Artikel 5 des NATO-Vertrages verankerte kollektive Beistandspflicht und die Abschreckungsdoktrin.
Eine Atomkriegsgefahr setzt Eskalationsgrenzen
Die Macht der Abschreckung mag im Frieden unablässig beschworen werden, was sie wert ist, entscheidet der Krieg. Nur würden die USA wirklich an der Seite europäischer NATO-Partner in den Kampf ziehen, um etwa Russland zu schlagen? Es steht zu vermuten, dass eine solche Konfrontation nur dann gesucht wird, wenn Siegeszuversicht das rechtfertigt.
Geht die Anfang 2026 von der NATO und deren Führungsmacht aus? Anders gefragt: Sind sie dem gewachsen, was zu einem Weltkrieg und einer thermonuklearen Konfrontation führen kann? Bisher galt das als offene Frage. Mit Donald Trumps Tableau der nationalen Eigensucht wurde daraus eine, die sich verbietet.
Was als mutmaßlich unerschütterliche transatlantische Gewissheit dem Westen so viel galt, mutiert plötzlich zum Bluff, um den alle wissen. Trotzdem wird wie wild für einen Krieg gerüstet, in dem der gemeinsame Untergang gewiss ist. Doch gerade die Atomkriegsgefahr setzt Eskalationsgrenzen, wie es der Unterstützung der NATO für die Ukraine seit 2022 mühelos zu entnehmen ist. Diese bleibt ein wesentlicher Kriegsfaktor, aber eben auch ein dosierter.
Die Abwesenheit Europas war vielleicht begünstigend bei den Ukraine-Verhandlungen
Dieser Exkurs ist kein Selbstzweck. Er erscheint angebracht, um einen realistischen Blick auf die Ukraine zu werfen. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass bei einer Waffenruhe mögliche Sicherheitsgarantien für Kiew entscheidend von den transatlantischen Beziehungen abhängen. Dabei lässt sich nicht bestreiten, dass Sicherheitszusagen der NATO und deren Zustand ein osmotisches Verhältnis pflegen. Um das es momentan nicht unbedingt zum Besten steht.
Insofern können die Selbstdemontage der westlichen Allianz und die Absenz des Europas der Ukraine-Willigen begünstigende Umstände für die erste Verhandlungsrunde zwischen den USA, der Ukraine und Russland in Abu Dhabi gewesen sein. Natürlich nicht allein, sondern im Schulterschluss mit der Frontlage. Auf der Schwelle zum fünften Kriegsjahr steckt die Ukraine tiefer in einer militärischen Krise als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der Rückkehr Donald Trumps ins Amt.
Die zuletzt allein bei der Energieversorgung und Infrastruktur erlittenen Schäden können nicht mehr kompensiert werden, auch nicht durch Hilfen von außen. Die Zerstörungen durch den russischen Luftkrieg übersteigen das Maß des Erträglichen. Die Ökonomie erleidet Schäden, die für einen längeren Zeitraum nicht zu beheben sind.
Wolodymyr Selenskyj bleiben unter diesen Umständen weitreichende Zugeständnisse nicht erspart. Seine verhalten positive Reaktion auf die Gespräche in Abu Dhabi deutet darauf hin. Zumal in Betracht zu ziehen ist, dass Russland von als Conditio sine qua non geltenden Positionen nicht abrückt und weiter den Donbass in Gänze beansprucht. Die zentrale Frage lautet offenbar: Welche Sicherheits- und Überlebensgarantien verschafft sich die ukrainische Führung durch welche territorialen Konzessionen gegenüber Russland?
Die NATO-Ost- und Norderweiterung lässt sich nicht rückabwickeln
Für Wladimir Putin wiederum könnte das Knirschen im transatlantischen Gebälk ein Anstoß sein, die Gunst der Stunde zu nutzen. Je mehr Kompromissbereitschaft er zeigt, desto besser die Aussicht auf geregelte, vorteilhafte Beziehungen mit den USA. Überdies muss er als Realist zur Kenntnis nehmen, dass keine neue europäische Sicherheitsordnung in Aussicht steht, auf die man sich verlassen kann, weil Verträge sie besiegeln.
Dem ernsthaft näherzutreten, käme für das Europa der Ukraine-Willigen dem Eingeständnis gleich, dass es eben doch das Sicherheitsgefälle zwischen einer osterweiterten NATO und Russland war, das den Konflikt um die Ukraine auf die Spitze trieb und der Revision bedarf. Nicht nur aus Prestigegründen wird das verweigert, sondern auch um die westliche Allianz nicht weiter zu demontieren. Schließlich handelt es sich um ein gegen Russland gerichtetes Militärbündnis – die Intention der Osterweiterung war davon bestimmt –, wie ließe sich das aufrechterhalten, gäbe es ein neues System der regionalen Sicherheit für Europa?
Deshalb ist das Europa des Friedrich Merz und der Kaja Kallas nicht gewillt, hier russische Erwartungen zu erfüllen. Zugleich weigern sich die USA, für ein neues europäisches Sicherheitsgefüge Verpflichtungen einzugehen. Denen wollen sie ja gerade entkommen. Russland muss das schlucken. Es kann die NATO-Ost- und Norderweiterung so wenig rückabwickeln wie eine früher oder später anstehende EU-Aufnahme der Ukraine verhindern.
Russland wird andererseits keinen Vertrag über eine Waffenruhe oder mehr unterzeichnen, ohne dass Kiew zu einem militärisch neutralen Status zurückkehrt, wie er bis 2014 bestand. Dies gilt wiederum in Moskau als existenziell und begründet das Kriegsziel, keine Ukraine zuzulassen, die potenziell angriffsfähig ist, um Russland militärisch, vor allem aber politisch unter Druck zu setzen.
Muss es vor einer Waffenruhe einen Friedensvertrag geben?
Vom Prinzip her entspricht das dem Agreement von Anchorage, als auf dem Trump-Putin-Gipfel vom August in Alaska das Junktim zwischen Russlands Sicherheit und Gebietsabtretungen der Ukraine anerkannt wurde. Dem können die USA nun gegenüber einer dank ihrer Politik angeschlagenen NATO besser Geltung verschaffen.
Man sollte sich darauf einstellen, dass eher das Verhältnis zwischen den USA und Russland – vielleicht ein Grundsatzabkommen – zu einem Interessenausgleich über die Ukraine führt, inklusive einer Waffenruhe und einer Aufteilung des Landes in eine amerikanische und eine russische Interessensphäre. Dabei gebietet es die koreanische Erfahrung, dass ein Friedensvertrag vor einer Waffenruhe stehen muss. Russland wird seine gegenwärtigen militärischen Vorteile auch ausnutzen wollen, um genau das zu erreichen.
Auch wenn Donald Trump in Davos erklärt hat, er wisse es sehr zu schätzen, dass es einen „wunderbar großen Ozean“ zwischen den USA und dem Europa des Ukraine-Krieges gäbe, dürfte es für ihn verlockend bleiben, diesen Waffengang zu beenden. Es könnte zeigen, dass nur eine Verständigung zwischen Großmächten dies bewirken kann und ein Frieden seiner neuen Weltordnung zu verdanken ist.
der NATO einem skrupellosen Geschäftemacher ausgesetzt, der ihnen übelwill.Die US-Regierung will mit der NATO nicht mehr viel anfangenDann folgte das Afghanistan-Verdikt. Trump schmähte die NATO als nicht eben kampffreudigen Juniorpartner. Man hätte sie am Hindukusch nicht unbedingt gebraucht, weil sie die Frontnähe scheute. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist der US-Präsident zwar alles andere als faktensicher, aber er irrt in Maßen. Nach der US-Intervention vom Oktober 2001 gegen Kabul gab es zumindest parallele Handlungsstränge.Die Operation „Enduring Freedom“ wurde nach 9/11 als „Krieg gegen den Terror“ wirklich weitgehend, aber nicht vollständig von der US-Armee allein getragen. Was die damalige Bush-Administration ausdrücklich so wollte. Daneben gab es mit der International Security Assistance Force (ISAF) eine Militärmission, die ab 2003 unter NATO-Führung stand, ein De-facto-Besatzungsregime abzusichern hatte und an dem NATO-Mitgliedsstaaten mit unterschiedlichen Kontingenten beteiligt waren .Trumps provozierende Aussagen dienen nicht der Wahrheitssuche, sie sind Stimmungsmacher, die anzeigen, dass die heutige US-Regierung mit der NATO nicht mehr viel anfangen will. Seit die Nationale Sicherheitsstrategie NSS 2025 verkündet wurde, wirkt die Allianz, wenn nicht wie ein Anachronismus, so doch wie die Erinnerung an eine Welt von gestern. Neben der US-Militärpräsenz in Europa wird davon nichts so sehr tangiert wie die in Artikel 5 des NATO-Vertrages verankerte kollektive Beistandspflicht und die Abschreckungsdoktrin.Eine Atomkriegsgefahr setzt EskalationsgrenzenDie Macht der Abschreckung mag im Frieden unablässig beschworen werden, was sie wert ist, entscheidet der Krieg. Nur würden die USA wirklich an der Seite europäischer NATO-Partner in den Kampf ziehen, um etwa Russland zu schlagen? Es steht zu vermuten, dass eine solche Konfrontation nur dann gesucht wird, wenn Siegeszuversicht das rechtfertigt.Geht die Anfang 2026 von der NATO und deren Führungsmacht aus? Anders gefragt: Sind sie dem gewachsen, was zu einem Weltkrieg und einer thermonuklearen Konfrontation führen kann? Bisher galt das als offene Frage. Mit Donald Trumps Tableau der nationalen Eigensucht wurde daraus eine, die sich verbietet.Was als mutmaßlich unerschütterliche transatlantische Gewissheit dem Westen so viel galt, mutiert plötzlich zum Bluff, um den alle wissen. Trotzdem wird wie wild für einen Krieg gerüstet, in dem der gemeinsame Untergang gewiss ist. Doch gerade die Atomkriegsgefahr setzt Eskalationsgrenzen, wie es der Unterstützung der NATO für die Ukraine seit 2022 mühelos zu entnehmen ist. Diese bleibt ein wesentlicher Kriegsfaktor, aber eben auch ein dosierter. Die Abwesenheit Europas war vielleicht begünstigend bei den Ukraine-Verhandlungen Dieser Exkurs ist kein Selbstzweck. Er erscheint angebracht, um einen realistischen Blick auf die Ukraine zu werfen. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass bei einer Waffenruhe mögliche Sicherheitsgarantien für Kiew entscheidend von den transatlantischen Beziehungen abhängen. Dabei lässt sich nicht bestreiten, dass Sicherheitszusagen der NATO und deren Zustand ein osmotisches Verhältnis pflegen. Um das es momentan nicht unbedingt zum Besten steht.Insofern können die Selbstdemontage der westlichen Allianz und die Absenz des Europas der Ukraine-Willigen begünstigende Umstände für die erste Verhandlungsrunde zwischen den USA, der Ukraine und Russland in Abu Dhabi gewesen sein. Natürlich nicht allein, sondern im Schulterschluss mit der Frontlage. Auf der Schwelle zum fünften Kriegsjahr steckt die Ukraine tiefer in einer militärischen Krise als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der Rückkehr Donald Trumps ins Amt.Die zuletzt allein bei der Energieversorgung und Infrastruktur erlittenen Schäden können nicht mehr kompensiert werden, auch nicht durch Hilfen von außen. Die Zerstörungen durch den russischen Luftkrieg übersteigen das Maß des Erträglichen. Die Ökonomie erleidet Schäden, die für einen längeren Zeitraum nicht zu beheben sind.Wolodymyr Selenskyj bleiben unter diesen Umständen weitreichende Zugeständnisse nicht erspart. Seine verhalten positive Reaktion auf die Gespräche in Abu Dhabi deutet darauf hin. Zumal in Betracht zu ziehen ist, dass Russland von als Conditio sine qua non geltenden Positionen nicht abrückt und weiter den Donbass in Gänze beansprucht. Die zentrale Frage lautet offenbar: Welche Sicherheits- und Überlebensgarantien verschafft sich die ukrainische Führung durch welche territorialen Konzessionen gegenüber Russland?Die NATO-Ost- und Norderweiterung lässt sich nicht rückabwickelnFür Wladimir Putin wiederum könnte das Knirschen im transatlantischen Gebälk ein Anstoß sein, die Gunst der Stunde zu nutzen. Je mehr Kompromissbereitschaft er zeigt, desto besser die Aussicht auf geregelte, vorteilhafte Beziehungen mit den USA. Überdies muss er als Realist zur Kenntnis nehmen, dass keine neue europäische Sicherheitsordnung in Aussicht steht, auf die man sich verlassen kann, weil Verträge sie besiegeln.Dem ernsthaft näherzutreten, käme für das Europa der Ukraine-Willigen dem Eingeständnis gleich, dass es eben doch das Sicherheitsgefälle zwischen einer osterweiterten NATO und Russland war, das den Konflikt um die Ukraine auf die Spitze trieb und der Revision bedarf. Nicht nur aus Prestigegründen wird das verweigert, sondern auch um die westliche Allianz nicht weiter zu demontieren. Schließlich handelt es sich um ein gegen Russland gerichtetes Militärbündnis – die Intention der Osterweiterung war davon bestimmt –, wie ließe sich das aufrechterhalten, gäbe es ein neues System der regionalen Sicherheit für Europa?Deshalb ist das Europa des Friedrich Merz und der Kaja Kallas nicht gewillt, hier russische Erwartungen zu erfüllen. Zugleich weigern sich die USA, für ein neues europäisches Sicherheitsgefüge Verpflichtungen einzugehen. Denen wollen sie ja gerade entkommen. Russland muss das schlucken. Es kann die NATO-Ost- und Norderweiterung so wenig rückabwickeln wie eine früher oder später anstehende EU-Aufnahme der Ukraine verhindern.Russland wird andererseits keinen Vertrag über eine Waffenruhe oder mehr unterzeichnen, ohne dass Kiew zu einem militärisch neutralen Status zurückkehrt, wie er bis 2014 bestand. Dies gilt wiederum in Moskau als existenziell und begründet das Kriegsziel, keine Ukraine zuzulassen, die potenziell angriffsfähig ist, um Russland militärisch, vor allem aber politisch unter Druck zu setzen.Muss es vor einer Waffenruhe einen Friedensvertrag geben?Vom Prinzip her entspricht das dem Agreement von Anchorage, als auf dem Trump-Putin-Gipfel vom August in Alaska das Junktim zwischen Russlands Sicherheit und Gebietsabtretungen der Ukraine anerkannt wurde. Dem können die USA nun gegenüber einer dank ihrer Politik angeschlagenen NATO besser Geltung verschaffen.Man sollte sich darauf einstellen, dass eher das Verhältnis zwischen den USA und Russland – vielleicht ein Grundsatzabkommen – zu einem Interessenausgleich über die Ukraine führt, inklusive einer Waffenruhe und einer Aufteilung des Landes in eine amerikanische und eine russische Interessensphäre. Dabei gebietet es die koreanische Erfahrung, dass ein Friedensvertrag vor einer Waffenruhe stehen muss. Russland wird seine gegenwärtigen militärischen Vorteile auch ausnutzen wollen, um genau das zu erreichen.Auch wenn Donald Trump in Davos erklärt hat, er wisse es sehr zu schätzen, dass es einen „wunderbar großen Ozean“ zwischen den USA und dem Europa des Ukraine-Krieges gäbe, dürfte es für ihn verlockend bleiben, diesen Waffengang zu beenden. Es könnte zeigen, dass nur eine Verständigung zwischen Großmächten dies bewirken kann und ein Frieden seiner neuen Weltordnung zu verdanken ist.